Leben & Werk

Er war der bedeutendste Regisseur der arabischen Welt, einer der großen Filmschöpfer der „Dritten Welt“ und Filmemacher, dessen Werk weit über die Grenzen von Ägypten hinausstrahlt. Chahine, 1926 in Alexandria geboren, hat stets seine persönliche Autorenschaft mit sozialer Verantwortung, Lektionen in Filmsprache und populären Filmformen zu verbinden gewusst. Der in seinem Land „unser alter Jugendlicher“ genannte Kosmopolit Chahine hat in seinem umfangreichen Werk thematisch und stilistisch (fast) alles aufgegriffen, hat kaum einen politischen, sozialen und menschlichen Aspekt Ägyptens ausgelassen und neben vielen unbestreitbaren Meisterwerken auch (vor allem in den frühen Jahren) unbedeutende Schnulzen hingeworfen.

Chahine wurde wegen seines Ägyptenbildes kritisiert, zensiert und z. B. 1994 mit einem Aufführungsverbot für „Der Auswanderer“ belegt. Fundamentalisten waren seine eingeschworenen Gegner, der bekennende Schwule sah Liebesbeziehungen, ob zwischen Männern oder Frauen oder heterosexuell, sah Widerspruch, Aufprall und Grenzüberschreitungen als einzige Heilmittel gegen Rassismus und Extremismus.

Chahines Ägyptenbild rüttelte auf: So bildeten die gekonnt inszenierten Episoden aus der Geschichte des Landes (Anfänge des Monotheismus unter Pharao Echnaton, Sultan Saladins Krieg gegen die Kreuzritter, Napoleon Bonapartes Ägyptenfeldzug und der Zweite Weltkrieg) einen deutlichen Gegenentwurf zur europäischen und eurozentrischen Geschichtsschreibung. Seine Bestandsaufnahme der Gegenwart zeigte mit Dokumentaraufnahmen von Nassers Begräbnis, einem Konzert der berühmten Sängerin Umn Kulcum oder den Studentendemonstrationen während des Golfkrieges ein unbekanntes und lebensnahes Ägypten. Mehrere Filme hat er seiner Heimatstadt Alexandria gewidmet. Chahines verstand von der Form her die Register des Komischen und Kabarettistischen, Lyrischen und Epischen, Musikalischen, Historischen und Autobiografischen zu ziehen.

Als Jugendlicher galt er unter seinen Freunden als kinoverrückt, lebte zwei Jahre dank eines Stipendiums in Kalifornien, wo er als Hamlet den Amerikanern gefiel, und begann nach seiner Rückkehr bereits als 24-Jähriger 1950 mit der Regiearbeit. International fiel er mit dem Sozialthriller „Tatort: Hauptbahnhof Kairo“ 1957 auf, wo er das Tabuthema Sexualität aufgriff. Chahine zeichnete für die erste ägyptisch-sowjetische Co-Produktion („An einem Tag am Nil“, 1970), die den Bau des Assuan-Staudamms in virtuosen Montagesequenzen beschrieb, ebenso verantwortlich, wie für das sozialkritische Meisterwerk „Die Erde“ (1968), ein poetisches Fresko, das den Bauern gewidmet war, oder schwungvolle Melodramen und Musicals, oft in verwegener Mischung. Die Sängerin Dalida trat für ihn in „Der sechste Tag“ 1986 als alternde Wäscherin auf, in die sich ein junger Gaukler verliebt. Die „Alexandria“-Trilogie („Alexandria… warum?“, Silberner Bär Berlin 1978, , „Eine ägyptische Erzählung“, „Für immer Alexandria“) ging über das Autobiografische hinaus und plädiert in einer rasanten Mischung von Genres für eine Grenzen überwindende Philosophie und Politik der Toleranz und Humanität. „Adieu Bonaparte“ (mit Patrice Chéreau als Napoleon) trat für Universalismus ein (General Michel Piccoli verliebt sich in einen jungen Ägypter). 2004 gehörte Chahine zu den elf Regisseuren, die sich in dem Episodenfilm „11’09″01 - September 11“ mit den Terroranschlägen auf New York und Washington auseinandersetzten. Eine seiner letzten Regiearbeiten, „Chaos“, ein Drama über einen korrupten Polizisten, startete im März 2008 in den deutschen Kinos.

1997 wurde Chahine, oft Darsteller in seinen Filmen, auf dem 50. Festival von Cannes die „Goldene Palme“ für sein Lebenswerk verliehen. Vier Wochen, nachdem Chahine nach einer Hirnblutung ins Koma fiel, starb der Regisseur am 27. Juli 2008 in Kairo.

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