Kochrezept für Oscar-Filme

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Woody Allen Poster

Eines hat uns die Geschichte gelehrt, Komödien sind in Hollywood kein Hit. Jedenfalls nicht, wenn man die Oscar-Verleihungen als Maßstab nimmt. Hat man es auf einen Goldjungen abgesehen, sollte man besser auf epische Dramen und Biografien setzen.

Für "Titanic" und seine tragische Liebesgeschichte gab es 11 Oscars Bild: Fox

Erstaunlicherweise sind lustige Filme in der Geschichte des begehrtesten Filmpreises der Welt selten auf dem Siegertreppchen vertreten gewesen - abgesehen von Ausnahmen wie der Liebeskomödie „Shakespeare in Love“ (1996), Woody AllensDer Stadtneurotiker“ (1977) oder zuletzt „Juno“ (bestes Drehbuch). Viel größere Chancen auf die begehrten Trophäen haben Filme anderer Genres.

Zum Beispiel episch erzählte Dramen mit opulenter Ausstattung. So unterschiedlich diese Filme auch sein mögen - sie funktionieren nach ähnlichem Rezept und räumen damit immer wieder Trophäen ab. Man nehme ein historisch verbürgtes Ereignis oder bette die Geschichte zumindest so in eine geschichtliche Epoche ein, dass sie realistisch erscheint. Dann erfinde man vor diesem Hintergrund entweder a) eine tragische Liebesgeschichte oder b) einen Kampf des Helden gegen Unterjochung oder widrige Umstände. Diese Mixtur führt natürlich nicht automatisch zum Oscargewinn. Die richtigen Schauspieler und genug Spannung gehören ebenso dazu.

Für das Drama "Rain Man" mit einem autistischen Dustin Hoffman gab es vier Goldstatuen Bild: UIP

Eine Prise Patriotismus

Funktioniert hat es bei vielen Filmen, die zu gefeierten Oscar-Gewinnern wurden: von „Casablanca“ (1943) über „Ben Hur“ (1959) und „Jenseits von Afrika“ (1985) bis hin zu „Titanic“ (1997) und neuerdings „Slumdog Millionär„. Letzterer überraschte übrigens alle Oscar-Experten, als er ganze acht goldene Statuen absahnte. Normalerweise haben nämlich Filme, deren Plot in der amerikanischen Geschichte angesiedelt ist, die besten Chancen - egal ob es ein Western ist wie „Erbarmungslos“ (1992) oder eine Gangsterstory à la „Der Pate“ (1972).

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Honoriert wird von den Juroren ebenso die Beschäftigung mit Kriegen, die eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Historie spielten - sei es der Zweite Weltkrieg („Die Brücke am Kwai“ 1957, und „Patton„, 1970) oder der Vietnam-Krieg („Die durch die Hölle gehen“ 1978, und „Platoon“ 1970).

Das Kriegsdrama "Platoon" wurde mit vier Oscars ausgezeichnet Bild: Fox

Ein kleines psychisches Problem

Aber es muss nicht immer kriegerisch zugehen. Gern gesehen werden von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, welche die Oscars verleiht, auch Dramen, die in der amerikanischen Gegenwart spielen. Die sind freilich nicht immer nach demselben Schema aufgebaut. Es gibt zum einen die Storys, bei denen ironisch gebrochen der „American Way Of Life“ auf die Schippe genommen wird, wie in „American Beauty“ (1999).

Heiße Anwärter auf den Oscar-Thron sind immer auch Filme gewesen, die sich mit genialen, aber psychisch problembehafteten Menschen beschäftigen - siehe „A Beautiful Mind“ (2001) und „Rain Man“ (1988).

Der erste große Oscargewinner mit 11 Statuen: "Ben Hur" Bild: Neue Visionen

Große Persönlichkeiten schaden nicht

Zu guter Letzt lieben die Oscar-Juroren groß angelegte Biografien schillernder Persönlichkeiten. Zum Beispiel „Aviator“ (2004) über den Flugpionier und Filmemacher Howard Hughes, auch wenn die Story nicht den Preis in der Königskategorie einheimsen konnte. Dazu gehören genauso „Million Dollar Baby“ (ebenfalls 2004), „Amadeus“ (1984), „Rocky“ (1976) und „Schindlers Liste“ (1993). Dieses Jahr mischte auch Sean Penn in „Milk“ mit - und bekam prompt den Oscar als bester Hauptdarsteller.

Freilich wäre es langweilig, wenn sich die Oscar-Gewinner so einfach voraussagen ließen. Bei den 81 bisherigen Verleihungen sahnten immer mal wieder auch Spielfilme ab, die zu ganz anderen Genres gehören. Ob ein Film einer bestimmten Sparte Chancen auf die Trophäe hat oder nicht, ist wohl auch eine Frage des aktuellen Zeitgeists.

Wurde als erstes Musical gleich mit 10 Goldjungen geehrt: "West Side Story" Bild: Alamode

Oscars mit Mut zur Musik

So wurden in den 60er Jahren innerhalb weniger Jahre mit „West Side Story“ (1961) und „My Fair Lady“ (1964) gleich zwei Musik-Filme ausgezeichnet. Danach dauerte es fast 40 Jahre, bis mit „Chicago“ wieder ein Musical in der Königsklasse „Bester Film“ prämiert wurde, wenn auch ein eher gefälliges und nicht unumstrittenes. Vielleicht hat „Chicago“ ein Musical-Revival eingeläutet: Immerhin konnte der Musikfilm „Dreamgirls“ zwei Oscars absahnen, „Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street“ zumindest einen.

Fantasy-Spektakel hatten dagegen vor „Der Herr der Ringe“ keine Chance auf das Siegertreppchen, abgesehen von den Kategorien Ausstattung und Spezialeffekte. Erst der dritte Teil der Trilogie, „Die Rückkehr des Königs„, triumphierte und brachte elf Auszeichnungen ein. Mit „Das Schweigen der Lämmer“ gewann erstmals ein Psychothriller Oscars - 2008 reihte sich hier „No Country for Old Men“ mit ein.

Nach fast 40 Jahren ist die Academy wieder bereit für Musicals und zeichnet "Chicago" aus Bild: Buena Vista

Kaum eine Chance für Publikumslieblinge

Andere Filmgenres hatten bisher noch nie Glück: Science-Fiction-Filme, Actionkracher oder Horrorschocker zum Beispiel. Dabei gehören diese oft zu den Blockbustern, die ein Millionenpublikum an die Kinokassen locken. Nur wenige Trophäen-Gewinner zählen gleichzeitig zu den größten Publikumsmagneten aller Zeiten, darunter „Titanic“ oder „Der Herr der Ringe“. Auch dieses Jahr war ein echter Blockbuster in nur einer Königskategorie vertreten: Heath Ledger wurde als Joker zum besten Nebendarsteller gekürt - und auch in der Kategorie „Tonschnitt“ ergatterte “ The Dark Knight“ eine Trophäe.

Manchmal wendet die Jury sogar dem Mainstream-Geschmack vollends den Rücken zu - und überrascht mit Nominierungen von Außenseiterfilmen. So war es 2006, als nur einer von fünf Filmen, die um den Oscar kämpften, von einem Starregisseur stammte. Die großen Gewinner waren mit jeweils drei Auszeichnungen zwei eher ungewöhnliche Werke: „L.A. Crash“ von Paul Haggis ist ein Episodenfilm über Rassismus in den USA, „Brokeback Mountain“ von Ang Lee erzählt die Liebesgeschichte zweier schwuler Cowboys. 2007 sorgte der Independent-Film „Little Miss Sunshine“ mit zwei Oscars für eine Überraschung. Und auch den schrulligen Coen-Brüdern hätte man für “ No Country for Old Men“ wohl kaum vier Oscars inklusive „Bester Film“ zugetraut.

Für das Finale der Trilogie von "Der Herr der Ringe" nahm das Filmteam jeden Oscar für den es nominiert war, mit nach Hause: 11 Goldjungen Bild: Warner

Es bleibt dennoch spannend

Welche Filme 2010 das beste Blatt haben werden, sehen wir dann im Februar 2010. Dieses Jahr führte mit dem Australier Hugh Jackman erstmals kein US-Entertainer durchs Programm. Wie jedes Jahr gab es schon im Vorfeld Gerüchte, Spekulationen und heiße Tipps, wer eine der 34,3 Zentimeter großen und 3,85 Kilo schweren goldenen Statuen mit nach Hause nehmen darf.

Nach fünf „erfolglosen“ Nominierungen durfte Kate Winslet sich jetzt endlich als beste Hauptdarstellerin in „Der Vorleser“ feiern lassen, Heath Ledger gewann wie erwartet als bester Nebendarsteller in „The Dark Knight“. In der Kategorie „Bester nicht englischsprachiger Film“ gewann entgegen aller Erwartungen nicht „Waltz with Bashir„, sondern das japanische Drama „Departures“. Und bei den Animationsfilmen räumte Roboter WALL·E ab.

Endlich darf sich Martin Scorsese mit "Departed - Unter Feinden" über den Regie-Oscar freuen Bild: Warner

Manchmal versteht niemand die Entscheidung

Ein Blick in die Geschichte des wichtigsten Filmpreises der Welt zeigt jedoch: Es hat immer Verlierer gegeben, die Jury ist mitunter erbarmungslos. So ging Orson Welles‘Citizen Kane“ 1941 leer aus, obwohl das Werk als bester Film aller Zeiten gilt. Oder Starregisseur Alfred Hitchcock: Er wurde fünf Mal nominiert, erhielt aber „nur“ einen Ehren-Oscar. Das Gleiche passierte auch Meisterregisseur Robert Altman: Nach fünf Nominierungen gab es 2006 einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Auch bei Martin Scorsese klappte es erst beim siebten Anlauf mit einer Trophäe für „Departed - Unter Feinden„. Und der diesjährige Favorit Mickey Rourke musste überraschend Sean Penn in „Milk“ den Vortritt lassen, trug es aber mit großer Fassung.

Auch im nächsten Jahr wird es wieder Gewinner und Verlierer geben, wir werden überrascht sein und unsere Erwartungen erfüllt sehen. Wer letztlich das Rennen macht und eine der goldenen Statuen gewinnt, sehen wir erst, wenn es wieder heißt: „And the Oscar goes to…“.

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