Das Festival de Cannes kann sich als wichtigstes Filmfestival der Welt regelmäßig mit starken Filmen schmücken. Der Jahrgang 2011 war sogar einer der stärksten der letzten Jahre.

Energischer Vater, einfühlsame Mutter: Der Cannes-Sieger "Tree of Life" fasst in poetische Bilder, wie die Familie als Seinswurzel eine Existenz prägt - und was Existenz über den Menschen hinaus bedeuten kann… Bild: Concorde

Schon der Auftaktfilm, Woody AllensMidnight in Paris„, in dem Owen Wilson eine Zeitreise in die Goldenen Zwanziger Jahre antritt, wurde frenetisch gefeiert. Da machte es auch nichts aus, dass Frankreichs First Lady Carla Bruni-Sarkozy den roten Teppich schwänzte – aller Wahrscheinlichkeit nach, um Fragen nach ihrer Schwangerschaft aus dem Weg zu gehen, die zu dem Zeitpunkt der Festivaleröffnung noch nicht offiziell bestätigt war.

Starpower war ohnehin genug geboten – und das nicht nur mit den „Fluch der Karibik 4„-Stars Johnny Depp und Penélope Cruz (» DIE SCHÖNSTEN BILDER VOM ROTEN TEPPICH). Brad Pitt in Begleitung von Angelina Jolie bezauberte die Fans bei der „The Tree of Life„-Premiere. Mel Gibson und Jodie Foster standen im Blitzlichtgewitter bei der „Der Biber„. Antonio Banderas, Ryan Gosling, Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg – die Liste der Top-Schauspieler, die sich an der Croisette die Ehre gaben, ist lang.

Das Schöne dabei: Fast alle waren angereist, um die Werbetrommel für künstlerisch herausragende Filme zu rühren. Sean Penn etwa gab in „This Must Be the Place“ des italienischen Regisseurs Paolo Sorrentino eine Glanzvorstellung als alternder Popstar – stark überschminkt irgendwo zwischen The Cure-Sänger Robert Smith und Ozzy Osbourne -, der sich auf einen Road-Trip durch die USA begibt. Denn der von seinen Tantiemen gut lebende Musiker Cheyenne hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensaufgabe seines jüngst verstorbenen Vaters zu vollenden, und dessen ehemaligen Nazi-Peiniger zu stellen.

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In den ersten Minuten muss man sich an die groteske Aufmachung und das schläfrige Tempo von Sean Penns Figur gewöhnen, doch der Film entwickelt sich schnell zu einem herzerwärmenden Feel-Good-Film mit großer Lebensweisheit. Am Ende seiner Mission kehrt der Cheyenne mit sich im Reinen zu seiner Frau (Frances McDormand aus „Fargo„) in Dublin zurück.

Generell standen häufig Vater-und-Sohn- oder zumindest Familiengeschichten im Vordergrund der Wettbewerbsfilme. So auch in „The Tree of Life“ von Ausnahmeregisseur Terrence Malick, der ohne Übertreibung als Meisterwerk bezeichnet werden kann und darum völlig zu Recht die Goldene Palme erhielt.

Bildgewaltig wird hier das Heranwachsen eines Jungen erzählt – und gleichzeitig auf spirituelle Weise das Leben und die Schöpfungsgesichte des Menschen selbst abgehandelt. In knapp zweieinhalb Stunden gibt es wenige Dialoge, stattdessen wispernde Sätze aus dem Off – traumartig erlebt man die Erinnerungen an eine Jugend in den Fünfziger-Jahren aus der Perspektive eines Jungens, der seinen Lebensweg zwischen dem strengen Vater (Brad Pitt) und der ausgleichenden warmherzigen Mutter (Jessica Chastain) sucht.

Auch bei „Le Havre„, dem charmanten neuen Film des finnischen Filmemachers Aki Kaurismäki, entsteht eine Vater-Sohn-Beziehung zwischen dem gutmütigen Schuhputzer Marcel (André Wilms) und einem jungen afrikanischen Flüchtling. Marcel liest Idrissa eines Morgens am Hafen auf und versteckt ihn vor der Polizei. Mit nachbarschaftlichem Zusammenhalt gelingt es am Ende sogar den strengen Kommissar auf Marcels Seite zu ziehen und Idrissa bei seiner Weiterreise nach London zu helfen – wo dessen Mutter bereits wartet.

Bei Pedro AlmodóvarsDie Haut in der ich wohne“ nimmt das Thema Familie abgründige Züge an: Ein Schönheitschirurg erschafft sich das Ebenbild seiner verstorbenen Frau (die bildhübsche Elena Anaya). Antonio Banderas mimt den „Mad Scientist“, der im Keller seiner Villa Dr. Frankenstein spielt.

Ästhetisch auf Alfred Hitchcocks Spuren zeigt sich der spanische Regisseur in Bestform. Zu viel soll von der raffiniert gesponnenen Geschichte nicht verraten werden, doch der extrem spannende Film ist reich an inzestuösen und ödipalen Anspielungen und der von Almodóvar gewohnten Fragen um weibliche und männliche Identität.

Dass Familie Ballast und Halt zugleich bedeuten kann, zeigt auch Lars von Trier in seinem neuen Film „Melancholia„. Erzählt wird die Geschichte zweier Schwestern vor dem Hintergrund des Weltuntergangs. Justine (Kirsten Dunst, die für ihre Performance als bester Darstellerin prämiert wurde) feiert ihre Hochzeit auf dem Landsitz ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und ihres Schwagers (genial besetzt: „24„-Star Kiefer Sutherland).

Doch Justine kann den „schönsten Tag in ihrem Leben“ nicht recht genießen, leidet sie doch unter schweren Depressionen. Nicht von ungefähr befindet sich der titelgebende Planet Melancholia (zu deutsch: Schwermut) im Anflug auf die Erde. Es heißt, er gleite knapp an der Erde vorbei, doch weit gefehlt – immer bedrohlicher nähert er sich. Schließlich ist Claire die einzige, die ruhigen Mutes dem Ende der Welt entgegensieht.

Melancholia“ war mit eindrücklichen Bildern und herausragenden Darstellern einer der besten Filme des Festivals – umso bedauerlicher, dass nicht der Film, sondern die sarkastisch gemeinten, aber gründlich in die Hose gegangenen Äußerungen des Regisseurs („I’m a Nazi“) zum Tagesgespräch wurden und schließlich zu Lars von Triers Ausschluss vom Festival als „Persona Non Grata“ führten. Der dänische Filmemacher gehört seit zwei Jahrzehnten zur Festivalfamilie – aber auch in einer Filmfamilie gibt es eben Enfants Terribles.

Man kann nur hoffen, dass sich die Familie am Ende wieder versöhnt und man auch in Zukunft nicht auf Lars von Trier in Cannes verzichten muss.

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