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Die Angst des Regisseurs vorm Elfmeter

Ehemalige BEM-Accounts |

Werner Herzog Poster
© Constantin

All zwei Jahre ereignet sich ein sonderbares Paradoxon. Zwei Themenkomplexe, die nichts, aber auch gar nichts mit einander gemein haben, werden krampfhaft zu verknüpfen versucht: Fußball und Film. Eine Aufarbeitung in zwei Teilen.

Es ist und bleibt ein Männersport, wobei diese Dame bereits fast den richtigen Umgang mit dem Ball demonstriert Bild: Constantin

In diesem Jahr nun ist es wieder so weit. Der Fußball feiert sein Hochamt mit der Weltmeisterschaft in deutschen Landen, und auch der geneigte Kinofan sucht in der Historie oder im aktuellen Kinoangebot nach der Eier legenden Wollmilchsau, filmisch gesprochen: nach einem Werk, das den majestätischen Zauber des größten aller Spiele mit der Dramaturgie und der Form des Films verbindet.

Nach Sergei M. Eisenstein ist Letzterer ja die Kombination aller Künste. Mein lieber Mehmet Scholli, von „Panzerkreuzern“ mag der honorige Sowjetfilmer ja was verstanden haben, vom Fußball leider nicht! Denn das runde Leder und Zelluloid - die beiden wollen nur schwerlich miteinander!

Dem jungen Kaiser wurde filmisch in "Libero" gehuldigt Bild: Constantin

„Elf Freunde sollt ihr sein!“

Neunzig Minuten für ein Spiel, 22 wild durcheinander laufende Akteure, und der wahre Hauptdarsteller ist ein rundlicher Gesell, der ums Verrecken keinen Satz von sich geben will - das brachte schon so manchen großen Regisseur ins Schlingern.

So sind denn beinahe alle filmischen Versuche, sich auf einen realen Heroen des Ballsports konzentrieren, bräsig bis völlig misslungen. „Libero“ mit dem Kaiser oder jüngst „Zidane, un portrait du 21e siècle„, bei dem der französische Ballstreichler permanent von Dutzenden Kameras eingefangen wurde, sind dafür die prominentesten Vertreter.

Der Ball eiert auf der Leinwand

Tja, das taktisch hoch sensible Verhalten auf dem Platz ist nur schwer filmisch einzufangen Bild: Kinowelt

Konzentration auf einen Kicker wird dem Mannschaftssport also nur bedingt gerecht. Dann bleiben zwei Auswege: Dokumentation und fiktive Dramen mit Schauspielern. Modell eins zeitigte große Porträts des Sports, seiner Heroen und der Anhänger, aber kaum filmkünstlerische Meisterwerke. Modell zwei brachte mitunter cineastische Blutgrätschen, meist dröges Sportkino und hin und wieder amüsante Stilblüten hervor. Doch der Reihe nach.

Dokumentationen sollen den Horizont erweitern. Einige Fußballdokus tun dies auf beeindruckende Weise: „Dynamo Kiew - Legende einer Fußballmannschaft“ beleuchtet das Leben der grandiosen Mannschaft um Oleg Blochin und Viktor Kolotov in den 70ern hinter dem Eisernen Vorhang und in der heutigen Ukraine.

Na also, der war nie und nimmer drin! Wembley-Tor '66 Bild: Constantin

Einflüsse außerhalb des Felds

Der Kurzfilm „Remember Diego“ zeigt die Anfänge des ehedem Größten seiner Zunft, Maradona. Ballartistisch weniger gewandt, aber umso lustiger ist „Frankreich, wir kommen!“ von Michael Glawogger. Eine der wenigen WM-Teilnahmen der fußballerischen Bananenrepublik Österreich wird dabei von Spieler- und Fanseite unter die Lupe genommen, eine Art Alpen-„Cool Runnings„.

Wie sehr im Fußball-verrückten Argentinien eine Niederlage auch nach sage und schreibe 50 Jahren eine Stadt erschüttern kann, beweist „Evita Capitana“. Da sind Uwe Seelers Tränen nach dem Wembley-Tor und dem verlorenen Finale in „Fußball-WM 1966“ von Abidine Dino und Ross Devenich nur Pillepalle.

Ebenso brillant untersuchen „Ultra“ von Ricky Tognazzi und „Nordkurve“ von Adolf Winkelmann das Phänomen der Fußballanhänger in ihren verschiedensten Ausprägungen. „Hooligans & Thugs“ ist dagegen etwas für eher kernige Gemüter.

Politik, Wissenschaft und Philosophie

Wurden sich nie einig, wer in Hof linksaußen spielen darf: Werner Herzog und Klaus Kinski Bild: Filmverleih der Autoren

Wie sehr auch die hohe Politik in den Kampf ums runde Leder eingreift, demonstriert anschaulich „Elf Freunde“ von Miklos Gimes und Michele Andreoli. Der Konflikt auf dem Balkan zertrümmert dabei die heile Fußballwelt der großartigen jugoslawischen Mannschaft um Davor Suker, Dejan Savicevic und Faruk Hadzibegic. Ausgepfiffen von den eigenen Anhängern aus den jeweils anderen Teilrepubliken und erschüttert vom übermächtigen Nationalismus, versuchten sie für ein Land zu spielen, das gar nicht mehr existierte.

Richtiggehend philosophisch wird dagegen Werner Herzog in „Der Ball ist ein Sauhund“. Der langjährige Stammkicker des legendären Matches bei den Hofer Filmtagen lässt darin Trainerlegende Rudi Gutendorf ausführlich über Gott, Fußball und die Welt zu Wort kommen. Und Christoph Hübner beschreibt in „Die Champions“ den gnadenlosen Kampf junger Profis bei Borussia Dortmund um ihre Zukunft.

Das mit der Begeisterung passt, jetzt muss nur noch eine Mannschaft dafür gefunden werden Bild: Advanced

Buddha oder Ballack

Völlig skurril ist Harold Woetzels „Die letzten Schlachtgesänge“. Der Filmemacher begleitet dabei den Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez bei einer Feldstudie zum Thema Fangesänge. Sehr originell, welche soziologischen und auch ethnologischen Rückschlüsse sich dabei ergeben.

Wer noch einmal Grundlagen bolzen will, kann dies zumindest für die Bundesliga hervorragend mit der ambitionierten Kompilation „Gib mich die Kirsche!“ tun. Fritz und Ottmar, Uns Uwe und Ente Lippens - alle da! Abschließend, aber das Thema keineswegs erschöpfend, sei allen Filmfreunden „Spiel der Götter“ ans Herz gelegt. Darin wird der Fußballfanatismus buddhistischer Mönche dargestellt, der den von italienischen Tifosi um Längen übertrifft. Der Film war ursprünglich als Doku geplant, wurde dann jedoch als Drama gedreht und stellt deshalb das Bindeglied zwischen den Fußballdokus und den fiktionalen Fußballfilmen dar.

Lesen Sie nächste Woche: Von Theo Lingen über den FC Durham und John Huston bis zum „Wunder von Bern“ - die lustigsten, schlechtesten und grandiosesten Fußballfilme aller Zeiten

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