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Making-of "Feuchtgebiete": "Nicht nur Ekel und Porno!"

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© Majestic

David Wnendt hat sich des für einige als unverfilmbar geltenden Bestsellers „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche angenommen und beweist nach seinem Debüt „Kriegerin“ Vielseitigkeit.

Die intelligente, empfindsame junge Frau hinter dem Skandal: Carla Juri als Helen in "Feuchtgebiete" Bild: Majestic

Vor etwas über zwei Jahren feierte David Wnendts Debütfilm „Kriegerin“ Premiere auf dem Münchner Filmfest und hinterließ auf Anhieb einen bleibenden Eindruck. So gewann der Film nicht nur jeweils einen Förderpreis Deutscher Film für sein Drehbuch und die Hauptdarstellerin, sondern nach seinem Kinostart 2012 auch mehrere Bayerische und Deutsche Filmpreise.

Zu jenem Zeitpunkt lag die Veröffentlichung von Charlotte Roches Debütroman „Feuchtgebiete“ bereits einige Jahre zurück, und Roche hatte längst, verstärkt noch durch ihr zweites Buch, „Schoßgebete“ (den nun Sönke Wortmann verfilmt hat), von 2011, ihren Ruf als Skandalautorin weg. „Meine Erfahrungen im Musikfernsehen haben mir im Umgang mit den Reaktionen auf mein Buch sehr geholfen. Und ich habe schon früh für mich entschieden, dass ich keine Autorin werden möchte, die ihr eigenes Werk verteidigt. Das finde ich rasend unsympathisch“, beschreibt Roche ihre Gelassenheit dem Thema gegenüber.

Ganz so entspannt fühlte sie sich allerdings nicht, als es an die Verfilmung ihres Bestsellers ging: „Ich finde es tatsächlich schwer, anderen diesbezüglich zu vertrauen - wenn auch nicht so schwer, dass ich das Bedürfnis hatte, dauernd am Set aufzutauchen.“

Das wäre auch schwierig geworden, schließlich verhandelte sie beim Verkauf der Filmrechte an Produzent Peter Rommel keine Mitsprache und sah den Film so erst kurz nach Fertigstellung und wenige Wochen vor dem Kinostart zum ersten Mal. „Ich war total aufgeregt. Regisseur und Produzent hatten sich zuvor abgesprochen und mir überhaupt nichts erzählt. Ich hatte fast Todesangst, da ich ja als Filmkonsument weiß, wie schnell man so etwas verhunzen kann. Aber nach den ersten drei Minuten hatte mich der Film, und ich wusste, der kann gar nicht mehr schlecht werden.“

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Die Erleichterung war auch bei Regisseur Wnendt groß, der nach eigener Aussage ein großer Fan vom Buch ist: „Es wäre traumatisch für mich gewesen, wenn Charlotte das Gefühl gehabt hätte, wir haben ihr Werk ruiniert. Hinzu kommt, dass ich mir ja eingebildet habe, das Buch tatsächlich verstanden zu haben, vor allem seinen Humor.“ Etwas, das auch Roche an dem Film schätzt: „Der Humor ist zu keinem Zeitpunkt klamaukig, was ja gerade bei Späßen über Sex und Körperflüssigkeiten unheimlich gefährlich ist.“

Wnendts Vertrauen in das eigene Verständnis von Roches Werk zeigt sich besonders darin, dass er sich im Drehbuch nicht sklavisch an die Vorlage hielt, sondern eigene Ideen mit einbrachte: „Das Gute an dem Buch ist, dass es sich überhaupt nicht wie ein Drehbuch liest. Der Koautor Claus Falkenberg und ich waren quasi gezwungen, unseren eigenen Weg zu finden. Es war aber ein gewaltiger Akt, die verschiedenen Aspekte zusammenzufügen.“

Wichtig war Wnendt vor allem, dass er die Stellen im Buch, die für besonders viel Gesprächsstoff unter den Lesern und auch Nichtlesern gesorgt hatten, nicht zu sehr ausreizt: „Ich wollte den Film nicht auf das Eklige und Pornografische reduzieren. Das wäre ein anderer Film geworden, und ich sah schlichtweg keinen Reiz darin, dem Buch noch eins draufzusetzen, sondern eher darin, die Erwartungen der Zuschauer ein Stück weit zu unterlaufen - ohne dabei aber harmlos zu werden. Mir ging es hauptsächlich darum, in all den krassen Szenen die Natürlichkeit nicht zu verlieren, sondern die Sexualität vielmehr mit einer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit anzugehen. Das Tolle an der Figur Helen ist, dass sie so vielschichtig ist und nie auf das Sexuelle reduziert werden kann. Ich wollte die Geschichte wie eine schillernde Praline präsentieren, die aber doch einen giftigen Kern hat.“

Diese Natürlichkeit im Umgang mit der Körperlichkeit ist auch etwas, das Roche an dem Film sehr schätzt: „Filme wie ‚American Pie‚, die ja ebenfalls sehr offenherzig sind, sind in der Regel viel zu clean und unrealistisch und folglich auch harmlos. Ich merkte beim Ansehen von ‚Feuchtgebiete‘ regelrecht, wie meine Augen als Zuschauer inzwischen verwöhnt und verzogen sind, sodass ich fast schon geschockt war, als die Darsteller Pickel und blaue Flecken hatten.“

Wnendt scheint also nicht nur für die Produzenten, sondern gerade auch für Roche die richtige Wahl gewesen zu sein. Dabei lag der Zuschlag für ihn nicht unbedingt auf der Hand. Schließlich ist es erst sein zweiter Langfilm, und sein Debüt „Kriegerin“, so hochgelobt es auch ist, ging vor allem stilistisch in eine völlig andere Richtung. Dennoch überzeugte Produzent Rommel, der „Feuchtgebiete“ über seine Firma Rommel Film am Closed Set produzierte, gerade die Kompromisslosigkeit von „Kriegerin“, dass Wnendt der richtige Mann für den Job war.

Ganz anders als das raue und kalte Schwarz-Weiß in „Kriegerin“ ist „Feuchtgebiete“ vielmehr eine Popkollage geworden, die auf laute Farben und schnell geschnittene Bilder setzt - wobei sich Wnendt auch auf die Erfahrung von Kameramann Jakub Bejnarowicz („Gnade„, „Der Fluss war einst ein Mensch„) verlassen konnte - und durch die Musikwahl noch zusätzlich unterstützt wird:

„Ich wollte keine Musik verwenden, die gerade überall in den Charts zu hören ist. Dadurch wäre der Film viel zu sehr in der Jetztzeit verankert gewesen. Ich wollte etwas Zeitloses und Ironisches. Daneben komponierte Enis Rotthoff einen eigenen Score, mit dem wir zwar die Emotionen der Zuschauer ansprechen wollten, aber ohne das klassische Geigengedudel. Enis fand dadurch zu ganz eigenen, spannenden Klängen“, so der Regisseur.

So groß die Unterschiede zwischen Wnendts beiden bisherigen Kinospielfilmen auch sind, fallen auf den zweiten Blick doch auch Gemeinsamkeiten besonders in Bezug auf die Hauptfiguren ins Auge, die sich auf ihre eigene Weise zwischen Abgrenzung von der Gesellschaft und gleichzeitigem Wunsch nach Anerkennung reiben. „Ich finde generell extreme und komplexe Figuren spannender als eindimensionale Charaktere“, beschreibt Wnendt seinen Antrieb bei der Auswahl von Stoffen.

Damit enden für ihn allerdings im Großen und Ganzen bereits die Gemeinsamkeiten der beiden Figuren: „Es ist nicht so, dass ich zwanghaft irgendeine harte Schale suche und dann nach dem weichen Kern bohre. Die Arbeit kann, umgekehrt, darin bestehen, die Härte einer Figur glaubwürdig herauszuarbeiten. Und gerade bei Helen in ‚Feuchtgebiete‘ war es für mich wichtig, dass der Zuschauer sich von Anfang an auf diese Figur einlassen kann und von ihr verführt wird, während Marisa aus ‚Kriegerin‘ das Publikum zu Beginn regelrecht von sich fortjagt.“

Einen großen Teil zum Gelingen dieses Drahtseilakts zwischen Verführung und Ekel trägt Hauptdarstellerin Carla Juri bei. Die 1985 im schweizerischen Tessin geborene Schauspielerin ist, obwohl sie in ihrer Heimat bereits seit Jahren vor der Kamera steht und ausgezeichnet wurde, in Deutschland bisher noch weitgehend unbekannt.

Auch Roche zeigte sich von ihrer Performance begeistert: „Sie verpackt das Schlimme und Eklige so gut, dass man es fast schon gern annimmt.“ Das erinnert die Autorin an ihre Erfahrungen bei den Lesetouren: „Einige Leser fühlten sich von bestimmten Stellen im Buch ja fast gefoltert. Wenn ich ihnen aber die gleichen Worte auf der Bühne vorlas, waren sie völlig überrascht, dass sie aus meinem Mund viel einfacher und nicht so schlimm sind.“

Trotz dieser positiven Erfahrungen und des bekannten Titels war die Produktion, von der die Öffentlichkeit erst nach Drehende erfuhr, kein Selbstläufer. „Wir mussten während der ganzen Vorbereitung viele Höhen und Tiefen durchstehen. Und tatsächlich hat uns gerade der berüchtigte Titel, ‚Feuchtgebiete‘, keine Türen geöffnet, sondern, im Gegenteil, viele verschlossen. Da stand ich zeitweise kurz vor der Verzweiflung. Selbst ein Kondomhersteller, der gefragt wurde, ob er beim Marketing mitmachen wollte, ist abgesprungen, da ihm das Thema zu heiß war“, erzählt Wnendt.

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