Hollywoods Star-Regisseure vom Nachwuchs verdrängt

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Der Kostendruck sorgt dafür, dass Nachwuchsregisseure Hollywoods Großproduktionen übernehmen, während Star-Filmer Abstriche machen müssen.

Die Fortsetzung "Legacy" zum Kultfilm "Tron" durfte Newcomer Joseph Kosinsik inszenieren Bild: Walt Disney

Joseph Kosinski

Für einen „Tron“ oder einen „Green Hornet“ setzt man auf Regisseure, für die Multimillionenvehikel mit elaborierten Actionsequenzen ein Novum sind. Außen vor bleiben die versierten Handwerker. Und diejenigen Filmemacher, die nach wie vor mit großen Genrefilmen beauftragt werden, müssen finanzielle Abstriche hinnehmen. So muss sich Ridley Scott, 72, von seiner Zehn-Mio.-Dollar-Gage verabschieden, McG, 42, bekommt statt acht Mio. Dollar für „20.000 Leagues under the Sea“ nur die Hälfte, dafür darf er „This Means War“ drehen.

Finanziell attraktiver ist der Nachwuchs wie etwa Jonathan Liebesman, 34, der bisher mit B-Horrormovies wie „Der Fluch von Darkness Falls“ aufwartete, aber von Sony den Science-Fiction-Actionfilm „Battle: Los Angeles“ übertragen bekam. Die neue Garde macht es für ein Salär von 200.000 bis 250.000 Dollar pro Film. Von einem der Studios ist bekannt, dass es Erstlingsregisseuren gerade mal 80.000 Dollar zahlt und sich für deren nächste Filme ein Discount-Honorar vertraglich zusichern lässt. „Veteranen-Regisseure unter Druck, während sich Studios Frischlinge angeln“, titelte „Variety“. Dazu passt auch die Tendenz, Franchises noch einmal von Punkt null an zu entwickeln, wie etwa „X-Men“ oder „Spider-Man“. Marc Webb, 36, Regisseur des Spinnenmann-Reboots, dürfte von neun Mio. Dollar weniger bekommen als Sam Raimi, 50.

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Heißt es also künftig bei Hollywoods Blockbustern „Aldi statt Tiffany“? Auch wenn Agenten klagen, dass ihre arrivierten Mandanten für weniger Geld mehr arbeiten müssen, so ist dieser Trend doch nicht eindeutig. Phillip Noyce, 60, der Sonys aktuellen Actionthriller „Salt“ realisierte, widerspricht:

„Es war eher früher so, dass Hollywood Vorurteile gegenüber älteren Regisseuren hatte. Aber die Leute haben begriffen: Bloß weil deine Bartfarbe von schwarz zu silbern wechselt, heißt das nicht, dass du keinen interessanten Actionfilm mehr machen kannst. Wissen ist Macht, und je besser man sich auskennst, kann man einen desto besseren Film drehen - theoretisch. Schauen Sie sich doch an, wie der 70-jährige Martin Campbell das Bond-Franchise und der 55-jährige Paul Greengrass das ganze Actiongenre erneuert haben.“

Campbell ist auch deshalb ein gutes Beispiel, weil er bei der San Diego Convention präsent war - mit der großen Comicverfilmung „Green Lantern„. Ein erfahrener Regisseur wie Peter Berg, 46, wiederum übernahm für die Regie bei der Science-Fiction-Action „Battleship„. Auf einen 37-jährigen Newcomer wie Rupert Wyatt, der das Prequel zu „Planet der Affen“ realisiert, kommen Veteranen wie Joe Johnston, 60, („Jumanji„), der „Captain America“ auf die Leinwand bringt.

Ohnehin stellt sich die Frage, ob dieses Teil-Revirement in der Branche überhaupt einen neuen Trend markiert. „Ich finde es nicht unbedingt schlecht, wenn junge Filmemacher eine Chance bekommen“, meint Paul W.S. Anderson („Resident Evil„-Filme, „Die drei Musketiere„), 45. „Mir ist das ja passiert. Und ich denke auch nicht, dass darunter die Qualität leiden wird.“

Der eigentliche Grund für den Wettbewerb der Generationen scheint eher finanzieller denn geriatrischer Natur zu sein. „Die Studios können den Rückgang der DVD-Einkünfte noch nicht ausgleichen und sehen gleichzeitig das Damoklesschwert der Internetpiraterie über ihren Köpfen hängen. Deshalb sehen sie nur eine Zukunft für sich, wenn sie die Kosten drücken“, so Philip Noyce.

Und der Veteran hat da nicht einmal etwas dagegen: „Das ist in unserem eigenen Interesse, denn wenn die Produktionsausgaben weiter steigen, dann werden wir als Industrie unwirtschaftlich.“

Auch Paul W.S. Anderson, der lieber unabhängig produziert, sieht den Kampf gegen die Kostenspirale positiv: „Ich mag die Verschwendung der großen Studiofilme nicht. Da wird Geld für Sachen ausgegeben, die nicht wichtig sind und sowieso nicht im fertigen Film landen. Für mich ist es viel befriedigender, einfachere und schnellere Methoden zu finden.“

Das Modell, das langsam obsolet werden könnte, ist das des arrivierten Regisseurs, der bei Großproduktionen aus dem Vollen schöpft - einmal abgesehen von Steven Spielberg. Stattdessen legen die Studios die Messlatte selbst bei bekannten Namen hoch.

So musste sich ein Sam Raimi mit einer regelrechten Präsentation um die Regie von „Oz the Great and Powerful“ bewerben, der Vorgeschichte zu „Der Zauberer von Oz„. Dass die Studios ihre Zahl an Produktionen heruntergeschraubt haben, beschert ihnen in den Verhandlungen mit Regisseuren eine bessere Position - weil eben weniger Jobs zu vergeben sind. Und da hat sich ein Filmemacher mit einer Standardgage von fünf Mio. Dollar mit einem Fünftel der Summe zu bescheiden, wie in Agenturkreisen kolportiert wird.

Ein Newcomer dagegen bringt zwangsläufig geringere Ansprüche mit. Nicht dass die Novizen das Vertrauen der Studios immer rechtfertigen. Die Produktionsabteilung eines Majors war alles andere als begeistert von den Tagesmustern, die ein Erstlingsregisseur vom Remake eines Science-Fiction-Films abgeliefert hatte: „Die szenische Auflösung ist viel zu exzentrisch“, monierte man. Trotzdem gaben sich die Verantwortlichen gelassen: „Selbst wenn der Film nicht gut wird, dann gehen wir kein Risiko ein, weil das Budget überschaubar ist.“

Und die Ridley Scotts in spe zeigen sich verantwortungsbewusst: „Ich bin mir bewusst, warum ich angeheuert wurde“, so Breck Eisner, 39, der für StudioCanal das Remake von „Die Klapperschlange“ und für Sony einen neuen „Flash Gordon“ drehen soll. „Es ist nicht mein Geld sondern ihres. Ich verstehe die Prozesse und Strukturen: Nur wenn ich meine Hausarbeiten erledige und den Film gut mache, lässt man mich in Ruhe. Und meine Hoffnung ist es, dass ich weiterhin große Produktionen übernehmen kann.“

Bei dieser Diskussion gibt es indes zu bedenken: Hier geht es nur um die Preisfrage, nicht aber um die kreativen Innovationen eines jungen Regisseurs. So stellt sich die Frage: Woher sollen die originellen Ansätze kommen, die die Branche in diesem Sommer der enttäuschenden Großproduktionen ersehnt?

Aus diesem Grund wurden Mitte Juni die Chefs der Studios Warner, Paramount oder Fox bei Agenturen wie CAA oder ICM vorstellig - mit der Bitte, neue Ansätze zu präsentieren. Die Einfallslosigkeit der Branche ist der Grund, weshalb sich manch potenzielle Regiehoffnung den Avancen Hollywoods verweigert. Der Australier John Hillcoat, 49, der mit „The Road“ erst einen amerikanischen Film drehte, klagt: „Die Industrie ist sehr reaktionär. Die Angebote, die ich bekam, wurden immer vorhersehbarer.“

Billige Jakobs allein bringen Hollywood nicht weiter, dann schon eher die kreative Kompromisslosigkeit, wie sie einer der derzeit wohl größten Hoffnungsträger der Branche zu Beginn seiner US-Laufbahn formulierte: „Die Furcht, keinen anderen Film mehr machen zu dürfen, schädigt nur deine Arbeit. Daher ist meine Einstellung, dass jeder meiner Filme auch der letzte ist. Er ist mein Vermächtnis, in dem alles steckt, was ich geben kann.“ Das sagte der damals 31-jährige Christopher Nolan 2001. Für ihn gab es nur eine Stoßrichtung: „Das ganze Kino muss neu erfunden werden.“

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