Am 21. September 1937 erschien in England erstmals J.R.R. Tolkiens „Der kleine Hobbit“ - der Grundstein eines episches Werkes, das seit nunmehr 75 Jahren Autoren, Filmemacher und Publikum inspiriert.

Peter Jackson ist seit 1997 der Herr von Mittelerde

Die unerwartete Wanderschaft eines zaudernden Helden, seine Begegnungen mit sagenhaften Gestalten, monströsen Widersachern und heroischen Verbündeten - als J. R. R. Tolkien seinen Kindern in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von Bilbo Beutlins Abenteuern erzählte, da hatte er vermutlich noch keine Vorstellung, welche einzigartige Mythologie daraus entsprießen würde.

Als die Geschichte dank eines enthusiastischen Verleger-Sohnes 1937 in Buchform erschien, da markierte sie den Ausgangspunkt einer Reise, die mit dem epischen Werk „Der Herr der Ringe“ fortgesetzt werden sollte. In „Der kleine Hobbit“ betreten die Leser erstmals die Welt von Mittelerde, treffen das Volk der eigentlich gemütlichen und doch so tapferen Halblinge, die mysteriösen Elben, kampfeslustige Zwerge und natürlich den rätselhaften Zauberer Gandalf.

In Anbetracht dieses Jubiläums scheint es fast folgerichtig, dass Peter Jackson dieses Jahr mit „Der Hobbit - eine unerwartete Reise“ den ersten Teil seiner neuen Mittelerde-Trilogie in die Kinos bringt. Und ebenso folgerichtig darf davon ausgegangen werden, dass die Filme wie auch schon Jacksons „Herr der Ringe“-Trilogie zu weltweiten Erfolgen werden. Beinahe möchte man dabei vergessen, dass der Weg von Tolkiens Werken auf die Leinwand fast ebenso beschwerlich war, wie die Reisen der Hobbits Bilbo und Frodo. Unverfilmbar, unbezahlbar, undenkbar - jahrzehntelang versuchten sich Filmemacher an der Eroberung Mittelerdes, um meistens grandios zu scheitern.

Mittelerde malerisch

"Der Herr der Ringe" in gezeichneter Form

Wie konnte die Tolkiens Welt von Mittelerde mit ihren fantastischen Bewohnern, Bauten und Landschaften glaubhaft auf Film gebannt werden? Vor der Revolution der Tricktechnik schien Zeichentrick die einzige logische Option. 1966 produzierte der Illustrator Gene Deitch mit „The Hobbit“ einen 12-minütigen Kurzfilm, der in Windeseile gedreht wurde, um die auslaufenden Filmrechte zu verlängern. Unter dem gleichen Titel entstand für das kanadische und japanische Fernsehen 1977 ein Zeichentrick-Film. Als Sprecher Gandalfs konnte man die Kinolegende John Huston gewinnen, der als Regisseur Klassiker wie „Die Spur des Falken“ und „African Queen“ drehte.

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Auch „Der Herr der Ringe“ sollte 1978 zuerst in gezeichneter Form realisiert werden. Der visionäre Regisseur Ralph Bakshi drehte den Film im aufwendigen Rotoskopie-Verfahren, bei dem echte Darsteller übermalt werden. Da die Handlung für einen Film zu umfangreich war, wollte Bakshi zwei Teile produzieren und das auch entsprechend mit dem Titelzusatz „Teil Eins“ unterstreichen. Er war der festen Überzeugung, dass das Publikum das Kino unzufrieden verlassen würde, wenn es ohne Ankündigung nur eine halbe Geschichte präsentiert bekäme. Das Studio weigerte sich aber und die Zuschauer reagierte - wie von Bakshi prophezeit - verblüfft. „Wenn der Film endete, dann waren die Menschen im Kino fassungslos, sogar noch schlimmer, als ich es mir jemals ausmalte, weil sie erwarteten, einen ganzen Film zu sehen. Menschen erzählen mir immer noch, dass ich den Film nie zu ende gebracht habe. Und ich antworte immer noch mit ‚das stimmt!'“, erzählt Bakshi. So blieb die gezeichnete Version von „Der Herr der Ringe“ für ihn ein halber Film. Eine inoffizielle Fortsetzung wurde 1980 mit „Return of the King“ unter anderer Regie für das Fernsehen produziert - wieder mit John Huston als Gandalf.

Regisseure rudern hin und zurück

The Beatles wollten Tolkiens Werk mit Stanley Kubrick ins Kino bringen

Schon vor Bakshis unvollendetem Werk wollten sich 1969 vier junge Männer an einer Umsetzung versuchen, die wohl wahrlich abenteuerlich geworden wäre: The Beatles planten eine Verfilmung von „Der Herr der Ringe“ mit ihnen selbst in den Hauptrollen. Paul McCartney war für die Rolle des Frodo vorgesehen, Ringo Starr sollte seinen treuen Freund Sam spielen, George Harrison Gandalf und John Lennon Gollum. Als Regisseur sahen sie an niemand Geringeres als Stanley Kubrick vor. Nach anfänglichem Interesse lehnte Kubrick dann aber ab, weil er die Trilogie aufgrund ihrer Dimension für unverfilmbar hielt. Das darf fast verwundern, hatte der Regisseur doch gerade 1968 mit „2001: Odyssee im Weltraum“ Unglaubliches auf Zelluloid gebannt und dabei Effekte geschaffen, die auch heute noch atemberaubend wirken.

Anfang der 70er Jahre versuchte sich dann „Beim Sterben ist jeder der Erste„-Regisseur John Boorman an einer Umsetzung, welche die gesamte Handlung der Bücher in einen einzigen Film pressen sollte. Boorman war im regen Kontakt mit Tolkien über das Projekt, das aber schließlich aus Kostengründen vom Studio abgesagt wurde. Immerhin waren Boormans Bemühungen nicht ganz umsonst: Einige Spezialeffekt-Techniken und Drehorte übernahm er für „Excalibur“, seine Interpretation der Artus-Legende. Und hier schließt sich auch wieder ein Kreis. Denn Artus und seine Tafelrunde waren eine der Inspirationen für Tolkien. So wie Aragorn als König Mittelerde einen soll, so eint Artus Großbritannien. Beraten werden beide Könige von mächtigen Magiern, Gandalf beziehungsweise Merlin.

Sternenkriege statt Ringkriege

Der Krieg der Sterne wurde von Tolkien inspiriert

Ein ganz anderer Magier erschien 1977 auf der Leinwand. Doch wurde er nicht Zauberer, sondern Jedi-Ritter genannt und wehrte sich gegen finstere Mächte mit einem Lichtschwert statt mit einem Stab. George Lucas stellte dem jungen Luke Skywalker in „Krieg der Sterne“ den weisen Obi-Wan Kenobi zur Seite, dargestellt von Oscar-Gewinner Alec Guinness, als Sir auch im wahren Leben ein Ritter. Lucas hat häufig betont, dass Tolkiens Werke einen großen Einfluss auf seine Sternensaga hatten. Und tatsächlich lassen sich Parallelen leicht ausmachen. Neben Kenobi, der den Part Gandalfs übernimmt, gibt es mit dem Imperator eine finstere Macht im Hintergrund. Und der Imperator hat mit Darth Vader eine schwarzgewandete und furchteinflößende rechte Hand - wie Sauron mit dem Hexenkönig.

Während sich die treuen Fans von Tolkiens Büchern also immer noch nach einer Verfilmung sehnten, schuf Lucas mit „Krieg der Sterne“, „Das Imperium schlägt zurück“ und „Rückkehr der Jedi-Ritter“ eine Saga, die Generationen in ihren Bann ziehen sollte und Motive des britischen Autoren auf die Leinwand brachte. Doch damit ebnete Lucas auch den Weg für „Der Herr der Ringe“. Denn seine Trilogie läutete in Hollywood die Ära der Fortsetzungen ein. Nicht länger fürchteten Studios das Risiko der Investition, sondern sehnten sich nach erfolgreichen Serien. Darüber zeigten seine revolutionären Spezialeffekte, dass nun fast alles möglich war.

Jackson als der wahre Herr der Ringe

Peter Jackson vergoldete "Der Herr der Ringe"

So wie George Lucas von Tolkien inspiriert wurde, so inspirierte er eine neue Garde junger Filmemacher. Einer von ihnen war ein junger neuseeländischer Regisseur, der mit Horror-Filmen wie „Braindead“ und „Bad Taste“ auf sich aufmerksam gemacht hatte, dessen erster Ausflug nach Hollywood, „The Frighteners“ mit Michael J. Fox, an den Kinokassen allerdings nicht überzeugen konnte. Doch Peter Jackson ließ sich nicht entmutigen und ging 1997 das bis dahin größte Filmprojekt aller Zeiten an. Als leidenschaftlicher Fan von Tolkiens Epos sah er in Neuseeland das real gewordene Mittelerde und schuf mit „Der Herr der Ringe - Die Gefährten„, „Der Herr der Ringe - Die zwei Türme“ und „Der Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs“ eine Trilogie, die weltweit fast drei Milliarden Dollar einspielte und 17 Oscars gewann. Besonders „Die Rückkehr des Königs“ bescherte ihm eine unvergleichliche Nacht: 2004 räumte der Film elf Oscars ab und konnte so „Vom Winde verweht“ übertreffen und die Rekorde von „Ben Hur“ und „Titanic“ einstellen.

Nun kehrt Jackson fast zehn Jahre später mit der Verfilmung von „Der kleine Hobbit“ nach Mittelerde zurück. Ursprünglich wollte er die Regie gar nicht übernehmen und entwickelte die Umsetzung gemeinsam mit dem Fantasy-erprobten Guillermo del Toro, der bereits mit „Hellboy“ und dem Oscar-nominierten „Pans Labyrinth“ sein Gespür für märchenhafte Welten und phantastische Kreaturen unter Beweis stellte. Als sich der Start der Produktion aber immer weiter verzögerte, zog sich del Toro vom Regiestuhl zurück. Nachdem allerlei Namen als Ersatz gehandelt wurden - so etwa „Harry Potter“-Regisseur David Yates und „District 9“-Macher Neill Blomkamp - wurde 2010 schließlich bekannt gegeben, dass Jackson wieder die Verantwortung übernehmen würde. Nach 75 Jahren kann das Publikum ab dem 13. Dezember mit dem ersten Teil von „Der kleine Hobbit“ also endlich die eigentliche Geburtsstunde Mittelerdes auf der Leinwand verfolgen.

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