Heute prangt sein Antlitz auf T-Shirts von Teenies, die oft gar nicht wissen, wen sie da eigentlich auf der Brust spazieren tragen.

Gut gelaunt beim Fotocall: Walter Salles Bild: Boris Sunjic

Für einige ältere Semester war Ernesto „Che“ Guevara allerdings keine bloße Vorlage für einen Modegag, sondern ein glühend verehrter Revolutionär. Von dieser Verehrung ist viel zu spüren in Walter Salles‚ „The Motorcycle Diaries„. Und auch aus den lauten „Bravo!“-Rufen des Publikums in Cannes meinte man starke Sympathien für den romantischen Weltverbesserer herauszuhören.

Cannes scheint dieses Jahr überhaupt Gefallen an politischen Themen zu finden: Stehende Ovationen für Michael MooreFahrenheit 911“ und großer Zuspruch für Hans Weingartners Teenie-Revoluzzer aus „Die fetten Jahre sind vorbei“ - der aber nun mit „The Motorcycle Diaries“ ernsthafte Konkurrenz im Werben um die Gunst von Kritik, Publikum und Jury bekommen hat.

Auf Guevaras authentischen Tagebüchern einer Motorradreise im Jahr 1952 durch Südamerika basiert der Film von Walter Salles, der mit „Central Station“ schon einen Berlinale-Sieg einfuhr: von Buenos Aires im argentinischen Süden bis zur Nordspitze des Kontinents in Caracas, Venezuela.

Heißer Kandidat für die Goldene Palme: "The Motorcylce Diaries" Bild: Constantin

Unterwegs mit Che

Auf dem beschwerlichen Trip mit seinem Kumpel Alberto Granado per Motorrad und später zu Fuß erlebt der schüchterne angehende Arzt Ernesto Guevara im Alter von 23 Jahren die bittere Armut und Ungerechtigkeit in ganz Lateinamerika. Dabei wandelt sich ein vor Lebensfreude sprühendes Road Movie, das bildstark und humorig daherkommt, in eine leise Ode an Menschlichkeit und Mitgefühl. Es ist Ernestos Blick, es sind seine mitreißend inszenierten Erlebnisse, seine Beobachtungen von unmenschlichen Lebensbedingungen, die ohne jegliche Kommentare oder Erklärungen verstehen machen, worauf sich die Überzeugungen Guevaras gründeten.

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„Ich bin nicht mehr derselbe“, sagt „Che“ seinem Weggefährten Alberto am Ende. „Ich werde über das, was diese Reise mit mir gemacht hat, lange nachdenken müssen…“

Alberto Granado, heute 81, begleitete Che Guevara einst durch einen ganzen Kontinent - und nun die begeisternd aufspielenden Darsteller Gael García Bernal (Che), Rodrigo de la Serna (Alberto) und Regisseur Walter Salles nach Cannes:

„Ich bin froh, dass drei so sensible Menschen diesen Film gemacht haben“, erklärte ein rüstiger und offensichtlich sehr gerührter Mann. „Sie haben verstanden, dass Ernesto und ich auf dieser Reise vor allem Mitleid gelernt haben. Es ist wunderbar, das dass jetzt viele mit eigenen Augen sehen können.“

Energie pur auch am Roten Teppich: Romain Duris, Tony Gatlif, Lubna Azabal und Musiker aus "Exils" Bild: Cannes

Querköpfe unter sich

Mitgefühl als Basis politischer Überzeugung, das attestierten die Festivalgäste auch schon Michael Moores „Fahrenheit 911“. Wer hätte gedacht, dass Cannes einmal den großen Revolutionär Südamerikas mit Nordamerikas aktuellem Chef-Querulanten einen würde?

Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat dagegen nach dem Triumph der „Diaries“ beim Sundance Festival seit heute noch mehr Grund zur Trauer, dass Salles sein Werk nicht mehr rechtzeitig für Berlin fertig stellen konnte.

Kosslicks französischer Kollege Thierry Frémaux hatte als eins der großen Themen seines diesjährigen Wettbewerbs „Die Suche nach Identität“ ausgemacht. Und so wie Che sich selbst in der Wildnis von Argentinien, Kolumbien und Peru entdeckt, so schickt Tony Gatlif in „Exils“ sein französisches Liebespaar mit afrikanischen Wurzeln nach Algerien - das Land, das er selbst 1964 Richtung Frankreich verließ.

Die schönste Blume: Lubna Azabal Bild: Cannes

Schau mir in die Augen, Cannes!

Erstaunlich, welche unbändige Lebensfreude sein autobiografisch geprägter Bilderreigen versprüht. Statt Zano (Romain Duris) und Naima (Lubna Azabal), die in Paris völlig unzufrieden vor sich hinvegetierten, die übliche dialog- und kopflastige Sinnsuche zuzumuten, lässt Gatlif seine Helden höchst sinnlich er-leben, wo ihre Wurzeln liegen: Die Reise gen Nordafrika durch Südfrankreich über Andalusien gerät zu einem geradezu hypnotischen Fest der Kulturen und gipfelt in einer zehminütigen spirituellen Trommelorgie.

Das Schlussbild zeigt schließlich eine mit neuer Lebenskraft erfüllte Naima und das Publikum war sich einig: Mit dem Leuchten dieser Augen konnte kein Star am Roten Teppich der Croisette konkurrieren.

Großer Bahnhof für Tom Hanks und die "Ladykillers" Bild: Boris Sunjic

Kar-wai kommt nicht aus den Blöcken

Ein weiterer Favorit zeigt dagegen Startschwierigkeiten: Das für Donnerstag morgen geplante Screening von Wong Kar-wais düsterem Science Fiction „2046“ musste abgesagt werden - weil der Film schlicht noch nicht fertig ist. Erst um 5 Uhr morgen soll die Kopie aus Bangkok in Paris zur Untertitelung eintreffen und dann gegen mittag in Cannes sein. Die offizielle Vorführung abends inklusive Empfang am Roten Teppich soll dann wie geplant stattfinden. Ein Sprecher des Festivals: „So etwas habe ich hier noch nie erlebt!“

Den Spruch des Tages lieferte aber Tom Hanks. Anlässlich des großen Empfangs für „Ladykillers“ am Roten Teppich gesellten sich zur bereits anwesenden Prominenz noch Roger Moore, Omar Sharif und - was sonst als verpönt gilt, weil sich die Jury nicht von Publikumsreaktionen beeinflussen lassen soll - Jurorin Kathleen Turner. Hanks wurde nach seiner Meinung zu den Coen-Brüdern angesprochen und sagte:

„Den neuen Coen-Film schaust du dir immer an, das ist ein Muss. Ihre Filme sind einfach konfus --- ähhh, ich meine, kompromisslos.“

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