Langer Applaus, sogar hysterisches Kreischen für einen Deutschen in Cannes. Das Erstaunliche dabei: Die größte Begeisterung gab’s nicht etwa zum Abspann des Films, sondern als sich der Regisseur persönlich den Festival-Gästen zeigte.

Festival-Veteran Wim Wenders Bild: Boris Sunjic

Keine Frage: Cannes liebt Wim Wenders, den Propheten, der im eigenen Land zwar etwas gilt, aber im Rest der Welt noch weit mehr. So prangten auf Seite eins der französischen Zeitung „Le Monde“ zu Beginn des Festivals nicht etwa George Lucas, Jim Jarmusch oder Lars von Trier, sondern der wichtigste deutsche Regisseur samt unvermeidlicher Zigarre: Wim Wenders.

Don’t come knocking„, halb Roadmovie, halb Familiendrama, ist einer der zugänglichsten Filme des deutschen Wahlamerikaners. Laut Wenders selbst, der „aus Rücksicht auf die Schauspieler“ ausschließlich Englisch sprach, auch sein bester: „Dieser Film ist mit das Großartigste, das ich in meinem Leben vollbracht habe.“

Jessica Lange und Sam Shepard in "Don't Come Knocking" Bild: Reverse Angle (UIP)

Held ohne Hoffnung

Bilderstrecke starten(125 Bilder)
Alle Bilder und Videos zu Mickey Rourke

Wims Held aus „Don’t come knocking“ hat dagegen ein paar schlechte Filme zu viel gedreht: Howard Spence, ein alternder Western-Star, betäubt sich mit Alkohol, Glücksspiel und Prostituierten. Eines Tages reitet er der innerlich leere Schauspieler ziellos vom Set. Doch als er von seiner Mutter erfährt, dass er einen 20-jährigen Sohn hat, macht er sich auf die Suche - und entdeckt ein verpasstes Leben.

Kein Geringerer als Sam Shepard, einer der wichtigsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts, füllt diese Rolle aus - und wie! Sein markantes Gesicht mit stahlblauen Augen verschmilzt mit der unglaublichen Landschaft von Utah und Nevada zum bewegenden Porträt eines Mannes, der nicht weiß, wo er hingehört und einer Familie begegnet, die wegen ihm dasselbe durchmachen musste.

Wim Wenders zwischen Sarah Polley und Sam Shepard Bild: Boris Sunjic

Frauen mit Mumm

Jessica Lange

Als Wenders gefragt wurde, warum die Männer derart verloren und die Frauen so lebenszugewandt dargestellt würden, fiel Shepard ein: „Ganz einfach - weil es in der Realität genauso ist!“

Dabei ist es ein Wunder, dass Shepard überhaupt in Cannes war. Der Kultautor hatte sogar 1984 bei seinem Palme-Gewinner „Paris; Texas“ geschwänzt, weil er akute Flugangst hat. „Dieser Film ist mir einfach sehr wichtig“, erklärte er die Ausnahme. „Außerdem gibt’s jetzt gute Medikamente.“

Wenn aus Freunden plötzlich Gegner werden: "Schläfer" Bild: image.net

Zwischen Zuneigung und Misstrauen

Erstaunliches aus dem Labor gab’s auch von einem deutschen Nachwuchsregisseur in der Nebenreihe „Un Certain Regard“ zu hören. Benjamin Heisenberg, Enkel des berühmten Physikers Werner Heisenberg, erzählt in „Schläfer“ die Geschichte eines jungen Biochemikers, der mit einem iranischen Freund am selben Projekt arbeitet und derselben Frau nachstellt.

Als der Verfassungsschutz den Iraner von seinem Kollegen ausspioniert sehen will, verwandelt sich die ohnehin schon komplizierte Dreiecksbeziehung in ein Gewirr von Misstrauen, Enttäuschung und Verunsicherung.

Nicht nur als Amidala in Cannes zu sehen: Natalie Portman in "Free Zone" Bild: Agat Films/Agav Films

Nicht greifbar

Heisenberg will in „Schläfer“ „zeigen, wie die Hysterie nach dem elften September ins Private einbricht“. Dabei steht ihm allerdings seine langsame, neo-realistische Erzählweise im Weg, die den Film Zeit kostet, die für eine genauere Zeichnung der Charaktere wertvoll gewesen wäre. So bleiben die drei Figuren dem Zuschauer fremd und ihr Leiden berührt ihn nicht wirklich.

Das gilt auch für das Roadmovie „Free Zone“ von Amos Gitai, der mit Natalie Portman einen echten Star an Bord hat.

Ein Mann auf der Suche nach dem richtigen Grab: "The Three Burials of Melquiades Estrada" Bild: Europa Corp./Clyde Is Hungry/Sea Side

Kein eindeutiger Palmen-Anwärter

Eine Amerikanerin mit jüdischen Vorfahren (Portman, die selbst jüdische Eltern hat), eine Israelin und eine Jordanierin werden durch die Wirren des Nahost-Konflikts auf eine gemeinsame Autofahrt gezwungen. Sehr belehrend wirkt dieser Wettbewerbsfilm, der seinen stärksten Moment gleich zu Beginn hat, wenn Natalie Portman ohne Schnitt zehn Minuten lang weint und dazu ein wunderbares Lied über den ewigen Kreis der Gewalt in der Krisenregion erklingt.

Das Festival ist zwar fast schon vorbei, doch das Rennen um die Goldene Palme ist noch völlig offen. Von den Favoriten steht nur noch „The Three Burials of Melquiades Estrada“ aus, das Regiedebüt von Tommy Lee Jones. Viele überdurchschnittliche Filme hatte der Wettbewerb bisher zu bieten, das ganz große Meisterwerk fehlte aber.

Heimste bereits 2004 mit "Lost in Translation" Preise ein: Bill Murray Bild: Kurt Krieger

Kunst ist ein dreckiges Geschäft

Die Favoriten der internationalen Kritik sind „Caché“ von Michael Haneke, Jim Jarmuschs „Broken Flowers“ (hier darf Bill Murray auch auf den Darstellerpreis hoffen), das Sozialdrama „L’enfant“, David CronenbergsA History of Violence“ mit Viggo Mortensen - und eben „Don’t come knocking“ von Wim Wenders.

Benicio del Toro

Del Toro wurde von einem Fan angesprochen, der ein T-Shirt mit der Aufschrift trug: „Kunst ist ein dreckiges Geschäft, aber einer muss es ja machen.“ Der Mann fragte del Toro, wie ihm das Shirt gefalle. Darauf dieser: „Keine Ahnung, wie dreckig es ist, aber machen kann sowas doch jeder…“

Zu den Kommentaren

News und Stories

Kommentare