Mit den längsten Ovationen der Festivalgeschichte war er gefeiert worden.

Bereits zum zweiten Mal unter Palmen geehrt: Michael Moore Bild: Kurt Krieger

Doch dass die Jury nun tatsächlich den wichtigsten Preis des Festivals an „Fahrenheit 911“ verliehen hat, ist schon eine faustdicke Überraschung. Denn so viele Sympathien US-Regimekritiker Michael Moore auch für seine politische Haltung und seinen Mut gewinnen konnte, so kritisch beurteilten viele die filmische Qualität seines neuen Werks: Mit viel Polemik und wenig sachlicher Begründung ist „Fahrenheit 911“ mehr politische Brandrede gegen George W. Bush denn die Dokumentation, die er zu sein vorgibt.

Die Entscheidung der Jury um Präsident Quentin Tarantino ist nicht nur erstaunlich, sondern auch höchst brisant. Nachdem es im letzten Jahr Verstimmungen zwischen den Cannes-Verantwortlichen und Hollywood gegeben hatte - Grund war unterem anderem die angebliche Amerika-Feindlichkeit in Lars von TriersDogville“ - empfanden in den USA nicht wenige die Goldene Palme für das Schulgewaltdrama „Elephant“ als weiteren Schlag ins Gesicht.

Die Jury gab ein politisches Statement ab Bild: Kurt Krieger

Kehrtwende?

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Das diesjährige Festival schien mit der Ernennung von Tarantino zum Jury-Leiter und zahlreichen US-Filmen im Programm - darunter mit „Ladykillers“ und „Shrek 2“ auch große Studio-Produktionen - zunächst wie ein Versöhnungsangebot. Da ist es doppelt bemerkenswert, dass nun ausgerechnet jener Film die Goldene Palme erhalten hat, um den es unlängst zum Eklat zwischen Moore und dem einflussreichen Disney-Chef Michael Eisner gekommen war und dessen US-Kinostart Moore zufolge gar das Weiße Haus verhindern will.

Dennoch gut gelaunt: Burghart Klaußner, Hans Weingartner, Stipe Erceg und Daniel Brühl Bild: Kurt Krieger

Ohne Kürze fehlte Würze

Irgendwie passt die Entscheidung allerdings zum Chef der Jury - Tarantino ist schließlich immer gerne für eine kleine Provokation zu haben. Für Moore ist es nach dem Sonderpreis 2002 für „Bowling for Columbine“ bereits die zweite Ehrung in Cannes.

Lange Gesichter gab’s dagegen im deutschen Lager: Hans Weingartners gewitztes Revoluzzer-Drama „Die fetten Jahre sind vorbei“ ging trotz großem Zuspruch der Festivalgäste leer aus. Hätte man den guten Rat von Programm-Chef Thierry Frémaux befolgt, den Film in der schwächeren ersten Hälfte deutlich zu kürzen, wäre sicher mehr drin gewesen.

Maggie Cheung beeindruckte als Drogenabhängige in "Clean" Bild: Kurt Krieger

Quentins Liebling

Auch den Preis für den besten Schauspieler holte sich nicht Mitfavorit Daniel Brühl, sondern Jungdarsteller Yagira Yuuya für das Drama „Nobody knows„, in dem - nach einer wahren Geschichte - vier Kinder in einem Tokioter Appartement von ihrer Mutter zurückgelassen werden.

Der Grand Prix der Jury ging ebenfalls nach Asien: Der Koreaner Park Chan-Wook wurde für sein atemberaubend inszeniertes Rachedrama „Old Boy“ ausgezeichnet. Dass Quentin Tarantino diesen Film besonders mochte, war ein offenes Geheimnis. Chinas Superstar Maggie Cheung heimste für ihre leidenschaftliche Darstellung einer Sängerin auf Entzug in Olivier Assayas‚ „Clean“ den Preis als beste Schauspielerin ein.

Tony Gatlif freute sich am schönsten Bild: Kurt Krieger

Trostpreise für Frankreich

Dem berauschenden Road Movie „Exils“ um zwei Franzosen, die sich auf die Suche nach ihren Wurzeln in Algerien machen, waren eigentlich sogar Chancen auf die Goldene Palme eingeräumt worden. Letztlich durfte sich Tony Gatlif zumindest über den Regie-Preis freuen. Das beste Drehbuch des Festivals stammt nach Meinung der Jury von Jean-Pierre Bacri und Agnés Jaoui, die auch Regie führte und als Darstellerin vor der Kamera agierte: „Comme une image“ erzählt multiperspektivisch die Geschichte eines Familientyrannen übelster Sorte.

Preisträger "Tropical Malady": Kinojuwel oder Schlafmittel? Bild: Kurt Krieger

Experiment geglückt, Patient schläft

Zusätzlich hat die Jury noch zwei Sonderpreise vergeben. Irma P. Hall wurde für ihre resolute Gangster-Dompteuse in „Ladykillers“ geehrt. Als gottesfürchtige Big Mama mit starker rechter Gerade war Hall allerdings so ziemlich das einzig Gute an dem ansonsten erschreckend schwachen Beitrag der Coen-Brüder.

Eine kleine Sensation ist der zweite Sonderpreis für „Tropical Malady“, den ersten Cannes-Beitrag aus Thailand: Auf jeden Festivalgast, der sich begeistert zeigte von dem meditativen Experiment über eine homosexuelle Dschungelliebe und die Conditio humana im Allgemeinen, kam einer, der nach einer Dreiviertelstunde selig im Tiefschlaf versunken war.

"Nobody Knows": Mama ist bald weg… Bild: Kurt Krieger

Dabeisein ist nicht immer alles

Der große Verlierer ist „The Motorcycle Diaries“ über die Jugendjahre Che Guevaras. Hier hatten Regisseur Walter Salles und Hauptdarsteller Gael Garcia Bernal zurecht auf Preise gehofft - ebenso wie Geoffrey Rush für „The Life and Death of Peter Sellers„.

Und im Nachhinein muss sich auch Wong Kar-Wai fragen, ob es statt Schneideraum bis zur letzten Minute (und darüber hinaus) mit anschließendem Sonderflug und Autobahnraserei samt Polizei-Eskorte nicht doch besser gewesen wäre, seinen Beitrag zurückzuziehen, statt eine Fassung von „2046“ zu zeigen, die gar nicht fertig ist.

Im Zeichen der Monroe: Das 57. Festival de Cannes ist zu Ende Bild: Kurt Krieger

Croissants isst man mit Stäbchen

Dennoch waren die 57. Filmfestspiele von Cannes insgesamt an eine Ode an das asiatische Kino. Wenn Programm-Chef Thierry Frémaux also im Vorfeld von einem „Festival der Bestätigungen und Entdeckungen“ gesprochen hat, so lässt sich heute sagen: Den Verdacht, dass Asiens florierende Kinokultur längst nicht mehr nur ein Feld für die Entdeckung von Kuriositäten und Genre-Knallern bietet, sondern Europa langsam aber sicher den Rang abläuft, hat das diesjährige Festival eindrucksvoll bestätigt.

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