Nein, ein Weihnachtsfilm ist das eigentlich nicht - auch wenn von Engeln und himmlischen Fügungen erzählt wird. Denn der Herr hat die Nase voll von der missratenen Menschheit: Er kündigt und will die zehn Gebote zurückhaben. Egal wie.

Neil Newbon als Gottes Kündigungs-Vollstrecker

Kultautor Harry Mulisch hatte einen großen Plan: Er wollte das wichtigste Buch der westlichen Zeitgeschichte zu Ende schreiben - die Bibel. Das Ergebnis: Der Bestseller „Die Entdeckung des Himmels„, der in Deutschland eine halbe Million Mal über die Ladentheke gewandert ist.

Regisseur Jeroen Krabbé hatte eine große Mission: Er wollte dieses Buch ins Kino bringen - ein Buch, das die Fans einhellig als wunderbar tiefsinnig und extrem unterhaltsam bezeichneten, aber vor allem als: unverfilmbar.

Heraus kam schließlich die mitreißende cineastische Antwort auf Fragen wie:

Was ist der Sinn des Lebens? Was ist Schicksal? Wieso tun wir eigentlich, was wir tun? Und was hat ein Coitus Interruptus auf einer Waschmaschine mit dem christlichen Heilsgedanken zu tun?

Max, Ada und Onno nebenbei auf Che Guevaras Spuren in Kuba

Fiese Engel

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Gott gibt’s dabei zwar nicht zu sehen - dafür aber Regisseur Krabbé in einer Rolle als Erzengel Gabriel: Der treibt seine geflügelten Helfer im Auftrag des enttäuschten Herrn zur Manipulation der missratenen Schäflein auf Erden: Ein junger Engel (Viv Weatherall) soll durch geschickte Eingriffe in den Lauf der Welt einen Menschen entstehen lassen, der die Steintafeln des Moses zurück in den Himmel bringt.

Dabei ist jedes Mittel recht: Erstmal inszeniert man gemütlich einen Weltkrieg und den Holocaust, um die richtige Großelternkombination zueinanderzuführen. Dann stiftet man in der Elterngeneration eine Männerfreundschaft zwischen dem hochgebildeten Politiker-Sonderling Onno (Stephen Fry) und dem Casanova Max (Greg Wise) und verwickelt beide in eine Dreiecksbeziehung mit der schönen Cellistin Ada (Flora Montgomery).

Quinten und Onno im Allerheiligsten des römischen Lateranpalasts

Einmal um die Welt…

Dazu Unfälle mit Komafolge, Herzinfarkte, Morde, Ehebruch, politische Intrigen, und ein heimlicher Doppelbeischlaf - das Ganze vor den Schauplätzen Holland, Rom und Kuba - schon ist der Auserwählte namens Quinten (Neil Newbon) geboren.

Dessen Weg über das Allerheiligste in Rom bis zum Tempelberg in Israel zu filmen, stellte das Team um Regisseur Krabbé schon wegen der Brisanz der Drehorte vor gehörige Schwierigkeiten.

Per Teleskop und Astrophysik entdeckt Max tatsächlich den Himmel…

Ich bin rein zufällig hier!

Genehmigungen für die Aufnahmen im Lateranpalast und im Pantheon zu Rom zu bekommen, war kitzlig genug. Doch der Dreh der Schlussszenen in Israel, wo Quinten in einer Traumsequenz samt Gottes Geboten in den Himmel auffährt, war ein echter Drahtseilakt, wie sich Krabbé erinnert:

„Wir hatten am Tempelberg lediglich die Genehmigung für Architekturaufnahmen. Die uns zugeteilten Polizisten durften also nicht bemerken, dass die Menschen, die wie zufällig im Bild standen, in Wirklichkeit unsere Darsteller waren. Daher gaben wir die Regieanweisungen über Handy. Sehen konnte ich die Schauspieler nur in den Gläsern der Sonnenbrillen der Beamten - nur so wusste ich auch, wann es kritisch wurde und ich die Polizisten ablenken musste.“

Flora Montgomery verzaubert als Ada nicht nur Onno und Max

Pfennigfuchser

Klar, dass ein derartiges Mammutprojekt nicht leicht zu finanzieren war. Dass es aber so weit kommen würde, dass die Regieassistentin am Ende zum Kopieren der Drehberichte das Studiogelände verließ, weil es im nächsten Copy-Shop zwei Cent billiger war, damit hatte auch Krabbé nicht gerechnet:

„Wenn es so weit ist, wird’s ernst. Ich fühlte mich am Schluss wie bei einer Low-Low-Budget-Produktion.“

Das ist dem Film aber mitnichten anzumerken - was vor allem an den hochklassigen Darstellern liegt, die ihre Figuren zielsicher durch den an tragischen Wendungen und Wirrungen reichen Plot steuern: Greg Wise ist als romantischer Schwerenöter auf Sinnsuche ebenso anrührend wie Flora Montgomery als moderne Maria - Regiseur Krabbe schreibt der Britin „etwas von der Ausstrahlung von Lady Di“ zu.

Die kosmischen Zwillinge lassen sich schon mal gemeinsam verhaften

Ja zum Leben

Und als Stephen Fry im Vorfeld der Produktion als Onno zusagte, notierte Krabbé in sein Tagebuch: „Ein Grund zum Singen und Tanzen!“

Zurecht, denn das britische Enfant Terrible („Wilde„) ist der faszinierende Angelpunkt des Films: ein behäbiger Adeliger, bis zur Lebensunfähigkeit gebildet und doch voll brennender Lebenslust. Und genau die ist der Motor von Jeroen Krabbés Groteske um Kultur, Religion und Werteverlust - die bei allem Zynismus letztlich die Liebe als heilende Kraft benennt.

Vom Schicksal gezeichnet, zum Sterben schön: Stephen Fry und Neil Newbon

Friede, Freude, Weihnachtsgans

Denn am Ende der „Entdeckung des Himmels“ steht die Erkenntnis, dass dieser wenn, dann auf Erden stattfindet: Menschen sind eben menschlicher als alle Religionen, Wertesysteme und der Streit um selbige.

Eigentlich eine höchst erwärmende Botschaft, die dann doch wieder zum Geist der anstehenden Weihnacht passt.

Und falls Sie noch auf die Antwort zum Thema Sex auf der Waschmaschine warten - da müssen Sie sich schon ins Kino bemühen.

Frohes Fest allerseits!

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