Goldene Palme nach Belgien, Preis für Jones

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Hilary Swank Poster

„Ihr werdet Euch wundern - nicht sehr, aber doch ein wenig.“

Palme-Gewinner "L'enfant" und die Preisträger Tommy Lee Jones und Guillermo Arriaga für "Three Burials" Bild: Les Films du Fleuve / Kurt Krieger

Das hatte Jury-Präsident Emir Kusturica mit funkelnden Augen auf den Treppen des Galakinos Grand Theatre Lumière vor der Preisverleihung prophezeit. Es war eine glatte Untertreibung.

Die Goldene Palme an „L’enfant“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne ist eine dicke Überraschung, zu erklären eigentlich nur durch Kusturicas Ankündigung zu Beginn des Festivals, es werde eine „Entscheidung nach Ästhetik“ geben. Denn die Handlung des Films ist denkbar einfach: Ein junger Straßendieb entzieht sich der Verantwortung für sein Baby und kommt spät zur Vernunft. Zwar liefert Hauptdarsteller Jérémie Renier eine überzeugende Darstellung, aber seine unsympathische und nicht immer nachvollziehbare Figur zieht den Zuschauer nicht in den Film hinein.

Glänzend inszeniert: "Caché" von Michael Haneke Bild: BavariaFilm

Konsequent hässlich

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20 Schauspieler, die aussehen wie Zwillinge

Die Tristesse seines Lebens ist allerdings sehr konsequent im neo-realistischen Stil eingefangen: Grauer Beton, meist aus der Handkamera gefilmt, keine Musik und oft improvisierte Dialoge ergeben zugegebenermaßen ein in sich rundes Werk. Diese krude Art des Kinos ist allerdings nicht für jeden Geschmack. So geht die Goldene Palme an einen Film, der ohne diese Auszeichnung den Weg in nur wenige deutsche Kinos gefunden hätte. Das Glamouröseste an diesem französischen Preis für die Belgier war das charmante Oscar-Duo Hilary Swank und Morgan Freeman, die die Auszeichnung mit einem Million Dollar Smile überreichten.

Der in München geborene Österreicher Michael Haneke, mit „Caché“ eigentlich Palme-Favorit der internationalen Kritik, durfte sich zumindest über den Regie-Preis freuen. Sein Psycho-Drama über ein Ehepaar, das Beobachtungsvideos der eigenen Wohnung zugesendet bekommt, findet eine tolle Bildsprache für die Themen von Schuld und Paranoia.

Tommy Lee Jones mit der Rolle seines Lebens in "The Three Burials of Melquiades Estrada" Bild: Europa Corp./Clyde Is Hungry/Sea Side

Der goldene Reiter

Tommy Lee Jones

Ebenfalls ausgezeichnet wurde sein Drehbuchautor Guillermo Arriaga, der bereits für „Amores Perros“ und „21 Gramm“ mit Preisen überhäuft worden war. Sein Drehbuch wirft erneut kunstvoll die zeitlichen Abläufe durcheinander. Er widmete den Preis „allen Mexikanern, die auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben nach Amerika kommen.“ Als er auf der Bühne gar die mexikanische Fahne schwenkte, gab’s großen Applaus.

Preisträgerin Hanna Laszlo (rechts) im Trio starker Frauen in "Free Zone" Bild: Agat Films/Agav Films

Danke, Wim!

Ähnliche Worte fand Preisträgerin Hanna Laszlo, die in „Free Zone“ eine Israelitin spielt, die mit einer halbjüdischen Amerikanerin (Natalie Portman) und einer Jordanierin auf einem ereignisreichen Roadtrip im Konfliktgebiet unterwegs ist: „Ich widme diesen Preis meiner Mutter, die in Auschwitz den Holocaust überlebt hat, und allen Opfern unter Israelis und Palästinensern. Es wird höchste Zeit, dass sich die Verantwortlichen zusammensetzen und das Problem endlich lösen!“

Jim Jarmusch

Publikumsliebling Bill Murray durfte sich mit Regisseur Jim Jarmusch über den Großen Preis der Jury für "Broken Flowers" freuen Bild: Tobis

Eigenwillige Jury

Das gilt auch für die beiden deutschen Beiträge in der Nebenreihe „Un Certain Regard“, „Falscher Bekenner“ von Christoph Hochhäusler und „Schläfer“ von Benjamin Heisenberg. Zum Sieger wählte die Jury um Alexander Payne den rumänischen Beitrag „Der Tod des Herrn Lazarescu“ von Cristi Puiu, eine Art Roadmovie im Krankenwagen.

Eine ganz besondere Ehre wurde Morgan Freeman zuteil. Der Ausnahme-Schauspieler wurde nach dem Oscar nun in Cannes mit der „Trophée du Festival“ für sein Lebenswerk geehrt. „Ich bin sehr bewegt“, so Freemans kurze, aber präzise Dankesrede.

Die Preisvergabe der Jury um Emir Kusturica - Kollegin Salma Hayek gewährte mal wieder atemberaubende Einblicke - war insgesamt ein etwas fragwürdiger Kompromiss zwischen Kinokunst und der Meinung der Kritik.

Blickfang: Jurorin Salma Hayek Bild: Kurt Krieger

Aufs Grab abonniert

Einen würdigen Abschluss fand der Abend mit der gespannt erwarteten Weltpremiere von „Chromophobia“ von Martha Fiennes. Im Mittelpunkt des Episodenfilms steht eine Familie der Londoner Upper Class, in der Identitätslosigkeit und Beziehungskälte herrschen. Oft an P.T. AndersonsMagnolia“ erinnernd, profitiert der Film ebenfalls von großartigen Darstellern wie Penelopé Cruz als Prostituierter, Kristin Scott Thomas als sinnsuchender Hausfrau und Ian Holm als warmherzigem Familienpatriarchen. Allerdings lösen sich in „Chromophobia“ die fein gesponnen Einzeldramen am Ende ein wenig zu leicht in Wohlgefallen auf. Dennoch gab’s von Jury, Publikum und den frisch gebackenen Preisträgern zurecht großen Beifall.

Einzig für Penelopé Cruz nimmt „Chromophobia“ wieder mal kein gutes Ende. Die Darstellerin dazu: „Ich sterbe schon sehr oft in meinen Filmen. Manche sagen ja, dass man dann in der Realität länger lebt. Hoffentlich stimmt das!“

Auch wenn sie sicher nicht zurückkommen: Der Besuch der imperialen Streitmächte war einer der Höhepunkte des Festivals Bild: Kurt Krieger

Starker Jahrgang

Das Festival selbst präsentierte sich dieses Jahr lebendiger denn je: Wenn auch das ganz große Meisterwerk fehlte, so gab es doch selten so viele wirklich gute Filme wie 2005 zu sehen. „Ein Programm, das Lust auf mehr macht“, lautete das Eröffnungsversprechen von Festival-Chef Gilles Jacob. Er hat es gehalten.

Und so verabschieden sich die Kinofans aus aller Welt in bester Stimmung aus der berühmten Filmstadt in Südfrankreich: „À la prochaine année à Cannes - bis zum nächsten Jahr in Cannes!“

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