Mit drei Filmen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, startete das 60. Festival de Cannes. Auf den heiß ersehnten Eröffnungsfilm „My Blueberry Nights“ von Bilderkünstler Wong Kar-Wai folgten David Finchers Serienkiller-Antithriller „Zodiac“ und das erste Highlight, „4 Months, 3 Weeks and 2 Days“, von dem Rumänen Christian Mungiu.

Kuss von oben: Jeremy (Jude Law) und Elizabeth (Norah Jones) als Puzzleteile in "My Blueberry Nights" Bild: Prokino (Fox)

Norah Jones ist auf dem Tresen einer schummrigen Bar in New York eingeschlafen. Am Rande ihrer sinnlichen, roten Lippen hat sie noch die Reste eines Blaubeerkuchens. Jude Law im coolen Wuschelkopflook beugt sich über die Frau mit der grünen Wollmütze, schmiegt sich vorsichtig an sie und küsst ihr ganz sanft die Krümel vom Mund.

Dieser Moment ist die Schlüsselszene im neuesten Werk von Wong Kar-Wai, in dem er zeigen will, wie ein Kuss das Leben verändern kann. Als „sentimentale Reise“ bezeichnet der Kultregisseur aus Hongkong seinen Bilderreigen um die schöne Elizabeth, die Frauenversteher Jeremy in seiner Bar ihr gebrochenes Herz ausschüttet und sich durch eine Reise quer durch die USA sowie zu sich selbst begibt.

Photocall mit Brille: Regisseur Wong Kar-Wai und Hollywoodstar Jude Law mit Sängerin Norah Jones Bild: Kurt Krieger

Ein Leckerbissen zum Auftakt

Im Vergleich zu einem Blockbuster-Eröffnungsfilm wie „The Da Vinci Code - Sakrileg“ im vergangenen Jahr ist „My Blueberry Nights“ der angemessene Startschuss für das Jubiläum der französischen Filmfestspiele. Wie schon „2046“ hat der Mann, dessen Markenzeichen eine dunkle Sonnenbrille ist, den Film mit heißer Nadel gestrickt. Noch vor zwei Tagen gab er der melancholischen Liebesgeschichte den letzten Schliff.

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9 Stars, die für einen Film ihre Gesundheit für immer ruinierten

Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen: Wie auch schon bei „Happy Together„, dem Palmen-Gewinner von 1997, faszinieren die Kompositionen in durchdringenden Farben - einen Begeisterungssturm löst die Story jedoch nicht aus. Dafür ist die Handlung vielen leider zu absehbar, die Figuren nicht greifbar. An Leinwanddebütantin Norah Jones liegt das nicht. Die Jazzsängerin überzeugt als Liebeskranke auf Reisen. Man merkt ihr nicht an, dass sie - im Unterschied zu ihrer Filmfigur - Blaubeerkuchen nicht ausstehen kann.

Auf der Spur des berüchtigten "Zodiac"-Killers: Jake Gyllenhaal und Robert Downey Jr. Bild: Warner

Dem Grauen den Garaus gemacht

Auch die Zuschauer, die bei David Fincher einen altbewährten Thriller à la „Sieben„, „Fight Club“ oder „Panic Room“ erwarten, verlassen enttäuscht das Palais du Festival. „Ich wollte nicht schon wieder einen Serienkillerfilm machen“, erklärte der Regisseur auf der Pressekonferenz.

Zodiac - Die Spur des Killers“ mit Jake Gyllenhaal und Robert Downey Jr. ist eine Art dokumentarisches Drama geworden. Nur zu Beginn schockiert Fincher noch wie gewohnt, dann konzentriert er sich auf die Besessenheit der Ermittler. Die Geschichte beruht auf Tatsachen: Der „Zodiac“ ermordete zwischen 1968 und 1974 kaltblütig 37 Menschen, gefasst wurde er nie.

Jurychef Stephen Frears mit Maggie Cheung, Sarah Polley, Maria de Medeiros und Toni Collette Bild: Kurt Krieger

Erster Palmen-Kandidat

Durchweg gut angekommen ist der rumänische Wettbewerbsbeitrag „4 Months, 3 Weeks and 2 Days“ von Christian Mungiu. Der Titel des realistisch inszenierten Dramas bezieht sich auf den Zeitpunkt der Schwangerschaft, zu dem die junge Gabita zusammen mit ihrer besten Freundin Otilia einen illegalen „Engelsmacher“ aufsucht.

Der Film spielt am Ende der kommunistischen Ära Ceausescus, in der für Abtreibungen hohe Gefängnisstrafen drohen. Nicht das Pro und Kontra eines solchen Eingriffs ist das Thema von „4 Months, 3 Weeks and 2 Days“, sondern die Umstände, die zu einem Schwangerschaftsabbruch führen. Nur am Ende kann es Mungiu doch nicht lassen, den Zeigefinger zu heben. Etliche Kritiker haben damit jedoch kein Problem und räumen diesem gut beobachteten Drama bereits Chancen auf die Goldene Palme ein.

Blitzlichtgewitter vor dem Palais du Festival. Ein Hoch auf 60-mal Film, Glanz und Glamour! Bild: Kurt Krieger

Skandale und Stars

Der diesjährige Juryvorsitzende Stephen Frears hält sich bedeckt. „Vielleicht bin ich zu neidisch, und es gibt gar keinen Preis“, witzelte am ersten Festivaltag der Regisseur von „Die Queen„, der bisher in Cannes leer ausgegangen ist.

Mit Fatih AkinsAuf der anderen Seite“ könnte die begehrte Trophäe auch an Deutschland gehen. Weitere Highlights an der Croisette sind Quentin Tarantinos Splatterhorror „Death Proof“ und Michael MooresSicko„. Schon im Vorfeld bringt die Doku über die Machenschaften der US-Pharmaindustrie die Gerüchteküche in Cannes zum Brodeln. Angeblich musste Moore, dem wegen Dreharbeiten in Kuba gerade der Verstoß gegen das US-Embargo vorgeworfen wird, den heiklen Film nach Europa „schmuggeln“.

Ja, was wäre das heißeste Filmfest der Welt ohne seine Skandale und Stars? Den 24. Mai haben sich fast alle Französinnen in und um Cannes freigehalten: Zur Premiere von „Ocean’s Thirteen“ werden George Clooney, Brad Pitt und Matt Damon erwartet.

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