Dominik Graf Poster

Filmfest München: Mehr als bloß Arthouse

Ehemalige BEM-Accounts  

Das Filmfest München war eine gelungene Farewell-Party für den scheidenden Festivalchef Andreas Ströhl. Es bot zahlreiche Filmperlen, interessante Begegnungen – und die zweitbeste Besucherbilanz.

Stargäste: Veronica Ferres und John Malkovich in der Filmfest-Lounge

Andreas Ströhl wurde in seiner achtjährigen Ägide an der Spitze der Münchner Filmwochen GmbH nicht müde zu betonen, es gehe ihm um das Publikum und nicht um Glamour und Promidichte. So sind die nackten Zahlen – über 70.000 Besucher und zahlreiche ausverkaufte Vorführungen – ein schönes Abschiedsgeschenk und Bestätigung seines Kurses. „Das Publikum hat mir den Rücken gestärkt“, erklärte Ströhl zum Abschluss des Festivals.

Manche Branchenleute hätten aufgrund seiner Arthouse-Vorliebe dagegen schon über den Untergang des Filmfests orakelt, erzählt Ströhl, der sich gegenüber der Kritik herzlich unbeeindruckt gab und stattdessen seinen Kurs verfolgte. Dass in München schlicht das Geld fehlt, Stars mit Privatjets und Entourage einfliegen zu lassen, dürfte jedem klar sein. München ist nicht die Berlinale, wie auch der Münchner Oberbürgermeister – und Filmfest-Gesellschafter – Christian Ude in seiner launigen Eröffnungsrede anmerkte: „Wir denken verzweifelt darüber nach: Wie arm muss man eigentlich sein, um so hemmungslos Geld ausgeben zu können? Wir haben das Stadium noch nicht erreicht und blicken darum etwas neidisch auf Berlin.“

So punktet man in der Isarmetropole eher selten mit Weltpremieren internationaler Namen – doch das Publikum lässt sich auch für Deutschlandpremieren von Filmen begeistern, die zuvor in Cannes oder Sundance gelaufen sind.

Wichtiger Magnet für die Branche waren auch in diesem Jahr die Festivalreihen Neue Deutsche Kinofilme und Deutsche Fernsehfilme – mit Uraufführungen. In der Kinoreihe, die so nachwuchslastig war wie lange nicht, gingen nur zwei der 17 Titel mit einem Verleih an den Start. Eine Entdeckung war hier sicherlich „Kriegerin“ des HFF Konrad Wolf-Studenten David Falko Wnendt; er hat mit Ascot Elite zum Festivalende eine Verleihheimat gefunden. Wnendt ist es gelungen, die angestaute Aggression einer jungen Frau in der ostdeutschen Provinz lebensnah darzustellen. Alina Levshin (sie spielte die Hauptrolle in „Im Angesicht des Verbrechens„) glänzt hier als Skinhead-Girl aus desolatem Hause, das sich in rechten Posen übt und zum Vorbild einer bürgerlichen, wohlbehüteten 15-Jährigen (Jella Haase) wird. Nur leicht klischeebelastet, ist „Kriegerin“, der zwei Förderpreise absahnte, von Anfang an spannend.

Ungewohnt meditativ erzählt ist hingegen Jan Zabeils Spielfilmdebüt „Der Fluss war einst ein Mensch„, in dem Alexander Fehling (er ist auch Ideengeber und Koautor) sich in Schwarzafrika verliert (Förderpreis Produktion). Zum Crowd-Pleaser avancierte schon vor seiner Premiere „Hell„, Tim Fehlbaums Regiedebüt mit Hannah Herzsprung und Lars Eidinger, der den Förderpreis Regie ergatterte. Ein apokalyptischer Thriller mit Horroranleihen in schicker Videoclipästhetik, in dem Angela Winkler in einer schön bösen Nebenrolle glänzen darf. Das lang erwartet erste Soloprojekt von Thomas Wöbke hat mit Paramount ebenfalls bereits einen Verleih.

Die Sektion Deutsche Fernsehfilme bot viele Highlights, war jedoch wegen der schieren Menge an Filmen kaum zu bewältigen. Beeindruckend waren etwa Kilian RiedhofsHomevideo“ (NDR) und Hans SteinbichlersPolizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun“ (BR), der in seiner Intensität selbst Dominik GrafsPolizeiruf 110: Cassandras Warnung„? (BR) in den Schatten stellte.

Ein spannendes Thema war in diesem Jahr etwa der große Schweden-Fokus – die Gäste feierten exzessiv den Midsommar. Herausgreifen wollen wir auch noch die American Indies, waren sie doch von Anbeginn ein Aushängeschild des Filmfests. In diesem Jahr spannte sich der Bogen von alten Helden – Retrogast Tom DiCillo und Roger Corman – bis zur jüngsten Garde. Statt der ganz rauen No-Budget-Filme vergangener Jahre gab es etwa mit der großartigen modernen Westernvariation „Meek’s Cutoff“ von Kelly Reichardt und dem emotionalen Paarporträt „Blue Valentine“ von Derek Cianfrance Filme, die großes Kino boten. In beiden Werken bewies Michelle Williams ihr Talent. Eine Entdeckung war auch die witzige Beziehungskomödie „The Freebie“ von und mit Katie Aselton.

Auf der Abschlussfeier des Filmfests im Anschluss an KaurismäkisLe Havre“ kamen Filmemacher und Publikum noch einmal zusammen. Zwei schwedische Bands spielten auf, und um Mitternacht griff der scheidende Festivalchef sogar selbst zur Gitarre und stimmte in einem emotionalen Abschied mit Pressesprecher Michael Amtmann am Schlagzeug und dem Chor der Festivalmitarbeiter den Rolling-Stones-Klassiker „You Can’t Always Get What You Want“ an.

Im nächsten Jahr feiert das Filmfest sein 30. Jubiläum – unter der Leitung von Diana Iljine. Noch hat sie sich nicht darüber ausgelassen, was sich unter ihrer Ägide verändern soll. Bei einer ersten Pressekonferenz sprach sie davon, mehr internationale Stars an die Isar holen zu wollen. Man darf gespannt sein, ob ihr das mit dem gewohnten Budget gelingen wird. Vielleicht zaubert sie ja neue Sponsoren aus dem Hut.

Radikale Änderungen und Fokusverschiebungen sind erst einmal nicht zu erwarten; Iljine behält etwa Ströhls Programmteam. Dass sie die oft kritisierte hohe Anzahl der Filme reduziert, ist unwahrscheinlich. Wer will schon mit sinkenden Besucherzahlen antreten? Außerdem scheinen die Gesellschafter ja grundsätzlich mit dem Status quo des gut etablierten Festivals zufrieden zu sein; Ströhl verlässt das Festival auf eigenen Wunsch und vor Ablauf seines Vertrags. Doch ein wenig Bewegung schadet ja bekanntlich nicht – sodass wir Diana Iljine schon einmal einen guten Einstand wünschen und uns herzlich bei Andreas Ströhl für acht schöne und abwechslungsreiche Festivaljahre bedanken.

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