David Cronenberg Poster

Da braut sich was zusammen

Ehemalige BEM-Accounts  

30 Grad aufwärts, strahlender Sonnenschein, versagende Deos – so präsentiert sich Cannes gewöhnlich zur Festivalzeit. Doch wo sich sonst schwitzende Festivalgäste auf den Stufen der Gala-Kinos drängen, dominieren diesmal Regenschirme das Bild.

Machten bei der Festivaleröffnung von sich reden: Charlotte Rampling und Emir Kusturica Bild: Boris Sunjic

Es war dann aber doch kein Donnerschlag aus dem Himmel über der Côte D’Azur, der die Besucher heute zusammenzucken ließ, sondern eine Äußerung von Präsident Emir Kusturica. „Ich halte nichts von Demokratie!“, hatte der umstrittene Regisseur zur Eröffnung des Festivals auf die Frage geantwortet, wie die Jury denn über die Preisvergabe entscheiden werde.

Was die erstaunten Zuhörer bei einem anderen Präsidenten vielleicht als ironischen Kommentar gedeutet hätten, verstörte aus dem Mund eines Mannes, der wegen seiner politischen Parteinahme für die serbische Position im Balkankonflikt umstritten ist. Seine Ansichten spiegeln sich nach Meinung vieler Kritiker auch in seinen Filmen wider, was in der Vergangenheit immer wieder für Skandale sorgte.

Gewitterstimmung am ersten Tag der Filmfestspiele Bild: Boris Sunjic

„Lemming“ als Festival-Favorit

So versuchte Kusturica denn auch schnell in die betretene Stille hinein zu versichern: „Wir werden schon einen Konsens finden.“ Schob dann aber nach: „Demokratie und Filme, das verträgt sich allerdings nicht wirklich.“

Ein Internet-Dienst, der erstmals Wetten auf den Gewinner der Goldenen Palme anbietet, sieht das ganz anders. Dort hat man aus einem Stimmungsbild von Insidern schon mal die Quoten errechnet. An der Spitze lag „Lemming„, seit „Moulin Rouge“ 2001 der erste Eröffnungsfilm, der auch im offiziellen Wettbewerb ist.

Szene aus dem Eröffnungsfilm "Lemming" Bild: Diaphana
Alle Bilder und Videos zu David Cronenberg

Verwirrende Verstrickungen

Das Psycho-Drama mit Charlotte Rampling („Swimming Pool„) präsentierte sich allerdings ähnlich düster wie der Himmel über dem Palais de Festival: Das Vorzeigeehepaar Alain und Benedicte verstrickt sich in eine Vierecksgeschichte mit Alains Chef sowie dessen Frau Alice (Rampling), die sich dann in der Wohnung des jungen Paares eine Kugel in den Kopf jagt. Das Paar steht unter Schock.

Doch was anfangs kluges Psychogramm in bester Hitchcock-Qualität war, wird im Verlauf des Films immer mehr surreale Spielerei mit allzu verwinkelten Wendungen, denen kaum ein Festivalgast mehr folgen konnte – und wollte.

Juroren unter sich: John Woo an der Seite von Salma Hayek Bild: Boris Sunjic

Falten, nein danke

Dementsprechend wenig Fragen gab’s an Regisseur Dominik Moll, sodass es an der gewohnt exzellenten Charlotte Rampling war, den Spruch des Tages zu liefern. Dabei ging es bezeichnenderweise nicht um den Film, sondern um ihre späte Karriere in Europa:

„Es ist ganz gut, nicht in Hollywood zu arbeiten“, meinte sie. „Dort sind die Leute derart barbarisch, was das Altern angeht. Bei einer Frau mit ein paar Falten sagen sie gleich: ‚Die muss man entsorgen!'“

Auch Juror Javier Bardem fühlt sich in seiner Heimat Spanien wohler als in der Traumfabrik. Auf die Frage, was der Grund sei, dass er nicht wie seine charmante Jury-Kollegin Salma Hayek nach L.A. gezogen sei, meinte er nur: „Das Essen. Genauer gesagt: spanischer Schinken!“

Toni Morrison zusmmen mit Jury-Präsident Emir Kusturica Bild: Boris Sunjic

Harter Tobak

Der gebürtige Hamburger Fatih Akin beschränkte sich dagegen darauf, seinen prominenten Jury-Mitgliedern wie Nobel-Preisträgerin Toni Morrison oder Regie-Meister John Woo zuzuhören – und wirkte dabei sichtlich gelangweilt. Lediglich als Emir Kusturica seine Beurteilungskriterien erläuterte, wurde Akin hellhörig.

„Ich bewerte Filme ausschließlich nach ästhetischen Gesichtspunkten“, erklärte Kusturica. Auf die Frage, ob das ein Seitenhieb auf die Vergabe der Goldenen Palme an die Polit-Doku „Fahrenheit 9/11“ im letzten Jahr gewesen sei, sagte er brüsk: „Das Urteil kommentiere ich nicht, da ich die Festival-Filme 2004 nicht gesehen habe.“

Blauer Himmel in Sicht Bild: Boris Sunjic

Sonnige Aussichten

Für den stilsicheren Wim Wenders und sein Sinnsuche-Drama „Don’t come knocking“ sind das wohl gute Nachrichten. Beim erwähnten Internet-Buchmacher lag Wenders zu Beginn des Festivals schon aussichtsreich auf Platz fünf – knapp hinter „Lemming“, dem aber inzwischen niemand mehr Chancen einräumt.

Auf Platz zwei: Jim JarmuschsBroken Flowers“ mit Bill Murray, dahinter David CronenbergsA History of Violence“ mit Viggo Mortensen und „Where the Truth Lies“ mit Kevin Bacon und Colin Firth.

Bald wird sich das Bild weiter klären. Und erfahrungsgemäß auch der Himmel über Cannes.

Hat dir "Da braut sich was zusammen" von Ehemalige BEM-Accounts gefallen? Schreib es uns in die Kommentare oder teile den Artikel. Wir freuen uns auf deine Meinung - und natürlich darfst du uns gerne auf Facebook, Twitter oder Instagram folgen.

News und Stories

Kommentare