Ein Jahrgang, dem die Sonne fehlte

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Die 55. Berlinale, das hieß Schmuddelwetter, laue Wettbewerbsfilme, wenig Euphorie.

Der Goldene Bäre für das Team des Außenseiters "U-Carmen e Khayelitsha" Bild: Berlinale

Erstmals ging der Goldene Bär nach Afrika für „U-Carmen e Khayelitsha„, die Township-Version der Bizet-Oper „Carmen“. Erfolg auch für den deutschen Film. Marc Rothemunds sensibel inszeniertes Drama „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ heimste gleich zwei Auszeichnungen ein – für die Beste Regie und für Julia Jentsch als Beste Darstellerin.

Überraschend kam die Ehrung für die brillante Schauspielerin nicht. „Das war selbstverständlich“, erklärte Jury-Präsident Roland Emmerich. Julia Jentsch musste den Bären allerdings schon nachmittags kosen statt bei der Preis-Gala, da sie abends schon wieder auf der Bühne der Münchner Kammerspiele stand. Ein tolles Geschenk für ihren 27. Geburtstag, den sie einen Tag später feierte. Und Marc Rothemund, der bis zuletzt am Film feilte, freute sich nicht nur über die Statuette, sondern fast noch mehr über das Kompliment „Du hast sie verdient!“.

Julia "Sophie Scholl" Jentsch freute sich im Schnellverfahren über ihren Preis in Silber Bild: Berlinale

Grazile Fußballer gegen schwere Kost

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Die beiden anderen deutschen Wettbewerbsbeiträge stießen international auf zwiespältige Resonanz. Christian Petzolds Kindsverlust-Drama „Gespenster“ wurde als zu prätenziös empfunden und Hannes Stöhrs Fußball-Ode „One Day in Europe“ als zu leichtgewichtig. Ein Argument, das auf die meisten anderen Filme nicht zutraf. Im Gegenteil, es dominierten politische Themen oder Geschichten von zerbrochenen Familien und aufgebrochenen sozialen Beziehungen.

Nach dem belächelten Fehlstart mit Régis Wargniers Forscherfilm „Man to Man“ kam die Berlinale nur langsam in die Gänge. Zweimal wurde auf ganz unterschiedliche Weise der Genozid in Ruanda thematisiert. Der Ire Terry George präsentierte mit dem Völkermord-Drama „Hotel Ruanda“ ein starkes Stück Kino, das sich auf ein individuelles Schicksal konzentriert und das Grauen auch ohne Massaker ahnen lässt (Cinema for Peace-Preis). Der auf Haiti geborene Raoul Peck ging die Pogrome der Hutus gegen die Tutsis in „Sometimes in April“ pädagogischer an und spannte am Beispiel eines Bruderkonflikts den Bogen von 1994 zu 2004.

Romain Duris, bekannt aus "Barcelona für ein Jahr", ging zu Unrecht leer aus Bild: Concorde

Nacktes Entsetzen

„Wir sind vielleicht nicht die Schlauesten, aber wir sehen am besten aus“, flapste Jury-Präsident Emmerich gut gelaunt, denn so mancher traute der Jury mit Modemann Nino Cerruti und dem chinesischen Schauspiel-Sternchen Bai Ling nicht viel zu. Letztere trug ihre zumeist nackte Haut zu Markte, stürzte sich auf jede Kamera und prunkte auch noch damit, selten ins Kino zu gehen.

Die schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich, als ein Fliegengewicht wie Lou Taylor Pucci den Silbernen Bären als Bester Darsteller in der sympathischen Coming-of-Age-Komödie „Thumbsucker“ erhielt. Dagegen wurden außergewöhnliche Leistungen übersehen, wie die von Michel Bouquet als alternder Mitterand in „Le promeneur du champ de mars“ oder Romain Duris als Schuldeneintreiber, der sich in „De battre mon coeur s’est arrêté“ zum sensiblen Pianisten wandelt. Beide Filme galten als Bären-Kandidaten.

"Hidden Blade" bezauberte ebenfalls das Publikum, nicht aber die Jury Bild: 3L

Die wahren Sieger

Leer gingen auch Yoji Yamadas „Hidden Blade“ aus, der eindrucksvolle Abschied von den Werten der Samurai, sowie Wes Andersons skurriler Unterwasser-Ausflug „Die Tiefseetaucher“ mit Bill Murray. Und statt Mark Dornford-Mays Township-Carmen-Adaption „U-Carmen e Khayelitsha“ hätte man den Goldenen Bären doch lieber beim Favoriten Hany Abu Assad gesehen für „Paradise Now„, den intensiven Blick auf zwei palästinensische Selbstmordattentäter. Dafür entschädigte Abu Assad der Blaue Engel, der Filmpreis von Amnesty International.

Nach zwei formidablen und einem mittleren Jahrgang unter dem umtriebigen Dieter Kosslick schwächelte der Wettbewerb erheblich in diesem Jahr, steppte der Bär nicht. Es fehlten sowohl cineastische Entdeckungen wie Hollywood-Highlights, um die kein Festival herumkommt, auch eines mit politischem Anspruch nicht. Und ob ein Faible für engagierte Filme zur Profilierung gegenüber Cannes und Venedig reicht, muss sich noch erweisen.

War einer der wenigen US-Stars, die Glamour an die Spree brachten: "Kinsey"-Darsteller Liam Neeson Bild: Berlinale

Das Beste war der Sex

Ein Lichtblick am Ende: Bill CondonsKinsey„, Abschlussfilm mit Liam Neeson als legendärem Sex-Revolutionär der vierziger und fünfziger Jahre. Dass Kosslick „Million Dollar Baby“ als Eröffnungsfilm ablehnte, weil das Erscheinen von Clint Eastwood und Hilary Swank fraglich war, ist kein Ruhmesblatt. Mit solchen Entscheidungen macht sich ein Festival-Chef keine neuen Freunde und vergrämt alte.

Der Glamour hielt sich in Grenzen, auch wenn Cathérine Deneuve ihr Pflichtprogramm abspulte, Dennis Quaid locker grüßte oder Anjelica Huston und Cate Blanchett würdig winkten. Meistens zogen deutsche Promis im Alternativlook gen Berlinale-Palast.

Wenn er auf Friedensmission ist, kommt er sogar ins kalte Berlin: Edelmime und Menschenfreund Tim Robbins Bild: Kurt Krieger

Ellbogen-Gesellschaft

Der klamme Starauftrieb auf dem Roten Teppich darf aber nicht nur Kosslick angelastet werden. Die Vorverlegung der Oscar-Verleihung lässt Planungen schnell Makulatur erscheinen. Die besten US-Produktionen brauchen Berlin als Plattform nicht mehr, die Weltstars sind im Oscar-Vorbereitungsfieber. Gegen eine mögliche Berlinale-Terminierung in den Januar sprechen noch schlechteres Wetter und die Nähe zu den Feiertagen.

Ein weiterer Knackpunkt: Die Berlinale platzt aus allen Nähten. Die rund 1100 Vorführungen der 343 Filme des Gesamtprogramms waren gut besucht und allein 180.000 Tickets gingen an das Publikum. Das Gedränge in Berlin war eine harte Prüfung für die Festival-Besucher.

Der Film war Massenware, aber US-Megastar Will Smith als "Hitch - Der Date Doktor" hob ebenfalls den Glamour-Faktor Bild: Berlinale

Sing’s noch einmal, Kevin

An Events herrschte jedenfalls kein Mangel. So forderte Tim Robbins auf der Gala Cinema for Peace, der Wahrheit zu vertrauen, nicht den Ideologen und gab sein Redemanuskript zur Versteigerung – was 6.500 Euro einbrachte. Da es tagsüber nichts zu lachen gab, amüsierte sich die Branche abends, und das nicht zu knapp.

So lud die Fox zur Premierenparty von „Night Watch„, dem erfolgreichsten russischen Film aller Zeiten, in ein pittoreskes Gemäuer mit „Russendisko„. Will Smith („Hitch – Der Date Doktor„) küsste sich im In-Treff „Felix“ durch, bevor er eine Rap-Einlage aufs Parkett legte. Ganz exklusiv ging es bei Solo-Film zu. Anlässlich der Premiere von „Beyond the Sea“ begeisterte Kevin Spacey die Gäste im Friedrichsstadtpalast mit einer einstündigen Live-Performance und machte die Berlinale wieder zu dem, was sie sein sollte: ein Fest mit Metropolen-Feeling.

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