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„Sing“ – die Kritik

Nachdem sein Theater vom Ruin bedroht ist, veranstaltet Koala Buster Moon eine Casting-Show. Seine finanzielle Ebbe entpuppt sich dabei nur als erstes Glied einer Kette eskalierender Probleme. Doch „the show must go on“ – und so viel tierisches Talent nicht auf die Bühne zu lassen, wäre wirklich ein Verbrechen am Publikum...

Aus dem Fernsehen sind Casting-Shows schon seit vielen Jahren nicht mehr wegzudenken. Dass diese Newcomer-Künstler – und solche, die sich zumindest dafür halten – sich auch auf der großen Leinwand tummeln, ist neu. Ebenso wie die Tatsache, dass es sich im Animations-Abenteuer „Sing“ nicht um Menschen handelt , die sich auf der Bühne möglichst vorteilhaft präsentieren wollen. Oder müssen: Denn die 100.000 Piepen, die Theaterbesitzer Buster Moon als ersten Preis ausgelobt hat, zieht auch Charaktere an, die sich nicht nur der Kunst verpflichtet fühlen, sondern ebenso dem schnöden Mammon. Diesem – resp. seinem hartnäckigem Fernbleiben – ist es auch zu verdanken, dass der Koala-Intendant auf die Idee mit dem Talentwettbewerb überhaupt verfallen ist.

Denn das von ihm mit viel Liebe und wenig Geld betriebene Etablissement der schönen Künste trudelt unaufhörlich Richtung Untergang. Die großen Shows von einst sind längst aus seinem Theater verschwunden. Heute wollen die Menschen… ja, was eigentlich? Offensichtlich sein Geld – zumindest die, denen er Gage und sonstige Bezahlung schuldet. Und all die anderen? Buster ist überzeugt: Vor allem wollen die sich selbst auf der Bühne sehen.

Weiterer Vorteil: Bezahlen muss man sie dafür auch nicht – im Gegensatz zu richtigen Künstlern, die bei ihm schon lange nicht mehr im Budget sind. Der Gewinner müsste natürlich schon etwas bekommen. Auch wenn niemand überraschter ist als Buster Moon selbst, als er später die horrende Summe auf seinen Werbeflyern liest. Ein Druckfehler – aber einer, der gewaltige Schlangen vor seinem Bühneneingang entstehen lässt, als das Casting in Fahrt kommt.

It’s Showtime

Und wer möchte nicht alles das Finale erreichen… Tiere, so verschieden wie ihre Motive: Halbwelt-Mäuserich Mike ist zwar ein Ass am Saxophon und auch gesanglich ein Knaller – doch letztlich interessiert ihn nur die Knete. Diese wäre zwar für den jungen Gorilla Johnny auch interessant. Doch träumt der eigentlich von einem Leben außerhalb der Einbrecher-Gang seines kriminellen Vaters. Schweinedame Rosita wiederum hat den Hausfrauen-Blues. Sie möchte herausfinden, was von ihrem einstigen Talent noch übrig ist. Stachelschweindame Ashley will einfach auf eine Bühne – und Elefantenmädchen Meena am liebsten aus Lampenfieber im Erdboden versinken. Und das sind nur einige der zahlreichen Künstler, die sich auf der Bühne etwas ausrechnen. Ebenso, wie die tierische Unterwelt. Denn solche Summen wecken nun mal Begehrlichkeiten.

Doch egal, ob der Jackpot am Ende an die beste Stimme oder den miesesten Kriminellen der ausschließlich von Getier bevölkerten Stadt geht – für Buster Moon sieht es in jedem Fall trübe aus. Denn der besitzt so viel Moneten ganz schlicht nicht. Doch wie bei ihm üblich, verschiebt er die Lösung auch dieses Problems in die Zukunft. Schließlich hat er eine Casting-Show zu organisieren. Und das allein ist schon mit so vielen Stolperfallen besetzt – da kann man sich nicht auch noch mit  solche Nebensächlichkeiten belasten, woher am Ende das Preisgeld kommen soll.

Hier macht’s die Musik

Eigentlich hat Regisseur Garth Jennings mit Animations-Filmen noch nie etwas am Hut gehabt, wie er im Interview verriet. Doch irgendwie vernarrte er sich in die Idee, unterschiedlichste Tiere auf die Bühne zu stellen und dort performen zu lassen. Und genau das merkt man „Sing“ auch jede Minute an: Der Kern der witzigen Komödie sind die Bühnenauftritte seiner Stars. Von Schnecke bis zur Giraffe – die Mikrofone sind vor keiner Spezies sicher. Über 85 mitreißende Songs – aus den 40er Jahren bis zu heutigen Hits – verstecken sich in 110 Minuten Film. Mal nur ein paar Takte, mal mehr. Aber immer passgenau auf die Szene gesetzt – und, wenn von dem richtigen Geviechs gesungen, ein echter Knaller. Schon allein das inbrünstige „Ride Like The Wind“ rechtfertigt die Kinokarte, wenn nicht Christopher Cross es zum Besten gibt, sondern eine vom eigenen Ausdruck sichtlich beseelte Schnecke.

Der Story-Verlauf selbst folgt dabei weitgehend den Genre-Regeln, ist aber spannend und abwechslungsreich genug, Tiere und Publikum durchgehen auf Trab zu halten. Auch die Gag-Frequenz ist durchaus beachtlich – und dass die wichtigsten tierischen Helden von Deutscher TV-Prominenz wie Klaas Heufer-Umlauf (Mike), Daniel Hartwich (Buster), Alexandra Maria Lara (Rosita) oder Olli Schulz (Eddie) gesprochen werden, ist ebenfalls kein Fehler, was die Sympathiewerte der animalischen Bühnenstürmer betrifft.

Man geht mit einem Lächeln

Am Ende stellt sich hier tatsächlich ein ähnlicher Effekt ein, wie bei echten Casting-Shows, denen man bis zum Ende folgt: Nachdem man die verschiedenen Sangesperlen eine gewissen Zeit bei ihren Ups and Downs verfolgen durfte, haben sie sich mit all ihren Hoffnungen und Nöten klammheimlich ins Herz geträllert. Doch wie auch in der Realität, kann letztlich nur einer gewinnen. Und wie „Sing“ dieses Dilemma – nebst Busters finanziellem – löst, ist einer der Gründe, warum man am Ende breit grinsend den Kinosaal verlässt. Auf den Lippen etliche Songs, die man niemals so stark singen wird können, wie ein Affe, ein Schwein, eine Maus, ein Elefant – oder eben eine Schnecke „Ride Like The Wind“.

 Der Trailer zu „Sing“

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