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Horror ist jetzt Mainstream: Kann das Fernsehen noch brutaler werden?

Author: Tobias HeidemannTobias Heidemann |

The Walking Dead Poster

2016 wurde im Fernsehen voll draufgehalten. Mit farbenprächtigen Großaufnahmen von minuziös zerstörten Körpern buhlten die Serienmacher um den Preis für den krassesten Tabubruch. In „The Walking Dead“ wurde einem beliebten Charakter in bestialischer Ausführlichkeit der Schädel zerschlagen. In „Ash Vs Evil Dead“ wurde der in einer Leiche steckende Held mit Kot und Urin beschmiert, während ihm ein verwesender Penis im Gesicht baumelte. In „Penny Dreadful“ regnete es gleich literweise Blut und im blasphemischen „Preacher“ wurde die Kettensäge zünftig durchs Gotteshaus geschwungen. All diese Momente haben eine gemeinsame Botschaft: Gore ist Alltag und der Horror ist endgültig im Mainstream angekommen.

horror

Wer Ordnung in das diesjährige Chaos des Tabubruchs bringen möchte, wer verstehen möchte, was da gerade im Fernsehen passiert, der muss zunächst einmal genau unterscheiden. Denn Gewalt ist nicht gleich Gewalt. So lassen sich die erstaunlich blutigen Vorstöße, die wir dieses Jahr gleich mehrfach im Fernsehen zu sehen bekamen, ganz unterschiedlichen Traditionen des Horrorfilms zu ordnen.

Die in ihrer brachialen Absurdität kaum zu überbietende Szene aus „Ash Vs Evil Dead“ hat etwa einen humoristischen Unterton und schleudert dankt ihrer Anleihen beim Slapstick-Splatter traditionsgemäß mit Körperflüssigkeiten um sich. Doch auch wenn Horrorkomödien im Fernsehen schon immer etwas mehr durften als andere Sub-Genres des Horrors, muss diese Szene dennoch als bedeutender Meilenstein verstanden werden. So etwas ging früher einfach nicht im TV.

Gore kann jetzt jeder: Gedärme für alle!

Was in den 90er Jahren selbst noch im Kino massiv zensiert wurde und in seiner ungeschnittenen Fassung nur einem erlauchten Kreis von Hardcore-Fans zugänglich war, man denke hier zum Beispiel an Peter Jacksons „Braindead“, so etwas läuft 2016 von der Zensur unbehelligt im amerikanischen Pay-TV und steht dann auf vielen großen Streaming-Plattformen bereit.

Eine Entwicklung, die ganz sicher nicht neu ist, die sich aber 2016 mit Serien wie „Preacher“, „Scream Queens“ oder auch „The Strain“ nochmal verstetigte und die mit „Ash Vs Evil Dead“ nun ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Wobei das „vorläufig“ hier auch nur als eine vorläufige Formulierung zu verstehen ist, denn – von Horrorfan zur Horrorfan gesprochen: Was soll da jetzt noch groß kommen?

Hier, in der eher leicht-luftigen Groteske-Ecke des Horrors, hier scheint der Damm 2016 endgültig gebrochen zu sein. Wenn sich Kathy Bates in der nächsten Staffel von „American Horror Story“ einen menschlichen Tausendfüßler aus afroamerikanischen Sklaven bastelt, dann würde das niemanden mehr überraschen. Geschweigen denn ernsthaft empören. Der persiflierende, ironisierte Gore- und Splatterfilm, die Horror-Face, das Groteske, das darf 2016 alle körperlichen und moralischen Tabus im TV brechen.

Game of Thrones und The Walking Dead: Drastisch schockieren

Bleibt das, was uns in den populärsten TV-Serien unserer Zeit nun ebenfalls regelmäßig begegnet. Die wirklich unangenehmen Seiten des Horrors, die zuvor nur einem kleinen Genrepublikum bekannt waren. Die Macher von „Game of Thrones“ und „The Walking Dead“ interessieren sich beim Mainstreaming des Horrors vor allem für dessen drastischere Spielweisen: Folter, Sadismus, Erniedrigung, Grausamkeit und Perversion sind zum festen Repertoire ihrer Inszenierungen geworden.

So wurden wir 2016 in „Game of Thrones“ zum Beispiel Zeuge, wie ein Baby bei lebendigen Leibe von ausgehungerten Hunden gefressen wurde. Bei Weitem nicht die brutalste Szene der Fantasy-Serie, doch eine, die anschaulich macht, dass auch dem Fernsehen langsam aber sicher die Tabubrüche ausgehen. Den Machern von „Game of Thrones“ gelang es bislang immer wieder mit expliziten Gewaltdarstellungen eine effektive Schockstrategie zu fahren, die der Serie – neben ihrer Qualität - eine zusätzliche Viralität gab.

Doch 2016 zeigte auch, dass die YouTube-Listen zu den „Blutigsten Todesszenen in Game of Thrones“ eben irgendwann nur noch länger statt schockierender werden. Neu ist das alles nicht mehr. Der nächste Schock wird bereits erwartet.

Glenns Tod war eine Schlüsselszene

Was uns schließlich zur zweiten Schlüsselszene des Jahres 2016 bringt. Wie der ekelhafte Todestanz in „Ash Vs Evil Dead“ stellt auch der Tod von Glenn in „The Walking Dead“ eine Art historischen Umschlagpunkt für das Fernsehen dar.

Was sich über viele Jahre hinweg in Serien wie „24“, „Dexter“, „Hannibal“, „Vikings“, „Breaking Bad“ oder eben „Game of Thrones“ gemächliche anbahnte, fand 2016 in dieser viel diskutierten Szene seinen natürlichen Höhepunkt. So war diese Form von Grausamkeit, dieses besonders finstere Schicksal bisher ausschließlich dem Bösen oder den unsympathischen Opfern in Serien vorbehalten. Ein Terrorist, ein Kinderschänder, ein Serienmörder – die Bösewichte dürfen im Fernsehen immer etwas extra leiden. Immerhin erfährt das Böse hier ja auch seine „gerechte Strafe“ – und das gefällt besonders in den USA selbst den Bibeltreuen.

Den Serienhelden aber blieb ein derartig grausamer Horror-Tod bis dato immer erspart. Die Autoren von „The Walking Dead“ brachen 2016 erstmals mit diesem uralten Tabu, in dem sie sich in einer mehrstaffeligen Serie der Mittel des drastischen Horrorfilms bedienten.

In Horrorfilmen ist der extrem explizite Tod einer sympathischen Figur schon lange keine Besonderheit mehr, doch im Serienformat bekam das erstmals für ein Millionenpublikum adaptierte Stilmittel nun ein seltsames Eigenleben. Die Empörung der Fans über das widerliche Ableben der geliebten Figur war nämlich gewaltig.

Wenngleich man den Unmut der Fans mit eigens produzierten Grußbotschaften des Schauspielers etwas abzufedern versuchte, war der Schaden bereits angerichtet und größer als alle erwartet hatten. Für viele Zuschauer war diese Szene einfach zu viel. Aus wohligem Schock wurde Aversion und Empörung. Seit der Ausstrahlung dieser Szene sind die Zuschauerzahlen der Erfolgsserie massiv eingebrochen. Nicht wenige führen diesen Verlust tatsächlich auf diese eine Szene zurück.

Gute Nachrichten: Der Horror muss sich neu erfinden!

Was bedeuten diese beiden Schlüsselszenen nun für die TV-Landschaft? Kann das Fernsehen überhaupt noch brutaler werden? Kann es natürlich. In den Niederungen des Genres warten immer noch ein paar besonders randständige und radikale Spielweisen, die sich hartnäckig gegen ein Mainstreaming zu wehren wissen. Aber, und das hat 2016 gezeigt, viel ist da nicht mehr zu holen.

Der TV-Mainstream hat sich den Horror fast vollständig einverleibt. Für das Genre selbst ist das keine besonders gute Nachricht. Gedärme und tote Babys kann jetzt halt jeder. Auch das Wettrennen um die schlimmste Grausamkeit wird den Horrorfilm angesichts der Shock & Awe-Offensive im Fernsehen nicht weiterbringen.

Mit anderen Worten: Um sich gegenüber dem schnöden Massengeschmack wieder abgrenzen zu können, um wieder innovativ und relevant zu werden, muss sich der Horror nach 2016 wieder einmal neu erfinden. Wo und wie auch immer diese Wiedergeburt stattfinden wird, sie sollte, das hat das Serienjahr 2016 gezeigt, so wenig wie möglich mit Innereien und Sadismus zu tun haben.

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