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Fakten und Hintergründe zum Film "Contergan - Eine einzige Tablette"

Kino.de Redaktion |

Contergan Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Hintergrund

Am 1. Oktober 1957 kam ein neues Medikament auf den Markt: Contergan. Damals, vor 50 Jahren, konnte keiner ahnen, welche verheerende Folgen das meist als harmloses Schlafmittel verabreichte Medikament für viele Neugeborene der nächsten Jahre haben sollte. Die Erkenntnis, dass Contergan die Fehlbildungen von ca. 5000 Babys (10000 weltweit) verursacht haben könnte, war ein nationaler Schock. Danach folgte ein zähes, fast ein Jahrzehnt andauerndes Strafverfahren gegen Mitarbeiter der Firma Grünenthal. Nach einem außergerichtlichen Vergleich wurde das Verfahren wegen »geringer Schuld« eingestellt. Ein Urteil oder ein Schuldanerkenntnis sind niemals erfolgt. Es ist kein leichtes Unterfangen, anknüpfendan diese wahren Begebenheiten einen historischen Spielfi lm zu entwickeln. Wer nach den neuerlichen juristischen Auseinandersetzungen um Persönlichkeitsrechte der damaligen Beteiligten nun einen spekulativen und auf Sensation setzenden Fernsehzweiteiler erwartet, wird überrascht werden.

Im Gespräch mit Katharina Wackernagel

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Zwei Jahre liegen die Dreharbeiten von „Contergan“ nun zurück, und niemand hat Ihre großartige Darstellung bislang sehen können. Wie haben Sie die langwierige juristische Auseinandersetzung über den Film erlebt?

Katharina Wackernagel: Das war furchtbar für mich. Ich bin auch skeptisch geworden. Immer wieder zu jubeln: Prozess gewonnen! Und dann ist die Sache doch noch nicht ausgestanden. Zwischendrin war natürlich der Schreck, dass der Film vielleicht gar nicht gezeigt werden könnte. Die Arbeit mit Adolf Winkelmann und Denise, die meine Tochter gespielt hat, war so etwas Besonderes, dass ich dachte: Es darf nicht sein, dass so ein Film verboten wird.

Wie muss man sich das eigentlich vorstellen, wenn man plötzlich eine Filmtochter hat?

Es ist schon ein besonderes Verhältnis, das man da aufbaut: Sich am Anfang erst kennen zu lernen und dann vier Wochen lang zusammen zu sein. Ich will nicht sagen, dass ich etwas Mütterliches für sie gehabt hätte – ihre Mutter war ja auch die ganze Zeit dabei –, aber vielleicht war ich ein bisschen wie eine große Schwester. Es war schön, wie wir so nach und nach zusammengewachsen sind. Und dann diese riesige Enttäuschung, als der Film erst auf dem Filmfest in München laufen sollte und dann doch nicht gezeigt werden durfte. Denise schrieb mir eine SMS, da treffen wir uns endlich – und dann wurde der Film abgesagt. Jetzt freue ich mich auf die Premiere.

Wie hat Sie der Regisseur durch den Film geführt?

Die Arbeit mit Adolf Winkelmann war erstaunlich: Mit was für einer Ruhe er das durchgezogen hat und sich für jeden Zeit nahm. Trotzdem hatte er nie das Gefühl, dadurch mit der Zeit in Verzug zu kommen. Es war toll, welche Chancen er uns gab. Ich erinnere mich an die ersten Tage, bevor wir anfingen zu drehen. Da haben Benjamin Sadler und ich mit Adolf Winkelmann jeden Abend stundenlang im Hotel gesessen und geredet, uns Geschichten zu unseren Figuren ausgedacht. Ich habe selten erlebt, dass ein Regisseur das auch möchte. Da fühlte man sich sehr aufgehoben und begleitet.

Könnten Sie Ihre Figur kurz beschreiben?

Ich glaube, dass Vera anfangs niemals damit gerechnet hätte, so eine Aufgabe im Leben gestellt zu bekommen. Nicht, dass sie naiv gewesen wäre, aber sie hatte noch keinen konkreten Lebensplan, außer vielleicht den von einer schönen Küche und dem Leben als Anwaltsgattin. Dann ist sie aber die Erste, die die Tochter annimmt und sagt: Das ist mein Kind. Sie entwickelt eine große Kraft und erfährt dadurch viel über sich selbst. Diese Fähigkeit hätte ich dieser Frau zu Beginn gar nicht zugetraut.

Aber Muttergefühle muss man ja auch als junge Schauspielerin irgendwo hernehmen.

Obwohl ich kein Kind habe, konnte ich diese Gefühle aus mir schöpfen. Zudem hat mich diese Vera auch sehr berührt. Was wiederum viel damit zu tun hat, wie Adolf Winkelmann die Figuren mit uns entwickelt hat.

Hatten Sie sich das schon beim Lesen des Drehbuchs vorstellen können?

Da war ich noch ein bisschen skeptisch und dachte, hoffentlich werden die Figuren nicht zu plakativ, wird das Ganze nicht sentimental. Aber Adolf Winkelmann ist eben kein Regisseur, der Sentimentalität bedient. Und ansonsten war ich einfach perplex über die damalige Zeit: Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie vor nur vierzig Jahren noch mit Behinderten umgegangen wurde. Diese Szene im Krankenhaus, wenn ein behindertes Kind geboren ist und ein Arzt sagt: Das ist eine Schande für unser Haus. Ich dachte, dass kann nicht sein. Dann habe ich das aber meinem Vater erzählt, und der sagte: Doch, so haben Leute damals gesprochen. Dass Leute sagten: Sie haben ja ein süßes Kind, aber in meinem Kindergarten möchte ich es nicht so gerne sehen. Mir wurde von allen Seiten bestätigt, dass es so gewesen sein muss. Und teilweise auch noch heute so ist. Integration funktioniert ja noch immer nicht überall.

Vielleicht ändert sich das ein kleines bisschen durch Ihre Darstellung. Sie setzen ein positives Zeichen, wie selbstverständlich man das Leben mit einem behinderten Kind angehen kann.

Ich hatte mich allerdings noch nie zuvor mit der Situation beschäftigt, dass jemand im Supermarkt das Kind anglotzt und sagt: Warum hat die jetzt keine Arme und nur ein Bein? Das ist nicht unbedingt aggressiv gemeint und zeigt vielleicht nur, dass jemand einfach nicht weiß, wie gebe ich diesem Menschen jetzt die Hand. Da war es sehr wichtig, mit der Mutter von Denise darüber zu reden. Denn eine Behinderung kann natürlich schon eine große Belastung werden, für die man nicht immer die Kraft findet. Da überlegt man sich vielleicht doch, lieber schnell allein einkaufen zu gehen. Aber genau deshalb ist es so wichtig, diesen Film zu zeigen.

Nun gibt es auch ausgesprochen leichte und zum Teil lustige Szenen. Wahrscheinlich auch bei den Dreharbeiten…

Es war total irre, wie Adolf Winkelmann Caroline Peters und mich als Freundinnen inszeniert hat. Drehbücher verlangen ja oft enge Freundschaften, die dann vielleicht schnell zerbrechen, aber die Darsteller kennen sich vorher gar nicht. Da hat Adolf Winkelmann uns die tollsten Sachen zugeflüstert: Als wir zum Beispiel das Sofa ausprobieren sollten, war das herrlich. Fünf Minuten sind wir da zusammen herumgehopst. Obwohl wir gar nicht wussten, was er mit dieser Szene anfangen will. Aber er wusste, dass uns das einfach näher bringen würde. Oder bei meiner Zeugenaussage, die fast in eine Prügelei ausartet. Ich sollte von zwei Polizisten festgehalten werden, aber die Komparsen, die sie spielten, haben sich das nicht richtig getraut. Ich hingegen habe total hysterisch gespielt und mich wahnsinnig gewehrt! Die waren völlig verlegen und haben sich danach immer wieder bei mir entschuldigt. Als ich diese Szenen im Drehbuch las, dachte ich, wie machen die das bloß, dass es spannend bleibt. Jetzt habe ich den Film schon zwei Mal gesehen und finde gerade die Gerichtsszenen besonders gut. Sie sind voller toller Typen und fallen nie ins Klischee.

Sie haben selbst einmal Regie geführt bei einem sehr erfolgreichen Kurzfilm. Wollen Sie da irgendwann weitermachen?

Das würde ich gerne. Mein Bruder ist ja Drehbuchautor, und wir würden gerne mal wieder einen Film zusammen machen. Das ist schon noch in Planung.

Im Gespräch mit Benjamin Sadler

Herr Sadler, seit „Das Wunder von Lengede“ haben Sie in einigen so genannten Eventfilmen gespielt. Wird man da vielleicht schon zum „Eventstar“ ernannt?

Benjamin Sadler: Das weiß ich nicht. Mich interessiert auch generell weniger das Format als der Inhalt. Im Idealfall hat man einfach einen guten Film gemacht. Unabhängig von dem Format und einer Etikettierung.

Die Geschichte dieser Familie wäre auch ohne den Contergan-Fall interessant.

Genau. Das ist das Spannende an diesem Film, dass die Dramaturgie vollkommen anders ist. Adolf Winkelmann erzählt einen Film vor einem konkreten Hintergrund, aber die Geschichte erzählt sehr motiviert von einer Zeit und einem gesellschaftlichen Phänomen, das heute so aktuell ist wie vor vierzig Jahren. Zu jedem Problem, denkt man, gibt es eine Pille: Nehmen Sie nur Psychopharmaka wie das amerikanische Prozac. Funktionieren steht in unserer Gesellschaft über allem.

Ist das in Ihrem Beruf nicht auch sehr wichtig?

Sie sitzen hier gerade mit Schal im Hochsommer…

(Er lacht.) Dafür rauche ich aber auch wie ein Schlot! Wissen wir denn wie die Medikamente im Körper funktionieren? Man kennt die Wirkung, aber was genau im Körper abläuft, das weiß man oft nicht. Was sich seit den 60er Jahren sicherlich geändert hat, ist der Umgang mit Behinderten. Wobei nur ein Betroffener selbst das wirklich beurteilen kann. Mir hat ein so genannter Behinderter mal gesagt „Ich selbst fühle mich nicht behindert, erst die Gesellschaft macht mich dazu.“

Sie haben selbst eine fünfjährige Tochter. Wie haben Sie die Arbeit mit Ihrer Filmtochter Denise empfunden?

Sie war und ist unser größtes Glück für den Film. Eine der großartigsten Begegnungen, die ich als Mensch in den letzten Jahren gehabt habe. Für mich ist Denise der Star des Films. Dieses Mädchen ist der Hammer. Sie ist jetzt im Teenageralter und sieht nichts lieber als „Verliebt in Berlin“.

Konnten Sie sich den Film eigentlich von Anfang an so vorstellen, wie er jetzt geworden ist?

Die Emotionalität der Geschichte war von Anfang an gegeben. Bei der ersten Lektüre des Drehbuchs habe ich Rotz und Wasser geheult. Nehmen Sie die Szene mit dem einsamen Kindergeburtstag. Diese Vorstellung – ich bin ja selbst Vater – macht dich kaputt. Da sah man schon die Möglichkeit einer emotionalen Herangehensweise. Und ich kannte Adolf Winkelmanns klassische Filme und die Haltung, die aus ihnen spricht. Daran wurde dann kollektiv gearbeitet, wobei das Team aus Winkelmann und dem Kameramann David Slama die Kopfarbeit leistete. Wir haben uns jeden Abend im Kaminzimmer unseres Kölner Hotels getroffen. Es war erstaunlich, wie offen und interessiert jeder an einer inhaltlichen Weiterentwicklung war. Wie jeder Adolf Winkelmanns Ideen annahm und bereit war, sie umzusetzen! Es war die ideale Ensembleleistung, so sollte es immer sein.

Diese Geschlossenheit merkt man besonders dem homogenen Darstellerspiel an…

Es gibt ja wunderbare Schauspieler, die hier in kleineren Rollen spielen, aber ganz unverwechselbar zur Qualität des Films beitragen. Es ist einfach alles richtig besetzt. Da könnte man sich doch nirgendwo jemand anderen in einer Rolle vorstellen.

Und wie würden Sie Ihre Rolle charakterisieren?

Was diesen Mann zum Helden macht ist die grundsätzliche Entscheidung zu tun, was er denkt, das getan werden muss. Er sieht sich zu einem gewissen Zeitpunkt um und entscheidet sich, einen Weg zu gehen, der nicht nur mutig ist und einsam, sondern eine doppelte Belastung darstellt: für ihn als Vater und als Juristen. Er nimmt enorme private Belastungen in Kauf. Trotzdem gibt er nicht auf. Vielleicht werden ihm die Konsequenzen erst Jahre später bewusst. Für mich war nun interessant, die möglichen Schwächen zu finden. Wann wird er müde? Langfristig wird ihm vielleicht niemand danken, aber er gibt seine Integrität nicht auf.

Ist es nicht schwer, einen Helden zu spielen, der nicht dauernd auch physisch aktiv ist? Es gibt ja keine Actionszenen, kaum Außenaufnahmen.

Ich kann nur sagen: Mit Adolf Winkelmann ist gar nichts schwierig. Und mit so wunderbaren Kollegen. Es gibt Momente, in denen man probieren und sich umentscheiden muss. Aber mit einem Paten wie Adolf Winkelmann an der Seite, habe ich vollstes Vertrauen. Es ist ein innerer Prozess, eine Strategie im Kopf: Als hätte jemand ein unsichtbares Schachspiel vor sich. Und der Stuhl, auf dem der Mann sitzt, also der private Stuhl, wird im Prozess auch noch in seine Bestandteile zerlegt. Am Ende bleibt ihm nur noch das Sofa in seiner Kanzlei, auf dem er schlafen kann. Durch David Slamas Kamera scheint dieser Zustand die ganze Zeit förmlich zu vibrieren. Filmisch wird da etwas erzählt.

Dabei tritt die Kamera ja auch niemandem zu nahe, es ist ja kein Dogmafilm mit Wackelkamera.

Nein, die Kamera merkt man gar nicht, und das ist ja das Großartige daran.

Hatten Sie Vorbilder aus dem Leben für diese Darstellung?

Kennen Sie das Gefühl: Man hat jemanden kennen gelernt, freundet sich an und wird dann zum ersten Mal nach Hause eingeladen. Dann hat man ein Bild im Kopf, wie die Leute wohl leben mögen. Aber die Wirklichkeit ist natürlich ganz anders. Später geht man nach Hause und denkt: Wie hatte ich mir das eigentlich vorgestellt? Aber dieses Bild ist dann schon vergessen. So geht es mir mit Vorbildern, die ich vielleicht einmal hatte. Die sind vergessen.

Und wie haben Sie sich so gut in die Zeit einfühlen können?

Die Produktionsfirma Zeitsprung hatte uns acht Stunden mit Fernsehsendungen zusammengestellt, von den Game Shows bis zu den Nachrichten von damals. Das war das Sprungbrett in die Zeit. Wie fühlte sich das an? Diese Aufbruchstimmung in Deutschland. Und von dieser Euphorie musste man in den privaten Alptraum eintauchen: Wo eine unvorhersehbare Tragödie den Traum vom Erfolg durchkreuzt. Adolf Winkelmann filetiert mir das geradezu, ich muss nur noch zugreifen. Wenn der wieder eine Rolle hätte, ich glaube ich würde blind zusagen. Wann geht es los? Wo muss ich stehen? Sofort!

Kann man in Worte fassen, wie Adolf Winkelmann das geschafft hat? Gibt es da einen Trick?

Vielleicht glorifiziere ich das, aber diesmal kam mir vieles so mühelos vor. Und wenn ich mich frage, warum, dann habe ich eigentlich nicht das Bedürfnis, dem so genau nachzuspüren. Denn diese Magie, die Adolf Winkelmann da kreiert, die will ich gar nicht ganz verstehen.

Im Gespräch mit Hans-Werner Meyer

Herr Meyer, wie würden Sie Ihre Rolle in „Contergan“ beschreiben?

Hans-Werner Meyer: Der Anwalt Horst Bauer ist ein Mensch, der von unten kommt, in eine reiche Familie eingeheiratet hat und immer unter Druck steht. Es ist vielleicht eine etwas undankbare Rolle, aber mir war es wichtig, sie so zu füllen, dass sie nicht einfach ein Abziehbild ist. Ich wollte ihr die Komplexität geben, die jedem Menschen zusteht, so dass es dem Zuschauer nicht so leicht gemacht wird, sich auf eine Seite zu schlagen.

Nun ist ja bei allem Ernst kein deprimierender Film dabei entstanden. Können Sie die Stimmung bei den Dreharbeiten beschreiben?

Es war eine sehr heitere Atmosphäre. Dass Heiterkeit und ein ernstes Thema sich nicht ausschließen, beweist ja der Film, und das hängt stark mit dem Regisseur Adolf Winkelmann zusammen. Ihm schwebte ein Sittenbild der 60er Jahre vor, und das ziemlich präzise. Der Mann muss ein fotografisches Gedächtnis haben. Zur Kostümprobe kam er z.B. und zeigte uns, wie die Schlipse gebunden werden müssen – diese kleinen, sehr festen Windsor-Knoten. Ihm waren alle Details extrem wichtig. Auch der Hintergrund der Szenen ist genauestens inszeniert. Wir haben beim Drehen viel gelacht, und ich habe beim Sehen des Filmes viel gelacht. Das macht ja gerade die tragische Dimension der Geschichte so viel erfahrbarer.

Wenn man den Film sieht, fällt auf, wie sehr diese vielen unterschiedlichen Darsteller zusammenwachsen. Wie gelang das?

Auch das hängt mit der Person des Regisseurs zusammen. Fünfzig Prozent der Miete ist natürlich eine Besetzung, die in der Lage ist, den Ton, der dem Regisseur vorschwebt, auch anzuschlagen. Er war dann einerseits sehr neugierig, wie die Schauspieler ihre Rollen spielen würden, andererseits hat er dieses Orchester guter Solisten aber auch mit dem ihm eigenen Humor dirigiert. Er hat eine enorme Menschenliebe, und die hat er auf uns übertragen. Er war übrigens überrascht, wie ich meine Figur angelegt hatte, und hat mir hinterher dafür gedankt, dass ich so für diesen „furchtbaren Kerl“ gekämpft hätte.

Haben Sie selbst noch Erinnerungen an die Contergan-Zeit?

Ich war ein Kleinkind, wurde zwei Jahre danach geboren. Ich habe noch Erinnerungen an Freunde meiner Geschwister, die von Contergan betroffen waren. Das war für mich ein Teil meiner Kindheit. Ich dachte immer, Contergan wäre eine Bezeichnung für eine bestimmte Sorte Kind, die eben keine Arme oder Beine hat. Ich habe sie immer sehr bewundert, das weiß ich noch, die waren sehr gut in allem, was sie machten. Sie haben eine wahnsinnige Energie entwickelt, und ich fand sie unheimlich stark.

Hat sich Ihrer Ansicht nach der Umgang mit Behinderten seit damals verbessert?

Auf jeden Fall. Man kann sich das gar nicht mehr vorstellen. Absurderweise hat ja der Contergan-Skandal enorm dazu beigetragen, dass sich das Klima verändert hat. Der Umgang war ja noch durch den Ton des Dritten Reiches bestimmt. „Krüppel“ war kein Schimpfwort, sondern die gängige Bezeichnung für behinderte Menschen. Die Betroffenen wurden oft selbst für ihr Schicksal verantwortlich gemacht, das war Teil der Aggression, die man gegen das Andersartige hatte, oder der Angst davor. Es war ja auch so, dass einem gesagt wurde „guck da nicht so hin“, wenn mal ein Schwarzer vorbeikam. Man hielt sich davon lieber fern. Das hat sich schon enorm verändert, allerdings hängt es wohl damit zusammen, wo man lebt. Wenn in einem sächsischen Dorf acht Inder von fünfzig Nazis gejagt werden, fragt man sich natürlich, ob sich überhaupt was verändert hat.

Ist es Ihnen denn leichtgefallen, in diese doch sehr fremde Zeit so glaubhaft einzutauchen?

Ich kann mich noch gut an die Erwachsenen mit ihren pomadierten Fasson-Haarschnitten erinnern. Für meine Figur hatte ich ein Vorbild aus meiner eigenen Familie, einen Onkel, der Oberstleutnant bei der Bundeswehr war. Der hatte eine andere Haltung, eine andere lautere, immer leicht befehlende Art zu reden, eine andere Zackigkeit. Allerdings kommt Horst Bauer aus dem Kleinbürgertum im Ruhrpott, also konnte ich ihn nicht so sprechen lassen wie meinen Onkel, sondern musste ihm eine leichte Ruhrpott-Färbung in der Sprache mitgeben, da in der Zeit Kleinbürger selten Hochdeutsch sprachen.

Glauben Sie, dass man mit Filmen etwas bewirken und die Gesellschaft aufrütteln kann?

Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass man mit einzelnen Filmen die Gesellschaft verändern kann. Aber der eine oder andere wird es sehen und sich erinnern, wie sehr die Firma Grünenthal versucht hat, diesen Film zu verhindern, und seine Schlüsse daraus ziehen. Mir zumindest ist klar geworden, dass unser Justizsystem durchaus anfällig ist. Gerechtigkeit ist auch hier oft eine Frage des Geldbeutels. Der Film hat ja schon im Vorfeld gewaltige Wellen geschlagen. Und er ist auch wirklich ein Meisterwerk. Mehr als ein Film zum Thema, er ist tatsächlich ein Sittenbild der 60er Jahre geworden – allerdings hatte ich sie nicht so humorvoll in Erinnerung.

Im Gespräch mit Denise

In „Contergan“ spielst du die Tochter von Paul und Vera Wegener so natürlich wie ein Profi. Hattest du gar kein Lampenfieber?

Denise: Doch, ich hatte großes Lampenfieber. Es war mein erster Film und ich wusste nicht, wie alles funktioniert.

Wie hat Adolf Winkelmann mit dir als Regisseur gearbeitet?

Er hat die Szenen immer vorher mit mir besprochen. Auswendig lernen musste ich nichts. Und vor meiner allerersten Szene – „Mensch ärgere dich nicht“ spielen mit der Familie – hat er mit mir zum „Aufwärmen“ eine Partie gespielt.

„Contergan“ erzählt von einer Zeit, als Behinderte stark ausgegrenzt wurden. Du bist mit einer Behinderung geboren. Wie empfindest du die Situation heute? Mit welchen Reaktionen wirst du konfrontiert?

Manchmal geht es mir nicht so gut, wenn Leute oder kleine Kinder mich anglotzen oder mit dem Finger auf mich zeigen. Aber ausgegrenzt werde ich nicht. Meine Freunde behandeln mich ganz normal.

Was bedeutet der Film für dich persönlich?

Der Film war ein supertolles Ereignis in meinem Leben und er ist der Grund dafür, dass ich jetzt Schauspielerin werden will.

Wie war die Arbeit mit deinen Filmeltern und den anderen Schauspielern?

Die Arbeit mit meinen Filmeltern war super. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Ich durfte sie schon vor dem Dreh kennen lernen. Sie haben mich zu Hause besucht und wir sind zusammen Eisessen gegangen. Da ich hauptsächlich mit Benjamin und Katharina gedreht habe, war der Kontakt zu den anderen Schauspielern nicht so eng.

Ging es bei den Dreharbeiten – trotz des ernsten Themas – auch mal lustig zu?

Bei den Dreharbeiten ging es fast nur lustig zu. Wir alberten herum, und mein „Filmpapa“ zeigte meiner „Filmmama“ und mir eine Grimasse, die ich nicht vergessen werde. Dann sagte er zu uns: „Jetzt sind wir eine Familie!“ (Sie lacht.)

Im Gespräch mit Caroline Peters

Sie haben gerade einen Grimme Preis für den Fernsehfilm „Arnies Welt“ gewonnen. Da spielen Sie eine Hannah Bäumer, in „Contergan“ heißen Sie Hanne Bauer. Kommt man da nicht durcheinander?

Caroline Peters: Glücklicherweise waren die Figuren natürlich so unterschiedlich, dass man nichts verwechselt. Zumal meine Mutter im wirklichen Leben auch Hanne hieß und ich nun selbst im 60er-Jahre-Look genau wie sie auf den Fotos ihrer Hochzeit aussah. Darüber musste ich immer sehr lachen.

Wie würden Sie die Hanne aus dem Film „Contergan“ beschreiben?

Auf den ersten Blick ist sie „die Böse“. Sie ist immer dagegen, den Prozess zu führen, weil das die Anwaltskanzlei ihres Mannes ruinieren könnte. Und anders als ihre Freundin Vera, die ein Contergan-geschädigtes Kind bekommt, kriegt sie ein gesundes. Trotz allem fühlt sie sich aber als Freundin und ergreift schließlich für Vera Partei.

Haben Sie auch solche Freundinnen, denen man nicht so ganz trauen kann?

(Sie lacht.) Gott sei Dank nicht! Aber ich fand es schön, mal auf der anderen Seite zu stehen. Dass einem aber immer wieder verziehen wird, das kenne ich aus dem wirklichen Leben nicht so.

Sie werden einem ja auch immer sympathischer in diesem Film…

… weil Hanne auch zusehends ihre bürgerlichen Ideale beiseite stellt und sagt, warum kann ich nicht wie meine Freundin sein.

Früher dachte man bei Mutterrollen eher an Inge Meysel…

… heute fängt das für Schauspielerinnen mit 28 an! Ich war ja froh, dass die Kinder noch so klein waren, es werden einem durchaus auch Mutterrollen mit erwachsenen Kindern angeboten. Dann sage ich immer: Das wollt ihr den deutschen Frauen erzählen? Dass man wie 35 aussieht, wenn man Kinder hat, die gerade Abitur machen?

Hatten Sie zu dem Thema des Films eine persönliche Beziehung?

Ich bin in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen, da kannte man das so. Man hatte ein Contergan-Kind in der Schule. Heute sind die Betroffenen weitgehend aus dem Leben und dem Alltag verschwunden. Deshalb bin ich sehr froh, dass das Thema noch einmal aufgenommen wird. Schließlich hat es die Gesellschaft ja sehr verändert.

Im Film vermitteln sie die Volkesstimmung von damals – alle Ressentiments gegenüber Behinderten. Konnten Sie sich das eigentlich noch vorstellen?

Nein, das kenne ich so gar nicht, obwohl es auch erst vierzig Jahre her ist. Als der Arzt sagt: Das können sie auch prima in ein Heim geben! Das würde man heute nicht mehr wagen.

Wie haben Sie sich in die Zeit eingefühlt?

Hauptsächlich über die Ausstattung. Wir haben ja im Studio gedreht, da hat man dann plötzlich so eine Wohnung und ist umringt von diesen Tapeten. Und bei den Kostümproben: Es hilft einem enorm weiter, schon Wochen vorher solche Kleider zu tragen und diese Frisuren. Und was das wiederum für die Frauen bedeutete, so viel Zeit im Badezimmer zu verbringen!

Warum fand man das damals eigentlich so wichtig?

Die fanden sich natürlich wunderschön. Und ich fand es auch wunderschön, wenn ich ehrlich bin. Es hat totalen Spaß gemacht, und man hat ja auch so selten Gelegenheit, wirklich historisch zu arbeiten. Adolf Winkelmann hat dann auch immer gesagt: Ach, wie meine Mutter bei meinem Abitur oder dem und dem Kaffeekränzchen. Oder: Und jetzt siehst du aus wie meine Patentante. Der hat sich immer wahnsinnig gefreut, weil er eine viel lebendigere Erinnerung daran hat. Und die Autos: Da hatten wir diese tollen Borgwards, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.

Das klingt, als hätte die Arbeit am Film viel Spaß gemacht.

Es war wirklich eine sehr ungewöhnliche Arbeit, allein die Jahre chronologisch zu drehen. Und wenn man mal etwas Neues ausprobieren wollte, war David Slama mit seiner Kamera ganz unkompliziert und sagte nicht erst: Da ist deine Markierung, du wir haben jetzt keine Zeit. Es war einfach toll mit David Slama und Adolf Winkelmann, die so vertraut wie ein altes Ehepaar hinter der Kamera agieren.

Und es muss ja auch reizvoll sein, mal eine „Schurkenrolle“ zu spielen…

Das ist besonders schön, weil man einmal alle seine negativen Seiten voll ausphantasieren kann. Das gibt es für Frauen fast nie, man muss immer der verzeihende Part sein. Höchstens eifersüchtig darf man sein, als Ex-Freundin oder so. Hanne ist ja total karrieristisch, was man so nie zeigen darf, ohne der absolute Widerling zu sein. Hier geht es ja nicht einmal um die Liebe eines Mannes, sondern ganz handfest um den Status und welches Auto man haben will. Dabei ist Vera nicht einmal eine Karrierefrau, sondern eine reiche Hausfrau.

Wenn man Sie so reden hört, viele gute Seiten hat Ihre Hanne wirklich nicht.

Sie zeigt ja auch nie Anteilnahme. Einmal, kurz nachdem das Kind geboren ist, kommt sie mal vorbei und macht recht hilflos Schnittchen. Das ist Adolf Winkelmann spontan eingefallen, mit den Gürkchen und Silberzwiebeln im Glas! Aber man muss auch bedenken, dass dies eben der Stolz der Nachkriegszeit auf den Wohlstand war. Kein Wunder, dass die Menschen dazu dann auch noch Schlaftabletten brauchten und Ärzte sie so bereitwillig verschrieben.

Statement von August Zirner

„Dr. Naumann ist ein Anwalt, der pragmatisch, sachlich, zynisch mit dem Phänomen Wiederaufbau umgeht. Die sentimentalen Wehwehchen der durch Kapitalismus verweichlichten (Pharma-) Industriellen gehen ihm auf die Nerven. Wer A sagt, muss auch B sagen können. Wer einen Krieg und deutsche Schuld verschlafen will, braucht ein starkes Schlafmittel…“

Interview mit Regisseur Adolf Winkelmann

Herr Winkelmann, vor dem ersten und dem zweiten Teil des Fernsehfilms „Contagan“ gibt es einen Vorspann…

Das liegt nicht in meiner Macht. Der Text ist uns vom Gericht so vorgeschrieben.

Die Firma Grünenthal hat gegen die Ausstrahlung geklagt. Welche Änderungen mussten Sie an Ihrem Film vornehmen, damit er jetzt gezeigt werden darf?

Es gab ja 32 Verbotspunkte, die beim Landgericht beantragt wurden. Es waren also 32 einzelne Einstweilige Verfügungen, meist mit mehreren Unterpunkten, immer bezogen auf bestimmte Dialogpassagen und Szenen. Davon ist in der zweiten Instanz, beim Oberlandesgericht, ein einziger übrig geblieben, und von dessen vier Unterpunkten auch nur noch zwei. Es geht um den Privatdetektiv Karges: Historisch verbürgt ist, dass die Firma Grünenthal einen namentlich bekannten Privatdetektiv engagierte, und der hat versucht, missliebige Ärzte auszuspionieren.

Dabei ging es allerdings nicht um die Fehlbildungen, sondern um die Nervenschäden.

Contergan ist ja vor fünfzig Jahren auf den Markt gekommen, am 1. Oktober 1957. Kurze Zeit später häuften sich die Hinweise und Nachfragen von Ärzten, Kliniken und Patienten, dass nach Einnahme von Contergan so genannte Polyneuritiden auftraten, sprich: Nervenschäden. Die Haut fühlte sich an wie Reibeisen oder es gab Taubheitsgefühle in den Extremitäten, unerklärliche Schmerzen. Das Schlimme daran: Die blieben – auch wenn man das Medikament absetzte. Dazu gab es eine Vielzahl von Anfragen und Beschwerden. Das wollte Grünenthal nicht wahrhaben, und in dem Zusammenhang wurde ein Privatdetektiv engagiert. In unserem Film bespitzelt dieser auch den Anwalt und versucht, ihn fertig zu machen und seine Ehe zu zerstören. Da sagte das Gericht: Da gehen wir zu weit, da gibt es keine Entsprechung in der historischen Realität. Deshalb musste ich da etwas ändern.

Das heißt, die anfängliche Kritik an der Darstellung der Anwaltsfamilie ist vom Tisch?

Das Oberlandesgericht hat Schulte-Hillen in keinem Punkt Recht gegeben.

Was wurde neu gedreht?

In der ursprünglichen Version konnte man als Zuschauer den Eindruck gewinnen, der Detektiv Karges handele mit Wissen und Billigung der Geschäftsführung der Pharmafirma. Dieser Eindruck ist jetzt ausgeschlossen. Ansonsten ist der Film so geblieben, wie ich ihn gedreht habe und wie er seit dem Frühjahr 2006 fertig vorliegt.

Dass es ein derart lebendiger und mitreißender Film geworden ist, liegt nicht zuletzt am Ensemble…

Ich hatte bei diesem Film das Glück, wirklich genau die Darsteller zu bekommen, die ich mir gewünscht habe, und ich bin dem Produzenten Michael Souvignier sehr dankbar für seine tatkräftige Unterstützung bei der schwierigen Arbeit an dieser perfekten Besetzung. Die Zusammenarbeit mit ZEITSPRUNG war in jeder Beziehung hervorragend. Und was die Firma nicht zuletzt im juristischen Kampf um den Film geleistet hat, verdient größten Respekt. Außerdem habe ich das Gefühl, heute endlich als Regisseur alt und erfahren genug zu sein, die Schauspieler so führen zu können, dass ich von ihnen genau das bekomme, was ich für die Geschichte brauche.

Es ist gerade Ihre plastische Figurenzeichnung, die diesen Film zu mehr macht als einem historischen Eventfilm. Man würde sich auch ohne das Thema Contergan dafür interessieren, wie es dieser Familie mit ihrem behinderten Kind ergeht.

Ich bin stolz darauf, keinen dieser gängigen, spekulativen Event-Zweiteiler gemacht zu haben, in denen – egal ob Brandbomben fallen, die Flut rollt oder Rosinenbomber nach Berlin fliegen – ein spektakulärer historischer Hintergrund für eine seichte Dreiecks-Liebesgeschichte verwurstet wird. So etwas wollten wir auf keinen Fall. Mein Anliegen war, dieses schreckliche von Menschen gemachte, von Menschen verschuldete Unglück wieder ins Bewusstsein zu heben. Ich habe selbst als Heranwachsender Contergan-Kinder auf der Straße gesehen und musste lernen, damit umzugehen. Und ich habe mich im Nachhinein sehr geschämt dafür, wie ich – beeinflusst durch die Gesellschaft – auch selbst dachte, das sei kein schöner Anblick. Behinderte wurden damals stigmatisiert, in Heimen versteckt und weggeschlossen.

Es scheint, als sei auch die Nazizeit noch präsent gewesen mit ihren schrecklichen Idealen…

Die waren in den 50er, 60er Jahren nur unter den Teppich gekehrt, längst nicht aus den Köpfen verschwunden.

Müssen wir aber nicht heute umgekehrt sagen, dass sich nach Contergan die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Behinderten positiv verändert hat?

Wir haben riesige Fortschritte gemacht im Umgang mit behinderten Menschen, dennoch leben sie in einer Parallelgesellschaft, sie haben eigene Schulen, eigene Taxidienste, sind optisch nicht präsent im Straßenbild. Die Bewegungsfreiheit eines Rollstuhlfahrers endet allzu häufig vor Barrieren und unüberwindbaren Hindernissen.

Auch bei dem als Schlaf- und Beruhigungsmittel verabreichten Präparat verstand damals niemand die Wirkung – die Hersteller eingeschlossen. Hat sich auch das Arzneimittelrecht durch Contergan geändert?

Es gab weder ein brauchbares Arzneimittelgesetz, das die industrielle Produktion von Medikamenten regelte, noch Verbraucherschutzbestimmungen, Produkthaftung oder Ähnliches. Die Gesetzgeber der jungen Bundesrepublik hatten einfach noch keine Zeit dafür gefunden. In den USA war man schon viel weiter.

Als 1960 bei der Food and Drug Administration eine Zulassung beantragt wurde, übergab man den anscheinend einfachen Fall einer jungen Mitarbeiterin. Francis Oldham Kelsey stellte fest, dass es keine zufrieden stellende Dokumentationen gab und aus England Berichte über Nervenschäden bekannt waren. Das Medikament wurde nicht zugelassen. Ihre verantwortungsvolle Arbeit bewahrte die USA vor tausenden von Contergan geschädigten Kindern. 1962 erhielt Kelsey von Präsident John F. Kennedy den höchsten zivilen Verdienstorden der USA.

Die kleine Denise, die Darstellerin des behinderten Kindes, schließt man sofort ins Herz. Wie haben Sie sie gefunden?

Die ursprüngliche Idee war, die Darstellung der Behinderung mit Hilfe digitaler Animation zu lösen, etwa bei einem nicht behinderten Kind die Arme wegzuretuschieren. Aber ich hatte gerade mit Engelchen flieg einen Film mit einem körperlich behinderten Kind in der Hauptrolle gedreht und wusste, das ist Quatsch: Für mich war unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen des Films, ein Kind zu finden, das wirklich ohne Arme lebt und sein Leben meistert. Fußfertigkeit kann man nicht mal eben lernen. Man weiß nicht genau, wie es dazu kommt, aber damals wie heute werden in Einzelfällen Kinder ohne Arme oder Beine geboren. So haben wir nach diesen ganz seltenen Fällen gesucht. Contergan führte zu ganz bestimmten Fehlbildungen, und jeder Mediziner wird sofort sehen, dass Denise kein wirkliches Contergan-Kind ist. Wir suchten auch nach echten Contergan-Kindern, die es ja auch wieder gibt.

Wie bitte?

Ja, in Brasilien und Kolumbien zum Beispiel gibt es wieder Contergan-Kinder, der Wirkstoff Thalidomid wird dort gegen Lepra eingesetzt. Das Problem ist: Wie geht man mit dem Risiko für die Schwangeren um? Da ist dann vielleicht ein Beipackzettel, den ein Analphabet nicht lesen kann. Oder es gibt ein Piktogramm: Eine Frau mit durchgestrichenem dicken Bauch. Vielleicht ein Verhütungsmittel, könnte man denken! Wir hätten beinahe ein echtes Contergan- Kind aus Kolumbien besetzt, weil es diese spezielle Schädigung nur bei Contergan gibt. Dann fanden wir aber über einen Arzt dieses fröhliche, begabte Mädchen in Süddeutschland.

Für mich war es ein besonderer Glücksfall, weil ich auch mit der Mutter sprechen konnte. Lange Nachmittage haben wir darüber geredet, wie es ihr ergangen ist. Ich habe dann genau so inszeniert, wie sie mir von ihren Erfahrungen erzählt hat: Zum Beispiel, dass sie ihr Kind, trotz des Schocks nicht abgelehnt hat, sondern sofort liebte.

Wird man durch Ihren Film besser verstehen lernen, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte?

Es gibt einen Aspekt, der dieses Thema besonders interessant machte: Wir Menschen glauben ja gerne, uns die Erde untertan machen zu müssen, wir fühlen uns berufen, Erfindungen zu machen, um unsere Ziele zu erreichen. Bei Contergan wusste niemand, was es eigentlich war und wie es wirkte. Aber es wirkte: Die Menschen konnten besser schlafen. Was aber solche Errungenschaften sonst noch für Auswirkungen haben, kann man vorher nicht wissen. Wir sind wie die Zauberlehrlinge, die Geister rufen, die wir dann nicht mehr loswerden. Das ist unser Schicksal, nicht nur bei Contergan.

War nicht früher auch die Bereitschaft größer, einfach mal ein Schlafmittel zu nehmen?

Allerdings. Contergan wurde zudem aggressiv beworben als erstes und einziges Schlafmittel, mit dem man sich nicht umbringen kann, egal wie viele Pillen man nimmt. Es gab Contergan ja auch in flüssiger Form, im Volksmund „Kinosaft“ genannt. Warum? Den Saft gaben Eltern ihren Kindern, wenn sie abends mal in Ruhe ins Kino gehen wollten. Contergan war rezeptfrei, was sollte es schaden?

Die 50er Jahre waren geprägt von einem heute nicht mehr vorstellbaren naiven Fortschrittsglauben. Ich habe damals Reader's Digest Hefte verschlungen, sie waren voller Zukunftsfantasien, alles schien machbar. Diese Gläubigkeit hat dann durch den größten Arzneimittelskandal im Nachkriegsdeutschland allerdings einen Dämpfer bekommen.

Im Filmbereich aber glauben Sie offensichtlich an den Fortschritt, sonst hätten Sie nicht so oft etwas Neues ausprobiert: „Jede Menge Kohle“ war damals der erste deutsche Film in Dolby-Ton, hinter Ihnen sehe ich ein Plakat der Tonmarke THX.

Das ist ein Erinnerungsstück von George Lucas, das lange in den Ruhrsound-Studios hing, dem ersten digitalen Filmtonstudio in Deutschland.

Sie sind ein Technik-Fan bis hin zur kleinsten Taschenlampe…

Ich kann gar nicht verstehen, wie man das nicht sein sollte, wenn man mit einem technischen Bildmedium arbeitet. Ich habe ein präzises Verhältnis zu meinen Werkzeugen. Wenn ich Maler wäre, hätte ich doch auch ein Verhältnis zu Farbe und Pinsel und wüsste genau, wie ich was einsetze.

Bei aller neuen Technik haben Sie den Film doch sehr klassisch auf Filmmaterial gedreht und in ruhige Szenen aufgelöst.

David Slama und ich haben beim Drehen gemerkt, dass die 60er Jahre auch einen anderen Kamerastil verlangen. Eigentlich wollten wir den Film dokumentarischer, brüchiger und bewegter filmen, aber dann haben uns die 60er Jahre ergriffen.

Authentisch bis zum Kartoffelsalat…

Ja, die Erinnerung an die Zeit hat uns überwältigt. Ich habe sie ja sehr bewusst erlebt, und so kamen immer wieder diese Flashbacks: Da steht einem am Set plötzlich eine Chefsekretärin gegenüber. Heute gibt es die ja gar nicht mehr.

Sie meinen einen Typ Mensch, der sich in den Chef hineinversetzen konnte bis zur Telepathie.

Genau. Ursprünglich gab es nur eine einzige Sekretärin im Buch, die zweite habe ich dazugeschrieben. Während der Arbeit ertappte ich mich dabei, dass ich beide nach dem Vorbild meiner Mutter moduliert habe: Eine ist jünger, eine älter, aber beide sind meine Mutter. Sie war Chefsekretärin in einer großen Speditionsfirma. Ich habe als Kind oft erlebt, wie sie für die Herren die Zigarren auf dem Konferenztisch arrangiert hat. Einmal gab es eine Weihnachtsfeier mit exakt drapierten Tannenzweigen. Und dann kam der Weinbrand dazu, den sie Cognac nannten.

Haben Sie viele dieser Erinnerungen einbringen können?

Das eigentliche Kunststück ist, es doch nicht ganz so zu machen, wie es in den Sechzigern wirklich war.

Das müssen Sie erklären.

Zum Beispiel das Rauchen. In Konferenzen wurde hemmungslos Kette geraucht. Eins zu eins im Film dargestellt, geriete so etwas zur Karikatur.

Gerade aus heutiger Sicht macht man ja vieles falsch. So stellt man Filme über die 70er Jahre gerne voll schicker Designermöbel. Dabei hatte die damals kaum jemand, sondern man benutzte die Nachkriegsware, bis sie kaputt ging.

Die Ausstatterin Ingrid Henn ist da sehr präzise. Solche Fehler würde sie nicht machen. Auch ihre Kollegin Lucia Faust nicht, die Kostümbildnerin. Der Anfang mit der Kanzlei-Einweihung spielt 1960. Die Frauen tragen aber Petticoats, die fünf Jahre älter sind, weil die Verweildauer der Gegenstände wesentlich länger war als heute.

Sie erzählen von einem Kampf David gegen Goliath. In Ihren Bildern steht der einsame Anwalt dem mächtigen Grünenthal-Vorstand als finsterer Herrenriege gegenüber.

Das kann man so beschreiben. Ich fand es schon als Jugendlicher spannend zu beobachten, wie Hierarchien sich in Kleidung und Körpersprache präsentieren. Solche Gruppen kann man für einen Film nur inszenieren, wenn man eine Vorstellung von jeder einzelnen Figur hat und weiß, was sie tut, wie sie reagiert und sich bewegt.

Sie haben viel Persönliches in die Geschichte eingearbeitet.

Es sind kleine Details, die aber typisch sind für die Zeit, die ich sehr intensiv erlebt habe. Zum Beispiel meine Lieblingsstelle: Wenn die Wegeners nach der Geburt des Kindes zu Hause sind und Hanne Paul auffordert, er solle doch essen, was sie ihm da so aus lauter Verzweiflung zubereitet hat. Sie zählt alles auf: Ich hab dir Brot aufgeschnitten, streichzarte gute Butter, Dauerwurst, Schinken, Käse, Gürkchen… Sie redet und redet und zeigt, was sie sagt, alles ist doppelt.

Die Sprache, die sie wählen, vermittelt viel von dieser anderen Zeit…

Genau. Butter war eben damals nicht einfach Butter, sondern gute Butter. Im Gegensatz zur Tafelbutter. Denn das war Margarine. So ging es mir mit jedem Requisit. Da kam der Requisiteur mit einem Adventskranz, und ich spürte sofort, dass irgend etwas falsch war daran. Die Kerzen waren zu dick. Früher waren die dünner. Die musste er besorgen. Und das war schwer, weil Adventskranzkerzen heute eben dicker sind. Die Schlipsknoten habe ich allen Schauspielern selbst gebunden. Oder wie man damals den Kragen halb hochstellte: Diese Details ergeben am Ende ein Gesamtbild, das einen wirklich in die Zeit hineinversetzt. Und so haben wir eben auch intuitiv angefangen, die Kamera genau so zu bewegen, wie man es damals gemacht hätte.

Wie kamen Sie zum Beispiel an die originalen Tablettenröllchen?

Nicht wenige Contergan-Geschädigte haben alles aufgehoben, auch die echten Tabletten.

Wie viele Menschen sind insgesamt betroffen?

Weltweit wurden mehr als 10.000 Menschen betroffen. In Deutschland leben heute noch etwa 2.800 Contergan-Geschädigte. Mit 550 Euro Rente, maximal. Und diese Rente zahlt nicht der Verursacher, sondern der Steuerzahler. Die Eltern der Contergan-Kinder haben in einer extremen Notsituation auf alle Rechte verzichtet, um Entschädigungszahlungen zu erhalten. Jetzt aber kommen die Spätfolgen. Wenn man sein Leben lang mit den Füßen isst, hat das Auswirkungen auf die Wirbelsäule. Es gibt Spätschäden in mannigfaltiger Art, viele Betroffene haben täglich Schmerzen und brauchen kostspielige medizinische Hilfe. Vor möglichen Nachforderungen hat Grünenthal heute natürlich besondere Angst. Wenn jetzt eine breite Öffentlichkeit erfährt, was damals los war, könnte die Forderung laut werden, alles wieder aufzurollen.

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