Ton Steine Scherben

Viele Mythen ranken sich um die Band Ton Steine Scherben, die heute als Inbegriff der protestlerischen Deutschrock-Combo gilt. Da ist zunächst einmal der Name: Fans und Kenner streiten sich bis heute, ob es sich dabei um ein Zitat des Troja-Entdeckers Heinrich Schliemann („was ich fand, waren Ton, Steine, Scherben“) oder um eine Abwandlung des Namens der westdeutschen Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden handelt. Rio Reiser (bürgerlich: Ralph Moebius, Gesang), R.P.S. Lanrue (bürgerlich: Ralph Peter Steitz, Gitarre), Kai Sichtermann (Bass) und Wolfgang Seidel (Schlagzeug) gründen 1970 die Gruppe in Westberlin aus einer Theaterkommune heraus. Zu späteren Besetzungen gehören außerdem: Jörg Schlotterer (Flöte), Nikel Pallat (Saxophon), Martin Paul (Keyboards), Marius Del Mestre (Gitarre) und Klaus „funky“ Götzner (Schlagzeug). Erste größere Bekanntheit erreichen die politisch links motivierten Ton Steine Scherben durch einen Auftritt beim legendären Festival auf der Insel Fehmarn, bei dem Jimi Hendrix sein letztes Konzert gibt: Während des dritten Scherben-Songs „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ geht das Organisationsbüro in Flammen auf. Die Veranstalter verschwinden mit den Tageseinnahmen, die Szene aber glaubt, die Band hätte das Feuer gelegt. 1971 erscheint die erste LP auf dem bandeigenen Label David Volksmund. „Warum geht es mir so dreckig?“ thematisiert die Sorgen und Nöte des kleinen Mannes mit einer klaren, direkten Sprache von der Straße. In der vom Aufbruch beseelten Spät-68er-Szene Berlins wird die Gruppe um den bekennend homosexuellen Reiser bald zur Galionsfigur und liefert mit Stones-artigem Kraut’n’Blues den Soundtrack für Demos und Hausbesetzungen. „Keine Macht für niemand“ (1972) wartet mit ähnlich radikal-rebellischem Gedankengut wie der Erstling auf, was weiterhin für einen breiten Boykott in der Medienlandschaft sorgt. Darüber hinaus wird die Band zunehmend vor fremde Karren gespannt, so dass man 1975 völlig abgebrannt beschließt, Berlin zu verlassen. Auf einem Bauernhof im nordfriesischen Fresenhagen finden Rio und seine Jünger eine neue Heimat. Die Ruhe hat ihren Einfluss auf die Kunst: Musik und Text werden ausgefeilter, tiefsinniger und melancholischer. Die 1975 erschienene LP „Wenn die Nacht am tiefsten“ hat mit dem Proletarier-Rock der Anfangstage zwar noch viel gemein, ist aber von einem an Weltflucht grenzenden Utopieglauben an Friede und Toleranz geprägt. „IV“ (1981) rückt fast in die Nähe der NDW, floppt in der Erstauflage aber wegen einer miserablen Pressqualität. 1983 übernimmt die spätere Grünen-Politikerin Claudia Roth das Management der Gruppe, die im selben Jahr noch eine letzte LP veröffentlicht („Scherben“), bevor sie sich 1985 auflöst und einen gigantischen Schuldenberg hinterlässt. Halblegitime Nachfolgebands wie „Neues Glas aus alten Scherben“ oder „Ton Steine Scherben Family“ halten - insbesondere seit Reisers Tod - die Erinnerung an dieses wichtige Stück deutscher Rockgeschichte wach. 2001 kommt der Dokumentarfilm „Der Traum ist aus oder die Erben der Scherben“ in die Kinos. 2003 und 2005 erscheinen Cover-Alben unter dem Titel „Familienalbum Band 1 und 2“.

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