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Tocotronic

Trotz anfänglich eher überschaubarer instrumentaler Fähigkeiten umgab Tocotronic stets eine Aura des Besonderen. Mit klugem Indie-Rock und geistesgegenwärtigen Texten wurden sie nicht nur zur führenden Band der deutschen Indie-Intelligenzia, sondern zu einer der wichtigsten deutschen Rockbands.

Benannt nach einem Gameboy-Vorläufer wurden Tocotronic 1993 in Hamburg von Bassist Jan Müller und Schlagzeuger Arne Zank, die zuvor schon in den Punksbands Meine Eltern und Punkarsch zusammen spielten, sowie dem aus Freiburg zugezogenen Sänger und Gitarristen Dirk von Lotzow gegründet. Schon bei ihren ersten Auftritten versammelte die Band eine Kult-Anhängerschaft um sich, die den Namen Tocotronic in der Hamburger Szene rasch bekannt machte. Neben dem musikalischen Ansatz, ungestüme Punkmusik mit intelligenten Texten zu verquicken, prägten sich vor allem die markant schlurfigen Outfits der Band mit Traingingsjacke und Cord-Hose rasch ein. Schon bald zierten Tocotronic-Textzeilen zahlreiche Hamburger Häuserwände, und noch bevor die erste Platte veröffentlicht war, gründete sich mit Megatronic der erste Fanclub.

1994 veröffentlichte die Band ihre erste, mit einfachsten Mitteln produzierte 4-Track-Single „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“. Jochen Distelmayer, Chef der Hamburger Indie-Ikone Blumfeld, baute den Songtitel in einen seiner eigenen Songs ein und bescherte Tocotronic damit höchst glaubwürdige Promotion. Distelmayer stellte auch den Kontakt zum Hamburger Indie-Label L’Age D’Or her, das die Single sowie T-Shirts mit dem Songtitel in den Vertrieb aufnahm. Nach der ersten Tournee mit Blumfeld und 5 Freunde gingen Tocotronic in die Hamburger Soundgarden-Studios und produzierten 1995 ihr erstes Album „Digital ist besser“, das vom intellektuell ausgerichteten Teil der Indie-Szene begeistert aufgenommen wurde. Die Mischung aus kruden Schrammel-Songs, eingängigen Melodien und intelligenten Texten traf einen Nerv der Szene und ließ die Fangemeinde des Trios bundesweit rasch anwachsen.

Bereits Mitte des Jahres legten Tocotronic mit dem Mini-Album „Nach der verlorenen Zeit“ ihre dritte Veröffentlichung nach. Darauf enthalten war der Song „Ich bin neu in der Hamburger Schule“, den die Indie-Presse dankbar als Inspiration für eine neue Genre-Schublade nutzte. Fortan wurden Bands wie Blumfeld, Tocotronic oder Die Sterne unter dem Etikett „Hamburger Schule“ geführt, was bei den Musikern selbst bald zu einigem Unmut führte. Nach einigen Jahren verschwand der Begriff weitgehend wieder aus dem Vokabular der deutschen Rock-Presse. Nach einigen kleineren Konzertreisen durch die Nation veröffentlichte Tocotronic in jenem Jahr noch zwei Singles, zum einen „Du bist ganz schön bedient“, das auch in einer englischsprachigen Version erschien, und den späteren Hit „Freiburg“. Dass sie die deutsche Indie-Szene bereits fest in ihr Herz geschlossen hatte, zeigte nicht zuletzt der Jahrespoll 1995 des Szene-Sprachrohrs „Spex“: Die Leser wählten Tocotronic zum Newcomer des Jahres und zur drittbesten Band überhaupt.

Nach kleineren Tournenn durch Deutschland, Holland und die Schweiz zu Jahresbeginn legten Tocotronic 1996 mit „Wir kommen, um uns zu beschweren“ ihren zweiten Longplayer vor, mit dem prompt der erste Charts-Einstieg auf Platz 47 gelang. Die Konzerte der anschließenden Tournee mussten ob der enormen Nachfrage in größere Hallen verlegt werden. Im Sommer trat die Band noch bei einigen Festivals auf, bevor sie sich an das Songwriting für das nächste Album machte. Zuvor kam es jedoch zu einem viel beachteten Ereignis bei den „Comet“-Awards: Tocotronic waren in der Kategorie „Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben“ des Musiksenders nominiert,und wurden bei Verleihung schließlich auch als Sieger verkündet. Auf der Bühne bedankten sich die Musiker artig für die Einladung, lehnten den Award aber ab: „Wir sind nicht stolz darauf, jung zu sein. Und wir sind auch nicht stolz darauf, deutsch zu sein“, so die Begründung der Band. Abgerundet wurde das Jahr von einer kleineren Tournee.

Im Februar 1997 machten sich Tocotronic auf nach Frankreich, wo in den Blackbox-Studios das vierte Album „Es ist egal, aber …“ entstand. Mit dem vorab ausgekoppelten, Refrain-losen „Sie wollen uns erzählen“ gelang der Band ihr bis dahin größter Single-Hit, der auch in die Singles-Charts einstieg. Musikalisch präsentierte sich die Band auf dem im Juli folgenden Album deutlich gereifter und instrumental weniger stümpferhaft als auf den vorangegangenen Veröffentlichungen. Textlich behandelten sie, nach den relativ konkreten Nörgeleien der früheren Werke, jetzt weiter gefasstere Themen wie Entfremdung, Sehnsucht und Freundschaft. Im März des Folgejahres machte sich das Trio auf Einladung der US-Band Fuck erstmals nach Amerika auf und spielte dort ihre erste Tournee, bei der sogar höchste Indie-Prominenz wie Sonic Youth oder Pavement vorbeischaute, um zu gratulieren. Für den internationalen Markt veröffentlichten Tocotronic daraufhin die Best-Of-Kopplung „The Hamburg Years“.

Für die Produktion von „K.O.O.K.“ verbrachten die drei Musiker diesmal stolze 70 Tage im Studio, mehr als für jedes Album zuvor. Stärker denn je reicherten sie ihre Gitarren-Songs mit Streicher- und Bläser-Arrangements an. Nach Abschluss der Aufnahmen spielte die Gruppe 1999 vereinzelte Konzerte in Kopenhagen, Amsterdam, Wien und Belgien, wo die neuen Songs auf ihre Live-Tauglichkeit getestet wurden. Im Frühsommer standen dann mit den Auftritten auf der Hauptbühne der Mainstream-Festivals Rock im Park/Rock am Ring die bislang größten Konzerte der Bandgeschichte an. Im Anschluss wählten Tocotronic einen deutlich intimeren Rahmen und traten auf der folgenden Tour ausschließlich in bestuhlten Theatersälen auf. Die Vorabsingle „Let There Be Rock“, die mit ihrem von AC/DC geborgten Titel und einem Zitat der Keyboard-Melodie aus Europes „The Final Countdown“ rasch für Aufsehen sorgte, stieg auf Platz 38 der Singles-Charts ein und wurde so zum würdigen Vorboten des Albums: Auf „K.O.O.K.“ präsentierte sich die Gruppe musikalisch noch ausgereifter und erreichte mit Platz sieben die bis dahin höchste Chartsplatzierung der Bandgeschichte. Neben den üblichen Sommerfestivals trat die Formation in jenem Jahr auch auf einem LKW-Anhänger in Hamburg auf, um gegen einen dortigen Nazi-Aufmarsch zu protestieren.

Im März 2000 machten sich die drei Musiker ein weiteres Mal in Richtung USA auf, wo sie einige Konzerte spielten, unter anderem beim renommierten South-By-Southwest-Festival. Mit im Gepäck hatten sie eine komplett englischsprachige Version von „K.O.O.K.“. Im Juni erschien das Remix-Album „K.O.O.K. Variationen“, das teils gewagte Neufassungen der Album-Songs von Produzenten und Künstlern wie Egoexpress, Console oder Funkstörung enthielt. Der Console-Remix „Freiburg Version 3.0“ mauserte sich rasch zum Hit in den Indie-Clubs, während das Remix-Album einen respektablen Platz 82 der Albumcharts erreichte. Bis zum Jahresende gab die Gruppe noch vereinzelte Konzerte, bei denen Rick McPahil sein Debüt als Tourkeyboarder gab, der das Trio dabei unterstützte, die aufwändigen Arrangements der letzten Platte live umzusetzen.

Das Jahr 2001 ließen Tocotronic sehr ruhig angehen: In diesem Jahr spielte die Band kein einziges Konzert, vielmehr standen die Arbeit am nächsten Album sowie Soloprojekte der Bandmitglieder auf dem Plan: Dirk von Lotzow veröffentlichte gemeinsam mit dem Superpunk-Musiker Thies Mynthe ein Elektro-Pop-Album unter dem Namen Phantom/Ghost, schrieb Ausstellungskritiken für das Magazin „Texte zur Kunst“ und interviewte einen italienischen Horrorfilm-Regisseur. Jan Müller gründete die Punk-Band Das Bierbeben, mit der er Anfang 2002 die 7-Inch-Single „Die Birne ist reif“ veröffentlichte, und Arne Zank produzierte am heimischen PC elektronische Musik. Anfang 2002 fanden die drei Musiker dann zur Produktion ihres fünften Longplayers wieder zusammen. Mit der Vorab-Single „This Boy Is Tocotronic“ gelang ein weiterer Indie-Hit, der auf Rang 48 der Charts einstieg und auch in Österreich gute Platzierungen erreichte. Sogar der britische „New Musical Express“ war begeistert und lobte den Song als „excellent icy electro-guitar-clash-pop“, den er irgendwo zwischen Grandaddy und New Order einordnete. Es folgte der erste Tocotronic-Auftritt in der RTL-Charts-Show „Top Of The Pops“.

Das folgende, schlicht „Tocotronic“ betitelte Album stieg auf Platz fünf der deutschen Album-Charts ein, in Österreich erreichte die CD Rang sechs. Nach einem weitern Auftritt bei Rock am Ring machte sich die Band im Herbst zu einer Zweimal-zwei-Wochen-Tour auf und koppelte mit „Hi Freaks“ einen weiteren Albumtrack aus, der ebenfalls auf große Begeisterung in den Indie-Clubs stieß. Im Januar 2003 fanden sich Tocotronic auf der Nominiertenliste des deutschen Musikpreises Echo in der Kategorie „Künstler/in/Gruppe National Alternative“ wieder, gewannen ihn aber nicht und kamen so um Dankes- und Ablehnungsreden herum. Danach stand der Band ein geruhsames Jahr mit vereinzelten Konzerten bevor. Anlässlich des zehnjährigen Bandjubiläums veröffentlichten Tocotronic im Dezember die Best-Of-Kopplung „10th Anniversary“ inklusive B-Seiten und Raritäten. Auf der parallel erschienenen DVD bündelte die Gruppe neben sämtlichen Video-Clips Tour- und Studiodokumentationen sowie ausführliche Interviews. Daneben widmeten sich die Musiker wieder ihren Nebenprojekten: Dirk von Lotzow veröffentlichte das zweite Phantom/Ghost-Album, Jan Müller brachte mit Das Bierbeben drei Maxis heraus, und Arne Zank absolvierte einige Soloauftritte.

2004 wurde Rick McPhail als offizielles Mitglied in die Band aufgenommen, und die Gruppe reiste auf Einladung des Goethe-Instituts für vier Konzerte nach Sibirien. Danach ging es an die Aufnahmen zum nächsten Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“, das im Januar 2005 auf den Markt kam und auf Rang drei der Charts debüttierte.

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