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Fakten und Hintergründe zum Film "W?stenblume"

Fakten und Hintergründe zum Film "W?stenblume"

Das bringt der Serienherbst auf Disney+
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Autorin Waris Dirie über den Film

Als Kind hatte ich viele Träume, aber ich habe mir niemals ausgemalt, mein eigenes Leben einmal auf der großen Leinwand zu sehen. Zurück in die Wüste zu kommen, brachte all meine Erinnerungen mit einer solchen Wucht zurück, dass es mich überwältigte. Vor allem die wunderschönen somalischen Kinder im Film, Soraya, die mich als Kind spielt, der kleine Engel Saffa, die für den Film so viel Leid spielen musste, und der kleine Idris, der so wunderbar und authentisch meinen Bruder spielt.

Als ich den Produzenten Peter Herrmann die ersten Male vor vielen Jahren traf, raubte er mir den letzten Nerv. Aber heute muss ich sagen, dass er wirklich alles gegeben hat. Der gesamte Film ist wunderschön geworden, und am schönsten sind für mich persönlich die afrikanischen Landschaftsbilder. Und Sherry Hormann, unsere Regisseurin, hatte unglaublichen Mut, sich an so eine komplexe Reise zu wagen. Ich dachte, wir würden irgendwann im Laufe der Dreharbeiten aneinander geraten. Meine Intuition aber sagte mir, sie einfach ihren Job machen zu lassen und ihr zu vertrauen. Und sie hätte es nicht besser machen können. Liya, meine Schwester, wir haben so viel gemeinsam. Du bist ein Teil von mir geworden und du hast großartige Arbeit geleistet.

Als ich den fertigen Film zum ersten Mal sah, war es nicht einfach, mein eigenes Leben auf der Leinwand zu sehen. Als ich das Kino verließ, war ich innerlich unglaublich aufgewühlt. Doch ich wusste, dass dieser Film eine wichtige Botschaft hat, die von allen Menschen geteilt wird: die Achtung menschlicher Würde.

Autorin Waris Dirie: Über ihr Leben und Werk

Waris Dirie wurde 1965 in der Region von Gallacaio in der somalischen Wüste an der Grenze zu Äthiopien als Tochter einer Nomadenfamilie geboren. Im Alter von 5 Jahren durchlitt sie die unmenschliche Prozedur einer genitalen Verstümmelung. Dieses schlimme Verbrechen an Frauen wird weltweit von Muslimen und Christen praktiziert. Täglich werden nach Schätzungen der UNO 6.000 Mädchen Opfer dieser unvorstellbaren Grausamkeit.

Im Alter von 13 Jahren flüchtet Waris vor der Zwangsverheiratung mit einem Mann, der ihr Großvater hätte sein können. Nach einer abenteuerlichen Flucht landet sie in London und arbeitet als Hausmädchen und bei McDonald‘s. Mit 18 Jahren wird sie vom englischen Star-Fotografen Terence Donovan als Model entdeckt und gelangt zu internationaler Berühmtheit.

Sie übersiedelt von London nach New York und wird eines der ersten ‚Supermodels’. Sie erhält als erstes afrikanisches Model einen Exklusivvertrag vom Kosmetikkonzern Revlon und ziert die Titelseiten aller großen Magazine. An der Seite von Timothy Dalton spielt sie in JAMES BOND – DER HAUCH DES TODES und die BBC dreht einen Dokumentarfilm mit dem Titel „A Nomad in New York“ über Waris Dirie für die Serie „The Day That Changed My Life“.

Als die US-Starjournalistin Barbara Walters sie für NBC und Laura Ziv für das Magazin Marie Claire interviewen, beschließt Waris Dirie, über das grausame Ritual der Verstümmelung an Frauen und ihr eigenes Schicksal zu erzählen. Sie löst damit weltweit eine Welle von Mitgefühl und Protest aus. UN-Generalsekretär Kofi Annan ernennt sie zur UNSonderbotschafterin.

Weibliche Genitalverstümmelung wird vor allem in Afrika, im arabischen Raum und in Asien praktiziert, aber häufig auch in Immigrantenfamilien in Europa, den USA, Kanada und Australien. Sie reist im Auftrag der UNO um die Welt, nimmt an Konferenzen teil, trifft Präsidenten, Nobelpreisgewinner und Filmstars, gibt hunderte Interviews, um auf ihre Mission aufmerksam zu machen.

1997 erscheint ihre Biografie „Wüstenblume“ (Desert Flower) in New York und wird ein internationaler Bestseller (in Deutschland 120 Wochen ununterbrochen in den Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste). Das Buch erscheint in über 50 Lizenzausgaben und wird in vielen Ländern No.1 der Bestsellerlisten; weltweit wurden bis heute über 11 Millionen Bücher verkauft.

20 Jahre nach ihrer Flucht beschließt sie, ihre Familie in Somalia zu besuchen. Ein abenteuerliches Unternehmen, denn Somalia ist seit 12 Jahren von Bürgerkrieg und Hungersnöten geplagt. Diese Reise beschreibt sie in ihrem zweiten Buch „Nomadentochter“ (Desert Dawn), welches ebenfalls ein internationaler Bestseller wird.

2002 gründet sie die Waris Dirie Foundation mit Hauptsitz in Österreich. Die Foundation initiiert weltweit Public-Awareness-Kampagnen gegen weibliche Genitalverstümmelung bzw. unterstützt bestehende Kampagnen, unterstützt Opfer direkt und bietet über die e-mail-Adresse waris@utanet.at ein Beratungsservice für Betroffene, Aktivisten, Unterstützer und Medien. Bisher wurde dieser Service von mehr als 30.000 Menschen aus aller Welt genutzt.

In ihrem dritten Buch „Schmerzenskinder“ erzählt Waris Dirie 2005 ihr Leben weiter, von dem Tag an, als sie ihr Schweigen brach. Sie berichtet von Begegnungen mit Opfern und Tätern, von den mühsamen Recherchen, von Rückschlägen und Erfolgen.

Mit dem Buch startet Waris Dirie eine europaweite Kampagne gegen FGM (Female Genital Mutilation): Waris trifft zahlreiche europäische Spitzenpolitiker, spricht vor Abgeordneten, in Parlamenten und vor der Europäischen Union. 2006 setzt die Europäische Union den Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung erstmals in ihrer Geschichte auf ihre Agenda. Sie trifft im Februar 2006 25 Minister aus den Mitgliedsstaaten zu einer Konferenz, um Maßnahmen im Kampf gegen FGM zu diskutieren. Danach werden in vielen Ländern Gesetze verschärft und Präventionsmaßnahmen initiiert.

2007 startet Waris Dirie eine Kampagne gegen FGM zusammen mit Scotland Yard und der BBC in Großbritannien. „Die Menschen müssen verstehen lernen,“ sagt Waris, „dass weibliche Genitalverstümmelung nichts mit Tradition, Kultur oder Religion zu tun hat. Es ist die zynischste Form der Kindesmisshandlung. Alle Staaten, weltweit, sollten ernste und konsequente Maßnahmen gegen alle in die Wege leiten, die dieses Verbrechen begehen.“

2007 erscheint Waris Dirie neuestes Buch „Brief an meine Mutter“. Sie sagt: „Dies ist mein persönlichstes Buch. Es gibt Wunden, die nicht heilen wollen. Groß war meine Sehnsucht, meine Mutter wieder zu treffen, meiner Mutter zu verzeihen, doch ich musste erkennen, dass Liebe und Leid oft untrennbar aneinander gekettet sind. Die Arbeit an diesem Buch war für mich eine schmerzvolle, aber überlebenswichtige Erfahrung…!“

Durch die Bücher von Waris Dirie wurde weibliche Genitalverstümmelung zu einem weltweiten Thema. Auf massiven Druck der internationalen Staatengemeinschaft haben seit 1997 14 afrikanische Staaten (u.a. Kenia, Ghana, Burkina Faso, Elfenbeinküste, die Zentralafrikanische Republik, Benin und Togo) Genitalverstümmelung per Gesetz verboten. Weltweit leben über 130 Millionen Frauen (UNICEF 2006) traumatisiert durch FGM. Viele von ihnen wurden und werden von ihren Familienangehörigen und verantwortungslosen Ärzten auch in Europa und in den USA verstümmelt, wobei in vielen Ländern die Behörden bisher tatenlos zugesehen haben. Waris Dirie wurde für Millionen von Frauen und Mädchen zum Symbol für Hoffnung und Gerechtigkeit. Sie gab ihnen ein Gesicht, ein Schicksal, einen Namen.

Sie erhielt viele Preise und Auszeichnung für ihre Arbeit und ihre Bücher, u.a. den World Women’s Award von Präsident Michail Gorbatschow (2004), den Bischof Oscar Romero-Preis der Katholischen Kirche (2005), den Woman of the Year Award des Magazins Glamour (2000), den Afrika-Preis der deutschen Bundesregierung (1999) sowie den Corine Award des Deutschen Buchhandels für das beste Sachbuch (2002). 2007 ernannte sie der französische Präsident Nicolas Sarkozy zu einem Chevalier de la Legion d’Honneur, die World Demographic Association verlieh ihr 2007 den Prix des Générations. 2008 erhielt Waris Dirie von der Martin Buber Foundation als erste Frau die Martin Buber Plakette.

Im Januar 2009 wurde Waris Dirie Gründungsmitglied der neuen PPR Foundation for Women’s Dignity and Rights, die sie mit dem französischen Wirtschaftstycoon François Henri Pinault und dessen Frau Salma Hayek in Paris ins Leben gerufen hat. Die ersten Charity Projekte, die in Pakistan, Indien, Kongo, Benin, Nigeria, Spanien und Frankreich finanziert werden, wurden bereits beschlossen. Waris Dirie ist österreichische Staatsbürgerin und Mutter zweier Söhne.

Bei WÜSTENBLUME fungiert Waris Dirie auch als Co- Produzentin.

Regisseurin Sherry Hormann über den Film

Es begann alles mit einer kleinen weißen Plastiktüte.

Peter Herrmann, den ich bis dahin nur von freundlichen Hallos kannte, schob sie mir über den Tisch. „Ruf mich an und sag mir, ob du drei Gründe findest, daraus einen Film zu machen.“ Es war ein Buch. „Wüstenblume?“ Ich kannte es nicht. „Dafür Millionen andere außer dir,“ war seine schlichte Antwort.

Der Inhalt fesselte mich. Eine unglaubliche Lebensreise, eine Geschichte voller nebeneinander existierender Gegensätze, die sich selten so mutig in einem Menschenwesen vereinen wie bei Waris Dirie: Nomadenkind aus der Wüste – Topmodel in New York, analphabetische Putzfrau bei McDonalds – politische Rednerin vor der UNO. Wäre die Geschichte nicht wahr, ich hätte gedacht, ich lese eine moderne Version des Aschenputtelmärchens. Vor allem aber ist “Wüstenblume“ ein Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit weiblicher Genitalverstümmelung, ohne blind anzuklagen, eine tiefe Wunde verborgen hinter der Fassade von Schönheit und Glanz.

„So, who are you to film my story?“, sagte Waris Dirie zu Beginn unseres ersten sich abtastenden Treffens, und Stunden später als sie wieder ins Taxi stieg: „When do we start? Now?“ Später sollte ich lernen, dass jeder seinen eigenen Grund hat. Während eines Castings in London zur Besetzung von der Rolle Waris, betrat eine 40-jährige aus Mali den Raum. Ich schaute ungläubig und die Frau nahm freundlich vorweg, was ich mich nicht traute, laut auszusprechen: „Ich bin nicht Ihre Waris, ich weiß, und viel zu alt, und schauspielen kann ich auch nicht. Ich arbeite in einer Fabrik in Glasgow, aber ich habe mir heute extra frei genommen, bin in den Zug hierher, um Ihnen zu sagen, wie wichtig dieser Film für Afrika ist.“ Ich war überfordert, schämte mich fast, weil ich keinen ‚wichtigen Themen-Film’ machen wollte. Sie nahm meineHand, küsste sie und lachte: „Don’t be afraid.“

Auf der ersten Recherchereise in Kenia traf ich drei tief verschleierte somalische Frauen. Sie hatten denselben Namen: Amina, waren vor dem Bürgerkrieg geflüchtet. Sie lehrten mich alles über FGM (FemaleGenital Mutilation) und ihre eigene Kindheit, die mit Waris’ Großwerden identisch schien, und plötzlich sagte die eine von ihnen: „There is this American, his name is Obama, he wants to be your next president. He is our people.“ Irgendwie gehören wir alle zusammen…

Später in Djibouti realisierte ich, dass WÜSTENBLUME der erste Film sein wird, der die somalische und dessen moslemische Kultur thematisiert. Wir filmten Nomaden, die buchstäblich noch keine Kamera gesehen hatten. Wir holten Ken Kelsch, der mit seiner Bildsprache aus den Abel Ferrara-Filmen sehr früh einen prägenden Eindruck bei mir hinterlassen hatte. Und als wir das Wagnis eingingen, eine echte Beschneiderin, die bereit war sich ablichten zu lassen, vor die Kamera zu holen, spätestens da verstand ich, dass der Film für mich eine ganz eigene Reise wird, nicht zuletzt gegen meinen eigenen Vorurteile und Vor-Urteile. Laien und hochkarätige Schauspieler pralltenaufeinander.

Manche Somalis, wie Waris’ Vater, musste ich in einer Einstellung austauschen, da er plötzlich verschwunden war. Ich fand ihn beim Beten, und ihm war egal, ob 80 Menschen und eine untergehende Sonne auf ihn warteten. Wir nutzten die Kulisse des Marktplatzes von Djibouti als Mogadischu.

Hundert Polizisten sperrten das Gebiet ab, aber plötzlich waren sie alle verschwunden. Einfach so waren sie weg. Chaos brach aus, Teamleute wurden mit Steinen beworfen, und jeder hatte seine Gründe.

Die Polizisten waren Mittagessen, sie hatten gehört, dass ein angemietetes Restaurant ein Buffet aufbaut und wollten die Ersten sein. In London schickte ich Liya Kebede nachts auf die Straßen. Wir drehten mit versteckter Kamera. Sie gliederte sich ein in das Leben der Homeless und erfuhr sogleich die übliche Behandlung. Nur zwei Somalis, die in London lebten und zufälligerweise vorbei kamen, boten ihr Hilfe an, ob sie Geld brauchte oder eine Unterkunft?

Ich hatte den Eindruck, dass gerade weil Waris’ Geschichte so märchenhaft klingt, die Umsetzung umso wahrer, echter sein sollte.

Jamie Leonard, der britische Szenenbildner, baute englische Innenräume in eine leer stehende, deutsche Gummifabrik. Und als Sally Hawkins und der Rest dieses starken britischen Casts anfing, ihrer Spielwut inmitten dieser Stellwände freien Lauf zu lassen, vergaß jeder, dass wir in Köln waren. Wir waren mittendrin in London und wir selbst waren Reisende geworden zwischen Djibouti, England, Deutschland und den USA. Es war egal welchen Pass wir hatten, wir erzählten gemeinsam diese eine Geschichte. Von Waris, die so beherzt ihr Leben in die Hand genommen hat.

Ich danke Peter für diese weiße Plastiktüte.

Über die Produktion

Wenn man als Produzent einen Film plant, gibt es fast immer ein Vorbild, an dem man sich mehr oder weniger orientiert. Bei WÜSTENBLUME hatten wir es damit schwer. Eigentlich galt es drei völlig verschiedene Filme zu vereinen: Die Geschichte von Waris Dirie ist nicht nur eine Cinderella Story, vom armen Nomadenmädchen in Somalia zum Top Model auf den Laufstegen der Welt, es ist eine Geschichte der Immigration einer jungen Afrikanerin nach Europa und die Heldengeschichte einer sehr mutigen Frau. Nachdem Waris Dirie zu Erfolg und Prominenz gekommen war, wagte sie als Erste, über die furchtbare Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung in der Öffentlichkeit zu sprechen.

WÜSTENBLUME ist eine tief bewegende, dramatische Lebensgeschichte, ein Stoff, der ein Anliegen hat, etwas bewirken möchte, und schon als Buch die Herzen vieler Millionen Leser rund um die Welt erreicht hat.

Produktion: Die Buchrechte

Waris Diries Autobiografie „Wüstenblume“ erschien 1999 in Deutschland und wurde sehr schnell zum Bestseller. Etwa ein halbes Jahr später las ich das Buch, nahm aber an, dass es sich gar nicht lohnen würde, mich nach den Rechten zu erkundigen, da das Buch zuerst in Amerika erschienen war und Filmrechte von Bestsellern normalerweise bereits vergeben sind, wenn das Buch in Deutschland auf den Markt kommt. Und so war es auch. Elton John hatte die Rechte erworben und plante mit seiner Firma Rocket Pictures, das Buch zu verfilmen.

Die Vorstellungen von Rocket Pictures und Waris Dirie, wie dieser Stoff zu verfilmen sei, waren aber sehr unterschiedlich und so kam es 2002 dazu, dass die Rechte wieder frei wurden. Zufällig hörte ich davon und traf mich ein Jahr später zum ersten Mal mit Waris Dirie, die damals noch in London lebte. Das war kein Treffen in der Art, man versteht sich auf Anhieb und ist sich einig, sondern ich musste erkennen, dass Waris sehr vorsichtig war, die Filmrechte von „Wüstenblume“ wieder zu vergeben.

Auch verständlich, denn es erfordert Vertrauen, die eigene Lebensgeschichte, die ja auch sehr intim ist, in fremde Hände zu geben. Neun Monate lang trafen wir uns immer wieder, redeten, planten, entwickelten Ideen und im Februar 2004 wurde der Vertrag unterschrieben.

Produktion: Die Finanzierung

Die Möglichkeit, einen Stoff von solcher Tragweite zu verfilmen, begegnet einem als deutscher Produzent nicht gerade häufig. Um den Film selbst gestalten zu können, und nicht kleiner Partner ohne großen Einfluss in einem amerikanisch dominierten internationalen Film zu werden, musste der Film daher zu einem großen Teil aus Deutschland heraus finanziert werden. Nicht ganz einfach, denn die Geschichte hat mit Deutschland, außer der immensen Leserschaft, nicht viel zu tun. Zugleich sollte und musste der Film nicht nur für den deutschen, sondern für den Weltmarkt konzipiert sein. Das bedeutet, in Englisch zu drehen, was wiederum deutsche Schauspieler weitgehend ausschließt.

Das Budget kalkulierten wir mit etwa 11 Millionen Euro. Ein normaler deutscher Film darf nicht mehr als 6 bis 7 Millionen Euro kosten, um mit optimaler Ausnutzung der üblichen Wege finanziert werden zu können. Durch zahlreiche Partner aus Deutschland, Österreich und Frankreich sowie dem großem Vertrauen seitens der Filmförderinstitutionen wurde es jedoch möglich, das hohe Budget zu finanzieren, ohne die Federführung aus der Hand geben zu müssen.

Produktion: Das Drehbuch

Schon lange wollte ich mit Sherry Hormann einen Film machen. Ich traf sie im Sommer 2004 und drückte ihr „Wüstenblume“ in die Hand. Ihre erste Reaktion war eher ablehnend, „wieder so eine Frauengeschichte“.

Doch sie las es und unser zweites Treffen war ganz anders. Sherry war in der Lage, deutlich zu formulieren, was an dem Stoff so fasziniert. Schnell war klar, dass Sherry nicht nur die ideale Drehbuchautorin, sondern auch die Regisseurin des Films sein würde. Ihr Zugang zu diesem Stoff war die perfekte Voraussetzung, ein vertrauensvolles Verhältnis zu Waris Dirie aufzubauen.

In den Jahren der Vorbereitung lernten wir beide Waris besser kennen. Wie schon bei meinem ersten Treffen mit ihr ging es nicht immer harmonisch zu. Im Englischen gibt es einen treffenden Ausdruck: „She’s a character“, das meint schillernd, eine interessante Persönlichkeit, die es ihrer Umwelt aber auch nicht immer leicht macht. Wenn jemand über Jahre hinweg sich selbst ein Stück weit opfert und vor der Öffentlichkeit Intimes preisgibt, um gegen Genitalverstümmelung zu kämpfen, dann hinterlässt das Spuren. Doch mein Respekt vor Waris Dirie – von Anfang an schon sehr hoch – ist mit den Jahren nur gestiegen.

Dieses Buch zu adaptieren, eine Lebensgeschichte in ein Drehbuch zu verwandeln, gehört zu den schwierigsten Herausforderungen beim Filmemachen überhaupt. Nach langen Diskussionen und vielen Versionen, entschieden wir uns, die Zeit von Waris in London in den Mittelpunkt zu setzen, Afrika eher „klein“ zu halten und New York nur kurz zu streifen. Drei Jahre dauerte die Buchentwicklung, ein Weg mit vielen Irrungen und Windungen. Sherry schrieb viele Versionen, viel mehr als heute offiziell auf dem Deckblatt des Drehbuchs stehen.

Produktion: Die Besetzung

Bei der Verfilmung einer Lebensgeschichte hängt der Film noch mehr als bei anderen Filmen von dem Schauspieler des Protagonisten ab. Unsere Waris ist bei fast jeder Szene im Bild, d.h. diese Darstellerin muss den Film tragen. Eine bekannte Schauspielerin mit zumindest einigermaßen ostafrikanischem Aussehen gibt es nicht.

So war klar, dass es eine eher wenig bekannte Darstellerin, eine Anfängerin, also eine Entdeckung sein musste. Wir starteten mit den Londoner Casting Agenten Ros und John Hubbard ein internationales Casting. Es wurden hunderte junger Mädchen in London, Paris, Kenia, Südafrika, New York und Los Angeles vor die Kamera geholt. Nach über sechs Monaten machte sich Nervosität breit, denn ohne Hauptdarstellerin…

Eines Abends, sehr spät, rief mich Sherry an und sagte nur: „Auf der zweiten DVD, die Nummer 4, die ist es.“ Unabhängig von ihr war ich beim Ansehen des Castingbands ebenfalls bei Liya Kebede hängen geblieben. Erst am nächsten Tag bekamen wir das Zusatzmaterial und erfuhren, dass Liya ein in Amerika sehr bekanntes Top Model, ein Star in der Modewelt ist und schon in Robert De Niros THE GOOD SHEPherD und Andrew Niccols LORD OF WAR kleinere Rollen gespielt hatte. Wir luden sie zu Probeaufnahmen ein und eigentlich war die Entscheidung schon gefallen, bevor wir uns diese Probeaufnahmen im Kino auf der großen Leinwand ansahen. Liya hat eine unglaubliche Ausstrahlung und eine extreme Präsenz vor der Kamera.

Mit Liya im Zentrum konnten wir dann endlich auch die übrigen Rollen in Afrika und Europa besetzen – ein Ensemble großartiger Schauspieler: Angefangen von den beeindruckenden Darstellern in Afrika – fast ausschließlich Laien, von denen manche noch nie eine Kamera in ihrem Leben gesehen haben – bis hin zum hochkarätigen wie hoch professionellen britischen Cast. Es ist einfach ein großes Vergnügen, Sally Hawkins, Craig Parkinson, Meera Syal, Timothy Spall und Juliet Stevenson bei der Arbeit am Set zuzusehen. Sie passen so gut zusammen, als wären sie als ganze Gruppe gecastet worden. Tatsächlich waren bei jedem Einzelnen die Gespräche mit Sherry Hormann und natürlich die berühmte Geschichte von Waris Dirie entscheidend. Unsere Darsteller wollten unbedingt bei diesem Film dabei sein.

Eine amüsante Randgeschichte war die Besetzung der Rolle Harold, denn obwohl eine kleine Rolle, war es keine leichte Aufgabe: Harold ist der Love Interest unserer Heldin und muss vom Publikum akzeptiert werden. Mit dem Amerikaner Anthony Mackie ist das perfekt gelungen. Die Bestätigung erhielten wir gleich am Set: Schon an seinem ersten Drehtag, der Szene im Club, verhielten sich alle weiblichen Mitglieder der Crew auffallend anders…

Produktion: Die Dreharbeiten

Djibouti ist ein kleiner Staat am Horn von Afrika zwischen Somalia und Äthiopien, früher ein Teil Somalias und daher für uns ideal. Die Stadt Djibouti ähnelt Mogadischu vor dem Krieg, es gibt verschiedene Charakteristiken von Wüsten, wenige Autostunden von Djibouti Ville entfernt.

Am 29. März 2008 begannen die Dreharbeiten in Djibouti. Das war der letztmögliche Termin, denn ab Mai sind die Temperaturen dort so hoch, dass de facto nicht mehr gedreht werden kann. Das Thermometer steigt auf über 45 Grad, an vielen Tagen auf über 50 Grad im Schatten. März, April sind es „nur“ 35 bis 40 Grad.

Nach einer kurzen Pause drehten wir ab 20. Mai in London, Anfang Juni in Deutschland und Ende Juli in New York. Das Konzept war, alle Szenen, die in London und New York außen spielen, an Originalschauplätzen zu drehen. Szenen, die in London und New York innen spielen, wurden in Deutschland im Studio oder an umgestalteten Originalmotiven in Köln, Berlin und München gedreht. Das klingt nicht nur kompliziert, Dreharbeiten in vier Ländern auf drei Kontinenten und in Deutschland in drei Städten sind es.

So betrachtet hat der Film Ähnlichkeit mit einem großen Puzzlespiel. Ein gutes Beispiel ist folgende Szenenfolge: Waris und Marilyn in der Pension Studio Köln Club Originalmotiv Düsseldorf Waris rennt aus dem Club LondonPension Studio Köln Fastfood Restaurant London Waris und Marilyn im Park Köln Marilyn bringt Waris ins Krankenhaus Berlin Waris steht vor dem Schaufenster London Waris mit ihrer Mutter in der Hütte Djibouti So geht das durch den ganzen Film.

Dabei hat jedes Land seine eigene Drehkultur, seine Eigenheiten und Traditionen und das bewirkt Irritationen, verursacht Fehler, kostet Zeit. Vor Drehbeginn konnte sich keiner vorstellen, dass dieser komplizierte Plan sich auch nur annähernd so umsetzen lassen würde und doch war der letzte der 52 Drehtage des Hauptdrehs der 21. Juli in New York, wie im November des Jahres zuvor geplant. Eine Meisterleistung der Produktionsabteilung, vor allem unseres Herstellungsleiters.

Produktion: Design und Kostüme

Das Kernelement der Ausstattung von Jamie Leonard war der Studiobau in einer leer stehenden Gummifabrik in Köln. Zwölf Motive wurden in eine große Halle gebaut. Während des Baus wurde mir zum ersten Mal bewusst, warum eine englische Sozialbauwohnung aus den sechziger Jahren anders aussieht als eine deutsche. Das ist nicht nur ein spezifischer britischer Geschmack bei den Tapeten, Möbeln oder Teppichen, das beginnt bei den Fenstern, die etwas anders aussehen und die wir extra anfertigen lassen mussten (so was macht man heute in Polen), das sind Türklinken, Badarmaturen, andere Fußbodenleisten u.s.w.

Sherry Hormann hat mit der Kostümbildnerin Gabriele Binder bereits in einigen Filmen zusammen gearbeitet. Es gab ja das Problem, dass Waris Geschichte, die wir im Film erzählen, zwar Anfang der neunziger Jahre stattgefunden hat, aber wir schon deshalb keinen „historischen“ Film drehen wollten, da sich bei den Themen illegale Immigration und weibliche Genitalverstümmelung kaum etwas geändert hat. Das hieß wir drehen, als würde die Geschichte zeitlos spielen, mit einem Schwerpunkt auf der heutigen Zeit.

Das hat vor allem auf das Kostüm Auswirkungen, denn da sind die zeitlichen Unterschiede am deutlichsten sichtbar. Interessant war zu sehen, dass ein gutes Kostüm nicht absolut historisch korrekt sein sollte, denn der Zuschauer interpretiert das aus der Sicht und mit dem Geschmack von heute.

Produktion: Die Kamera

Dass der Film nicht deutsch aussieht, hat aber noch einen anderen Grund. Und das ist Ken Kelsch, der Kameramann. Ken hat fast alle Filme von Abel Ferrara gedreht, auch BAD LIEUTENANT, also hatte ich entsprechend Respekt als wir uns das erste Mal trafen.

Besonders hatte mir in den Filmen, die Ken fotografiert hat, seine Handkamera gefallen. Auf der anderen Seite hatten Sherry und ich uns schon bei einer Recherchereise entschieden, gerade in Afrika für bestimmte Bilder mit einem Kran zu arbeiten. Eine Mischung dieser unterschiedlichen Kamera- Stile passte nach meinem Verständnis nicht zusammen.

Umso besser gefiel mir, dass Sherry und Ken ein Konzept entwickelten, in dem Handkamera und Kran auch kontrastierend eingesetzt wurden. Also keine Steadycam, weil ja ein Kran eingesetzt wird, sondern das Ziel, der Situation dramaturgisch zu entsprechen. Wenn man sich die Szene auf dem Marktplatz in Mogadischu ansieht, ist die Eröffnung eine Kranfahrt, dann folgt die Handkamera in den nahen Einstellungen, im Menschengewühl genauso dynamisch und hart wie es die Situation vorgibt und die Hitze und Aggression dieser vielen Menschen vermittelt. Eine, dank Steadycam, schwebende Kamera in den nahen Einstellungen, hätte eine komplett andere Wirkung gehabt.

Produktion: Die Regie

WÜSTENBLUME ist meine erste Zusammenarbeit mit Sherry Hormann. In den drei Jahren der Buchentwicklung haben wir uns kennen und schätzen gelernt. Die Arbeit am Buch ist zwar das Fundament, aber doch sehr theoretischer Natur. Im Drehbuch ist beschrieben, wer in de Szene ist, wo sie spielt, was die Schauspieler sagen. Jeder, der das Drehbuch gelesen hat, entwickelt andere Fantasien, Vorstellungen Visionen. Es liegt am Regisseur, ob die Szene funktioniert, sich entfaltet, bewegt, Seele hat, den Zuschauer in den Film zieht, dass er vergisst, wo er ist, wie er sitzt oder ob ihn was drückt. Sherry Hormann bei der Arbeit mit Schauspielern zuzusehen, war beeindruckend. Ein Beispiel: Bei der Stellprobe von -Lucinda kommt ins Boardinghouse- war schnell klar, jeder Schauspieler hat eine andere Vorstellung, wie die Szene zu spielen sei.

Juliet Stevenson, Sally Hawkins, Liya Kebede, Craig Parkinson, Meera Syal – jeder war eigentlich auf einem anderen Weg. Sherry gibt jedem Darsteller einen Platz, legt die Wege fest, gibt vor, wann was gesagt wird. Normales Regiehandwerk, denkt man. Das dauert seine Zeit, aber dann geschieht etwas: die Schauspieler blühen auf, es wird gut, es entsteht Sicherheit und es kommen Einfälle, die das Gute noch besser machen und plötzlich ist die Szene eine andere. Obwohl ich die Szene durch die Buchentwicklung gut kenne, bin ich überrascht, welche Entwicklung sie genommen hat. Ein reines Vergnügen zu beobachten, wie der wirkliche Film entsteht, also das, worum es geht und was die Zuschauer bewegen wird. Das ist dann mehr als Handwerk, das ist Können.

Liya Kebede hat in einem Interview während der Dreharbeiten gesagt, dass sie sich wünscht, dass die Leute, die den Film sehen, traurig und froh aus dem Kino kommen, mit dem Drang, etwas verändern zu wollen. Das ist es, was wir alle, die wir an diesem Film gearbeitet haben, uns wünschen.