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Produktion: In uns allen steckt ein wilder Kerl

„Ich wollte keinen Kinderfilm machen, sondern einen Film über die Kindheit“, sagt Regisseur Spike Jonze, dessen Kinofassung des bezaubernden Klassikers „Where the Wild Things Are“ (Wo die wilden Kerle wohnen) eine echte Liebesarbeit geworden ist. Darin entwickelt er die Themen weiter, die Autor Maurice Sendak vorgibt und die laut Jonze jeder Generation etwas zu sagen haben. „Es geht darum, wie man sich fühlt, wenn man acht oder neun Jahre alt ist und die Welt begreifen möchte – und all die Menschen des persönlichen Umfelds. Es geht um Gefühle, die manchmal unberechenbar und verwirrend sind – letztlich um Beziehungsprobleme, mit denen wir es unser Leben lang zu tun haben“, sagt er. „Das ist auch in diesem Alter nicht anders.“

„Wo die wilden Kerle wohnen“ bietet eine neue Perspektive – und für viele von uns auch einen Rückblick – auf die verschiedenen Aspekte der Kindheit. Zuschauer aller Altersgruppen sind eingeladen, einen kleinen Jungen auf seiner tapferen Entdeckungsreise mit ihren Problemen, aber auch unbändiger Lebensfreude zu begleiten: Die sehr außergewöhnliche Insel der wilden Kerle lädt uns auf jeden Fall ein, über die wilden Kerle in uns selbst nachzudenken.

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„In gewisser Weise ist dies ein Actionfilm mit einem Neunjährigen in der Hauptrolle. Es gibt jede Menge physisches Chaos wie Balgereien mit Erdklumpen und Randale im Wald“, sagt Jonze. Tatsächlich entspricht die Insel genau der Fantasie der Kleinen: Man kann dort nach Lust und Laune herumrennen, springen und Lärm machen, bauen und kaputtmachen und balgen und mit allen Objekten Weitwurf üben … vor allem braucht man nichts zu tun, wozu man keine Lust hat – niemand macht irgendwelche Vorschriften. Doch die Herrschaft über dieses Reich ist schwierig, denn die wilden Kerle sind eben genau das: wild. Jederzeit könnten sie auf die Idee kommen, ihn mit ihren großen scharfen Zähnen aufzufressen. Seine Regentschaft als König dürfte also schwieriger werden, als Max sich das vorgestellt hat.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte auch, wie Max langsam erwachsen wird: Er begreift, wie komplex die Beziehungen der wilden Kerle untereinander und zu ihm sind. Er erfährt, dass es nicht immer die beste Entscheidung ist, nur das zu tun, was man will. „Wo die wilden Kerle wohnen“ wird mit der unverschämten Ehrlichkeit eines Kindes erzählt und zeigt, wie Max allmählich Verständnis für seine eigenen Gefühle und die Gefühle anderer entwickelt.

Der Film entstand aus Jonzes unverbrüchlicher Begeisterung und Wertschätzung für das Buch, das Maurice Sendak geschrieben und illustriert hat – wie der Autor ist Jonze fest davon überzeugt, dass man junge Menschen nicht von oben herab behandeln sollte. Das Buch erschien 1963, wurde mit der Caldecott-Medaille ausgezeichnet und begeisterte weltweit Millionen Leser – seit den 1970er-Jahren ist es in Publishers Weekly auf der ewigen Kinderbuch-Bestsellerliste unter den ersten zehn Titeln platziert.

Dass es nach wie vor so populär ist, liegt laut Jonze daran, dass es „die wahren Gefühle der Kinder anspricht und sie ernst nimmt, ohne sich anzubiedern. So oft werden Kids mit verlogenen Stoffen konfrontiert – wenn sie also auf eine Story wie diese stoßen, sind sie mit ganzem Herzen dabei. Ich erinnere mich, dass auch ich in dem Alter ganz scharf darauf war zu hören, dass andere Kids genau dieselben Probleme hatten wie ich und ähnlich empfanden.“

Der inzwischen zwölfjährige Max Records gibt in „Wo die wilden Kerle wohnen“ sein Filmdebüt – er stimmt Jonze voll zu: „Das Buch zeigt, wie es ist, ein Kind zu sein. Deshalb nehmen die Kinder es nicht nur ernst, sondern es trifft die Situation genau auf den Punkt, drückt all das aus, was man fühlt, wenn man aufwächst – und darüber hinaus.“

Dieses „darüber hinaus“ brachte Jonze darauf, dass auch er etwas zu der Geschichte beitragen könnte. Bei der Bearbeitung des schmalen Bandes für den Film bekam er die Gelegenheit, das Abenteuer auszubauen, tiefer in Max’ Welt einzudringen, die unbekannten Regionen der Insel zu erkunden, aber auch die Umstände, die Max dorthin verschlagen. Er konnte sich ausführlicher den wilden Kerlen selbst widmen, die unberechenbar und sehr ausdrucksstark „die wilden Emotionen in Max und in uns allen“ repräsentieren.

Unter diesem Aspekt ergaben sich endlose Möglichkeiten.

Jonze bat den gefeierten Romanautor und „Wilde Kerle“-Fan Dave Eggers, gemeinsam mit ihm das Drehbuch zu verfassen, obwohl Eggers noch nie einen Film geschrieben hatte. Darüber war Vincent Landay nicht überrascht – Landay arbeitet schon lange mit Jonze zusammen und produziert „Wo die wilden Kerle wohnen“. Er meint: „Spike spürte instinktiv, dass Dave der geeignete Mann war, weil er ihn persönlich kennt und weiß, dass er sensibel genug ist, um sich auf Spikes Wellenlänge in die Figuren hineinzuversetzen. Spike bringt gern Leute in Situationen, die ihnen fremd sind, weil das oft zu viel originellerem Resultat führt.“

Schon bald darauf trafen sich die beiden mit Sendak in dessen Haus in Connecticut, um ihr Filmvorhaben zu besprechen. Ohne Frage ging es darum, die Werte und Ziele des Autors in den Film zu übernehmen – sonst wäre dieses Vorhaben sinnlos gewesen. Eggers erinnert sich an die ersten Gespräche: „Wir wollten einen Film machen, der die Kinder nicht von oben herab behandelt, sondern sich ganz in ihre Lage versetzt. Den meisten Filmkindern sind ‚die Zähne gezogen‘: Sie sind viel zu zahm. Sehr schnell stellten wir nämlich fest, dass wir uns alle ganz deutlich daran erinnerten, wie wir uns als Jungen fühlten, wie wild wir waren und in welchen Schlamassel wir dadurch gerieten. Wir haben Max sehr gut verstanden. Dazu brauchten wir keine Gesprächsgruppe und keinen Beistand vom Kinderpsychologen, der uns die Gedanken und Ansichten eines Kindes erklärt. Wir verstanden ihn aus dem Bauch heraus.“

Daraus ergab sich ein altmodisches Brainstorming zweier Drehbuchdebütanten, die sich in einem Zimmer einschlossen, gemeinsam Ideen und Dialoge entwickelten, sich die Rollen gegenseitig vorspielten und ihre sehr unterschiedlichen Arbeitsmethoden kombinierten. „Dave ist ein sehr disziplinierter Schriftsteller. Wenn er feststeckt, verwendet er einfach einen Platzhalter und macht weiter. Doch ich verbeiße mich in dieser Situation“, gibt Jonze zu.

Eggers fügt hinzu: „Spikes Methode ist praktisch eine Bilderbuchdefinition für den Begriff ‚organisch‘. Ich habe mich oft als Moderator gesehen, der ihm einfach half, seine Ideen zu Papier zu bringen und auszubauen.“

„Vor allem wollte ich begreifen, wer Max ist und was in seinem Leben vor sich geht“, sagt Jonze. „Ich wollte einen Film machen, der die Kinder ernst nimmt, doch Maurice sagte: ‚Achtet darauf, dass ihr nicht nur die schwierigen Aspekte des Kleinen ernst nehmt. Ihr müsst auch seine Fantasie ernst nehmen, seine Freude.‘ Wir haben uns nie festgelegt, ob wir einen Film für Kinder oder für Erwachsene machen. Wir haben uns einfach von der Story leiten lassen.“

Sendak hat den Film auch mit produziert und engagierte sich intensiv von den ersten Gesprächen bis zu den Dreharbeiten. Er sagt: „Spike vertrat sofort seinen eigenen Standpunkt. Ich habe ihm vertraut. Ich merkte gleich, dass er eine ganz klare Vorstellung vom Gehalt des Buchs im Kopf hat – genauso ging es mir, als ich das Buch schrieb. Durch Spike habe ich wieder Respekt für junge Leute bekommen. Ich treffe nämlich selten Menschen, die einen derartigen ‚Biss‘ haben, sich für Geschichte oder ihre Herkunft interessieren. Die meisten wollen einfach machen, was ihnen gefällt, ohne sich den Luxus zu gönnen, etwas über die Herkunft zu erfahren. Spike erlaubt mir eine Zeitreise, er erinnert mich an die jungen Leute aus den 1960er-Jahren, die irgendwie verrückt waren – aber auf die wunderbarste, abenteuerlichste Weise. Für mich waren die 1960er eine ausgelassene, herrliche Zeit.“

Die Zusammenarbeit erwies sich als sehr inspirierend und kreativ, wie Produzent John Carls bestätigt, der seit der Gründung von Wild Things Productions (1992) vor 17 Jahren mit Sendak zusammenarbeitet. „Was die künstlerische Auffassung angeht, sind er und Spike sich sehr ähnlich. Beide sind innovative Querdenker, die ständig den Status quo infrage stellen. Sie sind Perfektionisten, die sich mit Haut und Haaren in ihre Arbeit einbringen. Und beide haben den Kontakt zum Kind in sich nicht verloren – aus dieser Perspektive können sie sich sehr unmittelbar auf Kinder einstellen.“

Letztlich fließen beider Geschichten und Erinnerungen in den Film ein. Dazu Jonze: „Maurice verwendet im Buch Motive und Gefühle seiner Vita, seiner Kindheit. Ich habe einfach den Staffelstab von ihm übernommen.“

„Spike ist ein unglaublich begabter und mutiger junger Mann“, sagt Sendak. „Er erweist dem Buch keine Hommage, sondern er hat etwas Eigenes geschaffen, das ihn als wahren Filmemacher und wahren Künstler ausweist. Ich bin von dem Film begeistert. Er ist originell. Er entwickelt ein komplettes emotionales, spirituelles und optisches Eigenleben, das gleichberechtigt neben dem Buch Bestand hat. Spike hat seine eigenen ‚Wilden Kerle‘ geschaffen, ohne meine zu vernachlässigen – und zwar auf geniale, moderne, fantastische Art und Weise, die meinem Buch nichts nimmt, sondern es im Gegenteil erweitert und bereichert. Es handelt sich um zwei ganz verschiedene Kunstwerke, und sie gefallen mir beide.“

Produktion: Look, Atmosphäre, Ambiente

So wie Jonze Max als ganz realen Jungen zeigen wollte, bemühte er sich auch, die fantastischen Storyelemente möglichst wirklichkeitsnah zu präsentieren: „Ich wollte die wilden Kerle so gestalten und filmen, dass Max sie berühren, sich anlehnen, sie schubsen und knuddeln kann. Ich wollte sie so real zeigen, dass die Zuschauer ihren Atem, ihre Größe und ihr Gewicht unmittelbar und aus dem Bauch heraus spüren – deswegen konnte ich mir nicht vorstellen, all das komplett im Computer oder in einer Studiohalle zu bewerkstelligen.“

„Jede Geschichte erfordert eine filmische Umsetzung, die ihr optimal gerecht wird“, stellt Carls fest. „Im Fall von ,Wo die wilden Kerle wohnen‘ will Spike ein Abenteuer schaffen, dass nicht wie ein Traum oder Fantasy, sondern ganz realistisch wirkt. Die beste Methode dafür war die Besetzung eines Schauspielers, der mit tatsächlich vorhandenen Fabelwesen an einem realen Drehort interagiert. Mit seinem begabten Kreativteam hat er die wilden Kerle genau so zum Leben erweckt, wie wir uns das beim Lesen des Buchs vorgestellt haben.“

Das bestätigen auch die Produzenten Tom Hanks und Gary Goetzman, die ebenfalls langjährige Fans von Sendaks Werk sind. Dazu Goetzman: „Vor zwölf Jahren haben wir mit Maurice und John Carls begonnen, ‚Wo die wilden Kerle wohnen‘ zu entwickeln. Das war sogar schon vor der Gründung unserer Produktionsfirma Playtone und somit eines der ersten Projekte unserer Firma. Wir haben überlegt, ob wir einen Zeichentrickfilm oder Computer-Animationsfilm machen sollten, doch erst als wir uns mit Spike Jonze zusammensetzten und sein Konzept hörten, hatten wir einen wirklich visionären Regisseur gefunden, der dieses ikonenhafte Buch in einen abendfüllenden Spielfilm verwandeln konnte.“

Der Film verbindet auf außergewöhnliche Weise real gefilmte Szenen, technisch hoch entwickelte Puppentricks und Computeranimation. Dadurch agiert Max direkt neben drei Meter großen, gestreiften Wuschel-Monstern mit Fangzähnen und riesigen Augen – sie wirken ebenso furchterregend wie liebenswert.

In der Originalfassung bekommen die Biester Herz und Seele durch die Stimmen hochkarätiger Stars wie Lauren Ambrose, Chris Cooper, James Gandolfini, Catherine O’Hara und Forest Whitaker. Bei den Dreharbeiten wurden die Monster von kostümierten Schauspielern dargestellt, die die schon vorhandenen Dialoge mit entsprechender Körpersprache ergänzten. Schließlich verfeinerte man das bereits ausdrucksstarke Mienenspiel digital, um die Bewegungsvarianten zu erweitern und Reaktionen subtiler zu gestalten.

Dazu Jonze: „Mir war von vornherein klar, wie kompliziert das wird. Wir hatten das Gefühl, dass wir uns bei jeder Option für die schwierigste Variante entschieden. Allein die Gestaltung der Wesen hat uns acht Monate gekostet. Aber unser Entschluss stand fest: Wir entwickelten ein Wirkungskonzept für die Leinwand und blieben dabei – von diesem Zielpunkt gingen wir sozusagen rückwärts und überlegten erst dann, wie wir ihn erreichen könnten.“

Produzent Landay war jeden Tag intensiv an der Entwicklung dieses Plans beteiligt. Er gesteht: „Ich bin wirklich hartnäckig. Meine Devise ist: Wenn etwas nicht funktioniert, dann haben wir uns nicht richtig bemüht, oder wir haben nicht genug Alternativen bedacht, um dieses Ziel zu erreichen. Solch eine gewaltige Aufgabe kann man nur bewältigen, indem man sie in kleine Abschnitte aufteilt und jede Komponente Schritt für Schritt durchführt. Das alles ist ein Geduldsspiel – die gesamte Filmproduktion ist letztlich ein riesiges Kreuzworträtsel. Zum Glück haben wir im Laufe der Jahre ein hervorragendes Team zusammengestellt – es verfügt über ein sehr überzeugendes Vokabular.“

Neben Landay, der mit Jonze an „Being John Malkovich“ (Being John Malkovich) und „Adaptation“ (Adaption) gearbeitet hat, waren in Jonzes Kreativteam viele langjährige Mitarbeiter an „Wo die wilden Kerle wohnen“ beteiligt: Kameramann Lance Acord, Produktionsdesigner K.K. Barrett, Cutter Eric Zumbrunnen und Kostümdesigner Casey Storm. Außerdem engagierte er wieder seine früheren musikalischen Mitarbeiter Karen O und Carter Burwell.

Produktion: Max ist das Herz des Films

Alles steht und fällt mit der Besetzung der Hauptrolle Max. Über ein Jahr lang suchten die Filmemacher auf mehreren Kontinenten – dabei verließen sie sich nicht nur wie üblich auf Casting-Agenturen, sondern baten auch alle Freunde und Kollegen, die vielleicht geeignete Kinder kannten, um Mithilfe.

„Ich wollte einen echten Jungen – nicht unbedingt einen Schauspieler, der wie ein typisches ‚Filmkind‘ agiert, sondern jemanden, der Emotionen überzeugend projizieren kann“, sagt Jonze, der zugibt: „Im Laufe der Arbeit merkten wir, wie schwierig es war, die beiden Seiten von Max in einem einzigen Jungen zu finden. Er muss wirklich tief in sich gekehrt sein, ihm muss eine Menge durch den Kopf gehen. In Großaufnahmen soll sichtbar werden, was er denkt und fühlt.

Gleichzeitig soll er in bestimmten Phasen völlig ausgelassen fröhlich und wild sein. Das eine oder das andere boten viele Kandidaten, aber es war schwer, beides in einem zu finden.“

Bis Jonze diese Zweigleisigkeit in einem Jungen fand, der zufällig auch Max heißt: Max Records. Records ist kein Neuling vor der Kamera – er ist bereits in einigen Musik-Videos aufgetreten. Er und der Regisseur verstanden sich auf Anhieb. Dazu Landay: „Es war faszinierend, Spike bei der Arbeit mit ihm zu erleben – im Grunde hat er seinen inneren Max auf den Jungen übertragen. Er ging niemals Kompromisse ein nach dem Motto: ,Na ja, er ist ja erst neun, mehr kann ich nicht aus ihm herausholen.‘ Nein, er erwartete genauso viel von ihm wie von James Gandolfini.“

Records’ Arbeit am Film bestand aus zwei Phasen: Max’ Leben daheim und dann seine Reise übers Meer in die ungezähmte Wildnis.

„In Max’ Zuhause herrscht das reinste Chaos – da liegt manches im Argen“, sagt Eggers. „Seine Eltern sind geschieden, seine Schwester pubertiert und vernachlässigt ihn, weil sie jetzt andere Interessen hat. Es kommt so weit, dass die Familie viel zu beschäftigt ist, um zu merken, dass er Zuwendung braucht. Also zieht er sein Wolfskostüm an und brettert durchs Haus. Und im Handumdrehen ist er durch die Tür verschwunden.“

Durch diese ersten Szenen ergeben sich viele Fragen, aber auch kreative Impulse, Frusterlebnisse und intensive Gefühle, die der wache Verstand eines kleinen Jungen möglicherweise nicht verarbeiten kann. Denn er lernt ja erst langsam, die Welt und seine Position darin zu begreifen – ebenso wie die Gründe dafür, dass Kinder sich manchmal wünschen, selbst über die Welt bestimmen zu können.

Bei der Vorbereitung bemühte sich Jonze, dem auf den Grund zu gehen, was Kinder wirklich am Herzen liegt, und ihren Standpunkt einzunehmen: „Ich habe mit vielen Kindern gesprochen, um mich von ihren Ideen inspirieren zu lassen. Ich redete mit ihnen darüber, was sie wütend macht, worüber sie mit ihren Eltern streiten, wie sie empfinden. In diesem Alter ist das sehr dramatisch.“

„Als wir dann drehten, ließ ich Max das Drehbuch nur einmal lesen und sagte dann: ‚Denk’ nicht darüber nach. Ich möchte, dass du morgens einfach zum Dreh kommst und schaust, wie es läuft‘“, beschreibt Jonze seine Strategie. „Ich wollte seine Unmittelbarkeit, Spontanität. Der komplexe Dialog ist sehr anspruchsvoll. Es ist sehr schwierig, die Worte spontan wirken zu lassen, als ob sie wirklich gedacht und erfühlt sind. Was ich von Max verlangt habe, wäre für einen erwachsenen Schauspieler äußerst kompliziert.“

In „Wo die wilden Kerle wohnen“ spielte Catherine Keener Max’ liebevolle, aber total gestresste, allein erziehende Mutter.

Nachdem Keener, die auch als Associate Producer am Film beteiligt ist, ihre frühen Szenen mit Records abgedreht hatte, blieb sie auch für einen Teil der weiteren Dreharbeiten in Australien an Bord, um Jonze bei der Schauspielarbeit mit Max und den wilden Kerlen zu unterstützen. „Die Erfahrung der Arbeit mit Max hat mich sehr tief berührt“, sagt sie. „Seine Natürlichkeit, sein klarer Verstand sind wirklich in jeder Szene spürbar. Er hat monatelang sehr hart gearbeitet – und die ganze Zeit war er mit großer Freude bei der Sache.“

„Catherine hat mir sehr geholfen“, sagt Records. „Zum Beispiel in der Szene, in der ich unglaublich wütend ins Zimmer meiner Schwester stürme. Vorher hat Catherine mich zum Schreien gebracht. Sie ermunterte mich, all die Flüche herauszubrüllen, die mir einfielen.“

Auch Jonze war Records’ Mentor – der Regisseur merkte bald, dass er mit einem Kind anders umgehen muss als üblich – was physische Strapazen mit sich brachte: „Ich konnte mich kaum einmal hinsetzen. Ich lief ständig herum, weil die Arbeit mit Max sehr interaktiv sein muss. Ich konnte nicht einfach seine Takes beobachten und ihm dann Anweisungen geben. Ich musste mich immer mit ihm bewegen, auf und ab springen, schreien oder mit ihm reden, um eine Reaktion von ihm zu bekommen. Egal wie – diese Regiearbeit war sehr interaktiv.“

Der Regisseur bemühte sich derart, Records zu bestimmten Reaktionen zu animieren oder ihn durch bestimmte Gefühle zu lotsen, dass er selbst unvergessliche Darstellerleistungen lieferte, wie der junge Schauspieler sich heute lachend erinnert: „Er hat alle möglichen verrückten Stunts vollführt. Zum Beispiel setzte er hinter der Kamera riesige Flammenwerfer ein, um mich zu erschrecken. Sie engagierten einige Zirkusartisten, um Tricks zu zeigen, und Spike lernte, wie man Feuer schluckt. Das Feuerschlucken funktionierte wirklich gut, weil er es nicht besonders gut hinbekam. Spikes Tricks haben mir manchmal wirklich Angst gemacht. Der einzige Nachteil war, dass ich keine Angst hatte, die wilden Kerle könnten mich fressen – ich fürchtete einfach nur, Spike könnte sich die Zunge verbrennen.“

Unter den Höhepunkten der Dreharbeiten bezeichnet Records Max’ epische Erdklumpenschlacht mit den wilden Kerlen als seine persönliche Lieblingsszene, vor allem weil einige Actionelemente pyrotechnisch unterstützt wurden. „Sehr lustig war eine Szene, in der ich durch den Wald renne. Praktisch ist das ein Minenfeld, denn überall fliegen Erdklumpen durch die Gegend und explodieren auf dem Boden. Das Effekte-Team hatte kleine Sprengkörper unter den Blättern versteckt, und um mich herum krachte und knallte es.“

Am wenigsten gefiel Records die Szene, in der Max durch den gigantischen Rachen eines der wilden Kerle bis in dessen Magen rutschen muss, um sich zu verstecken. Das Schlimmste dabei waren nicht die Enge oder die Hitze, auch nicht die Kabel, die ihm auf den Rücken gebunden wurden, sondern der Umstand, dass man ihn über und über mit einem Gel einschmierte, das er als „nach vergammelten Zitronen stinkenden Schleim“ bezeichnet.

„Max hat mich immer wieder inspiriert“, berichtet Jonze. „Er hat echt hart gearbeitet, aber dabei immer seinen Spaß gehabt. Egal wie anstrengend die Szene war – wenn ich in die Mittagspause kam, hatte er bereits sein Wolfskostüm abgestreift und tollte mit den anderen Kids herum. Da wurde mir wieder einmal klar, dass das Filmemachen Spaß bringen soll. Bei diesem Film haben sich einige neue Freundschaften ergeben, aber die Beziehung zu Max steht auf einem ganz besonderen Blatt. Max war mein Partner, mit dem ich das Herz dieses Films sichtbar gemacht habe. Er ist das Herz des Films.“

Produktion: Die wilden Kerle…

Jonze und Eggers orientierten sich an den Buchillustrationen und entwickelten aus Sendaks zusammengewürfelter Bande gehörnter, mit Klauen bewehrter und zotteliger Riesen eine Gruppe von Individuen mit jeweils eigenen Impulsen und Motiven. Die als Sprecher besetzten Schauspieler trugen entscheidend zur Ausformung der einzelnen Identitäten bei. Außerdem konzentrierten sie sich auf den Umgang der wilden Kerle untereinander – manchmal zanken und kabbeln sie sich, manchmal sind sie liebevoll und verspielt.

James Gandolfini spricht in der Originalfassung Carol, den mächtigen – und sehr sensiblen – faktischen Anführer der Bande. Lauren Ambrose ist die unabhängige, aber auch etwas melancholische KW, die zwar gern mit der Gruppe zusammen ist, manchmal aber auch allein sein will. Chris Cooper ist Douglas mit den Hahnenfedern – energisch und immer beschäftigt. Catherine O’Hara spricht die sarkastische, wunderbar negative und herrschsüchtige Judith; und Forest Whitaker ist Judiths bescheidener und geduldiger Gefährte Ira, der gern Objekte durchlöchert. Paul Dano spricht den kleinen Alexander mit den Ziegenhörnern – er ist nur 2,50 Meter groß und hat oft das Gefühl, dass er nicht ernst genommen wird.

„Sie alle repräsentieren verschiedene Eigenschaften und bilden Parallelen zu Max’ Welt, ohne ihr genau zu entsprechen“, erklärt Eggers. „Wir empfinden sie eigentlich nicht als Monster. Wir haben sie immer als Menschen angesehen.“

„Mit den Sprechern hat alles angefangen“, sagt Jonze, der von vornherein die traditionelle Methode ablehnte, jeden Sprecher allein im Tonstudio aufzunehmen. Stattdessen wollte er sie alle zusammen im Studio den gesamten Film durchspielen lassen – quasi als Probeaufnahmen für den Film. Entsprechend wurden nicht nur ihre Stimmen aufgenommen, sondern sie wurden dabei auch gefilmt. „Wir bereiteten einen Film vor, in dem Puppen auftreten und der animierte Elemente enthält. In beiden Bereichen ist Spontanität kaum möglich. Deshalb beschlossen wir, innerhalb von zwei Wochen den ganzen Film bereits ein erstes Mal im Studio zu drehen. Denn wir brauchten die Spontanität, die diese unglaublichen Schauspieler aus dem Moment heraus entwickeln.“

Gleichzeitig folgte diese Methode der darstellerischen Tradition, wie Chris Cooper sagt, „weil die Schauspieler interagieren. Ich trug ein Stirnband mit einem Mikro und ein Tonmann mit Mikrogalgen nahm uns ebenfalls auf. Die anderen waren genauso ausgerüstet. Spike erklärte uns die Situation jeder Szene, und wir durften dabei durchaus auch improvisieren. James und ich konnten zum Beispiel sehr gut aufeinander reagieren.“

Da Cooper bereits mit Jonze gearbeitet hat, verweist er auf das „eingebaute Vertrauen“ und sagt: „Ich habe bei diesem Projekt mitgemacht, weil ich mithelfen möchte, Douglas zum Leben zu erwecken – wie er dem Buch entspricht und wie Spike die Figur für den Film ausgebaut hat.“

„Im Studio gab es mehr Kameras als Schauspieler – wir haben den ganzen Tag auf der Basis der wunderbaren Dialoge improvisiert. Spike ist ein erstaunlicher, sehr erfinderischer Regisseur“, sagt Catherine O’Hara. „Er ist selbst mit einem ,Ja‘ noch nicht zufrieden und verfeinert die Szene immer weiter und noch mal und noch mal, bis … also, ich denke sogar heute noch immer über Judith nach!“

Das Set war wie ein minimalistischer Spielplatz eingerichtet – die Schauspieler trugen keine Schuhe, um Störgeräusche zu vermeiden, wenn die Action heftiger wurde. Dazu Paul Dano: „Bei den wilden Kerlen gibt es eine Relation zwischen ihrer Größe und ihrem Verhalten. Man würde sie für Erwachsene halten, aber sie verhalten sich sehr kindlich. Um dem gerecht zu werden, haben wir kindisch herumgealbert, um uns gegenseitig zu provozieren. Wir wurden immer verrückter und lustiger, kreischten und lachten. Ganz wichtig ist es, diesen Energiefluss nicht zu unterbrechen, wenn man ihn einmal erreicht hat.“

Hartschaumwürfel stellten Bäume, Höhlen und Felsen dar, die die Landschaft auf der Insel der wilden Kerle bilden. Die Schauspieler bewarfen sich mit alten Brötchen, um die explosive Erdklumpenschlacht zu simulieren, die Jonze später mit den vollständig kostümierten Monstern inszenierte. Forest Whitaker erinnert sich: „Das war ein echtes Gesamterlebnis: Ich spielte Ira nicht nur sehr aktiv, sondern interagierte dabei auch mit den Schauspielerkollegen – wir kämpften, lachten und rannten herum, wir schlugen mit riesigen Styroporbaumstämmen aufeinander ein. Das hat riesig Spaß gemacht, und Spike mit seinem Enthusiasmus war immer voll dabei.“

Dazu James Gandolfini: „Das war richtig körperliche Arbeit: Wir liefen herum, verprügelten uns und machten dabei verrückte Geräusche. Das hat uns als Team wirklich zusammengeschweißt.“

Jonze berichtet, dass Carol (Gandolfini) die intensivste und komplizierteste Beziehung zu Max entwickelt: „Er ist eine Art Anführer, aber auch sehr sensibel. Weil es ja darum geht, dass die wilden Kerle die ungezügelten Emotionen repräsentieren, dachte ich mir, James könnte das sehr gut spielen. Er hat etwas Elektrisierendes. Manchmal spielte ich selbst vor der Kamera den Max, und er nahm mich buchstäblich auf den Arm. Ich habe ihn wirklich durch die Mangel gedreht, habe ihn viele Szenen unendlich oft wiederholen lassen, und immer wieder dachte ich mir neue Dialogvarianten aus.“

„Spike engagiert sich wirklich total“, sagt Gandolfini. „Er ist nur mit einer Spitzenleistung zufrieden – genau wie ich arbeitet er unerbittlich daran, ein noch besseres Ergebnis zu erzielen – da wiederholt man die Szene eben so oft wie nötig.“

In Bezug auf die wilden Kerle, die Max’ Gefühle repräsentieren, die er bisher nur vage versteht, sagt Gandolfini: „Es geht um das, was uns Angst macht. Carol fühlt sich nirgends sicher. Er kann sich in keiner Hütte wohlfühlen, denn sobald er eine gebaut hat, reißt er sie wieder ein – er macht alles von innen heraus kaputt. Das war einer der Aspekte, über die ich mit Spike gesprochen habe. Im Dialog war das bereits alles angelegt, aber wir mussten sichergehen, dass diese Seite von Carol sichtbar wird.“

Max freundet sich auch mit der schwer zu fassenden KW an, die Lauren Ambrose augenzwinkernd beschreibt: „Sie sieht genau wie ich aus, trägt ihr langes, rotes Haar mit Mittelscheitel. KW ist eine Art Außenseiterin in der Gruppe, weil sie sich abschottet. Sie bleibt gern am Rande des Geschehens, schaut von außen zu und ist sehr schüchtern.“ Im Laufe der Handlung erfährt Max den Grund dafür. „Doch Max gegenüber öffnet sie ihr Herz.“

Die inszenierten und gefilmten Tonaufnahmen dienten auch als Vorbild und Orientierung für die australischen Schauspieler, die beim Dreh gigantische Kostüme trugen, um die wilden Kerle darzustellen. Dazu Jonze: „Die Schauspieler in den Anzügen schauten sich vorher die Studioaufnahmen an und spielten dann nach, was die Sprecher machten. Sie imitierten die Darstellung und passten sie den Möglichkeiten der Kostüme an.“

„Weil ich wusste, dass Spike die Aufnahmen auch den Puppenspielern zeigen würde, habe ich Ira so umfassend und intensiv verkörpert, wie ich nur konnte“, sagt Forest Whitaker. „Ira hat einen dicken Bauch, und das sollte mir helfen, die Figur und ihr Verhalten und meine Darstellung zu gestalten.“ Deswegen band sich der Schauspieler vor den Aufnahmen ein dickes Bauchpolster um, damit er sich entsprechend anders bewegte. „Ich ging wie Ira, und daher sprach ich auch wie Ira. Das hat mich nicht nur in die richtige Stimmung versetzt, sondern hatte auch Auswirkungen auf die Reaktionen der anderen auf mich. Im Laufe der Arbeit entwickelten sich die Figuren immer weiter.“

„Es war interessant zu beobachten, wie sich die Figuren aus den Aktionen der Sprecher entwickelten“, berichtet Jonze. „Letztlich ist es die Kombination der Leistungen der Sprecher mit der Darstellung der kostümierten Schauspieler und der Mimik, für die die Animatoren zuständig waren. Aus diesen drei völlig getrennten Elementen entstand jeweils der Gesamteindruck der einzelnen Figuren.“

Produktion: Die Ausstattung der Wilden Kerle…

Bei der Ausstattung des Leinwanddebüts der wilden Kerle kam es vor allem darauf an, ihnen all die Gefühle, den Humor, die Wildheit und Zärtlichkeit zu ermöglichen, die die Geschichte vorgab. Sie mussten zum Leben erwachen.

Sendak hatte „das letzte Wort in Bezug auf ihr Aussehen und ihre Gangart. Gleichzeitig wollte ich sie nicht allzu sehr festlegen, sondern lieber einen kreativen Prozess in Gang setzen, der zur Gestaltung der Monster beiträgt“, sagt der Autor. „Als ich das Buch schrieb und zeichnete, musste ich mich mit niemandem auseinandersetzen. Niemand schrieb mir vor, wie die Monster auszusehen haben, weil niemand wusste, wie sie auszusehen haben.“

Jonze und Landay arbeiteten sich zunächst in die Materie der Filmmonster ein, informierten sich über die Geschichte der Darstellungen in Monsterkostümen und Animatronik, um festzustellen, was ihnen gefiel und was nicht – und warum. Eine direkte Parallele ließ sich kaum finden. Recherchen bei Designern und Effekte-Firmen ergaben Optionen, die Jonze einerseits als zu „trollmäßig oder monstermäßig“ oder umgekehrt „zu niedlich“ abtat. Immer wieder riet man den Filmemachern, die Monster komplett im Computer zu gestalten. Man warnte sie, dass die 1:1-Umsetzung der Buchdimensionen in einem Realfilm fast unüberwindliche Probleme aufwerfen würde. Dennoch gaben sie nie auf.

Ein Freund brachte sie mit dem Künstler Sonny Gerasimowicz zusammen, dessen erste Zeichnungen genau den Humor, das Launenhafte und das Pathos ausdrückten, das sie sich vorstellten. Gemeinsam experimentierten sie mit Farben, Oberflächen und Pelzen und wechselten dann ins Modell-Stadium.

Die Jim Henson Company und ihr legendärer Creature Shop in Los Angeles erstellten und verbesserten innerhalb von sechs Monaten die gewaltigen Kostüme, die dann nach Australien geschickt wurden. Der in Sydney ansässige Dave Elsey übernahm dort mit seinem australischen Team und passte die Kostüme den Erfordernissen der Dreharbeiten an – zum Beispiel, wenn die wilden Kerle einander durch die Luft schleudern: Dazu ist eine spezielle Aufhängung an Drähten und Flaschenzügen nötig.

Peter Brooke, kreativer Supervisor des Creature Shop, berichtet: „Wir haben das Modell eingescannt, den Kopf bis auf den Originalumfang vergrößert. Den haben wir dann in Hartschaum modelliert und mit Ton überzogen. Den Körper des Modells haben wir ohne das Fell nachgebildet – dann fehlte noch der Unterbau. Die Vorgabe des Modells wurde im Maßstab vergrößert und aus Hartschaum modelliert. Innerhalb von einer Woche hatten wir ein Modell in den richtigen Dimensionen.“

Bei der Gestaltung ging er vom Innenleben des Kostüms aus: „Wir versuchten das Hauptgewicht auf die Hüften des Darstellers zu verlagern. Im Grunde gingen wir dabei vor wie bei großen Puppen, die von innen bedient werden. Wir sahen sie nicht wie große Kostüme an.“

Elsey fügt hinzu: „Über dem Skelett befindet sich das Muskelgewebe, das dem Monster seine Form gibt. Wenn die Schauspieler ihre Arme beugen, spannen sich die Monstermuskeln tatsächlich an. Wenn sie etwas hochheben, erweitert sich der Brustkorb. So etwas nennen wir ‚Soft-Mechanik‘. Es ist eine echte Kunst, das zu bauen. Der Schauspieler im Inneren muss sich bewegen können und alle Aktionen so ausführen, dass die Bewegung mühelos wirkt. ‚Soft-Mechanik‘ gab es zwar schon früher, aber wir entwickelten sie in eine ganz neue Dimension. Die Kostüme sind eine verblüffende Mischung aus Technik und Kunst.“

Zuletzt mussten die wilden Kerle noch lernen, mit ihrem Mienenspiel ihre Gefühle auszudrücken. Jonze verzichtete auf animatronische Modelle, die keine lippensynchrone Sprache erlaubt hätten, weil die Monster derart gewaltige Mäuler haben. Stattdessen entschied sich der Regisseur, ihre Gesichtszüge in der Post-Produktion mithilfe des Computers zu animieren – für die Animation und die visuellen Effekte war Daniel Jeannette verantwortlich.

Dazu Jeannette: „Selbst auf den Standfotos konnte man bereits erkennen, welchen Eindruck sie machen werden. Wir schauten uns den Film an, und der war so traumhaft, dass wir versuchten, die Gesichter zu animieren, ohne uns komplett auf Computerbilder zu verlassen. Letztlich haben wir nur die Gesichtsbewegungen im Rechner erstellt.“

Jonze erklärt: „Im Grunde wird von jedem Monstergesicht im Computer ein 3D-Modell nachgebaut. Zur Animation wurden Gittermodelle verwendet – und die Animation dieser Gittermodelle gaben dann die Gesichter vor, die wir real mit der Kamera filmten. Das war so, als ob wir die Gitteranimation unter den Gesichtern der Puppen anbringen konnten. Und dann wurde per Animation das Fell auf den Gesichtern bewegt, die wir real gefilmt hatten.“

„Das sieht echt aus, weil die Vorlage ein echtes Bild ist“, fasst Jeannette zusammen.“

Ein weiteres Spezialkostüm, mit dem aber weder die Henson-Designer noch Dave Elsey zu tun hatten, war Max’ zweite Haut und Alter Ego: das Wolfskostüm, mit dem er zu Hause seine Familie verrückt macht und das ihm später erlaubt, seine animalische Natur gegenüber den wilden Kerlen zu behaupten. Dieses Kostüm samt seiner 56 verschiedenen Versionen gestaltete Kostümdesigner Casey Storm aufgrund einer Zeichnung von Gerasimowicz, der den Pyjama mit den integrierten Socken aus der Buchvorlage so veränderte, wie ihn ein Junge von acht oder neun Jahren tragen würde. Storms Entwurf bietet flockige Barthaare, flexible Ohren, zerbrochene Knöpfe, Fäustlinge für die Hände und Druckknöpfe unter dem Kinn, damit Max’ „Kopf“ auch bei den wildesten Aktionen immer fest sitzt.

Weil Max das Wolfs-Outfit ständig trägt, benötigte Records eine komplette Garderobe davon – in den verschiedenen Stadien der Abnutzung: einige schmutzig, einige sauber, einige etwas dunkler und andere heller getönt – je nachdem, welche Kamerafilter in bestimmten Szenen verwendet wurden.

Produktion: Die Dreharbeiten

„Der Schauplatz im Buch besteht aus Wald und dem Strand auf einer Insel“, sagt Produktionsdesigner K.K. Barrett, der bereits den dritten Film für Jonze gestaltet. „Das Ambiente soll äußerst realistisch wirken und natürliche Elemente enthalten. Doch die Atmosphäre soll keinem Ort gleichen, an dem wir schon einmal waren.“

In Erwägung gezogen wurden so unterschiedliche Drehorte wie Argentinien, Neuseeland, Kalifornien und der Süden der USA. Doch dann entdeckten die Filmemacher die Heimat der wilden Kerle in den Bergen, Steinbrüchen und Küstenregionen um Melbourne an der Südküste Australiens. Laut Jonze „kamen wir uns dort vor wie auf einem Felsplateau an der Abbruchkante der Welt.“ Die ausgedörrten Wälder der Gegend bildeten die perfekte Kulisse für die Handlung und passten gut zur Gesamtanmutung des Films.

Im Sinne des Konzepts, dass die Zuschauer zusammen mit Max den natürlichen Lebensraum der Monster entdecken, sorgten Jonze und Kameramann Lance Acord dafür, dass das Insel-Ambiente bewohnt wirkt. Dazu Acord: „Wir brauchten eine bestimmte Struktur und geringe Auflösung der Bilder, haben sie also ziemlich unterbelichtet, wodurch die Schatten sehr dunkel wirken. Die Farben sind dann nicht so gesättigt wie auf einem scharfen, kontrastreichen Negativ.“

Der Nachteil von Dreharbeiten in einer Gegend, hinter der nur noch die Antarktis kommt, besteht in den unwägbaren und oft starken Winden, die das Meer aufwühlen. Acord erinnert sich lebhaft an die Szene, in der Max sein Boot in Richtung der unbekannten Küste lenkt. „Ich drehte mit der Handkamera und saß dabei hinten im Boot. Plötzlich hörte ich Schreie aus dem anderen Zodiac-Boot. Eine Reihe von drei bis vier Meter hohen Monsterwellen rollte auf uns zu, brachen sich über unserem Boot und spülten die Kamera über Bord. Sie versank im Meer, und leider war sie an den Tauchgurt gebunden, den ich umhatte, sodass sie mich mitzog. Hektisch versuchte ich mich von dem Gurt zu befreien, bevor mich meine eigene Kamera ertränkte.“

Acord verwendete beim Dreh vorwiegend die Handkamera, weil, wie Jonze sagt, „wir das Gefühl vermitteln wollen, dass wir den Film mit Max’ Augen sehen.“

Dieser Blickwinkel bestimmte auch wesentliche Elemente des Produktionsdesigns. Bei seiner Ankunft auf der Insel entdeckt Max, dass die wilden Kerle mit Begeisterung ihre eigenen Hütten demolieren, denn ihre unmittelbare Freude an sinnloser Zerstörung ist ihnen wichtiger als das weniger dringende Bedürfnis nach einem Schlafplatz. Als Max später König wird, veranlasst er den Bau des Ultimativen Forts, in dem sie alle gemeinsam wohnen wollen. Für Barrett bedeutete das: Er musste Hütten und ein Fort entwerfen, die einige Action aushalten mussten, gleichzeitig aber auch so aussehen, wie ein Kind sie zeichnen würde und ein Team von ungelernten und ungeduldigen Monstern sie bauen würden.

Erste Entwürfe wurden als zu elaboriert abgelehnt. Schließlich kam man auf die perfekte Formel: einen Kreis. „Wir haben lange gebraucht, um auf eine eigentlich sehr einfache Idee zu kommen“, gibt Jonze zu. „Keine Form ist einfacher: Runde Hütten mit runden Türen und runden Grundflächen.“ Und Barrett fügt hinzu: „Das an Kreisformen orientierte Vogelnest tauchte in unseren Entwürfen immer wieder auf. Wir sagten uns: Wenn Vögel das bauen können, dann können sie das auch. Wenn man sich all die Zweige und Linien in den Nestern anschaut und sie mit Maurices Zeichnungen vergleicht, liegt das wirklich nahe.“

Der Bau des über zwölf Meter hohen Forts war ein gewaltiges Unternehmen – sogar zweimal. Dazu Jonze: „Wir haben in Australien zwei Forts gebaut. Das erste in der Wüste, um die Außenaufnahmen zu drehen, das zweite in der Studiohalle, wo wir die Innenszenen filmten.“ Ein Großteil des tatsächlich gebauten Forts bestand aus superleichtem Hartschaum, um den ungeheuren Maßstab des Bauwerks überhaupt praktisch umsetzen zu können. Es wurde so angestrichen, dass es wie ein Geflecht aus Zweigen aussah – in Nahaufnahmen verwendete man echtes Reisig.

Über 400 Mitarbeiter waren in den drei tagtäglich gleichzeitig arbeitenden Teams an einem Drehort beschäftigt: Der Drehplan verteilte sich auf das erste und zweite Drehteam, das reduzierte Team und die Puppenmannschaft.

Regelmäßig ergaben sich neue Probleme – kein Wunder bei den unebenen Schauplätzen, auf denen die Schauspieler in drei Meter hohen Kostümen mit riesigen Köpfen agierten. Jeweils 45 Minuten Vorbereitungszeit waren nötig, bis für die Schauspieler in einer bestimmten Einstellung alle Unebenheiten beseitigt waren, weil sie den Boden nicht sehen konnten, auf dem sie sich bewegten. Dazu Jonze: „Diese Wegstrecke darf aber nicht wie ein vorbereiteter Weg aussehen, sondern muss wie ganz normaler Waldboden wirken. Wir mussten Löcher auffüllen, und alle Wurzeln und Steine mussten verschwinden, über die man hätte fallen können.“

Der für die Sets zuständige Ausstatter Tim Disney erinnert sich an andere einkalkulierte Probleme beim Dreh: „In den Sanddünen mussten die Fußspuren von 250 Mitarbeitern morgens allesamt verschwunden sein. Konnten wir sie mit Helikoptern einfach ‚wegfegen‘? Als Max die Insel verlassen sollte, waren uns hunderte von Tonnen Seetang im Weg. Sollten wir ihn ausreißen oder mit Booten zurück auf die offene See schleppen? Wenn Spike an einem Bergabhang einen Wald haben wollte, dann bekam er ihn auch!“

Produktion: Musik besänftigt…

Die Filmmusik begleitet Max auf seinen Entdeckungen in großem Stil, teils aber auch sehr zurückhaltend – verantwortlich dafür sind Karen O und Carter Burwell. Mit dem preisgekrönten Komponisten Burwell arbeitete Jonze zuvor bereits an „Being John Malkovich“ (Being John Malkovich) und „Adaptation“ (Adaption), mit Karen O von der Gruppe Yeah Yeah Yeahs an vielen Musik- und Filmprojekten. Für ihn gehören beide zu den intuitivsten und kreativsten Menschen, denen er je begegnet ist.

Laut Jonze ist „die Musik in diesem Fall weniger ein Score als eine Reihe von Themen.“

„Ich versuche Max auf seiner emotionalen Reise zu folgen, ihn aber niemals zu führen“, erklärt Burwell. „Das kann zum Beispiel bei seiner Begegnung mit den wilden Kerlen bedeuten, dass sich die Musik innerhalb von ein, zwei Minuten von Neugier über Wut, Angst, Verwunderung bis zum Triumph wandelt. Diesen Wandel habe ich auf den Gesichtern meiner Kinder oft erlebt.“

„Meine Aufgabe bestand darin, einfache, kindgerechte Melodien zu liefern – ähnlich wie die eingängigen Themen berühmter alter Popsongs, die direkt aufs Herz zielen und Max’ Inneres hörbar machen“, sagt Karen O, die für dieses Projekt geschätzte Musikerkollegen aus verschiedenen Gruppen um sich scharte. „Wir haben die Musik über einen Zeitraum von zwei Jahren in fünf Sessions geschrieben. Es ist sehr befreiend, wenn man sich dabei an ungeschnittenen Filmbildern orientieren kann. Wir waren noch nicht durch die fertig geschnittene Szene eingeschränkt und konnten uns voll und ganz auf die Atmosphäre, auf das Herz des Stücks konzentrieren.“

Und das Herz steht letztlich im Mittelpunkt von „Wo die wilden Kerle wohnen“.

Dazu Jonze: „Ich liebe dieses Buch, seit ich ein Kind war. Ich wollte Maurice auf keinen Fall enttäuschen. Er hat ein bedeutendes Werk geschaffen. Er sagte: ,Dreh’ einen Film, der dir persönlich liegt – es soll dein Film werden.‘ Trotzdem hat er mit dem Buch als seinem Werk 40 Jahre gelebt – das ist eine lange Zeitspanne. Ich wollte ihm wirklich gerecht werden und einen Film machen, der seine Werte repräsentiert. Und das ist uns auch gelungen.“

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