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Fakten und Hintergründe zum Film "Wir sind was wir sind"

Fakten und Hintergründe zum Film "Wir sind was wir sind"
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Über den Film

In seinem ersten Spielfilm widmet sich der mexikanische Regisseur Jorge Michel Grau der prekären Situation gesellschaftlicher Außenseiter in der Großstadt. Am originellen Beispiel einer Kannibalenfamilie zeigt er den täglichen Kampf ums Überleben in einem Umfeld, dem jegliche soziale Empathie abhanden gekommen ist. Gerade in einer Mega-Metropole wie Mexico-City ist die soziale Gleichgültigkeit besonders akut: Jeder kämpft für sich allein.

Dabei dient der Kannibalismus in „Wir sind was wir sind“ als wörtlich genommene Allegorie auf eine Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen buchstäblich zum Wolf geworden ist. Die kannibalische Familie ist letztlich nicht abartiger als die Verhältnisse, die sie hervorgebracht haben. Obgleich als Außenseiter stigmatisiert, sind die Familienmitglieder doch gleichzeitig auch Produkt und Spiegel ihres brutalen Umfelds.

Kannibalismus inszeniert Grau nicht, weil er auf blutige Genre-Effekte aus ist. Ohnehin steht „Wir sind was wir sind“ dem subtilen Horror eines Michael Haneke näher als dem expliziten Splatterkino: Grau verbannt die blutigen Taten weitest gehend ins Off. Waren die Zombie- und Kannibalenfilme der späten 60er bis frühen 80er Jahre noch als Konsumkritik zu verstehen, wird das Grauen hier sublimiert als Allegorie auf den zwischenmenschlichen Horror sozialer Realität in der Großstadt am Beispiel Mexico Citys. Auch beerbt der Kannibalismus als eines unser letzten gesellschaftlichen Tabus gerade in Mexiko eine besondere Tradition: Die aztekischen Rituale um Menschenopfer und gelegentlich auch Kannibalismus dienten im Mexiko des 15. Jahrhunderts dem Erhalt der gesellschaftlichen Machtstrukturen. Das Verbot der Rituale durch die spanischen Kolonialisten unterwanderte die Macht des aztekischen Herrschers.

„Wir sind was wir sind“ überträgt dieses Erbe allegorisch auf die Jetztzeit. Auch hier ist ein Ritual durch den Tod des Familienoberhaupts bedroht, und damit auch der Zusammenhalt der verbliebenen Familienmitglieder. Aber jede Katastrophe bietet auch eine Chance: Die Möglichkeit zum Ausstieg aus einem teuflischen Kreislauf der Gewalt. „Wir sind was wir sind“ ist konsequentes Arthouse-Kino. Im Mai 2010 wurde der Film zur Quinzaine des Réalisateurs nach Cannes eingeladen.

Kommentar des Regisseurs

Als ich noch an der Filmhochschule in Mexico-City studierte, suchte ich unterbewusst oder intuitiv in jedem Thema nach mir selbst. Alle meine Übungen waren von dieser Suche geleitet. Meine Arbeit, meine Sprache und mein Erzählen enthielten viel Gewalt. Ich schaffte es nie, dieser Sache wirklich Ausdruck zu verleihen, bis ich dahinter kam, dass Gewalt immer mit Familie in Verbindung steht. Die Familie erzeugt Gewalt und wird von ihr geprägt.

In meinem ersten Spielfilm kann man diese Dinge nun sehen und spüren: Den Zerfall einer Familie, urbane Gewalt, soziale Verwahrlosung, den Kampf der Minderheiten zu überleben und wahrgenommen zu werden. Doch über allem steht die Möglichkeit eines Auswegs, indem man die Möglichkeit ergreift, der Gewalt zu entkommen. So konnte auch ich selbst davon loskommen. Indem ich sie in Fleisch und Blut zum Leben erweckte, konnte die Gewalt mir nichts mehr anhaben. Ich versuche immer, meine Umgebung zu entschlüsseln. Mit dieser Geschichte beschreibe ich mich selbst, entdecke meine eigenen Ziele, Motivationen und Werte. Erst über die große Leinwand finde ich die Ausdrucksmittel zu meinem Thema.

(Jorge Michel Grau)