Willkommen bei den Hartmanns Poster

„Willkommen bei den Hartmanns“ – die Kritik

Alexander Jodl  

„Männerherzen“-Regisseur Simon Verhoeven packt deutsche Stars und ebensolche Mentalität mit Flüchtlingen auf engsten Raum – und beleuchtet das sich rasant entwickelnde Chaos als witzig-entlarvende Satire.

Spätestens seit seiner zweiteiligen Sezierung von „Männerherzen“ weiß man, dass Simon Verhoeven eine Handvoll deutscher Schauspieler, kombiniert mit einer witzigen Story, in eine Erfolgsgeschichte verwandeln kann. Eine, die es schafft, Millionen Komödien-Fans ins Kino zu ziehen. Kein Wunder also, dass das filmische Multitalent auch grünes Licht bekommen hat, den Culture-Clash „Willkommen bei den Hartmanns“ zu inszenieren. In dem lässt er genüsslich deutsche Stereotypen mit der Flüchtlings-Problematik – und dabei immer wieder auch mit sich selbst kollidieren. Nur ist das Ergebnis weniger eine locker-luftige Komödie im „Männerherzen“-Stil, sondern eine handfeste Satire, mit der sich, je nach Erwartungshaltung, Fans seiner früheren Werke etwas schwerer tun könnten.

Die Ausgangsbasis bietet allerdings viel Potential für witzige Verstrickungen: Familie Hartmann möchte sich hilfreich gesellschaftlich einbringen und beschließt, einen Flüchtling aufzunehmen. Na gut: Beschlossen hat das nicht die ganze hoffnungslos kleinbürgerliche Familie. Aber zumindest die Dame des Hauses (Senta Berger). Und ihre Stimme hat nun mal am meisten Gewicht. Weder ihr höchst besorgter Mann Richard (Heiner Lauterbach) noch die restliche Familie aus Burnout-bedrohten Sohn Philipp  (Florian David Fitz) oder der emotional gestressten Tochter Sofie (Palina Rojinski) können sie daran hindern.

Also zieht der Asylsuchende Diallo (Eric Kabongo) ins Haus der Hartmanns ein – die erstmal in jeglicher Hinsicht übersteuern. Doch bald entpuppen sich nicht die kulturellen Missverständnisse oder diversen alltäglichen Umstellungen als Hauptprobleme. Die Hartmanns müssen schnell feststellen, dass ihre Entscheidung erhebliche Auswirkungen auf vielerlei Ebenen hat: sozial, politisch, gesellschaftlich, nachbarschaftlich. Und in Summe ein Chaos entfacht, dem die wohlmeinenden Bildungsbürger schutzlos ausgeliefert sind…

Zwei Fragen wirft Simon Verhoevens neues Werk auf – und die individuelle Antwort entscheidet dafür, ob man den Hartmanns und ihrem Asylanten einen Besuch abstatten sollte: Dürfen wir über die Flüchtlingskrise lachen? Und können wir überhaupt über unsere eigene Rolle darin lachen? Wer beide Fragen mit „Ja“ beantwortet – was hoffentlich möglichst viele sind – stößt bei dem entlarvenden Versuch, Spießbürgertum und latente Hilfsbereitschaft unter einen Hut zu bringen, auf ein lohnendes Vergnügen. Zwar keines, das essentielle Antworten liefert oder echte Hilfestellung beim Umgang mit der Problematik gibt. Wir reden hier schließlich über filmisch gute Unterhaltung – und keine tiefen Denkanstöße jenseits „macht euch mal locker, Leute“. Aber auch so etwas hat ja seine Berechtigung. Vor allem, weil viele der witzigen Szenen sowohl wirklich Spaß machen, als auch heiter verbrämt dazu auffordern, die eigene Haltung zu überdenken. Denn auf diese wird man sicher irgendwo stoßen – vermutlich sogar verteilt auf verschiedene Personen.

Natürlich bürgt so ein Ensemble deutscher Stars, wie es sich hier bei den Hartmanns versammelt, für ein höchst solides schauspielerisches Niveau. Und jeder einzelne wird sowohl seiner Rolle wie auch der Erwartung daran unspektakulär gerecht. Größte Überraschung dabei: Newcomer Eric Kabongo spielt sie alle souverän an die Wand. Ob als irritierter Zeuge des in jeglicher Hinsicht eigenwilligen Verhaltens der Deutschen, ob als Opfer eines furchtbaren Schicksals – er verleiht seiner Figur Vielschichtigkeit und emotionale Tiefe, die den anderen Figuren in der Satire letztlich abgeht.

Auch etwas, dass man als Publikum hinzunehmen bereit sein muss: Wir Deutsche sind mehr oder minder bessere Stereotypen – im Positiven wie im Negativen. Der Film, dessen Hauptaussage darin besteht, wie schwer wir Deutschen uns mit unserer neuen Rolle tun, hat letztlich das gleiche Problem…

Ist aber auch nicht leicht. Speziell bei der typisch deutschen Angewohnheit, uns andauernd selbst zu überholen: ob rechts, links, verbal – ob mit Regularien oder wohlmeinendem Engagement. Entspanntes Fortbewegen auf der mittleren Fahrbahn bei moderatem Tempo – dabei nur das langfristige Ziel im Auge – ist gesellschaftlich nun mal unsere Sache nicht. Und nachdem die Hartmanns und ihre filmische Soziosphäre dazu beitragen, uns dem lachend ein kleines Stück näher zu bringen, sind sie im Kinosaal herzlich willkommen. Ebenso wie Diallo in ihrem kleinbürgerlichen Zuhause… Wenn hoffentlich auch mit weniger kleingeistigen Irritationen.

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