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Fakten und Hintergründe zum Film "Whisky mit Wodka"

Kino.de Redaktion |

Whisky mit Wodka Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Produktion: Die Genese des Projekts

„Was kann spannender sein, als mit Andreas Dresen und Wolfgang Kohlhaase einen Film zu produzieren, der von Lügen, Wahrheit und Einsamkeit im Filmmilieu erzählt?“, fragt Produzent Christoph Müller. Doch wie das Projekt schließlich bei ihm landete, war ziemlich ungewöhnlich.

Die Geschichte von WHISKY MIT WODKA geht auf das Jahr 1957 zurück: Da drehte Kurt Maetzig für die DEFA einen Zweiteiler mit dem Titel „Schlösser und Katen“. Hauptdarsteller Raimund Schelcher war dem Alkohol sehr zugeneigt und stellte deshalb ein Produktionsrisiko dar. Um ihn unter Druck zu setzen, verfielen die Produzenten auf die verwegene Idee, seine Rolle parallel mit einem zweiten Schauspieler namens Hans Hardt-Hardtloff zu besetzen. Die Konkurrenzsituation motivierte Schelcher tatsächlich dazu, sich zusammenzureißen, so dass Hardt-Hardtloff nach zwei Wochen wieder entlassen und der Film mit Schelcher zu Ende gedreht wurde.

Regisseur Frank Beyer, der damals bei jener Produktion Regieassistent gewesen war, hielt diese skurrile Episode für eine gute Filmidee und erzählte sie seinem langjährigen Freund, dem Autor Wolfgang Kohlhaase, der den Grundeinfall zur Entwicklung einer ganz eigenen und völlig neuen Geschichte nutzte.

Als Beyer schwer krank wurde und es sich herauskristallisierte, dass er den Film nicht mehr würde drehen können, bot Kohlhaase – nach Rücksprache mit Beyer – das Projekt Andreas Dresen an, mit dem er bereits bei SOMMER VORM BALKON zusammengearbeitet hatte. Und Dresen griff zu: „Eine sehr schöne, traurige und menschliche Geschichte über kleine Lebenslügen und alltäglichen Opportunismus“, sagt er. „Kohlhaase hat die filmgeschichtliche Anekdote dazu benutzt, um vom Älterwerden, von Einsamkeit und Ersetzbarkeit zu erzählen. Er tut dies auf tragikomische Weise – und so, dass man sich in den Filmfiguren gut wiedererkennen kann.“

Gemeinsam mit Dresen und dessen langjähriger Producerin Cooky Ziesche entwickelte Kohlhaase das Buch bis zur Drehreife. Parallel dazu trieb Dresen die Entwicklung eines weiteren Stoffes voran, der ihm auf den Nägeln brannte: WOLKE 9. Der Plan war, beide Filme mit annährend demselben Team kurz hintereinander zu drehen, um möglichst keine Zeit zu verlieren – WOLKE 9 im Frühsommer 2007, die herbstliche Geschichte WHISKY MIT WODKA ab September desselben Jahres.

Anschließend sollte zunächst WOLKE 9 geschnitten werden, später dann WHISKY MIT WODKA. Die beiden ineinander verschränkten Produktionen mussten also in kürzester Zeit parallel geplant und finanziert werden. Senator stand schon bald als Verleiher für beide Filme fest: „Es war uns wichtig, die bei SOMMER VORM BALKON begonnene erfolgreiche Zusammenarbeit mit Verleihchef Anatol Nitschke fortzusetzen“, bekräftigt Dresen. Damit war allerdings die Finanzierung noch lange nicht gesichert: „Da Peter Rommels Möglichkeiten durch die Herstellung von WOLKE 9 ausgelastet waren, brauchten wir eine Produktionsfirma, die so solide aufgestellt war, dass sie ein aufwändiges Projekt wie WHISKY MIT WODKA kurzfristig übernehmen konnte“, erläutert Dresen.

Nitschke erzählte ihm, dass Produzent Christoph Müller von der Senator Film Produktion schon lange einmal mit Dresen zusammenarbeiten wollte. Dieser hatte zunächst Sorge, seine Wünsche nicht durchsetzen zu können, weil er den Senator-Produzenten noch nicht kannte. Doch der akzeptierte alle seine Bedingungen: „Ich behielt die Besetzungshoheit und durfte mit meinem bewährten Team um Produktions- und Herstellungsleiter Peter Hartwig arbeiten“, so Dresen. „Und Senator hatte die Kraft, den Film vorzufinanzieren und sich um die Bankbürgschaften zu kümmern.“

Christoph Müller kannte Hartwig bereits von einer früheren Produktion: „Er war es, der meinen Wunsch nach einer Zusammenarbeit mit Andreas Dresen geweckt hat“, berichtet Müller. „Ich wusste, da würde etwas ganz Besonderes entstehen.“ Die Sender RBB, WDR, BR, MDR und Arte konnten als Koproduzenten gewonnen werden; hinzu kamen Fördergelder vom Medienboard Berlin-Brandenburg, der Mitteldeutschen Medienförderung, der Filmförderungsanstalt FFA und des Deutschen Filmförderfonds. Dresens langjähriger Freund und Produktionspartner Peter Rommel steuerte als weiterer Koproduzent Referenzmittel bei.

Produktion: Besetzung und Motivsuche

Henry Hübchen war Dresens Wunschbesetzung für die Hauptrolle des Lebemannes Otto Kullberg: „Ich wollte keinen abgewirtschafteten Schauspieler zeigen, sondern einen, der – wie Henry – Charme und Vitalität besitzt“, erklärt Dresen. „Henry bringt etwas Flirrendes in die Geschichte, etwas Kraftvolles, Raumgreifendes. In den 20er-Jahre-Kostümen sieht er fast ein bisschen wie Marcello Mastroianni aus. Sein Sexappeal war ebenso essenziell für die Rolle: Wenn Otto junge Mädchen angräbt, darf das nicht peinlich sein. All das ist bei Henry auf ideale Weise vorhanden.“

Als Ottos Gegenspieler Arno Runge wurde der Burgtheater-Schauspieler Markus Hering engagiert. „Die Figur ist ein sympathischer Verlierer“, legt Dresen dar. „Ich habe jemanden gesucht, den man auf den ersten Blick vielleicht unterschätzt, der aber wie Markus ein enormes Entwicklungspotenzial hat und bei dem nach und nach andere Töne zum Tragen kommen – bis hin zu dem Punkt, an dem er gefährlich intrigant wird und versucht, Otto auszuknocken.“

Auch Dresens erste Wahl für die Rolle des Filmemachers Martin Telleck sagte auf Anhieb seine Mitwirkung zu: Sylvester Groth. Mit seiner Besetzung schloss sich ein Kreis, denn er hatte seine erste große Kinorolle in Frank Beyers Film „Der Aufenthalt“ gespielt, zu dem Wolfgang Kohlhaase das Drehbuch verfasst hatte. Eine weitere kleine Hommage an Kohlhaase ist der Gastauftritt des Komponisten Günther Fischer, von dem die Filmmusik zu Kohlhaases Kultfilm „Solo Sunny“ (Regie: Konrad Wolf) stammt: Just diese Musik spielt er hier als Barpianist in der Kneipe, in der Otto und Arno gegen Ende des Films Whisky und Wodka trinken.

Während der Dreharbeiten zu WOLKE 9 arbeiteten manche Teammitglieder an den Wochenenden bereits parallel an WHISKY MIT WODKA: Andreas Dresen machte Probeaufnahmen in Babelsberg, Produktionsleiter Peter Hartwig und Szenenbildnerin Susanne Hopf begaben sich auf Motivsuche.

Die entscheidende Schwierigkeit bestand darin, dass es keinen Ort gab, an dem man die Haupthandlung des Films komplett drehen konnte: „Das Kurhotel in Binz auf Rügen stand zwar für Außenaufnahmen zur Verfügung, aber innen konnten wir dort nicht filmen, weil es total ausgebucht war und die Räume unseren Anforderungen zum Teil nicht entsprachen“, bedauert Dresen. „Und es gab dort auch keinen Platz für die Wohnwagensiedlung der Filmleute am Strand. Am Ende mussten wir wie ein großer Wanderzirkus von einem Drehort zum anderen ziehen.“

In Binz wurden die Szenen vor dem Hotel, an der Kurpromenade und auf der Seebrücke gefilmt; im Studio Babelsberg entstanden die Aufnahmen in den Hotelzimmern und auf den Fluren des Hotels; in Zingst konnte das Team auf einem Zeltplatz am Strand den Wohnwagenpark errichten – und der passende Ballsaal fand sich in einem alten, leer stehenden Hotel in Dresden, in dem vor Jahren auch DER ROTE KAKADU von Dominik Graf gedreht worden war.

Produktion: Die Dreharbeiten

Wegen der komplizierten Vorbereitungen musste der Beginn der zweimonatigen Dreharbeiten vom 1. September auf den 1. Oktober verschoben werden. „Nachdem es auf Rügen bereits den ganzen September über durchgängig regnete und heftige Stürme den Strand unterspülten, hatte Andreas Dresen die Befürchtung, es würde im Oktober und November noch heftigere Wettereinbrüche geben“, erzählt Christoph Müller. „Wir waren schon nah dran, den Dreh um ein Jahr zu verschieben. Aber ich habe auf den Altweibersommer gesetzt.“

Sein Wagemut wurde belohnt: Pünktlich zum 1. Oktober war der Himmel über Rügen blau – und das blieb auch wochenlang so. „Da hat jemand seine schützende Hand über uns gehalten“, vermutet Dresen. „Unser Drehplan war extrem knapp gestrickt, weil die Schauspieler teilweise noch andere Verpflichtungen hatten – Corinna Harfouch zum Beispiel drehte parallel IM WINTER EIN JAHR mit Caroline Link. Hätten wir Pech mit dem Wetter gehabt, dann wäre das alles zusammengebrochen.“

So konnte eine Szene, die auf zwei Schiffen spielt, überhaupt nur an einem einzigen Tag gedreht werden, weil nur zu diesem Zeitpunkt alle beteiligten Darsteller verfügbar waren. „Für diesen Tag gab es eine Sturmwarnung, und als wir morgens aufbrachen, goss es in Strömen“, erinnert sich der Regisseur. „Doch kaum waren wir auf hoher See, da riss die Wolkendecke plötzlich auf, und das kraftvolle, durch den Wind sehr klare Licht bescherte uns zauberhafte Momente.“ Henry Hübchen riskierte tatsächlich bei hohem Seegang den Sprung von einem Schiff zum anderen, und Markus Hering wagte sich in die elf Grad kalte Ostsee: „Er hatte zwar eine Neoprenschicht unter seinem weißen Anzug, aber ich hätte trotzdem nicht mit ihm tauschen mögen“, sagt Dresen.

In vielerlei Hinsicht ist WHISKY MIT WODKA eine Art Gegenpol zu dem mit Mini-Crew auf HDV gedrehten Kammerspiel WOLKE 9: Diesmal filmte Dresen auf 35mm, und die 20er-Jahre-Film-im-Film-Geschichte erforderte einen beträchtlichen finanziellen und personellen Aufwand. „Ich wiederhole mich nicht gern, darum war es ein großes Vergnügen für mich, innerhalb eines Vierteljahres mit meinem Team zwei so unterschiedliche Projekte realisieren zu können“, bekräftigt der Regisseur. „Und ich habe es durchaus genossen, dass ich diesmal nicht selbst als Tonassistent, Produktionsfahrer und Standfotograf arbeiten musste. Unsere Kostümbildnerin Sabine Greunig, die bei WOLKE 9 immer völlig allein an der Nähmaschine saß, musste diesmal ein Team von teilweise mehr als 20 Assistenten und Garderobieren anleiten.“

Größte organisatorische Herausforderung am Set war die Koordinierung der verschiedenen Teams: „Weil wir eine Geschichte über Dreharbeiten erzählen, mussten natürlich alle Positionen doppelt besetzt werden“, erläutert Christoph Müller. „Neben dem Filmteam von Andreas Dresen gab es immer auch noch das Film-im-Film-Team des Regisseurs Martin Telleck.“ Um den Personalaufwand zu verkleinern, arbeiteten deswegen nach Möglichkeit viele Crewmitglieder sowohl hinter als auch vor der Kamera. Die doppelten Kommandos führten bisweilen zur Verwirrung: Wenn Telleck „Aus!“ rief, hieß das noch lange nicht „Aus!“ für Dresens Crew – deren Mitglieder mussten sich deshalb manch erworbenen Reflex wieder abtrainieren. Für Tonmeister Peter Schmidt war die Situation geradezu schizophren: Er gehörte sowohl zu Dresens als auch zu Tellecks Team.

Besonders kompliziert gestaltete sich zudem die Frage des richtigen Blickwinkels. „Wir mussten immer höllisch aufpassen: Wer gehört jetzt ins Bild? Welche Lampe dürfen wir zeigen, welche nicht?“, gesteht Dresen. Für ihn gab es noch ein zusätzliches Hindernis: Dadurch, dass Telleck im Film manche Szenen wiederholen lässt oder sie erst mit Otto und dann noch einmal mit Arno dreht, musste Dresen die Inszenierung stets variieren. Die erste Szene, die Otto vergeigt, sieht man im Film beispielsweise fünf Mal: drei Mal am Anfang und zwei Mal am Schluss. „Um das zu filmen, brauchst du jedes Mal einen anderen Ansatz“, so Dresen, „damit die Wiederholungen für den Zuschauer nicht langweilig werden.“

Produktion: Stimmung am Set

Am meisten überrascht zeigt sich Dresen von der Tatsache, dass es während der achtwöchigen Drehzeit keinen einzigen großen Krach gab. Von Peter Hartwig hatte er zuvor ein T-Shirt mit dem Telleck-Zitat „Ich bin kein Eimer, in den jeder scheißt!“ bekommen. Daraufhin hatte er seiner Regieassistentin Sabine Weyrich ein T-Shirt geschenkt, auf dem stand: „Ich auch nicht!“

Beide hatten ihre T-Shirts am Set immer dabei: „Wir hätten sie zusammen angezogen, wenn es mal so richtig Stunk gegeben hätte“, sagt Dresen. „Aber das war nie nötig!“ Das wiederum wundert Christoph Müller gar nicht: „Ich habe noch nie einen solchen Teamgeist am Set gespürt wie hier“, versichert er. Telleck „Und das liegt natürlich vor allem an Andreas Dresen, der immer für gute Stimmung sorgt.

Anders als manch anderer Filmemacher öffnet er kreative Räume nicht, indem er Ängste schürt, sondern indem er Vertrauen schafft. Film muss eben nicht immer Krieg sein!“ Bei Dresen gebe es auch keine albernen Kämpfe zwischen Regisseur und Produzenten, betont Müller: „Wenn er einen Wunsch äußert, versucht man alles zu tun, um ihn zu erfüllen. Denn man weiß, dass er vorher schon ernsthaft darüber nachgedacht hat, was sinnvoll ist.“

Der Regisseur gibt das Kompliment zurück: „Christoph ist nicht kleinlich – er hat eine souveräne und großzügige Art, Produktionen durchzuführen. Er hat uns immer ermutigt, hat Peter Hartwig und mir einfach diesen riesigen Kahn in die Hände gegeben, damit wir ihn durch die unruhige See steuern. Ich vermute, es ist vor allem Peter Hartwigs Verdienst, dass Christoph so ein Vertrauen hatte.“ Auch Hauptdarsteller Henry Hübchen schwärmt von dem Produktionsleiter: „Peter Hartwig finde ich unglaublich. Der macht alles gleichzeitig und ist dabei auch noch immer freundlich. Wenn der mal einen Workshop zum Thema ,Organisieren Sie Ihr Leben‘ anbietet, dann bin ich garantiert der erste, der daran teilnimmt!“

An eines musste sich Christoph Müller als „Neuling“ im Team allerdings erst gewöhnen: „Andreas Dresen schätzt die Anglizismen nicht, die sich in der Filmwelt eingeschlichen haben“, legt Müller dar. „Es gab also bei uns kein Casting, sondern Probeaufnahmen. Unser Screening war eine Sichtung. Und auch Catering konntest du vergessen – stattdessen hieß es: Wer macht die Küche?“ Müller überprüfte daraufhin gedanklich stets jeden seiner Sätze auf unnötige englische Ausdrücke. „Aber einmal habe ich Andreas Dresen selbst bei einem Fauxpas erwischt“, lacht er. „Er fragte mich doch tatsächlich wann wir eigentlich Picture Lock haben.“

Die passende Musik fand Dresen, wie so oft, intuitiv im Schneideraum. Ursprünglich dachte er an Tango – nicht zuletzt, weil der Film im Film „Tango für drei“ heißt. „Das funktionierte aber nicht richtig“, gesteht er. „Erst als wir anfingen, mit Jazz-Klassikern zu experimentieren, tat sich plötzlich ein neuer Horizont auf: Das klang ein bisschen nach Woody Allen, und das fand ich stimmig, weil mich die Tonlage von WHISKY MIT WODKA schon immer an dessen Filme erinnert hat – an dieses Unspektakuläre, diese scheinbaren Nicht- Geschichten, die von vielen schönen zwischenmenschlichen Momenten leben. Die Swing-Nummern passen nicht nur perfekt zu Tellecks 20er-Jahre-Film, sie sorgen auch für eine ironische Brechung der Rahmenhandlung: Sie holen die Geschichte heraus aus der heutigen Alltäglichkeit – und geben ihr ein zeitloseres Gesicht.“

Interview mit Andreas Dresen

Wie kam die Geschichte von WHISKY MIT WODKA zu Ihnen?

In Form eines Drehbuchs von Wolfgang Kohlhaase. Während einer Zugfahrt von Lünen nach Berlin erzählte er mir davon und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, das mal zu lesen. Ich tat’s und fand, dass darin eine Menge menschlicher Wahrheit steckte: Wo knicken Leute ein? Wo richten sie sich in einer unbefriedigenden Situation ein? Das Drehbuch nimmt eine skurrile Begebenheit aus den 50er Jahren zum Ausgangspunkt für eine Geschichte über Opportunismus und Lebenslügen. Es trifft meine eigenen Erfahrungen und ich frage mich: Was ist wirklich wichtig im Leben? Welche Werte vertrete ich? Entscheidende Fragen, die sich auch die Figuren im Film stellen müssen.

Wie würden Sie die Hauptfigur des Films charakterisieren, den Schauspieler Otto Kullberg?

Auf den ersten Blick wirkt er souverän im Umgang mit allen Dingen – Otto hat immer einen Spruch parat und nach außen eine perfekte Fassade aufgebaut. Aber im Grunde seines Herzens ist er ein total einsamer Mensch. Deswegen trinkt er auch. Er war nicht in der Lage, jenseits des Berufes dauerhafte Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Stattdessen hat er sich in Arbeit geflüchtet – er hat immer nur Filme gedreht. Es gibt aber Wichtigeres im Leben. Das macht sich auf tragische Weise bemerkbar, als Otto feststellt, dass er auch im Beruf immer mehr ins Abseits rutscht: Nur seiner verflossenen Liebe Bettina hat er zu verdanken, dass er noch mal engagiert wurde. Er spürt mehr und mehr, dass er ersetzbar ist: Otto rutscht auch seine letzte Stütze im Leben weg.

Arno, sein Gegenspieler, ist auch nicht besser dran.

Er kann einem über weite Strecken leid tun in der undankbaren Rolle, die er bei diesem Filmprojekt einnehmen muss. Einen Partner im Leben hat er auch noch nicht gefunden. Und nun lügt er sich die Taschen voll, indem er vorgibt, mit seiner Rolle als Ersatzspieler zufrieden zu sein. Denn in Wirklichkeit hat er einen ganz anderen Ehrgeiz: Am Ende versucht er auf ziemlich miese Art, Otto aufs Kreuz zu legen. Und Bettina? Was ist sie für ein Mensch? Die große Liebe ihres Lebens ist nicht zum Blühen gekommen; sie hat sich mit Telleck auf einen pragmatischen Kompromiss eingelassen, tastet aber immer noch herum und fängt zum Schluss sogar was mit Arno an. Insgeheim trauert sie aber ihrer alten Liebe nach, die sie nicht kriegen kann, und hadert mit sich selbst.

Reden wir noch über Martin Telleck, den Regisseur im Film.

O Gott, ja, das ist wirklich ein kleiner Opportunist! Seine Korruption beginnt schon damit, dass er Otto nur deshalb als Hauptdarsteller besetzt hat, weil er sonst keinen Verleih gefunden hätte. Dann verhält er sich ihm gegenüber illoyal, indem er die Konstruktion mit dem Ersatzspieler akzeptiert. Sicher, er will dadurch sein Traumprojekt retten, aber er tut das mit unlauteren Mitteln. Ich vermisse bei ihm eine klare Haltung. Trotzdem finde ich seine Hilflosigkeit manchmal rührend. Es ist ja auch menschlich, wenn jemand unter Druck irgendwann einknickt. Das ganze Drehbuch ist so angelegt, dass man für jede Figur auch Verständnis entwickeln kann. Wer geht schonohne Kompromisse durchs Leben?

Genau genommen gibt es in der Geschichte keine einzige Figur, die wirklich glücklich ist.

Ja, alle schlagen mit den Flügeln, alle sind auf der Suche – wie wir wahrscheinlich auch. Ich glaube, dass Angst vor Einsamkeit ein Grundthema unseres Lebens ist. Im Prinzip erzählt Wolfgang Kohlhaase eine tief traurige Geschichte über verpasste Chancen. Aber er macht das mit einem wunderbaren Humor. Das ist seine große Kunst.

Wie sind Sie an die Inszenierung seiner extrem verknappten Dialoge herangegangen?

Diese Dialoge sind völlig unsentimental und präzise geschrieben; sie erfordern eine große Genauigkeit im Tempo: Wenn man den Rhythmus nur um eine Nuance verschiebt, nimmt man ihnen die Schärfe, oder die Komik geht verloren. Die Figuren bei Kohlhaase sagen eigentlich nie, was sie wirklich denken; sie haben einen unsichtbaren Schutzpanzer um ihre Herzen errichtet. Menschen sind meist vorsichtig, wenn es darum geht, Gefühle zu zeigen. Kohlhaase ahmt kein Alltagsdeutsch nach, sondern schreibt in einer Kunstsprache, die auf höhere Art Realität herstellt und letztlich doch ganz viel mit dem Leben zu tun hat. Schon bei SOMMER VORM BALKON habe ich gemerkt, dass man als Regisseur nicht versuchen darf, diese Sätze auf einen Alltagston herunterzudeklinieren. Wenn man sie exakt so nimmt, wie sie geschrieben sind, dann wirken sie schließlich extrem wahrhaftig.

Sie haben einmal gesagt, Kohlhaase hätte ein Gespür für Tonlagen. Wie würden Sie die Tonlage von WHISKY MIT WODKA beschreiben?

Tragikomödie mit stark melancholischem Einschlag. Es ist eine bittere Geschichte, die sich tarnt – ähnlich wie SOMMER VORM BALKON. Damit man als Zuschauer möglichst früh merkt, dass das keine Burleske übers Filmemachen ist, haben wir von Anfang an Bremsen in die Geschichte eingebaut: Großaufnahmen, die Momente von Einsamkeit und Sehnsucht einfangen. Spätestens, wenn Otto und Bettina in den Landgasthof fahren, ist wohl klar, dass hier existenzielle Fragen verhandelt werden.

Das Gespräch der beiden im Landgasthof ist überhaupt eine der zentralen Szenen des Films…

Man erkennt, wie sie sich belügen, wie sie vergeblich auf irgendwas hoffen, wie sie die falschen Weichen stellen im Leben – und es dann zu spät merken. Die Szene zu drehen, war für mich auch eine große Entdeckung. Denn die Art, wie Corinna Harfouch und Henry Hübchen das zum Beben gebracht haben, was in diesem Moment zwischen den Figuren passiert, hat mich extrem berührt. Sehr anrührend ist auch, was am Sterbebett von Ottos Vaters passiert. Hier wird die maßgebliche Frage gestellt, vor der alle Figuren im Film einmal stehen: „Wer bin ich?“ Ottos Vater stellt diese Frage in dem Moment, als er die Welt verlässt. Und Ottobeantwortet sie mit dem schönen Satz: „Du bist mein Vater.“ Vater zu sein ist genau das, was Otto immer verpasst hat – und das wird ihm in diesem Augenblick bewusst. Sein Vater, der Briefträger, war im wirklichen Leben unterwegs – Otto dagegen hat sich immer nur in einer Scheinwelt bewegt.

Ganz nebenbei erzählt der Film auch von der sozialen Realität – zum Beispiel, wenn Otto sich in seiner Festrede vor der Filmcrewbitter darüber beklagt, wie man ihn behandelt hat.

Ja, die Rede hat es in sich. In unserer Gesellschaft lastet auf jedem Einzelnen ein großer Druck. Wir müssen funktionieren, immer. Wer sich einen Fehltritt leistet, wird meist gnadenlos ausgetauscht. Natürlich hätte Otto nicht saufen dürfen. Aber Menschen sind eben keine funktionalenRoboter. Man muss akzeptieren, dass wir alle auch Fehler machen. Wir sollten in Respekt und Würde miteinanderdurchs Leben gehen. Das klagt Otto ein. Es geht um mehr dabei als um Schauspielerei.

Die Figuren in Ihrem Film gehen aber gerade nicht gemeinsam durchs Leben. Da kämpft jeder für sich allein.

So sind Menschen nun mal. Deshalb ist die Einsamkeit ja nicht nur im Film ein zentrales Thema, sondern auch in unserer Gesellschaft. Das manifestiert sich auch in der Wohnwagensiedlung am Meer, in der Tellecks Filmteam lebt. Da sitzt jeder abends in seinem kleinen Häuschen; ab und zu geht mal einer von Tür zu Tür und klopft vorsichtig, doch dann trennt man sich wieder und geht zurück in sein Haus. Alle leben zusammen, aber letztlich doch jeder für sich. Wegen dieses Bildes war es mir auch wichtig, dass Tellecks Team im Film nicht in einem Hotel untergebracht ist, wie das sonst bei Dreharbeiten üblich ist.

Was war für Sie die größte Herausforderung beim Drehen?

Die Film-im-Film-Geschichten, die dazu geführt haben, dass man dieselben Schauspieler in verschiedenen Figuren und Spielweisen zeigen musste. In der Regenszene unter der Seebrücke küsst Corinna Harfouch beispielsweise erst ihren ersten Leinwand- Partner, dann ist sie in einem privaten Moment als Bettina zu erleben, um anschließend ihren zweiten Leinwand-Partner und schließlich ihren Mann zu küssen – alles mit völlig unterschiedlichen Haltungen! Abgesehen davon musste ich mich erst einmal wieder daran gewöhnen, so viele Menschen vor und hinter der Kamera zu bewegen. Ich selbst habe manchmal mit zwei Kameras gedreht, dazu gab es natürlich immer noch Tellecks Team. Wenn man da nicht aufpasst, hat man bald ein heilloses Durcheinander. Am Anfang wusste ich nicht einmal, wie ich so einen Drehort mit drei Kamerateams überhaupt aufbauen sollte.

Und welche Lösung haben Sie gefunden?

Wir haben das ganz systematisch gemacht: Zuerst haben wir immer Tellecks Szene eingerichtet, damit wir wussten, wie sich dessen Team und dessen Schauspieler bewegen würden. Erst danach konnten wir anfangen, unser eigenes Bild zu bauen. So denken zu müssen, war ungewohnt für mich – schließlich bin ich ja sonst eher ein Kammerspiel- Typ.

Immerhin durften Sie hier zur Abwechslung mal in Kostüm und Ausstattung schwelgen.

Ja! Und dank der historischen Film-im-Film- Geschichte konnte ich auch verschiedene Filmstile bedienen. Die 20er-Jahre-Szenen verlangten von den Schauspielern zum Beispiel eine ganz andere Körpersprache, einen anderen Gestus und eine andere Dialogtechnik. Da gab es etwa in einer Strandkorb-Szene diese typischen, schnellen, auf die Spitze getriebenen Klipp-Klapp-Dialoge wie in einer Screwball- Komödie. Und ich durfte mal eine große Ballszene drehen! All das steht ja bei meinen Alltagsgeschichten sonst nie auf dem Zettel. Aber mir macht es Spaß, so etwas zu inszenieren. Und natürlich habe ich während meines Studiums in Babelsberg durchaus die klassische Filmerzählung gelernt. Darum habe ich mich sehr gefreut, dass ich bei WHISKY MIT WODKA manches Handwerkszeug wieder hervorkramen durfte: Hier konnte ich ein paar Register ziehen, die sonst in meinen Filmen keinen Platz haben.

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