Filmhandlung und Hintergrund

Deutsches Drama um eine ehemalige Gefängnisinsassin, die ein Mädchen vor dem Gang in den Knast bewahren will.

Als Wanja (Anne Ratte-Polle) aus dem Gefängnis entlassen wird, schwört sie sich, niemals wieder in eine solche Lage zu geraten. Inzwischen ist sie 40 Jahre alt und fest davon beseelt, nun ein rechtschaffenes Leben zu führen. In der niedersächsischen Provinz angekommen, vermeidet sie auch strikt alle Pfade, die sie wieder in den Drogensumpf führen könnten. Entsprechend sucht sie sich einen soliden Job, bezieht eine Sozialwohnung, hört auf ihren Bewährungshelfer und achtet minutiös darauf, ihre Bewährungsunterlagen einzuhalten. Aufgrund ihrer Zuneigung für Tiere nimmt sie erst einen Job in einer Tierhandlung, dann bei einem Trabrennstall an. In dem neuen Umfeld, wo sie sich um die Pferde kümmert, lernt sie die 16-jährige Emma (Nele Trebs) kennen. In ihrer widerspenstigen Art erinnert sie die junge Emma an ihr eigenes, früheres Ich. Hinzu kommt, dass das Mädchen den Drogen und dem Alkohol nicht abgeneigt ist und offensichtlich eine von Selbstzweifeln durchzogene Phase durchmacht. Allmählich entwickelt Wanja Sympathien für Emma, und bald schon freunden sich beide an. Doch das allein vermag es nicht, Emma von ihrem Selbstzerstörungstrip abzuhalten. So kommt es, wie es kommen muss: Die 16-Jährige gerät in Schwierigkeiten. Nun ist es an Wanja, Emma zu helfen. Die unter Bewährung stehende Wanja wird somit in genau das hineingezogen, was sie ursprünglich um jeden Preis vermeiden wollte. Doch Freundschaften haben ihre eigenen Gesetze, und Wanja ist bereit, das Risiko zu tragen - und riskiert damit die eigene Freiheit. Das deutsche Drama wurde von Carolina Hellsgård inszeniert, die mit dem 90-Minüter ihr Spielfilm-Debüt feierte. “Wanja“ wurde bereits Anfang 2015 auf der Berlinale in der Rubrik “Perspektive Deutsches Kino“ vorgestellt.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

  • „Wertvoll”

      Wanja kommt nach mehrjähriger Haftstrafe aus dem Gefängnis frei. Aber in der niedersächsischen Provinz neu anzufangen, ist eine zähe Angelegenheit. Kritische Blicke der Dorfbewohner verfolgen jeden Schritt der 40-Jährigen ehemaligen Drogensüchtigen. Der Arbeitgeber in der Tierhandlung jagt Wanja davon, weil sie angeblich Geld geklaut hat. Sie flüchtet sich in ein Praktikum auf der örtlichen Trabrennbahn, wo sie die 16-Jährige Emma kennenlernt, die sie an die eigene Tochter erinnert. Carolina Hellsgårds Debütfilm, der dieses Jahr in der Perspektive deutsches Kino auf der Berlinale seine Weltpremiere feierte, ist ein genau beobachtetes, ungeschminktes Charakterporträt. WANJA schildert die ersten Gehversuche der Protagonistin in Freiheit mit beachtlicher Gnadenlosigkeit. Zuneigung erfährt sie von einem Raben und einer Entenfamilie, die sie in die Trübseligkeit und Enge der eigenen Wohnung einsperrt. Hellsgårds Film fängt diese Umgebung ebenso treffend ein wie auch die apathische, deprimierende Dorfstimmung. Die Kneipen und Imbisse sind bevölkert von wortkargen, abgestumpften Menschen. Was Wanja dort findet, ist im äußersten Fall nur ein One-Night-Stand. Dass auch die Tristesse der Provinz in faszinierende Bilder getaucht werden kann, zeigen die Sequenzen in den schmutzigen Kiesgruben, die wie edle Sanddünen gefilmt werden oder das nächtliche Lagerfeuer, um das wüst Kostümierte hypnotisch tanzen. Wie eine taumelnde Boxerin, die nur langsam wieder zu sich findet, verkörpert Hauptdarstellerin Anne Ratte-Polle die Figur der Wanja. Sie ist roh und ungestüm und erwartet in jedem Moment den nächsten Schlag. Mit ihrer ungeschminkten Art ist WANJA eine bedrückend intensive Charakterstudie. Ein Film über verpasste Möglichkeiten und zweite Chancen.

      Jurybegründung:

      WANJA der dänischen Regisseurin Caroline Hellsgard ist eine Mischung aus Sozialdrama und dem Psychogramm zweier Frauen, die beide, durch traumatische Erfahrungen seelisch verletzt, ums alltägliche Überleben kämpfen. Bereits die erste Szene des Films spiegelt die ganze Tristesse der Situation wider, die das Leben der vierzigjährigen Wanja überschattet: Ein städtischer Beamter inspiziert eine karge Wohnung, die der soeben aus der Haft entlassenen Frau von den Behörden zugewiesen wird. Nüchtern stellt er fest, dass das Klo funktioniert, sich im Küchenschrank vier Teller und zwei Gläser befinden, im Wohnzimmer mit seiner düsteren Tapete steht ein altes Sofa - das ist der Ort, an dem Wanja leben soll, bzw. leben muss. Ein Praktikum ist erforderlich, damit sie Geld erhält. Aber schon der erste Versuch, in einer Tierhandlung Fuß zu fassen, scheitert am Misstrauen und der Abneigung des Ladeninhabers. Wanja gibt nicht auf, verdingt sich in einem Trabrennstall und wird schließlich in das Drama einer jungen, drogensüchtigen Frau hinein gezogen, in der Wanja einen Ersatz für die eigene verlorene Tochter sieht. Langsam und subtil entwickelt die dänische Regisseurin diese Geschichte einer Frau, die vergeblich versucht, in der Freiheit anzukommen, die sich in ihrer Einsamkeit eine Krähe und mehrere Enten als Hausgefährten sucht und nicht mehr in der Lage ist, eine emotionale Beziehung zu einem Mann aufzubauen. Anne Ratte-Polle spielt diese verletzte Seele mit großer Eindringlichkeit, und auch Nele Trebs in der Rolle des Mädchens, in dem Wanja den Tochterersatz sieht, überzeugt in ihrer Darstellung von Hilflosigkeit und Verzweiflung. Im Vergleich mit diesen beiden Figuren wirken alle anderen Charaktere, insbesondere die männlichen Protagonisten wie beispielsweise der Bewährungshelfer oder die drei jungen Männer im Rennstall, wie Klischees ohne ausgeprägte eigene Persönlichkeit. Der Regisseurin und ihrer Kamerafrau Kathrin Krottentaler gelingen aber immer wieder bewegende Momente, die Wanjas Verlorenheit in berührenden Bildern festhalten (Zähmung der Krähe, das Telefonat mit ihrer Tochter, das im emotionalen Fiasko endet), und die vor allem die Stimmung in der niedersächsischen Kleinstadt Sulingen wiedergeben, deren große Tage als Zentrum der norddeutschen Schuhproduktion vorüber sind.

      Der handwerklich insgesamt soliden Films weist einige Schwächen im Drehbuch auf, insbesondere in den manchmal blutleer wirkenden Dialogen und, um ein Beispiel zu nennen, in der Szene, in der Wanja Zeugin eines Überfalls in einer Imbisstube wird, deren Betreiber von einem Gangster niedergeschlagen wurde. Auch Wanja entgeht nur knapp der Gefahr. Diese Szene ist zwar die logische Erklärung dafür, dass Wanja durch Mitnahme des vom Räuber erbeuteten Geldes nun ihr eigenes Leben und die Abtreibung ihrer Freundin finanzieren kann, erscheint aber doch als Bruch der Dramaturgie, die mehr auf Suspense und der Darstellung psychischer Entwicklungen als auf Aktion angelegt ist.

      Dennoch war das Gremium sich einig, dass WANJA vor allem aufgrund der darstellerischen Leistungen der beiden weiblichen Protagonisten und der beklemmend realistisch wiedergegeben Atmosphäre von Kleinstadttristesse und gescheiterten Lebensentwürfen das Prädikat „wertvoll“ verdient.

      Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

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