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Fakten und Hintergründe zum Film "Waltz with Bashir"

Kino.de Redaktion |

Waltz with Bashir Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Zur Produktion

Am Anfang war die Recherche. Das Hauptkonzept bestand darin, ein einzelnes Ereignis aus dem Libanon-Krieg 1982 zu analysieren. Autor und Regisseur Ari Folman war damals ein junger Mann von 19 Jahren und Sergeant in der Infanterie der Israelischen Armee. Er nahm an einigen harten Kämpfen an der libanesischen Westfront teil. Bei der ursprünglichen Recherche wurde versucht, ein vorläufiges Mosaik über eine Woche dieses Kriegszugs zu erstellen, von Anfang an mit dem klaren Ziel vor Augen, das Material als Animationsfilm „rüberzubringen“. Je länger die Recherche andauerte, umso mehr erkannte Folman, dass er ein persönliches Konzept erschaffen musste, um dem gefundenen Material eine Form zu geben, die sich für die Handlung eines Spielfilms eignen würde. Nach und nach bildete sich die Idee heraus, die Struktur des Films nach Aris persönlicher Geschichte zu gestalten – einer Geschichte, die in seiner Erinnerung nicht mehr vorhanden war. Das Ziel des Films würde sein, die verloren gegangene Erinnerung durch die Reisen zu den Menschen, mit denen er im Krieg gedient hatte, wiederzubeleben.

Die seltene Form eines animierten Dokumentarfilms wurde in der Tat für Waltz With Bashir erfunden. Auf der Grund - lage der Recherchen wurde zunächst ein vollständiges Drehbuch geschrieben. Dieses Drehbuch wurde in einem Studio auf Video verfilmt. Es beinhaltete Interviews mit den Figuren des Films und Dramatisierungen der Geschichten, die sie in den Interviews erzählten. Dies diente später den Anima toren als Vorlage für ihre akkurate Arbeit. Innerhalb von acht Monaten wurde der Film geschnitten. Nach Testvorführungen und Abnahme des fertigen Videofilms wurde an Hand der Videoversion ein detailliertes und präzises Storyboard erstellt. Aus den Zeichnungen des Storyboards wurde dann ein Videoboard erstellt – in der Fachsprache „Animatic“ genannt.

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Alle Bilder und Videos zu Waltz with Bashir

*Die Animatic wurde geschnitten und auf eine große Leinwand projiziert, um zu prüfen, ob das Thema des Films und die Essenz des Dramas den Vorgaben und Vorstellungen entsprachen. Nach Abnahme der Animatic entstanden daraus dann einzelne Illustrationen, die von führenden israelischen und ausländischen Illustratoren gezeichnet wurden. Die fertigen Illustrationen wurden schließlich animiert, und sie sind es, die Waltz With Bashir zur ersten animierten Dokumentation der Filmgeschichte machen. Dieser ganze Prozess ist eine wahrhaft anstrengende Sisyphos-Arbeit. Es gibt jedoch keine Möglichkeit, das alles abzukürzen, wenn man ein Endergebnis anstrebt, das qualitativ hochwertige Animation und ungewöhnlich glaubwürdige erzählerische Präzision miteinander verbindet.

* Eine Animatic, auch Story Reel genannt, ist ein gefilmtes Storyboard. Dabei werden die Einzelbilder des Storyboards zusammengeschnitten und gegebenenfalls rudimentäre Dialoge und ein Soundtrack hinzu gefügt. Damit kann zum einen geprüft werden, ob das Timing der Dramaturgie im fertigen Film stimmt, und zum anderen, ob Soundtrack und Film zusammen passen.

Interview mit Ari Folman (Regie)

Herr Folman, haben Sie dieses Projekt von Anfang an als animierten Dokumentarfilm geplant?

Ja, in der Tat. Waltz With Bashir war immer als animierter Dokumentarfilm gedacht. Die Idee für den Film hatte ich schon seit mehreren Jahren im Kopf, aber ich war gar nicht glücklich mit der Vorstellung, das auf Video drehen zu müssen.

Wie hätte das ausgesehen?

Männer im mittleren Alter, die vor einem schwarzen Hintergrund interviewt werden und Geschichten erzählen, die vor über 25 Jahren passiert sind, ohne Archivmaterial, das ihre Stories belegen würde. Das wäre so langweilig geworden! Dann kam ich schließlich darauf, das könne man nur mit fantastisch gezeichneten animierten Bildern machen. Krieg ist so surreal, und unsere Erinnerung ist so trickreich, dass ich dachte, es wäre besser, diese Reise in die Erinnerung mit der Hilfe hervorragender Illustratoren anzutreten.

Was war zuerst da – das Verlangen, einen Dokumentarfilm zu machen, oder das Verlangen, einen Animationsfilm zu machen?

Meine Absicht war von Anfang an, einen animierten Dokumentarfilm zu machen. Nachdem ich schon zahlreiche Dokumentationen gedreht hatte, war es richtig aufregend, sich an eine animierte Dokumentation heranzuwagen. In meiner TV-Dokumentarserie The Material That Love Is Made Of hatte ich ein Experiment versucht. Jede Episode begann mit einer dreiminü - tigen animierten Szene, in der ein Wissenschaftler über „die Wissenschaft der Liebe“ sprach. Es handelte sich um einfache Flash-Animation, aber es funktionierte so gut, dass ich zu dem Schluss kam, eine lange animierte Dokumentation könnte ebenfalls funktionieren.

Was können Sie uns über den Animations-Prozess sagen, der für den Film benutzt wurde?

Er wurde zunächst als Videofilm gedreht, basierend auf einem 90 Seiten langen Drehbuch. Gefilmt wurde im Studio, und da raus wurde ein 90- minütiger Videofilm geschnitten. Anhand dieses Videofilms wurde ein Storyboard erstellt, und dann wurden 2300 Illustra tionen gezeichnet, die anschließend animiert wurden. Der Animations Prozess wurde von Chef-Animateur Yoni Goodman in unserem Studio „Bridgit Folman Film Gang“ erfunden. Es ist eine Kombination aus Flash Animation, klassischer Animation und 3D. Es ist mir wichtig klarzustellen, dass dieser Film nicht durch Rotoscope-Animation entstanden ist, das heißt, dass wir das reale Video nicht illustriert und übermalt haben. Wir haben die Bilder mit Hilfe des großen Talents von Art Director David Polonsky und seiner drei Assistenten von Grund auf neu gezeichnet.

Basiert der Film auf tatsächlichen persönlichen Erfahrungen?

Die Geschichte gibt meine persönlichen Erfahrungen wider. Sie schildert das, was ich von dem Moment an durchgemacht habe, als mir klar wurde, dass größere Teile meines Lebens komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht waren. Während der vier Jahre, die ich an Waltz With Bashir arbeitete, durchlebte ich eine größere psychologische Krise. Ich entdeckte eine Menge heftiger Sachen in Bezug auf meine Vergangenheit, und gleichzeitig haben meine Frau und ich in diesen Jahren drei Kinder in die Welt gesetzt. Wenn sie aufgewachsen sind und diesen Film sehen, hilft ihnen das vielleicht, die richtige Entscheidung zu treffen – damit meine ich, nie an einem Krieg teilzunehmen, unter gar keinen Umständen.

Hatte es einen therapeutischen Wert für Sie den Film zu machen?

Eine Reise zu unternehmen, bei der es darum geht, eine traumatische Erinnerung aus der Vergangenheit zu klären, bedeutet meist, sich zu einer Langzeit-Therapie zu verpflichten. Meine Therapie dauerte so lange wie die Produktion von Waltz With Bashir: vier Jahre. Dabei gab es eine Entwicklung von düsterer Depression als Ergebnis der Dinge, die man entdeckte, hin zu einer Euphorie darüber, dass der Film schließlich in die Produktion ging und dass die Animation vom Team schneller als erwartet bewerkstelligt wurde. Wenn ich der Typ wäre, der Psychotherapie als Allheilmittel betrachtet, dann würde ich schwören, dass der Film Wunder in Bezug auf meine Persönlichkeit vollbracht hat. Ich würde sagen, das Filmemachen war richtig gut, der Therapie-Aspekt aber eher anstrengend.

Handelt es sich bei den Interviewten um reale Personen, die sich selbst spielen?

Sieben von den neun Interviewten sind die wirklichen Leute. Sie wurden in einem Studio interviewt und gefilmt. Aus persönlichen Gründen wollten Boaz (mein Freund, der den Traum mit den Hunden hatte) und Carmi (mein Freund, der in Holland lebt) nicht vor der Kamera erscheinen, also wurden sie von Schauspielern dargestellt. Ihre Aussagen aber sind real.

Gibt es andere, die ähnliche Erfahrungen wie Sie gemacht haben?

Selbstverständlich. Ich bin nicht allein hier draußen. Ich glaube, Tausende von israelischen Ex-Soldaten haben ihre Erinnerungen tief begraben. Es kann sein, dass sie den Rest ihres Lebens verbringen, ohne dass etwas passiert. Aber eines Tages könnte es aus ihnen herausplatzen und wer-weiß-was für Folgen haben. Denn genau darum geht es beim posttraumatischen Stress-Syndrom.

Wie sehen Sie das Massaker von Sabra und Shatila heute?

So, wie ich es schon immer betrachtet habe: es war das Schlimmste, was Menschen anderen Menschen antun konnten. Eines jedenfalls ist sicher: die christlichen Milizen der Falangisten sind für das Massaker voll verantwortlich. Die israelischen Soldaten hatten nichts damit zu tun. Was die israelische Regierung anbetrifft – nur sie kennt das volle Ausmaß ihrer Verantwortlichkeit. Nur die Regierungsmitglieder wissen, ob sie vorab über die geplante gewalttätige Rache informiert wurden.

Und wie stehen Sie zum Krieg?

Indem ich Waltz With Bashir aus der Sicht eines einfachen Soldaten gemacht habe, bin zu einer Schlussfolgerung gekommen: Krieg ist so unglaublich unnütz. Und er hat nichts damit zu tun, was man in amerikanischen Filmen sieht. Kein Glamour, keine Glorie. Nur junge Männer, die ins Nirgendwo gehen, die auf Menschen schießen, die sie nicht kennen, und die dann nach Hause gehen und zu vergessen versuchen. Manchmal gelingt es ihnen. Meist gelingt es ihnen nicht.

Die Protaginisten

BOAZ REIN-BUSKILA

Aris Freund, der von aggressiven Hunden träumt

Er ist nicht gerade der typische Buchhalter, und doch ist seine Arbeit seine ganze Welt. Daher war es klar, dass der Traum von den Hunden, die kommen, um ihn zu töten, draußen vor der Firma spielen musste, in der er ein Juniorpartner ist. Boaz' Forderung, Ari müsse ihm helfen, eine Lösung für seine Alpträume zu finden, ist ein Standardmuster im Rahmen ihrer Beziehung, ein Muster, das seit 30 Jahren immer wieder auftaucht. Als ob – so jedenfalls ist es Boaz' unerschütterliche Vorstellung – Individuen, deren Geschäft die Fantasie ist, sich näher an der wirklichen Welt befinden als jene, deren Geschäft Mathematik ist. Boaz’ Besessenheit in Bezug auf seine Träume gleicht sehr seiner Besessenheit in Bezug auf Mathematik, Statistiken, Zahlen aller Art sowie allen Dingen, denen eine absolute Wahrheit innewohnt und über die es keine Diskussionen gibt. Er weigerte er sich, im Film aufzutreten, und seine Geschichte wird von einem professionellen Schauspieler gesprochen. Sein Gesicht ist reine Fiktion. Doch Boaz’ Äußerungen waren einer der Gründe dafür, dass Ari die einmalige Form für Waltz With Bashir entwickelte.

ORI SIVAN

Aris bester Freund, Filmemacher und Hobby-Psychiater

Er ist zweifellos Aris bester Freund und die Person, die ihm nach seiner eigenen Familie am nächsten steht. Seit sie gemeinsam in Haifa aufgewachsen sind, ist Ori Aris persönlicher Seelenklempner, ein Stehgreif-Therapeut, der immer zur Verfügung steht, wenn es um Probleme geht, die mit Liebe, Freundschaft, Traumata oder Verdrängtem aller Art zu tun haben. Und das alles ungeachtet der Tatsache, dass Ori tagsüber ein in Israel hoch angesehener Regisseur von Fernsehfilmen und -serien ist. Ihre Freundschaft, die im Alter von 13 Jahren begann, nahm eine interessante Wendung, als sie zusammen die Filmschule an der Universität von Tel Aviv besuchten und ihre ersten beiden Filme Comfortably Numb und Saint Clara gemeinsam inszenierten. Bis heute arbeiten sie bei Fernsehserien zusammen, und eine davon diente HBO als Vorlage für ein US-Remake. Ori ist ein Familienmensch. Er zieht fünf Kinder in einer abgelegenen Siedlung in der Negev-Wüste im Westen Israels groß.

RONNY DAYAG

Panzersoldat, auch genannt „Der Schwimmer“

Einst, vor etwa vierzig Jahren, machten sich acht Wettbewerber in kleinen Segelbooten daran, in einem gnadenlosen Rennen die Welt zu umrunden, um den „Golden Globe“ zu gewinnen. Vor und nach dem Rennen wurden sie von einem renommierten Psychiater untersucht. Der Psychiater benutzte den widersprüchlichen Begriff „beunruhigend normal“, um seine Diagnose des Gewinners in Worte zu fassen. Der Mann hatte ein Jahr lang in einer acht Meter langen Nussschale die schrecklichsten Stürme, ständige Todesangst und Schwärme hungriger Haie ertragen. Nichtsdestotrotz fand man ihn so normal und frei von jeglichem Trauma, dass der Psychiater, der die Diagnose gestellt hatte, jeglichen Glauben an seinen Beruf verlor, in dem er als Genie galt. Als Ronny Dayag die Rechercheurin für Waltz With Bashir für ein Vorab- Interview traf, lautete seine erste Reaktion: „Zweiundzwanzig Jahre habe ich auf diesen Telefonanruf gewartet – darauf, dass jemand kommt und meine Geschichte aufschreibt.“ In jedem Krieg gibt es die unterschiedlichsten Anti-Helden, aber unser Ronny ist der Anti-Held par excellence. Der Mann, der das Schlachtfeld verließ und nach Hause schwamm, ist heute ein anerkannter Ernährungswissenschaftler, ein Doktor der organischen Chemie, Manager eines riesigen Labors in Tnuva, das der Firma gehört, die als Mono polist die israelische Milchwirtschaft beherrscht. Als die Rechercheurin ihn verlies, völlig schockiert von seiner Kriegs- Geschichte, hatte sie nur eines über ihn zu sagen: „Er ist so normal, dass ich total beunruhigt bin.“ Die unglaubliche Geschichte, die im Film verknappt wiedergegeben wird (und doch die meiste Leinwandzeit von allen Interviewten in Anspruch nimmt), lässt einen tief in Gedanken versinken: Wie kann es sein, dass dieser Mann, der – den Tod vor Augen – der Hölle um Haaresbreite entkommen ist, aus der ganzen Sache so beunruhigend normal hervorgegangen ist? Und wenn er tatsächlich heil und gelassen aus der Sache herausgekommen ist, was sagt das aus über uns und unsere kleinen Traumata, die wir durchleben, und über die wir uns ständig beschweren?

CARMI CNA'AN

Aris Freund, der in Holland lebt

Waren Ari und Carmi wirklich enger befreundet, als sie noch Teenager waren, im Gegensatz zu ihrer jetzigen Beziehung als Mittvierziger? Haben Sie sich so kühl und distanziert behandelt wie es in Waltz With Bashir den Anschein hat? Gute Frage. Es darf bezweifelt werden, ob die zweifache Begegnung im Film darauf eine Antwort geben kann. Manchmal trübt eine Trennung von zwanzig Jahren oder mehr eine Freundschaft und ist verantwortlich dafür, dass all die Ereignisse verblassen, die sie als Jugendliche erlebt haben. Carmi hat es weit gebracht. Am Gymnasium war er ein genialer Schüler, der in allem, für was auch immer er sich entschied, Erfolg hatte. Er entschied sich für den New-Age-Weg, lange bevor irgend jemand wusste, was New Age bedeutet. Wenn man heute darüber nachdenkt, kann man deutlich erkennen, dass Carmi Mitte der achtziger Jahre ein Pionier war. Wütend ließ er alles hinter sich und lebte lange Jahre in einem Ashram in Indien. Er verinnerlichte und perfektionierte den so genannten „Buddhismus light“, den Bhagwan Shree Rajneesh, der berühmte Guru in der Stadt Poona, für die kapitalistische westliche Welt orchestriert hatte, und brachte die frohe Botschaft aus Indien nach Zentral-Europa. Was heute für junge Israelis, die ihren Militärdienst hinter sich haben, eine offensichtliche Option zu sein scheint, wurde damals als „selbstmörderisch“ betrachtet. Carmi bezahlte dafür mit langjähriger Trennung von seiner Familie in Israel. Doch in den letzten Jahren hat er ein neues Interesse an allem entwickelt, was er vor zwanzig Jahren verlassen hat. Eine holländische Frau und drei Kinder haben ihn von dem Land ferngehalten, in dem er geboren wurde, und vielleicht haben ihm die Begegnungen mit Ari Unbehagen und Kummer bereitet. Im letzten Moment, zwei Tage vor Beginn der Dreharbeiten, weigerte Carmi sich, sein Gesicht im Film zu zeigen, und seine Geschichte wird von einem professionellen Schauspieler erzählt.

SHMUEL FRENKEL

Der Patchouli-Liebhaber

Kurz vor der Welturaufführung von Waltz With Bashir nimmt Shmuel Frenkel zum ersten Mal am „Iron Man“- Wettbewerb in Frankfurt, Deutschland, teil. Er schwimmt vier Kilometer, fährt achtzig Kilometer Fahrrad und läuft dann noch über die volle Marathon- Distanz. Ein simpler Triathlon-Wett - bewerb oder ein Marathon-Lauf im höllisch heißen Juli sind nicht mehr genug. Physische Herausforderungen verflüchtigen sich vor seinen Augen. Er betrachtet Aktivitäten, die körperliche Anstrengungen und geistige Ausdauer erfordern, als nicht weiter der Rede wert. Frenkel blieb noch lange Jahre in der Armee, nachdem er an jener verfluchten Kreuzung in West-Beirut Walzer getanzt hatte. Er spezialisierte sich auf verschiedene Martial Arts, und acht Jahre hintereinander war er israelischer Champion in einer exzentrischen Variante, die als „Dennis' Survival“ bekannt ist. Im Wesentlichen geht es dabei darum, sich gegenseitig so lange die Schädel einzuschlagen, bis einer sich ergibt. Alles ist erlaubt! Frenkel ist der älteste Mitstreiter, der je diesen Wettbewerb gewonnen hat, und dabei begann er erst zu trainieren, nachdem er schon dreißig geworden war. Wer auch immer mit Frenkel in der Armee gedient hat, kennt auch seine Frau Miri sehr gut, die ihn ungeachtet der strengen Militärbestimmungen während seiner gesamten Dienstzeit begleitet hat, außer wenn er zu Kommando unternehmen abkommandiert war. Irgendwie fand sie immer eine Möglichkeit, am Ende des Tages in seinem Zelt auf ihn zu warten oder sich heimlich mitten in der Nacht an den abgelegensten Orten dieses Planeten zu ihm zu schleichen. Miri, die er Yoko nennt, war immer da. Niemand hat je herausbekommen, wie sie das geschaffthat. Ach ja, die beiden sind glücklich verheiratet und haben fünf Kinder.

RON BEN-YISHAI

Fernseh-Journalist

Zweifellos der größte und wichtigste israelische Kriegsberichterstatter aller Zeiten, ein Mann, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu einer wahren Legende wurde. Ron Ben-Yishai wurde dreimal verwundet, während er über blutige Schlachten berichtete, zweimal während des Zermürbungskriegs in den späten Sechzigern, und einmal im Kosovo. Und als ob das noch nicht genug wäre, wurde ihm die Ehrenmedaille des Generalstabschefs verliehen, die höchst Auszeichnung für Tapferkeit, die ein israelischer Soldat erhalten kann, weil er in ein heftiges ägyptisches Bombardement geriet, während er beim Yom-Kippur-Krieg für das Fernsehen berichtete und dabei eigenhändig viele verwundete Soldaten rettete. Kein Zweifel, dieser Mann ist eine Legende! Er hat sich dem kollektiven israelischen Gedächtnis eingeprägt durch vierzig Jahre Berichterstattung, vom Sechs-Tage-Krieg und von allen anderen israelischen Kriegen bis heute, und durch seine Berichte aus Bagdad, während im Hintergrund des Bildes Dinge passierten, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließen. Daher ist es nur natürlich, dass Ari sich gut an ihn in West-Beirut erinnert – wie er angstfrei und aufrecht durch den Kugelhagel marschiert, die Hölle mit offenen Augen betrachtend, ganz gelassen. Höchstwahrscheinlich haben viele ehemalige israelische Soldaten aus zu vielen Kriegen das gleiche Bild dieses Mannes vor Augen. Ron Ben-Yishai hat einen hohen Preis bezahlt für das nächtliche Telefongespräch, in dem er Verteidigungsminister Arik Sharon von dem Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila berichtete. Sharon, der es vorzog, in dieser Nacht nichts zu unternehmen, um das Massaker zu stoppen, hat das nie vergessen, und zwanzig Jahre lang sorgte er dafür, dass Ron Ben-Yishai bei der Israeli National Broadcasting Corporation nicht in eine verantwortungsvolle Position befördert wurde.

DROR HARAZI

Panzerkommandant in der Sabra- und Shatila-Zone

Dror Harazis größter Traum seines Lebens war, Armeegeneral zu werden wie sein Vater. Viele Familienmitglieder waren Militärs. Doch irgendwie wollte es das Schicksal anders, und Harazi fand sich an jenem grausamen Nachmittag vor den Toren des Flüchtlingslagers Shatila wieder. Er war an der Front mit der Panzer-Schwadron, die er kommandierte.

Und obwohl er alles tat, um auf die Situation aufmerksam zu machen, wurde er schließlich zum ultimativen Opfer des Systems. Der kleine Mann, der Torwächter, der Mann, der letztlich immer den Preis für Verbrechen bezahlt, an denen größere – weit größere – Männer die Schuld tragen. Harazi wurde vorzeitig aus der Armee entlassen, unehrenhaft, praktisch ohne Erklärungen. Es war bequem, ihm die Schuld zu geben, einem stillen und passiven Mann, der diese Schmach jetzt sein ganzes Leben lang mit sich herumtragen muss. Das lässt einen nicht mehr los. Wenn man nur auf ihn gehört hätte, hätten hunderte oder tausende von Leben gerettet werden können. Harazi betrachtet seine Mitwirkung in Waltz With Bashir als eine Notwendigkeit, als einen Aufschrei, als einen weiteren Versuch, seine Geschichte zu erzählen, obwohl er ganz genau weiß, dass jetzt nichts mehr die Geschichte ändern kann.

Hintergrund: Das Massaker von Sabra und Shatila

Im Juni 1982 marschierte die israelische Armee im Süd-Libanon ein, nachdem Israels nördliche Städte seit Jahren von libanesischem Territorium aus bombardiert worden waren. Der ursprüngliche Plan der israelischen Regierung bestand darin, eine 40 Kilometer breite Sicherheitszone zu besetzen, um diesen Bereich von den Abschussbasen zu „säubern“, von denen aus die Palästinenser die israelischen Städte beschossen. Der damalige israe lische Verteidigungsminister, Ariel Sharon, entwickelte einen folgenreichen Plan: den Libanon bis Beirut und einschließlich Beiruts zu besetzen und seinen christlichen Verbündeten Bashir Gemayel als Präsident des Libanons zu installieren.

Das Ziel bestand darin, die Bedrohung des Staates Israel aus dem Norden zu eliminieren und die Front nach Syrien zu vergrößern. Sharon und einige hohe Mili tärs waren die einzigen, die von diesem Plan wussten. Während die israelische Regierung nur für die Operation zur Schaffung der 40-Kilometer-Zone grünes Licht gab, stieß die Armee mit hohem Tempo die ganze Strecke bis nach Beirut vor.

Im August 1982 wartete die israelische Armee am Rande Beiruts immer noch auf den Befehl, die Stadt zu besetzen. Inzwischen wurde ein Abkommen unterzeichnet, dass es allen palästinensischen Kämpfern ermöglichte, aus Beirut evakuiert und auf Schiffen nach Tunesien gebracht zu werden. Als Gegenleistung würde die Armee die Stadt nicht besetzen.

In derselben Woche wurde Bashir Gemayel, Kommandant der „Falangisten“, der christlichen Milizen, zum Präsident des Libanon gewählt. Gemayel galt als außer ordentlich charismatisch – ein moderner junger Mann, gut aussehend, und von allen christlichen Milizsoldaten und ihren Familien sowie von den israe - lischen Führungskräften sehr bewundert. Während er eine Rede im Hauptquartier der Falangisten in Ost-Beirut hielt, wurde Bashir Gemayel durch eine gewaltige Explosion getötet. Bis heute ist nicht bekannt, wer für den Mordanschlag verantwortlich war.

An diesem Nachmittag besetzten israelische Truppen einen Bereich von West-Beirut, in der zu dieser Zeit hauptsächlich palästinensische Flücht linge wohnten, und sie umzingelten die Flüchtlingslager Sabra und Shatila. Gegen Abend stießen große Verbände der Falangisten in die Gegend vor, getrieben von einem tiefen Verlangen nach Rache. Als die Nacht hereinbrach, drangen die Verbände der Falangisten in die Flüchtlingslager von Sabra und Shatila ein, unterstützt von israelischen Leuchtraketen.

Das erklärte Ziel der christlichen Truppen bestand darin, die Lager von palästinensischen Kämpfern zu säubern. Praktisch aber befanden sich keine palästinen - sischen Kämpfer mehr in den Flüchtlingslagern, da sie zwei Wochen zuvor auf Schiffen nach Tunesien evakuiert worden waren. Zwei ganze Tage lang war aus den Lagern Gewehrfeuer und Kampflärm zu hören, doch erst am dritten Tag, dem 16. September, wurde das Bild klar, als Frauen in Panik auf die israelischen Truppen außerhalb des Lagers zuströmten: drei Tage lang hatten die christlichen Verbände alle Bewohner der Flüchtlingslager abgeschlachtet. Männer, Frauen, Alte und Kinder, sie alle wurden mit erschrecken der Grausamkeit getötet.

Bis heute ist die genaue Zahl der Opfer nicht bekannt. Ihre Zahl wird auf 3000 geschätzt. Die Nachricht von dem Massaker schockierte die gesamte Welt, und spontane Proteste von hunderttausenden Israelis zwangen die israelische Regierung, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, um die Verantwortlichkeit der politischen und militärischen Autoritäten zu überprüfen.

Verteidigungsminister Ariel Sharon wurde von dem Ausschuss für schuldig befunden, nicht genug getan zu haben, um den Horror zu stoppen, nachdem er von dem Massaker Kenntnis erlangt hatte. Er wurde aus seinem Amt entlassen. Das hinderte ihn aber nicht daran, sich zwanzig Jahre später zum Premierminister Israels ernennen zu lassen.

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