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Produktion: Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen war Heilkundige, Seherin, Äbtissin und Komponistin, eine im Mittelalter dem Leben sehr zugewandte Frau, deren Strahlkraft bis in unsere Gegenwart weiterwirkt. Margarethe von Trotta ist fasziniert von dieser kraftvollen, mutigen, sehr menschlichen Frau, und sie entwirft ihre Figur und deren mittelalterlichen Kosmos in ruhigen Bildern, sparsamen Dialogen, plastischen Details und genau beobachteten Blicken und Gesten.

Das erste Mal begegnete die historische Hildegard von Bingen der Regisseurin in der Zeit der Frauenbewegung in den 1970er Jahren, anschließend drehte sie eine Reihe anderer Filme und stieß erst 1992 wieder auf sie – als die Renaissance ihrer Musik und ihres heilkundlichen Wissens ihren Namen wieder verstärkt in den öffentlichen Fokus rückte. Produzent Markus Zimmer hat durch die Musik das Interesse zu dieser Figur entdeckt. Als er bei einem USA-Besuch auf flächendeckende Werbung für neue Aufnahmen von Hildegards Musik stieß, erwog er zum ersten Mal die Idee eines Filmprojektes: „Ich dachte mir, wenn diese historische Figur inzwischen Amerika erobert hat, kann man sicherlich auch einen interessanten Film über sie drehen“.

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Das Phänomen Hildegard von Bingen wirkt bis in unsere Zeit hinein und erlebt seit Jahren bereits eine weltweite Renaissance, nicht zuletzt wegen ihres ganzheitlichen Denkens, das bei der aktuellen Wertediskussion in Politik, Gesellschaft und Medizin noch an Relevanz gewinnt. Eine moderne Frau für ihre Zeit, findet Produzent Markus Zimmer: „Der Hauptaspekt ist, dass sie sich wirklich in einer von Männern komplett dominierten Umwelt und Gesellschaft durchgesetzt und klug alle Register gezogen hat, die ihr zur Verfügung standen. Sie hat ihre Beziehungen politischer und nachbarschaftlicher Art genutzt, um ihre Interessen durchzusetzen, sowie ihre Mitschwestern mobilisiert. Heute heißt das Networking. Man kann von ihr Mut und Zivilcourage lernen. Viele Eigenschaften, die einen modernen Menschen auszeichnen sollten, waren in der Figur der Hildegard von Bingen bereits vorhanden“.

Produktion: Die Besetzung

Heino Ferch, im Film als Mönch Volmar Hildegards Vertrauter und Wegbegleiter, bewundert die Kompetenz, Durchsetzungsfähigkeit, Fortschrittlichkeit und den gewagten Lebensstil dieser Ausnahmepersönlichkeit des 11. Jahrhunderts. Für die Schauspieler war die Zusammenarbeit mit Margarethe von Trotta ein unvergessliches Erlebnis. „Um die Figur des Mönch Volmars zu entwickeln, haben Margarethe und ich gemeinsam Szene für Szene daran gearbeitet und sein Bild vervollständigt“, so Heino Ferch. Hannah Herzsprung fügt hinzu, „Margarethe von Trotta ist eine großartige Regisseurin, der ich vertrauen kann, bei der ich loslassen kann.“

Für Markus Zimmer ist VISION – AUS DEM LEBEN DER HILDEGARD VON BINGEN die dritte Zusammenarbeit mit Margarethe von Trotta nach ROSENSTRASSE (2003) und ICH BIN DIE ANDERE (2006). Er findet in diesem Filmstoff viele klassische Margarethe von Trotta-Elemente wie „das Thema der Schwester im wörtlichen und im übertragenen Sinn und das Thema einer Frauenfigur, die ihren Weg geht und sich behauptet“. Margarethe von Trotta ist für ihn eine ganz besondere Regisseurin und Frau, „nicht nur weil die Zusammenarbeit mit ihr so viel Spaß macht, sondern auch weil sie über einen wunderbaren, warmherzigen Humor verfügt. Und sie ist sehr präzise, im Umgang mit Schauspielern sehr klar und auch in dem, was sie will und nicht will. Das heißt, man kann sehr gut vorbereiten mit ihr und die Stimmung am Drehort ist angenehm und entspannt“. Margarethe von Trotta gilt als Schauspieler- Regisseurin, man muss als Produzent nicht lange warten und bangen, die Zusagen kommen sofort. Von Anfang an stand Barbara Sukowa als Hildegard von Bingen fest, auch Shooting Star Hannah Herzsprung als Richardis und Heino Ferch als Mönch Volmar standen ganz oben auf der Wunschliste. Der eindrucksvolle Cast wird abgerundet mit weiteren großen Namen wie Alexander Held, Lena Stolze, Sunnyi Melles oder Paula Kalenberg.

Die hoch gelobte Regisseurin hat kein Rezept, sie weiß einfach “wie man sich fühlt als Schauspieler. Der Regisseur steht meistens nur hinter der Kamera und fühlt sich nicht ausgesetzt, während die Schauspieler vor der Kamera sich permanent ausgesetzt, nackt und verletzbar fühlen“. Autoritäres Gehabe ist ihr fremd, sie schaut erst einmal, was die Schauspieler selber wollen und welches Verständnis sie für die Rolle und den Film einbringen und fängt dann ganz leicht an, in die eine oder andere Richtung zu „dirigieren“. Die Schauspieler dürfen mutig sein, „ich hole sie zurück, wenn es zu weit geht“.

Mit Barbara Sukowa verbindet sie eine lange Geschichte, 1981 drehten sie ihren ersten Film DIE BLEIERNE ZEIT, es folgte ROSA LUXEMBURG (1986), L`AFRICANA (1990) und DIE ANDERE FRAU (TV, 2004), VISION – AUS DEM LEBEN DER HILDEGARD VON BINGEN ist ihre fünfte Zusammenarbeit.

Produktion: Die Drehorte

Von großer Bedeutung für das Gelingen und die Atmosphäre dieses historischen Films waren noch existente Gebäude mit originaler Architektur aus der Zeit und ihrer Umgebung. Die Dreharbeiten fanden im Kloster Maulbronn in Baden-Württemberg statt, einem ehemaligen Zisterzienser-Kloster, „das nicht in späteren Jahrhunderten gotisiert oder barockisiert wurde, sondern in dem die romanischen Grundelemente noch enthalten sind und das auf der UNESCO-Liste als Weltkulturdenkmal steht - der ideale Drehort“, so Markus Zimmer, „wie auch Kloster Eberbach in Hessen.“ Das ursprüngliche Kloster Rupertsberg von Hildegard von Bingen, mit einer dreischiffigen Pfeilerbasilika im Zentrum, wurde im Rahmen des Ausbaus der Nahetaleisenbahn fast völlig zerstört. Vom einstigen Langhaus sind nur noch fünf Arkaden der Mittelschiffswand erhalten.

Beim Look des Films legte Margarethe von Trotta Wert auf möglichst große Authentizität, die die damalige Welt mit ihrer Dunkelheit widerspiegelt, und auf eine bewegliche Fotografie, die den Figuren sehr nahe kommt. So werden die Zellen, die nur mit kleinen Fenstern ausgestattet sind, durch Fackeln und Kerzen in ein magisch-mystisches Licht getaucht. Für Hildegards Visionen benutzt Margarethe von Trotta eine spezifisch andere Lichtdramaturgie, die einen Kontrapunkt zur Dunkelheit der Nacht und des Nachtgebets im Kerzenschein setzen.

Zwar weiß man nicht genau, wie im Mittelalter das Klosterleben wirklich ablief, die Illustrationen aus den alten Schriften können Set-Designer und Kostümbildner nicht 1:1 als Blaupause benutzen, „aber unsere Kamera vermittelt ein ausgeprägtes Gefühl für die Kargheit der Zeit. Das war nicht einfach zu rekonstruieren und bestimmt eine der größten Herausforderungen der Produktion“, sagt Markus Zimmer. Für ihn bedeuteten die Dreharbeiten an historischen Orten eine magische Reise ins Mittelalter, die Aufnahmen der Profess von Richardis im Kloster Eberbach „waren ein sehr spiritueller und berührender Moment. Man spürte die Besonderheit des Rituals und des Ortes und was diese Menschen empfunden haben müssen bei ihrem Entschluss, ihr Leben der Kirche und Religion zu widmen“. VISION – AUS DEM LEBEN DER HILDEGARD VON BINGEN ist ein Film der zurückführt in die Vergangenheit und durch die Modernität der Figur von Bingens eine Brücke schlägt zum Heute, indem sie diese faszinierende Frau spirituell, religiös, heilkundlich und musikalisch wiederentdeckt.

Interview mit der Regisseurin

Wann und wie ist Ihnen der Name Hildegard von Bingen erstmals bewusst begegnet – und was hat das seinerzeit bei Ihnen bewirkt?

In den 1970er Jahren haben die Frauen im Verlauf der Frauenbewegung nach Vorbildern in der Geschichte gesucht. Weibliche Vorbilder gab es damals nicht viele – Geschichte wurde von Männern geschrieben und von Männern gemacht, die Geschichte der Frauen wurde nicht erzählt, Frauen wurden ausgegrenzt als hätten sie nie eine Rolle gespielt. Bei dieser Suche nach den vergessenen Frauen stießen wir auch auf Hildegard von Bingen. Einige Zeit später erschien, ich glaube beim Verlag 2001, ein Buch über Chemie in Lebensmitteln. Viele Menschen wandten sich damals der alternativen Medizin zu und beschäftigten sich mit der Wirkung von Heilpflanzen. In diesem Zusammenhang tauchte erneut Hildegards Name auf. Ich fing also schon damals an, mich für sie zu interessieren, noch bevor ich das Drehbuch zu „Rosa Luxemburg“ schrieb. Das war 1983. Und bereits in dieser Zeit habe ich mich gefragt, ob ihr Leben nicht ein Stoff für einen Film sein könnte, ich hatte sogar schon einige Szenen geschrieben, vermutete aber, dass kein Produzent bereit sein würde den Film zu machen. Also ließ ich den Gedanken wieder fallen.

Wo liegt der Reiz für Sie persönlich, einen Film über Hildegard von Bingen zu drehen, einer Nonne aus dem Mittelalter?

Nun ja, zunächst einmal gehört sie zu unserer Vorgeschichte, und sie ist für mich ein, heute würde man sagen, Multitalent. Sie ist Visionärin, aber zugleich völlig bodenständig. Eine hoch intelligente Frau, die ihr Licht aber unter den Scheffel stellen musste, weil man einer Frau und Nonne nicht zugestand, sich öffentlich zu äußern. Die einzige Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern, war die einer vom Papst anerkannten Visionärin. Aber auch darin ist sie eine Ausnahme. Es gab zu der Zeit viele Exzentrikerinnen, die sich in eine religiöse Ekstase hineinsteigerten und ihre Begegnung mit Christus im Rausch erlebten. Hildegard von Bingen erlebte ihre Visionen bewusst und bei klarem Verstand. Sie muss ein sehr starkes Unterbewusstsein gehabt haben, das ihr die Richtung anzeigte, wie sie sich durchsetzen konnte. Natürlich glaubte sie an Gott und daran, dass ihr die Visionen von Gott gesandt waren, alle Menschen glaubten an Gott, den Teufel, das Paradies und die Hölle. Interessant ist dabei für mich, wie Hildegard von Bingen ihre Vision benutzt hat. Als Frau und Nonne war man eigentlich unbekannt und untergeordnet, man hatte unsichtbar zu sein und zu bleiben, und war zusätzlich noch in ein Kloster eingeschlossen, das man nach der Profess nie mehr verlassen durfte. Sie hat die Visionen ‚benutzt’, um als Seherin anerkannt zu werden, ein Schritt, der mit einer großen Gefahr für sie verbunden war, sie hätte ebenso gut exkommuniziert werden können, wenn man ihr nicht geglaubt hätte und sie als vom Teufel geleitet verurteilt hätte.

Wie hat sie es geschafft, dass die Menschen ihr Glauben schenkten?

Mit diplomatischen Geschick, denn sie kannte die Menschen und ihre Eitelkeiten, hat sie sich als ‚demütige Frau und Dienerin’ an Bernhard von Clairvaux gewandt. Zuerst also durfte sie ihre Visionen veröffentlichen und dann – das ist der größere revolutionäre Schritt – setzte sie mithilfe der Visionen durch, ein eigenes Kloster gründen zu können. Sie verließ Disibodenberg, die Provinz, würde man heute sagen und zog nach Bingen an den Rhein, damals ein ‚Verkehrs-Knotenpunkt’ in der Nähe des wichtigen Erzbistums Mainz. Pilger und Kaufleute aus dem Süden zogen vorbei und besuchten das Kloster. Sie war der Welt näher, erhielt die neuesten Nachrichten aus der Medizin und kam an das Wissen ihrer Zeit heran.

Und wo sehen Sie die besondere Bedeutung oder Aktualität ihrer Person für die heutige Zeit?

Im Film werden zwei Dinge angesprochen, die für Heute wichtig sind: Zum einen das ganzheitliche Denken in der Medizin. Sie sagt einmal: ‚Erst muss die Seele heil werden, dann kann der Körper ihr folgen’. Zum anderen der Hinweis, dass sich die Elemente gegen uns wenden könnten. Damals sprach man von Elementen, heute davon, dass sich die Natur gegen uns wendet oder uns zerstören wird, wenn wir sie nicht schützen. Diese beiden Punkte sind das Moderne an ihr. Und dann natürlich ihr Werk als Komponistin, sie hat über 90 Gesänge geschrieben.

In Ihrem Film fällt ein heiteres Singspiel aus dem sonst doch klösterlich-dunklen Rahmen heraus.

Diese Szene, ein Ausschnitt aus ihrem Singspiel „Ordo Virtutum“ ist authentisch, ich habe sie in den historischen Berichten gefunden. An bestimmten Feiertagen durften sich die Nonnen bei Hildegard in weiße Seidengewänder hüllen, Schmuck tragen, die Haare öffnen und sich mit Kränzen schmücken. Das muss eine ganz fröhliche und unschuldige Mädchengemeinschaft gewesen sein. Hildegard von Bingen sagt dazu, das Paradies kannte keine Hässlichkeit, und da sie als Jungfrauen dem Paradies angehörten, durften sie sich auch ihrer Schönheit erfreuen. Es gab im Benediktinerorden zwei Richtungen, eine sehr strenge asketische, die bis zur Selbstkasteiung ging, die Hildegard ablehnte, und die dem Leben zugewandte Richtung, die aus der Religion auch Freude herausziehen wollte. Das habe ich mit ihrem „Ordo Virtutum“ versucht zu zeigen.

Die Ablehnung der Vorstellung durch Leid Gott näher zu kommen wird im Film in einer Szene mit Jutta von Sponheim, die einen Dornengürtel trug, der bei der Waschung nach ihrem Tode von Hildegard von Bingen entdeckt wird, von Ihnen aufgegriffen.

Genau. In einer vorherigen kurzen Szene zeige ich, wie Hildegard schon als Kind entdeckt, dass sich Jutta von Sponheim geißelt, hoffend, durch ihren Schmerz Gott näher zu kommen. Die Entdeckung dieser Selbstkasteiung hat Hildegard von Bingen sehr erschüttert. Sie hat sich nie gegeißelt und dies auch nicht von anderen verlangt. Sie war auch gegen zu strenges Fasten. Für sie war der Glaube mit Freude verbunden und mit der Liebe zum Menschen.

Was reizt Sie immer wieder, starke Frauenfiguren in den Mittelpunkt zu stellen?

Bei den Figuren, die mich reizen, handelt es sich immer um Frauen, die auch Momente der Schwäche haben. Ich versuche deshalb nie, Heldinnen aus ihnen zu machen, sondern zeige sie, wie sie kämpferisch ihren Weg suchen, sich aussetzen, vieles in Kauf nehmen, um sich selber zu finden. Mich fasziniert dabei wie sie diese Hindernisse meistern um ihr Ziel zu erreichen. Hildegard von Bingen hatte den Wunsch ihr eigenes Kloster zu gründen und dabei erlebt sie immer wieder Rückschläge. Die Momente ihrer größten Schwäche sind wohl, wenn ihr die Nonne Richardis weggenommen werden soll. In dieser Situation benimmt sie sich wie ein kleines verlassenes Mädchen oder wie eine Furie – dieses Verhalten ist übrigens belegt durch ihre Briefe. Und genau solche Momente extremer Selbstaufgabe finde ich schön, überraschend, widersprüchlich. Was Hildegard von Bingen sonst anderen gibt, verlangt sie auf einmal für sich selbst. Ich wollte auf keinen Fall ein Heiligenbildchen von ihr machen.

Auf welche Schriften oder Überlieferungen stützen Sie sich?

Es gibt unter anderem eine Vita, die noch aus ihrer Zeit stammt, nicht von ihr selbst geschrieben, aber wohl zum Teil von ihr diktiert und ihren Lebensweg von der Geburt bis ins hohe Alter dokumentiert. Ebenso dienten ihre Schriften, wie zum Beispiel die ‚Scivias’, ihr erstes Visionsbuch und noch zwei andere über Natur- und Heilkunde als Grundlage. Zudem stützte ich mich auch auf ihre Korrespondenz mit Kaiser Barbarossa, den Päpsten und mit Äbten und Äbtissinnen anderer Klöster. Und es gibt ‚Die Regel des heiligen Benedikt’, in der sehr viele Hinweise über das Leben im Kloster der damaligen Zeit zu finden sind. Eine mit mir befreundete Mediävistin hat mir zudem gesagt, dass man sich im Mittelalter bei Vertragsabschlüssen und auch bei anderen Begegnungen auf den Mund geküsst hat. Das habe ich übernommen. Die waren nicht so puritanisch, wie wir denken, sondern hatten einen viel unbefangeneren Zugang zur Körperlichkeit.

Welche Rolle spielt die Musik, nach welchen Kriterien haben Sie die ausgesucht?

Ich habe die Gesänge ausgewählt, die mir am besten gefallen haben, die mir ans Herz gingen und bei denen ich eine leichte Gänsehaut spürte, als ich sie das erste Mal hörte. Salome Kammer, die Schauspielerin und Sängerin, die auch in Edgar Reitz` ‚Heimat’ mitgespielt und gesungen hat, singt zwei Lieder, als Nonne verkleidet. Ich wollte sie nicht von einer eingespielten CD nehmen, dort wirkt die Musik immer so geglättet. Und die Lieder mussten inhaltlich natürlich auch zur jeweiligen Szene passen. Zudem hatte Barbara Sukowa, die in den letzten zwanzig Jahren mehr als Sängerin denn als Schauspielerin aufgetreten ist, die Gelegenheit, im „Ordo Virtutum“ ihren Part selbst zu singen.

Welche Mittel haben Sie eingesetzt, die Klosteratmosphäre so hautnah zu vermitteln?

Axel Block, der Kameramann, und ich haben lange über den Look des Films gesprochen. Wir waren uns einig, dass wir keine glamouröse Fotografie wollten. Der Film sollte nicht wirken wie die Heiligenbildchen, die man in die Bibel oder ins Gesangbuch steckt. Die Zeit ist zwar weit von uns entfernt, aber die Menschen sollten uns nahe, die Personen lebendig sein.

Interview mit Barbara Sukowa (Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen war eine große Visionärin ihrer Zeit, gibt es auch heute noch etwas, dass man von ihr lernen kann?

Es gibt im Augenblick eine Tendenz, sich zunehmend diesen nicht wissenschaftlich belegten Dingen gegenüber zu öffnen, eine Tendenz, die immer stärker wird. Man steht unserem wissenschaftlichen Zeitalter, auch dieser ganz materialistischen Weltanschauung, die nach dem Zweiten Weltkrieg für uns sehr wichtig war, um eine Erklärung in das Chaos zu bringen, nicht mehr so unkritisch gegenüber. Es gibt überall Bemühungen und Bestrebungen, sich spirituellem Gedankengut und Religionen wissenschaftlich zu nähern. Im Zuge dieser Bewegung wird das Interesse an Hildegard von Bingen als Visionärin geweckt und steigen.

Wie schätzen Sie Hildegard von Bingen ganz persönlich ein?

Hildegard von Bingen war eine Frau, die sich etwas genommen hat, was ihr die damalige Gesellschaft verwehrt hat. Ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten als Nonne und Äbtissin in einem Kloster waren eigentlich sehr begrenzt. Sie hat diese Grenzen gesprengt durch ihre Visionen, hat es geschafft, dass ihre Visionen von der Institution der Kirche anerkannt wurden und hat sich einen Freiraum geschaufelt, in dem sie sich im modernen Sinne verwirklichen konnte. Das hat viel damit zu tun, dass sie als Kind immer kränklich war. Ich spüre da einen Berührungspunkt mit Rosa Luxemburg, die ich auch mit Margarethe von Trotta erarbeitet hatte. Auch Rosa Luxemburg war als Kind krank. Manche Menschen, die als Kinder lange Zeit im Bett verbringen und nicht die Außenwelt erfahren können, entwickeln eine sehr starke Innenwelt und Fantasie. Das traf bei Hildegard von Bingen zu, einer Frau mit sehr wachem Intellekt, die zielstrebig, hartnäckig und kraftvoll trotz möglicher physischer Schwäche ist. Eine Kämpferin, die wusste, wie sie zum Ziel kommt und die sich oft klein gemacht hat, in der Männerwelt dieser Kirche, um gehört zu werden. Das hat sie sehr raffiniert eingefädelt und meiner Meinung nach hat sie auch geschickt manipuliert.

Was war die größte Herausforderung bei der Rolle für Sie?

Eine Frau zu verkörpern, die einfach ganz fest im Glaubensbild des 12. Jahrhunderts stand – die Menschen glaubten an Himmel und Hölle, die Verdammnis und die Auferstehung. Die Schwierigkeit dabei ist, dass diese Frau vor 1000 Jahren gelebt hat und man weiß, dass man sich eigentlich nicht wirklich in die Denkwelt eines solchen Menschen hinein versetzen kann, also sucht man aus dem Material das, was eine Resonanz mit Heute hat und zieht etwas aus der Person, was mit einem selber zu tun hat. Ich erhebe nicht den Anspruch zu sagen, ich stelle jetzt diese Frau aus dieser Zeit dar oder irgendeinen Menschen aus dieser Zeit.

Wie war Ihre Begegnung mit der Musik des Films? Sie sind seit vielen Jahren selbst als Sängerin erfolgreich.

Ich mag diese Musik, eine schöne und auch für die Zeit ein bisschen ungewöhnliche Musik, sie hat etwas sehr Heiteres und Spirituelles. Hildegard von Bingen folgte in ihren Kompositionen nicht den Regeln der Zeit, ob bewusst oder weil sie nicht anders konnte, weiß man nicht so genau. Es fiel mir jedenfalls nicht schwer, diesen Part zu singen.

Gehen Sie an einen historischen Stoff anders als an einen zeitgenössischen heran? Was ist ‚leichter’ oder ‚schwieriger’?

Schwierig oder leicht hat eigentlich nicht so viel damit zu tun, ob ein Stoff historisch oder zeitgenössisch ist. Schwierig oder leicht hat damit zu tun, welche Nähe man zur Figur empfindet oder wie sehr man sie vielleicht verändern muss, was man bei sich selbst vielleicht durchstoßen muss, um die Figur zu verstehen. Bei einem historischen Film versucht man die Geschichte kennen zu lernen und die Grenzen der Menschen. Ich habe mir zur Vorbereitung alte Gemälde angeguckt und darauf geachtet, wie die Leute die Hände gefaltet hatten, welche Kleidung sie trugen und welche Pose sie einnahmen. Insofern ist es schon ein Unterschied, ob ich eine Hildegard von Bingen oder eine Frau von Heute verkörpere.

Sie haben schon mehrmals unter der Regie von Margarethe von Trotta gespielt. Was verbindet Sie über die Jahrzehnte?

Sicherlich eine Freundschaft. Für mich ist es immer besonders schön, mit Margarethe von Trotta zu arbeiten, weil sie selbst Schauspielerin war und Schauspieler wirklich versteht und somit beide Positionen kennt. Sie hilft und hört ganz genau hin. Zudem finde ich sie als Person spannend, auf der einen Seite ist sie klug und intellektuell, auf der anderen sehr warmherzig und allen möglichen Dingen offen gegenüber – auch irrationalen. Als sie anfing, Filme zu machen, mussten Frauen innerhalb der Männer bestimmten Filmwelt noch ziemlich kämpfen. Und da erschien sie manchmal härter als sie ist, weil sie sich durchsetzen musste. Die andere Seite von ihr, eine sehr humorvolle, ist über die Jahre immer noch größer geworden.

Interview mit Heino Ferch (Mönch Volmar)

Sie spielen den Mönch Volmar. Was war das für ein Mann?

Mönch Volmar war ein Gelehrter, Wegbegleiter und Vertrauter Hildegard von Bingens. Er unterstützte sie von Beginn an und blieb bis ins hohe Alter als Berater an ihrer Seite. Er hat ihre Thesen aber auch kritisch hinterfragt, mit ihr diskutiert und ihr auch ab und zu klar gemacht, in wieweit sie sich mit ihren Meinungen und Äußerungen in Gefahr bringen konnte.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet und hineingefunden, sich dieser Figur angenähert?

Ich habe mir Biografien besorgt und darin sehr viel über das Verhältnis zwischen ihm und Hildegard von Bingen erfahren, aber auch über das Leben, das er geführt hat. Mönch Volmar verfügte über sehr gute Lateinkenntnisse in Wort und Schrift und war somit genau der Richtige um Hildegards Visionen und Thesen aufzuschreiben. Das war, außer den Gesprächen mit Margarethe von Trotta die einzige Möglichkeit, mich vorzubereiten. Es existieren auch nur wenige Stiche, die etwas von seinem Äußeren erahnen lassen. Das Meiste über ihn ist überliefert, interpretiert oder erfunden. Letztendlich hat mir Margarethe von Trotta gesagt, wie sie sich diesen Mann vorstellt und wie er aussehen soll. Wir haben dann gemeinsam Szene für Szene daran gearbeitet und sein Bild vervollständigt.

Was ist der Reiz, sich in einer historischen Optik zu bewegen?

Darin habe ich mich ja schon des Öfteren bewegt, aber erstmals war nun das Mittelalter Thema. Im Mittelalter herrschte eine ganz andere Gesellschaftsstruktur, mit anderen Zwängen und Bedürfnissen sowie anderen medizinischen Verhältnissen. Ein Großteil der Menschen, die nicht in der Kirche aufgehoben waren, einem Adelsgeschlecht oder einer reichen Kaufmannsfamilie entstammten, lebten in gigantischer Armut. Sich in diese Unterschiede hinein zu versetzten, um eine Authentizität zu bekommen und eine Geschichte glaubhaft zu spielen, war eine ziemliche Herausforderung. Aber genau dieses Stück Zeittunnel ist es auch, dass mich interessiert: Ein Stück aus dem Leben vor 1000 Jahren zu erzählen, in dem ein ganz andere Umgang untereinander herrschte. Zusätzlich war bei diesem Film die Tatsache sich in der klerikalen Welt eines Klosters zu befinden und trotzdem mit dem sinnlichen Erleben von Musik und Tanz konfrontiert zu sein eine spannende Aufgabe. Das hat mir einfach großen Spaß gemacht. Am Set von Filmen, die historische Geschichten erzählen, ist man weit weg von dem Hier und Jetzt und trotzdem kann es einem gelingen, durch diese andere Perspektive einen neuen Blick auf das Heute zu bekommen. Das finde ich immer sehr reizvoll, wenn ich historische Stoffe drehe.

Helfen Kostüme, sich in dieser Zeit zurechtzufinden?

Ganz sicher, aber nicht nur die Kostüme. Auch die Maske, die Kulisse, die Originalmotive im Kloster Maulbronn und Kloster Eberbach, wo auch ‚Der Name der Rose’ gedreht wurde – all das trägt dazu bei, dass ich ans Set komme und mich dann sofort zuhause fühle, im Sinne der Geschichte.

Interview mit Hannah Herzsprung (Richardis von Sta

Was faszinierte Sie an der Rolle der jungen Nonne Richardis?

Am meisten faszinierte mich ihre Offenheit und Lebendigkeit und diese Jugendhaftigkeit, die sie ausgelebt hat. Sie verfügt über eine ganz besondere Ausstrahlung und Kraft – ein bisschen so wie Hildegard von Bingen selbst. Richardis sagte immer was sie dachte und die Schweigepflicht, die im Kloster herrschte, fiel ihr am Anfang deshalb sehr schwer. Sie war aber eine große Bewunderin von Hildegard von Bingen und wollte unbedingt von ihr erzogen werden, wollte mit ihr leben und von ihr lernen. In der Vorbereitung war es schön, sich vorzustellen, wie es ist, diese Person zu bewundern und zu lieben und so viel für sie zu tun. Dass sie ihren Wunsch realisierte und ins Kloster aufgenommen wurde, erforderte eine große Durchsetzungskraft, dass machte die Rolle spannend bis zum Schluss.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen der Nonne Richardis und Hildegard von Bingen beschreiben?

Als mütterliche Freundschaft, darüber hinaus aber auch als eine Art Liebe, die aus einer Bewunderung heraus entstand. Ich glaube, irgendwann schätzte Hildegard von Bingen auch Richardis aufgrund ihrer Lebendigkeit. Da begegneten sich einfach zwei Menschen, bei denen man das Gefühl hat, das ist es.

Welche Bedeutung hat Hildegard von Bingen für die heutige Zeit?

Sie war eine sehr starke und charismatische Persönlichkeit mit eigenen Denkansätzen. Sie setzte neue Impulse, schaffte etwas, was in der damaligen Zeit für Frauen nicht üblich war. Hildegard von Bingen hat Dinge bewegt, nicht nur darüber gesprochen. Die Gründung eines eigenen Frauenklosters führte innerhalb der Kirche zu großen Diskussionen. Aber sie hat es geschafft. Dieser starke Wille ist bewundernswert!

Wie haben Sie sich in die Klosteratmosphäre des Mittelalters hineingefunden?

Es war eine große Hilfe, nachdem man morgens aufgestanden ist, ans Set zu kommen und die Gewänder, Kostüme und Maske zu tragen. Zudem haben wir in Kloster Maulbronn begonnen zu drehen, ein sehr gut erhaltenes Kloster, da konnte ich mich gut in die Atmosphäre und die Rolle einfühlen. Am Anfang empfand ich allerdings die Nonnengewänder als sehr schwer und hatte sogar Kopfschmerzen. Aber das ist alles Gewohnheitssache, ab dem zweiten Tag ging alles wunderbar. Ich liebe Kostüme, gerade solche tollen Kutten aus außergewöhnlichen Materialien wie in VISION tragen zu dürfen, das war etwas ganz Besonderes.

Was war die größte Herausforderung?

Diese Leidenschaftlichkeit und Lebendigkeit im jungen Alter so zu spielen, dass sie nicht aufgesetzt wirkt, sondern von innen kommt. Und diese Figur über eine Zeitspanne von sechzehn bis vierundzwanzig Jahren darzustellen, ein Alter, in dem viel passiert und sich viel verändert. Da wir nicht chronologisch drehten war ich mal zweiundzwanzig, dann wieder vierundzwanzig und dann wieder sechzehn Jahre alt. Aber Margarethe von Trotta ist eine großartige Regisseurin, der ich vertrauen konnte. Da kann man dann auch mal loslassen und einfach nur machen. Angst und Zweifel bestürmen mich meistens vorher. Wenn ich drehe, dann drehe ich und dann ist mir alles egal.

Hintergrund: Hildegard von Bingen

Hildegard von Bingen gilt auch heute noch als faszinierende Persönlichkeit, die Popularität dieser Frau, die vor über 1000 Jahren nahe Alzey das Licht der Welt erblickte, ist ungebrochen. Sie war ein Multitalent und ihrer Zeit voraus, eine spirituelle und gleichzeitig praktisch orientierte Frau, die es wagte, sich gegen kirchliche Regeln aufzulehnen und zwei eigene Klöster gründete. Eine Visionärin und moderne Theologin, die als Sechzigjährige die Mondfinsternis mit sachlichen, nicht göttlichen Gründen erklärte. Sie orientierte sich an einem positiven Menschenbild und war eine historische Persönlichkeit mit scharfem Verstand. Eine Äbtissin, Seherin, Naturwissenschaftlerin und Heilkundige, Prophetin, Theologin, Schriftstellerin und Komponistin für die damalige Zeit eine sanfte Revolutionärin, die beweist, welchen wichtigen Anteil auch Frauen zum geistigen Leben des Mittelalters beitrugen. Papst Gregor IX leitete 1233 einen Heiligsprechungsprozess ein, der aus formalen Gründen nicht zu Ende geführt wurde. Seit vielen Jahren erfahren ihre Errungenschaften eine immer größer werdende Beachtung.

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