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Fakten und Hintergründe zum Film "Tuyas Hochzeit"

Kino.de Redaktion |

Tuyas Hochzeit Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Hintergründe - Die Innere Mongolei

Die Innere Mongolei ist ein Autonomes Gebiet im Norden der Volksrepublik China und macht ca. 12% des Landes aus. Von den 49 Minderheiten, die in diesem weitläufigen Land leben, stellen die Mongolen die größte ethnische Gruppe. Mongolen sind bekannt für ihre Kraft und Stärke und ihre ungehobelte Persönlichkeit.

Die Mongolen sind ein Nomadenvolk, immer unterwegs auf der Suche nach Wasser und Weideland für ihre Schafe und Ziegen. Dieses traditionelle Leben besteht bis zum heutigen Tag. In einigen Teilen der Inneren Mongolei leben die Mongolen in der unfruchtbaren Steppe wie ihre Vorfahren, in den aus Holz und Teppichen errichteten Hütten. Die runden Hütten schützen sie vor den rauen Winden und vor allem sind sie durch ihre Leichtigkeit gut zu bewegen. Lammfleisch und Butter sind Hauptbestandteil der täglichen Nahrung. Darüber hinaus trinken die Mongolen Milch, Tee und Alkohol, um dem kalten Wetter zu trotzen.

Aber es ist nicht leicht, das traditionelle Leben in einem Land zu bewahren, das sich so rasant entwickelt. Um die Rohstoffquellen zu nutzen, hat die chinesische Regierung wahllos Entwicklungsprojekte im ganzen Land ins Leben gerufen. Mit seinen im Überfluss vorhandenen Rohstoffen Kohle, Kaschmir, Erdgas und seltenen Bodenelementen ist die Innere Mongolei ein begehrtes Ziel der chinesischen Wirtschaftspolitik. Um exakte Angaben zur Demographie zu machen und die industrielle Entwicklung in die Wüstengebiete auszudehnen, werden die Bewohner der ländlichen Gebiete gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Manche begrüßen diese Maßnahmen, aber viele Menschen wollen nach wie vor an ihrer traditionellen Lebensweise festhalten.

Über die Produktion

„Meine Mutter wurde nahe des Drehorts in der Inneren Mongolei geboren. Ich habe darum die Mongolen, ihre Lebensart und ihre Musik schon immer sehr gern gemocht. Als ich erfuhr, dass die gewaltige Ausbreitung der Industrie die Steppe immer wüstenähnlicher werden lässt und die örtliche Verwaltung die Hirten zwingt, ihre Weidegründe zu verlassen, beschloss ich, einen Film zu drehen, der alles dies festhält, bevor es endgültig verschwindet.“

„Meine Filme spiegeln alle die soziale Realität Chinas wider. Ich drehe solche Filme, weil es wenige Filme gibt, die das Thema behandeln. Zur Zeit handeln kaum noch chinesische Filme von der wirklichen chinesischen Gesellschaft und dem realen Zustand, in dem sich die chinesische Bevölkerung befindet, daher ist dieser Film eine Ausnahme.“

WANG Quan'an hat bisher drei Filme gedreht, die alle die Situation von Frauen thematisieren. Seiner Meinung nach haben „Frauen mehr Fingerspitzengefühl. Ihre Reaktion auf einen Vorfall trifft oft den wesentlichen Punkt der aufgeworfenen Fragen. Ich habe vollen Respekt vor Frauen.“

Schon während seines zweiten Films THE STORY OF ERMEI ist ein internationales Drehteam um WANG Quan'an entstanden. Seine Hauptdarstellerin spricht fließend Englisch und Französisch und hat bereits mit ausländischen Regisseuren zusammengearbeitet. Der Kameramann für THE STORY OF ERMEI und TUYAS HOCHZEIT war Lutz Reitemeier aus Deutschland (Kamera u.a. bei Die chinesischen Schuhe, 2004, Die Spielwütigen, 1997-2004, Die Überlebenden, 1994-1996). Er hat sich WANGs Film LUNAR ECLIPSE angesehen und entschied sich zur Zusammenarbeit.

Interview mit Lutz Reitemeier

Herr Reitemeier, ein deutscher Kameramann dreht in einem chinesischen Team mit mongolischen Laiendarstellern einen Film - sind das nicht ein wenig viele Kulturschocks auf einmal?

Lutz Reitemeier: Es stimmt schon, dass dabei immer wieder absurde Situationen entstehen, mit denen man überhaupt nicht rechnet. Aber zum Glück habe ich einen Mitarbeiter aus Deutschland, der bis jetzt bei allen meinen China-Filmen als Oberbeleuchter dabei war. Es ist wichtig, dass man in der Fremde eine Vertrauensperson dabei hat, mit der man auch mal gemeinsam lachen kann.

Was reizt Sie an China?

Die Gegensätze. Die Glaspaläste und die Wanderarbeiter. Die Metropolen und das bitterarme Land. Der perlmuttgraue Himmel und die roten Schriftzeichen. Und dass die Leute dort so viel Kraft haben. Viele sind wie die Hauptfigur Tuya aus unserem neuen Film. Sie sind auf eine phantastische Art eigensinnig.

Wie kommunizieren Sie, wenn Sie in China drehen, mit dem Regisseur, den Darstellern, dem gesamten Team?

Ich spreche kein Chinesisch, wir haben aber immer sehr gute Übersetzer vor Ort, die ich mir im Vorfeld selbst aussuche. Das sind meistens Studenten, die Englisch nicht in der Schule, sondern über untertitelte Hollywood-Filme gelernt haben und sich sehr in die westliche Kultur hineinträumen. Das meine ich durchaus positiv!

Und das funktioniert?

Bei meinem ersten Spielfilm mit WANG Quan'an war ich noch sehr aufgeregt und hatte Angst, dass ich komplett scheitern würde. An deutschen Filmsets wird viel besprochen. Erst in China habe ich gemerkt, dass das gar nicht nötig ist. Und dass Filmsprache viel universeller ist, als man denkt. WANG Quan'an arbeitet sehr dokumentarisch, sehr viel mit Laiendarstellern. Man kann also weniger planen als bei einer Spielfilmproduktion.

Sie meinen, sonst sind chinesische Spielfilmproduktionen besser durchgeplant?

Überhaupt nicht. Anders als in Deutschland gibt es fast keine Dispo. Man muss sich einfach fallen lassen und akzeptieren, dass man manchmal erst spät abends erfährt, wie es am nächsten Morgen weitergeht und dass man manchmal auch nur indirekt von Änderungen erfährt.

Das klingt nach Stress.

Andererseits gibt es einem viel Freiheit. Wenn bei einem Dreh in China etwas schiefläuft, ist das kein so großes Problem wie vielleicht in Deutschland, wo jeder weitere Drehtag eine finanzielle Katastrophe ist.

Filme zu drehen ist in China als günstiger?

Die Löhne in China sind ja sehr niedrig. Also können chinesische Produktionen ganz anders mit der Ressource Arbeitskraft umgehen. Die Teams sind riesig. Überhaupt empfinde ich das ganze chinesische Filmwesen noch immer als sehr sozialistisch. Da müssen zum Beispiel morgens alle Busse eine Stunde warmlaufen - CO2-Ausstoß hin oder her. Dann kommen die Chauffeure, dann kommt nach und nach das Team, und nach einer weiteren halben Stunde bis Stunde kommt der Regisseur und es kann endlich losgehen. Es müssen auch immer alle Busse mit dem gesamten Equipment und dem vollständigen Team mitfahren. Dabei ist es ganz egal, ob es an diesem Tag womöglich nur um eine Landschaftsaufnahme geht.

China ist ein Filmland, es gibt dort viele gute einheimische Kameraleute, und auch im Bereich des Dokumentarfilms ist in China seit den 90er-Jahren viel passiert. Setzt Sie das als Fremder nicht unter Leistungsdruck?

Der Dokumentarfilm ist in China noch nicht so alt wie im Westen, und es gibt nicht sehr viele Kameraleute wie mich, die sowohl Dokumentarfilme drehen können als auch Spielfilme. Auch das Cinema direct oder das Cinéma vérité ist erst in den letzten zehn, 15 Jahren in China entdeckt worden. Deshalb sind die Filmemacher dort noch sehr auf der Suche. WANG Quan'an wird sich etwas dabei gedacht haben, mit mir arbeiten zu wollen. Ich fand es auch beruhigend, dass er auf mich zukam, ich mich also, um in China arbeiten zu können, niemandem aufdrängen musste.

Warum, glauben Sie, hat sich WANG Quan'an für Sie entschieden?

Ich komme vom Dokumentarfilm her, und obwohl ich im Alltag eher schüchtern bin, habe ich beim Drehen wenig Scheu, mit der Kamera nah an Menschen heranzutreten. Die Kamera ist für mich wie ein Schutzschild. Außerdem geht es wohl auch um einen Technologie- und Know-how-Transfer. Es ist schon oft passiert, dass es ein chinesischer Film nicht durch die Zensur geschafft hat, wenn die technische Qualität nicht stimmte - eine einfache Begründung, die es einem erspart, über Inhalte reden zu müssen. Ich vermute, dass das auch ein Grund dafür war, warum WANG Quan'an mit mir arbeiten wollte und weiterhin mit mir arbeiten will. Aber so richtig offen ausgesprochen wurde das nie. Wie so vieles in China.

Das Interview wurde geführt von Susanne Messmer, Freie Journalistin

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