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"Trance - Gefährliche Erinnerung": Interview mit Regisseur Danny Boyle

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Regisseur Danny Boyle bringt den britischen Thriller „Trance - Gefährliche Erinnerung“ in die Kinos. In einem exklusiven Interview berichtet er über die Entstehung des Films und die Kunst der Hypnose.

Danny Boyle über den Film Noir und die Kunst der Hypnose

In Danny Boyles Thriller Trance - Gefährliche Erinnerung - ab 8. August im Kino - über einen Kunstraub und ein gefährliches Versteckspiel, sind James McAvoy, Rosario Dawson und Vincent Cassel in den Hauptrollen zu sehen. In einem exklusiven Interview mit CINEFACTS berichtet der Regisseur über die Entstehung des Film Noir und die Kunst der Hypnose.

CINEFACTS: Sie scheinen, immer wieder zu versuchen, etwas Neues zu machen. Eine andere Art von Film, ein anderes Genre. Wie würden Sie „Trance” einordnen, ist es eine Art Film Noir?

Danny Boyle: Ja, absolut, es hat etwas von Noir, allein schon, weil der Film Verbrechen beinhaltet. Das ist einer der Grundbausteine eines Noir Films. Außerdem gibt es drei Figuren, die nicht wirklich sympathisch sind, das ist auch recht typisch. Aber ich glaube das Noir-typischste am Ganzen Film ist die Femme Fatale. Allerdings entspricht sie nicht der normalen männlichen Fantasie, denn wenn wir ihre Geschichte erfahren, ist diese doch durch viel mehr Leid geprägt, als man erwarten würde. Im Film Noir ist die Frau oftmals herzloser und zynischer als der Mann. Sie spielt sie gegeneinander aus und ein typisches Symbol wäre die eiskalte Blondine. Aber Elizabeth hat einen ganz anderen Hintergrund. Es geht um häusliche Gewalt und darum, wie schwer es ist, damit umzugehen. Es kommt darauf an, welchen Zahlen man Glauben schenken möchte, aber es wird davon ausgegangen, dass eine von drei oder fünf Frauen so etwas einmal erlebt. Wenn man in Großbritannien zur Polizei geht, geben sie einem den Rat, eine neue Identität anzunehmen. Eine neue Telefonnummer, Adresse, ein neuer Namen, vielleicht ein neues Land. Aber das macht einen nur erneut zum Opfer. Und Elizabeth weigert sich, das über sich ergehen zu lassen. Also spielt sie das Spiel gegen einen gewalttätigen Mann und als dieser wieder auftaucht, bringt er drei professionelle Gewaltverbrecher mit. Damit sieht sie sich nun also konfrontiert. Und am Ende verkauft sie das Gemälde nicht, wie es die meisten anderen gemacht hätten, sondern sie sieht es als Symbol. Sie ist die Architektin des ganzen Films.

CINEFACTS: Also geht es um den Film eigentlich eher um Rosario Dawsons Figur, nicht um James McAvoy?

Danny Boyle: Ja, absolut. Man denkt, dass es um ihn ginge, weil er der Erzähler ist und weil man McAvoy aus „X Men“ kennt und weiß ich nicht weswegen. Aber eigentlich geht es natürlich um sie. Eines Tages wird es eine DVD geben, in der man die chronologische Order des Films sehen kann und dann ist es vollkommen offensichtlich. McAvoy ist von Anfang an gewalttätig und versucht, Dawsons Figur so hinzudrehen, wie er sie gerne hätte, ein klassisches negatives Verhalten.

CINEFACTS: Inwiefern haben Sie sich selbst auf den Dreh vorbereitet? Hatten Sie Kontakt zu professionellen Hypnotiseuren?

Danny Boyle: Ja, genau. Wir hatten einen Professor der Hypnose am Set. Sie nehmen den Beruf sehr ernst. Und sie möchten einem auch nicht unbedingt von den fünf bis zehn Prozent erzählen, die für Hypnose besonders empfänglich sind. Denn für die restlichen 90 Prozent von uns ist das Ganze etwas sehr harmloses. Man weiß stets, wo man ist, auch, wenn man durch die Hypnose reist, man weiß doch immer, dass man in diesem Stuhl sitzt. Man kann auch jeden Moment aus der Hypnose herauskommen. Aber es gibt diese fünf bis zehn Prozent, bei denen die Hypnose anders verläuft. Wenn diese Bühnenshows gezeigt werden, suchen die Hypnotiseure sich genau diese Menschen heraus. Es sind keine Schauspieler, die nur so tun, was ich bis jetzt immer annahm. Stattdessen gibt es Kameras, die schon am Eingang auf das Publikum gerichtet sind. Dann werden Spiele gespielt, bei denen Formulare ausgefüllt werden müssen und ähnliches. Man denkt, es gehöre alles zur Show, aber in Wirklichkeit wird das Publikum schon hier beobachtet, bis man die Empfänglichen entdeckt hat und diese dann auf die Bühne holt.

CINEFACTS: Haben Sie sich auch selber einmal hypnotisieren lassen?

Danny Boyle: (Lacht) Nein! Die Schauspieler ließen es machen, aber ich nicht. Mit Vincent und James war es sehr langweilig. Es hat ewig gedauert und nichts passierte. Rosario hat es mehrmals machen lassen. Oft sind es ganz simple Szenarien, die man durchlebt. Wie langsam ein Paket zu öffnen und dann entdeckt man etwas. Rosario lernte die ganzen Vorgehensweisen und die Art und Weise, wie sie sprechen sollte. Ich fand das Ganze aber vor allem deshalb interessant, weil man Erinnerungen, die durch Hypnose vorhergerufen wurden, früher noch als legale Beweise bei Gerichtsverhandlungen anerkannte. Erst später stieg man dahinter, dass viele dieser „Erinnerungen“ gar nicht echt, sondern durch den Hypnotiseur suggeriert worden waren. Jetzt kann man Hypnose bei Gericht natürlich nicht mehr verwenden. Ich glaube, Hypnotiseure arbeiten immer noch daran, ihren Ruf wiederherzustellen, weil mit dem Können schon viel Schindluder getrieben wird.

CINEFACTS: In dem Film gibt es viele gute Schauspieler, aber auch einen sehr stylischen Look. Was war für Sie wichtiger?

Danny Boyle: Ich komme ursprünglich vom Theater, also lege ich immer sehr viel Wert auf die Schauspieler. Ich glaube, es ist egal, wie stilisiert ein Film ist, wenn die Darsteller nicht gut sind, hat man das Interesse nach drei Minuten verloren. Ich glaube, es kommt eigentlich auch gar nicht wirklich darauf an, wer Regie führt. Es sind immer die Schauspieler, mit denen man die Reise begeht. Zumindest ist das bei einem Großteil aller Filme so. Also ist es immer das Wichtigste, die Besetzung richtig hinzubekommen. Wenn das gegeben ist, kümmert man sich um kleinere Details in der Story und solche Dinge. Bei „Trance“ versuchten wir, darauf zu achten, dass alles verführerisch wirkt. Die Klamotten, die sie tragen, die Apartments, in denen sie wohnen… Ich meine, da ist ja nichts Realistisches dran. Welcher kleine Gangster hat schon einen Pool im Schlafzimmer! Aber es gibt einem ein gewisses Gefühl, weil es anziehend wird. Und genau das wollen wir, die Menschen in den Film ziehen. Und das haben wir auch mit McAvoy beabsichtigt; normalerweise ist er so ein sympathischer Kerl, dass wir davon ausgingen, dass er die Zuschauer mitreißen wird.

Danny Boyle über „Trainspotting“ und ein mögliches Sequel

CINEFACTS: Können Sie uns ein bisschen was zu dem Casting Prozess erzählen?

Danny Boyle: Ja, Cassel kam zum Beispiel im allerletzten Moment zu uns. Er hatte eigentlich keine Zeit. Aber wir setzten uns in den Zug nach Paris, um uns mit ihm zu treffen. Wir hatten 45 Minuten in einem Taxi, bevor er wieder weiter musste. Ich fand ihn toll. Und ihm gefiel die Rolle, weil sie als Gangster anfängt, sich dann aber zu etwas ganz anderem entwickelt. Rosario wollte ich schon lange einmal besetzt haben, eigentlich vor Jahren schon. Aber dann klappte das nicht. Es gibt viele tolle Frauen in Hollywood, die irgendwie nie Hauptrollen bekommen, dabei gibt es so viele tolle Schauspielerinnen. Bei James dachte ich erst, dass er vielleicht zu jung für die Rolle wäre, aber auch er wird langsam erwachsen.

CINEFACTS: Improvisieren Sie beim Dreh viel, oder geht fast immer alles nach Plan?

Danny Boyle: Ich versuche, den Schauspielern viel Freiraum zu lassen. Man muss natürlich immer gewisse Dinge planen, aber wenn wir in einer Location sind, dann lasse ich die Schauspieler dort proben und frage sie, ob sie irgendetwas gerne anders machen würden. Dadurch haben sie außerdem das Gefühl, dass sie mehr Einfluss auf den Dreh haben und ich glaube, das ist gut für die Stimmung. Man hat natürlich Ideen und Pläne und manchmal ist man auch ein kleines Schlitzohr. Manchmal möchte man, dass die Schauspieler nur denken, etwas wäre ihre Idee gewesen. Fast wie suggestive Hypnose (lacht).

CINEFACTS: Sie haben mit der Arbeit an „Trance“ angefangen und mussten das Ganze dann für Ihre Arbeit an der Eröffnungszeremonie der olympischen Spiele auf Eis legen. Das ist ungewöhnlich.

Danny Boyle: Ja, das ist es. Normalerweise passiert so etwas nur, wenn ein Schauspieler sich körperlich stark verändern soll. So wie DeNiro in „Raging Bull“ oder Tom Hanks in „Cast Away“. Aber selbst dann legt man nur die Hälfte oder ein Viertel des Films bei Seite. Wir hatten „Trance“ innerhalb von zwei Monaten komplett abgedreht, hatten dann aber keine Zeit mehr, ihn zu schneiden. An den Olympischen Spielen haben wir zweieinhalb Jahre lang gearbeitet. Erst ist das alles sehr träumerisch, man hat all diese Vorstellungen.. Aber dann wird es stressig. Es ist jeden Tag ein Kampf, das alles so hinzubekommen. „Trance“ ist ein sehr düsterer Film. Die Olympischen Spiele sind das krasse Gegenteil. Sie sind wie Disney. Als würde man zweieinhalb Jahre lang für Disney arbeiten (lacht). Überall wird gelacht und alle sind glücklich. Zum Glück haben wir beides hinbekommen.

CINEFACTS: Gibt es einen Plan für das 20-jährige Jubiläum zu „Trainspotting“?

Danny Boyle: Ja, klar. Wir werden einen „T-2“ drehen, wenn James Cameron uns den Namen verwenden lässt (lacht). Ich stehe nicht wirklich auf Fortsetzungen und finde, dass Kino darin im Moment förmlich erstickt. Aber ein Sequel zu „Trainspotting“ sieht natürlich vollkommen anders aus: 20 Jahre sind vergangen, man muss sich nur die Darsteller ansehen. Ich habe mir vor kurzem ein paar Bilder vom ersten Teil angesehen: Sie waren so jung. Ich denke also, dass die Fortsetzung eine ganz andere Art von Film sein wird. Ich hoffe, dass sie den ersten Teil ergänzen und ihn nicht kopieren wird.

CINEFACTS: Es kommt einem immer so vor, als wären alle Ihre Filme sehr unterschiedlich. Haben Sie eine Präferenz?

Danny Boyle: Wissen Sie, es ist interessant: viele Leute mögen die Presse Junkets nicht, aber mir gefallen sie. Und zwar zum einen deshalb, weil ich dadurch immer viel über meine eigenen Filme lerne. Denn es stimmt, mir wird immer gesagt, dass meine Filme alle ganz unterschiedlich wären. Aber vor ein paar Jahren sagte dieser Typ zu mir „Alle Ihre Filme sind doch vollkommen gleich!“ Er sagte, dass alle meine Filme um jemanden gingen, dessen Chancen sehr schlecht stehen und der vieles überwinden muss, um an Ende zu gewinnen. Und dann hat man als Zuschauer schlussendlich immer ein belebendes Gefühl. Ich dachte „mein Gott, er hat Recht!“. Und ich fürchte, bei „Trance“ ist es auch nicht anders. Man hofft natürlich, dass die Menschen beim Ansehen meiner Filme trotzdem verschiedene Gefühle durchleben. Aber manchmal überkommt es mich und ich denke „ich habe schon wieder das Gleiche gemacht!“ (lacht).

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