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Fakten und Hintergründe zum Film "The Fall"


Das bringt der Serienherbst auf Disney+

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Produktionsnotizen

Es kostete den preisgekrönten Regisseur Tarsem stolze 15 Jahre, seinen zweiten Spielfilm nach “The Cell” in die Kinos zu bringen. Die fast unglaubliche Entstehungsgeschichte von THE FALL erforderte unter anderem eine zehnjährige Suche nach den spektakulärsten und ungewöhnlichsten Drehorten in allen Ecken der Welt, eines der aufwändigsten Castings der Filmgeschichte und einen Dreh, der sich über vier Jahre und 18 Länder verteilte. Das alles finanzierte Regisseur Tarsem komplett aus der eigenen Tasche!

Tarsems Plan war, sowohl bei der Story als auch in der Bildsprache komplettes Neuland zu betreten. Er wollte einen Film drehen, wie man ihn bislang noch nicht gesehen hat. Jahrelang suchte er nach der richtigen Story. Fündig wurde er, als er den bulgarischen Film „Yo Ho Ho“ aus dem Jahre 1981 sah. Autorin Valeri Petrov und Regisseur Zako Heskija erzählen darin die Geschichte eines Schauspielers, der mit gebrochenem Rücken im Krankenhaus liegt und sich dort mit einem zehnjährigen Jungen namens Leonid anfreundet, der ihm Gift besorgen soll, mit dem er sich dann umbringen will. Im Laufe der Geschichte wird die Bindung zwischen dem lebensmüden Mimen und dem Kind aber immer enger und Leonids Unschuld und seine Gutherzigkeit bringen den Schauspieler schließlich dazu, seinen Plan zu begraben. In ihm keimt wieder Hoffnung und Vertrauen ins Leben.

Was Tarsem an dieser Geschichte besonders reizte, war die Art, wie der Protagonist die Kunst des Geschichtenerzählens nutzt, um das Kind zu manipulieren. Der Regisseur sieht darin eine Parallele zu kreativen Menschen innerhalb eines kommerziellen Mediums. “Wenn man einem Hollywood-Studio eine Filmstory anbietet, verrät man den Leuten dort nie, wie man diese Geschichte tatsächlich erzählen will. Man bietet stattdessen die Story so an, wie man glaubt, dass die Studiobosse sie hören wollen”, erklärt der gebürtige Inder. “Man versucht, ihr Interesse aufrecht zu erhalten und beobachtet ihre Reaktionen. Wenn sie anfangen, auf die Uhr zu schauen, fügt man schnell eine Portion Action oder Sex hinzu. So funktionierte das Geschichtenerzählen jahrhundertlang, bevor die Schrift erfunden wurde: Man reagierte auf seine Zuhörer. Es ist wie der Unterschied zwischen einer vorab aufgenommenen Musikschleife und der Arbeit eines DJs, der seine Musikauswahl von der Reaktion der Leute abhängig macht.“

Tarsem, der sein Kinodebut 2001 mit dem surrealen Thriller “The Cell” gab, kaufte die Rechte am Film “Yo Ho Ho” und benutzte das grundsätzliche Storykonzept für THE FALL, wobei er die Figur des zehnjährigen Jungen gegen ein jüngeres Mädchen austauschte. “Eigentlich will Roy eine ganz andere Geschichte erzählen, als er es tut. Doch er muss das Kind mit seiner Erzählung bei Laune halten und so macht er immer wieder Zugeständnisse. Doch wenn er unter Einfluss von Medikamenten steht, wenn er getrunken hat oder die Verzweiflung ihn übermannt, treibt er die Geschichte in Bereiche, wo das Kind nicht hin möchte. Am Ende jedoch siegt die pure Unschuld des Mädchens und bringt ihn dazu, dem Leben eine zweite Chance zu geben.”

Die Geschichte, die der verletzte Stuntman dem Kind erzählt, wird im Film in den unglaublichsten Kulissen dargestellt, die man sich vorstellen kann. Teilweise sind es Naturwunder, teilweise von Menschenhand geschaffene Areale. Diese Locations sind einer der Faktoren, die THE FALL grundlegend von anderen Filmen unterscheiden – speziell von anderen Independent-Filmen. Tarsem, der für sein Musikvideo zu R.E.M.s “Losing my Religion” mit dem MTV-Best Video Award ausgezeichnet wurde, erklärt: “Wenn man Indie-Film sagt, denken alle an einen kleinen Low Budget-Streifen, der nicht besonders gut aussieht. Das ist hier ganz eindeutig nicht der Fall.”

Solch ein Fest für die Augen zu realisieren, erfordert einen langen Atem. Über zehn Jahre lang suchte Tarsem höchstpersönlich in aller Welt nach spektakulären Landschaften und Szenarien, während er gleichzeitig sein Geld als einer der gefragtesten Werbe- und Musikvideo-Regisseure der Welt verdiente. “Immer, wenn ich einen Werbespot drehte, machte ich Fotos“, erklärt Tarsem. „Ich sagte zu den Leuten am Set: ‚Das hier ist ein bezahlter Job. Irgendwann aber werde ich mich aber vielleicht wieder bei euch melden, und euch bitten, euch dafür zu revanchieren.“ Tarsem, der unter anderem Werbeclips für Smirnoff, Coke, Nike, Levis und Pepsi drehte, ergänzt: „Eine Menge Leute haben sich revanchiert. Immer, wenn wir einen Spot fertig hatten, versuchten wir, ein paar Szenen für THE FALL zu drehen.“

Diese ungewöhliche, häppchenweise Art des Drehs war eine logistische Herausforderung für Tarsem und seinen Bruder Ajit, der als einer der Produzenten von THE FALL fungierte. Eines der großen Probleme bestand darin, Schauspieler zu finden, die bereit waren, über einen Zeitraum von vier Jahren immer wieder zur Verfügung zu stehen und für die Aufnahmen kreuz und quer über den ganzen Globus zu reisen. “Mir war klar, dass ich keinen großen Star dazu würde überreden können”, gesteht Tarsem freimütig. „Und selbst wenn einer der Top-Schauspieler Hollywoods mitgemacht hätte, wäre das ein Problem gewesen. Wenn man mit vier, fünf Schauspielern in 18 verschiedenen Ländern dreht, ist es besser, wenn niemand sie kennt. Ich war bei anderen Projekten mit großen Stars unterwegs – es ist schwierig! Man muss dann ganz anders an die Dinge herangehen. Ich aber wollte bloß am Drehort eintreffen und einfach loslegen können. Ohne Stars konnte ich drehen, wie und was ich wollte.”

Für die Rolle des verletzten Stuntman Roy Walker (und des maskierten schwarzen Banditen) engagierte Tarsem den damals noch unbekannten Schauspieler Lee Pace, der später zwei Golden Globes-Nominierungen für seine Rollen in dem TV-Film “Soldier’s Girl” und die neue TV-Hit-Serie “Pushing Daisies” erhielt. Auch die anderen Darsteller, die fast alle doppelt besetzt wurden und sowohl eine Rolle in der realen Krankenhauswelt als auch in dem epischen Märchen spielten, waren aus gegebenem Anlass relativ unbekannt.

Gleichzeitig war Tarsem auf der Suche nach einem geeigneten Kind für die zweite Hauptrolle. Für ihn war es dabei absolut entscheidend, dass die Zuschauer dieses Kind noch nie zuvor gesehen haben – und dass es ein Kind ohne jegliche schauspielerische Erfahrung sein sollte. “Ich hatte keine Ahnung, ob wir einen Jungen oder ein Mädchen finden würden”, erinnert sich Tarsem. „Ich schickte Leute in Schulen, die den Kindern spannende Geschichten erzählten und dabei ihre Reaktionen mit Video filmten. Dabei bemerkte ich, dass die Kinder bereits mit vier Jahren aufhörten, sich völlig authentisch zu benehmen und schon bewußt zu agieren begannen. Das wollte ich unbedingt vermeiden.“ Tarsem war auf der Suche nach einer absolut authentischen Darstellung wie der von Victoire Thivisol in dem französischen Film „Ponette“ (1966). Die kleine Thivisol war damals erst dreieinhalb Jahre alt.

Tarsem fand seine Hauptdarstellerin schließlich, als er das Videoband eines fünfjährigen rumänischen Mädchens namens Catinca Untaru sah. “Sie war einfach unglaublich,” sagt der Regisseur. “Wir drehten eine Szene mit ihr. Sie konnte kaum englisch. Sie kommunizierte auf eine sehr rudimentäre Art.“

Für Tarsem und seinen Bruder kam die Entdeckung der kleinen Catinca genau zur richtigen Zeit. “Ich redete seit Jahren von diesem Projekt”, erinnert sich Tarsem, “und Ajit war langsam unruhig geworden. Er sagte: ‘Entweder drehen wir diesen Film jetzt endlich oder wir sind irgendwann alte Männer und reden immer noch davon, dass wir es eines Tages tun werden!’ Zwei Wochen später fanden wir Catinca!” Das bedeutete nun jedoch, dass alles plötzlich extrem schnell gehen musste. Denn Catinca würde jeden Tag ein bißchen mehr das Bewußtsein einer Schauspielerin entwickeln. “Ich sagte zu meinem Bruder, dass dieses Mädchen in wenigen Monaten ein komplett anderer Mensch sein würde. Also mussten wir unverzüglich mit dem Dreh beginnen!”

Ein Misverständnis zwischen dem Besetzungsagenten und der kleinen Catinca hatte dabei profunde Auswirkungen auf die Produktion. Das Mädchen glaubte, dass Schauspieler Lee Pace tatsächlich gelähmt sei. Da Regisseur Tarsem Catincas Dialog bei den Probeaufnahmen mit Lee so unglaublich real und glaubwürdig fand, traf er eine tollkühne Entscheidung: Er beschloss, nicht nur Catinca, sondern nahezu das ganze Team in dem Glauben zu lassen, dass Lee Pace tatsächlich nicht laufen könne!

“Lee war bis dahin nur in einem einzigen TV-Film zu sehen gewesen und darin spielte er einen Transvestiten“, erklärt Tarsem. “Niemand außer mir, meinem Bruder, der Kostümbildnerin und zwei ausführenden Produzenten wußte, dass er laufen kann. Der einzige Schauspieler, dem ich es erzählen musste, war der Mann, der Alexandrias Vater spielte. Der sollte angeblich die Hauptrolle in den Fantasy-Szenen spielen, da ja niemand wissen durfte, dass in Wirklichkeit Lee darin den schwarzen Banditen spielen würde.“

Die Krankenhausszenen waren die ersten Szenen, die gedreht wurden. Die Drehzeit in dem Hospital in Südafrika betrug zwölf Wochen. Der Plan, nahezu dem gesamten Team vorzugaukeln, dass der Hauptdarsteller gelähmt sei, erwies sich als große Herausforderung. Zum Beispiel kam es einmal vor, dass eine der Make-Up-Assistentinnen in Lee Paces Garderobe kam, wo dieser gerade aufrecht stand. Sie wäre fast in Ohnmacht gefallen! „Ich musste sie zur Seite nehmen und mir von ihr versprechen lassen, dass sie nichts verraten würde”, erzählt Tarsem. Lee Pace traf außerdem ausgerechnet im Fitness-Studio mehrmals auf seinen Kollegen Daniel Caltagirone, der in THE FALL Sinclair und den bösen Gouverneur spielt. Doch der erkannte Lee nicht. “Er hat ihn immer nur in einem Rollstuhl oder im Bett gesehen”, sagt Tarsem. „Er konnte sich nicht vorstellen, Lee in einem Sportstudio zu sehen, also sah er ihn auch tatsächlich nicht.”

Die besondere Situation des Hauptdarstellers erforderte auch, dass Tarsem bei ihm eine Ausnahme in seinem ansonsten “kommunistischen Drehkonzept” machen musste: „Jeder in der Crew wurde absolut gleich behandelt. Wir reisten alle in der selben Flugzeugklasse und übernachteten am selben Ort. Wenn wir in einem Luxushotel abstiegen, dann taten wir das alle zusammen. Und wenn wir in eine schäbige Absteige gehen mussten, dann mussten alle mit. Von den Produzenten und den Darstellern bis zum letzten Kameraassistenten. Es bekamen auch alle exakt dasselbe Honorar. Nur bei Lee ging das nicht. Er bekam zwar nicht mehr Geld als die anderen, aber er war stets woanders untergebracht, weil niemand sehen durfte, dass er in Wirklichkeit kerngesund ist.“

Als schließlich die letzte Krankenhaus-Szene abgedreht war, stand Lee einfach aus dem Bett auf und die Illusion war schlagartig zerstört. „Einige Leute lachten“, erinnert sich Tarsem, „andere weinten und einige waren sehr, sehr wütend. Jeder sagte: ‚Du hättest mir vertrauen können, ich hätte nichts verraten’. Doch es ging nicht um Vertrauen. Die Leute wären einfach anders mit Lee umgegangen, wenn sie die Wahrheit gewußt hätten.“

Nachdem jeder wußte, dass Lee Pace gehen kann, begannen die Dreharbeiten der Fantasy-Szenen. Dieser Mammutdreh zog sich über vier lange Jahre. “Wir beschlossen, überall hinzugehen, wo wir hingehen mussten”, sagt Tarsem. „Wir machten keine Kompromisse, besuchten insgesamt 18 Länder und drehten unter den unglaublichsten und schwierigsten Bedingungen. Ich benutzte außerdem aus Überzeugung keine Computereffekte, außer in einigen wenigen Szenen, in denen wir moderne Artefakte wie Strommasten und Fernsehantennen nachträglich digital ausradieren mussten.“

Bei der Struktur des Films ließ sich Tarsem sehr stark von Catincas kindlicher Phantasie inspirieren. „Wir hatten kein starres Drehbuch“, erklärt der Regisseur. „Wir hatten vorwiegend Situationen, die ich im Laufe der Jahre niedergeschrieben hatte. Teilweise waren es nur Ideen-Fetzen wie ‚Ein Elefant schwimmt’ oder ‚Jemand schickt einem eine Botschaft in einer Sprache, die niemand versteht“. Diese Ideen zeigte ich Catinca und sie nannte mir die, die sie für interessant hielt.“

“Die Szene, in der ein Elefant mit dem schwarzen Banditen auf dem Rücken durchs Wasser schimmt, war besonders schwer umzusetzen”, fährt Tarsem fort. „Alle Elefanten schwimmen, aber ist es ist sehr schwer, sie zum Schwimmen zu überreden, wenn sie nicht wollen. Außerdem haben Elefanten die Angewohnheit, ihren Darm zu entleeren, sobald sie ins Wasser gehen. Wir konnten also die Kamera niemals hinter dem Elefanten postieren.“

Gelegentlich zeigte Tarsem der kleinen Catinca Fotos von Landschaften und fragte sie, in welchen Kulissen sie sich bestimmte Szenen des Märchens vorstellen könne. „Wir benutzten ihre Naivität“, sagt der Regisseur. “Für die kindliche Phantasie gibt es keine Grenzen. Und sie denkt auch nicht an so etwas wie Logistik und Budget. Catincas Meinung war ein wesentlicher Faktor in unserem täglichen Brainstorming.“

Ganze Szenen entstanden durch die spontanen Reaktionen der kleinen Schauspielerin. Auf die Geschichte etwa, in der Alexander der Große das Wasser in seinem Helm einfach wegschüttet, anstatt es mit seinen Männern zu teilen, reagierte das Kind mit deutlichen Worten: „Das ist doch total dumm! Er hätte doch jedem einen kleinen Schluck geben können.“ Ein Kind sieht in solch einer Szene nicht die Symbolik sondern einen tatsächlichen Vorfall. Catincas Reaktion und die Sätze, die Hauptdarsteller Lee Pace daraufhin improvisierte fanden ihren Weg in den endgültigen Film. Das selbe gilt für die Flasche mit dem Morphium, die die kleine Alexandria für den Stuntman Roy stehlen soll. Catrinca, die noch nicht sehr gut lesen konnte, verwechselte das E in „MORPHINE“ mit der Zahl 3. Daraus entwickelte Tarsem spontan die Idee, dass Alexandria ihrem großen Freund bloß drei Tabletten stiehlt.

Die eigenwillige und logistisch schwierige Entscheidung, alle Krankenhausszenen in exakt chronologischer Reihenfolge zu drehen, erwies sich nachträglich als Glücksfall. Denn die kleine Catinca beherrschte von Tag zu Tag die englische Sprache besser und diese Verbesserung ist nun zeitlich logisch auch im Film zu bemerken. Außerdem tauchte Catinca eines Tages überraschend mit zwei fehlenden Vorderzähnen am Set auf. Sie waren ihr – üblich für Kinder in diesem Alter – über Nacht ausgefallen. „Wenn wir einen typischen Studiofilm gedreht hätten, in der so etwas wie Chronologie nicht existiert, wäre der Zahn-Vorfall eine Katastrophe gewesen“, sdagt Tarsem. „So aber bauten wir den Verlust ihrer Zähne einfach in die Filmhandlung ein.“

Unterstützung bei seinem Projekt hatte Tarsem durch seine Freunde und Regie-Kollegen David Fincher („Zodiac“, „Panic Room“, „Fight Club“) und Spike Jonze („Adaptation“, „Being John Malkovich“). Fincher half ihm unter andererem bei der Suche nach potentiellen Verleihern, während Jonze vor allem inhaltlichen Input einbrachte und Tarsem immer wieder motivierte, durchzuhalten. Eines Tages gab er Tarsem die DVD von George Lucas’ Dokumentation über die mühsame Entstehungsgeschichte von Francis Ford Coppolas „Rain People“. “Als ich Coppola in diesem Film sah, die wahnsinnige Energie und Besessenheit, mit der er die Dinge anging, da wußte ich, dass ich nicht länger warten durfte, THE FALL zu drehen. Schließlich war ich damals bereits zehn Jahre älter als Coppola, erinnert sich Tarsem.

Interview mit Tarsem

Nach “The Cell” dürfte bei Ihnen kein Mangel an lukrativen Regie-Angeboten geherrscht haben. Warum haben Sie sich dennoch auf dieses unfassbar komplizierte Projekt gestürzt?

Ich wollte diesen Film schon drehen, bevor ich “The Cell” gemacht habe. THE FALL war ein Stück weit sicher eine Art von Besessenheit. Dieser Film saß mir regelrecht im Genick und ich wußte, dass ich mein Leben erst richtig weiterleben konnte, nachdem ich ihn abgeschüttelt hatte. Mein Glück bestand darin, dass ich damals unabhängig war. Ich hatte keine Familie, keine Kinder, keine feste Freundin. Nichts hielt mich davon ab, auf diese verrückte Reise zu gehen. Es war meine ganz persönliche Magical Mystery Tour.

Finanziers zu finden, dürfte schwer gewesen sein.

Nein. Es war nicht schwer. Es war unmöglich. Ich hatte ja nicht einmal ein richtiges Drehbuch. Ich hatte bloß einen Kasten voller Kärtchen, auf denen Storyfragmente standen. Und ich hatte diese große, wahnsinnige Idee im Kopf. Natürlich habe ich bei vielen Produzenten und potentiellen Geldgebern vorgesprochen, aber keiner biss an. Ich habe THE FALL komplett selbst finanziert. Ich habe so ziemlich alles verkauft, was ich besaß, um diesen Film drehen zu können. Nur mein Haus konnte ich behalten.

Wieviel hat THE FALL denn insgesamt gekostet?

Ich weiß es nicht. Und ich will’s auch gar nicht wissen. Mein Bruder Ajit hat sich um alles Finanzielle gekümmert und ich habe beschlossen, ihn erst im Jahre 2017 zu fragen, wieviel genau mich der ganze Spaß eigentlich gekostet hat. Aber keine Angst: Ich bin dabei nicht Bankrott gegangen. Durch meine Arbeit als Werbe- und Videoclip-Regisseur verdiene ich ja gut. Ich habe mein Haus, ich habe ein tolles Auto und wenn ich etwas sehe, was mir gefällt, kann ich es mir im Allgemeinen auch leisten. Ich lebe allerdings auch sehr bescheiden. Ich bin schließlich in Indien aufgewachsen.

Die Suche nach den Drehorten war ein Mammutprojekt. Sind Sie selbst quer um die Welt gereist oder haben Sie Location Scouts ausgeschickt?

(lacht): Location Scouts? Nein, solche Dinge kann ich nur selbst machen. Ich muss einen Ort selbst sehen, erleben und fühlen.

Haben Sie eine Lieblingslocation im Film?

Natürlich liebe ich jede einzelne Kulisse. Aber generell muss ich sagen, dass ich weite Flächen besonders mag. Wüsten vor allem. Solche Landschaften sind wie eine leere Leinwand, die ich mit allem füllen kann, was mir vorschwebt. Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass ich in Indien aufgewachsen bin, wo die Menschen dicht an dicht leben und es keinerlei Freiräume gibt. Vielleicht geniesse ich die Wüste deshalb so sehr. Obwohl der Dreh an solchen Orten mitunter unfassbare Probleme aufwirft. Wir hatten Locations, die so hoch lagen, dass uns der Sauerstoff ausging und wir kaum noch atmen konnten. Wir mussten tagelang unter Bedingungen leben, die hart an der Grenze des Erträglichen waren.

Einige der Landschaften und Bauten sehen absolut unwirklich aus. Wie viele Computereffekte kamen bei THE FALL zum Einsatz?

So gut wie keine. Ich habe den Computer in der Post-Produktion ausschließlich dazu benutzt, gelegentlich moderne Artefakte wie Strommasten oder Fernsehantennen aus den Bildern zu radieren. Ansonsten habe ich nichts, absolut nichts verändert. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich ein Bild anders anfühlt, wenn es digital manipuliert wird. Und ich wollte für THE FALL trotz aller Phantasie und Märchenhaftigkeit dennoch eine gewisse Grundglaubwürdigkeit.

Inwieweit ist ihr Background als Inder in den Film eingeflossen? Gibt es direkte Verweise auf die indische Mythologie?

Ja, ein paar. Aber das ist nicht wirklich wichtig. Natürlich wird ein Mensch durch seine soziale und kulturelle Herkunft geprägt, aber ich habe zum Beispiel nie etwas mit indischen Filmen anfangen können. Ich liebe das russische Kino mehr als jedes andere. Ich mag auch Lars von Trier sehr. Eine deutliche Parallele gibt es allerdings: So wie die kleine Alexandria im Film von Roy eine maßgeschneiderte Geschichte erzählt bekommt, die alle möglichen Einflüsse mischt und über weite Strecken spontan improvisiert ist, so wurde auch ich als Kind mit Stories gefüttert. Ich hatte eine Lehrerin in meiner kleinen, indischen Schule im Himalaja, die uns Kindern am Ende des Schultages immer die unglaublichsten Geschichten erzählte. Da spielten Robin Hood und James Bond gleichzeitig Hauptrollen und selbst so etwas wie den Watergate-Skandal flocht sie noch ein. Es war magisch!

Magisch ist auch die kleine Catinca Untaru.

Ein unglaubliches Kind! Ein absoluter Glücksfall! Ohne sie hätte es diesen Film so nicht gegeben. Und wir hatten obendrein das sehr große Glück, dass Catinca sich ganz wunderbar mit ihrem erwachsenen Filmpartner Lee Pace verstand. Sie ist das Kind einer alleinerziehenden Mutter. In ihrem Leben gab es damals ausschließlich Frauen. Sie hatte nie eine männliche Bezugsperson. Für uns war das natürlich ideal. Lee und Catinca waren sehr schnell ein Herz und eine Seele. Ich glaube, Catinca hat sich auf eine kindlich unschuldige Art regelrecht in Lee verliebt.

Wir haben alles getan, um Catincas Authentizität nicht in Gefahr zu bringen. Wir haben ihr keine starren Sätze vorgegeben, sondern mit Situationen gespielt und ihre natürliche Neugier und Spontaneität ausgenutzt. Viele Szenen, in denen sie mit dem bettlägrigen Lee spricht, haben wir quasi mit versteckter Kamera gedreht. Wir haben rund um das Bett einen Vorhang gezogen. Wir haben den beiden eine Höhle gebaut. Kinder lieben das!

Und wir haben die beiden dann durch kleine Löcher im Stoff gefilmt. Lee und Catinca haben sich einfach spielerisch unterhalten und irgendwann hat Lee dann begonnen, sie mit bestimmten Sätzen in unsere Geschichte hinein zu locken.

Es war ein tollkühner Schritt, nicht nur Catinca sondern fast das ganze Team glauben zu lassen, dass Lee Pace tatsächlich querschnittsgelähmt sei.

Ja. Es war in gewisser Weise Wahnsinn. Aber es hat sich gelohnt. Wir haben durch diesen Trick schauspielerische Effekte erziehlt, die man sonst nie bekommen hätte. Aber es war hart. Ich konnte zum Beispiel für die Krankenhaus-Szenen leider nicht meinen Stamm-Kameramann engagieren, da dieser Lee kannte und wußte, dass er laufen kann. Und auch Lee selbst hatte eine sehr, sehr harte Zeit während der ersten Wochen. Er litt sehr darunter, lügen zu müssen. Er tat mir wirklich leid.

Wie genau haben David Fincher und Spike Jonze Sie unterstützt?

Bei Spike war es vor allem moralischer Support. Bei David teils kreative Unterstützung, teils auch logistische. Er hat mir viele Leute vorgestellt und hat dabei geholfen, Verleiher für den Film zu finden. Die Beiden sind langjährige Freunde von mir und zwei der ganz wenigen Menschen, von denen ich mir etwas sagen lasse. Ich bin sehr stur und reagiere nicht besonders souverän auf Vorschläge und Einmischungen von außen. Aber Spike und David waren die perfekten Berater. Spike ist es völllig egal, wie seine Filme aussehen. Er interessiert sich auschließlich für seine Figuren. Seine Meinung war mir für die Dialog- und Charakterszenen sehr wichtig. David dagegen ist nicht nur ein großartiger Geschichtenerzähler, er ist auch ein Bildkomponist. Jede Einstellung in seinen Filmen ist ein kleines Gemälde. Er hat mir vor allem bei den Fantasy-Szenen Ratschläge gegeben.

Dürfen wir uns in 15 Jahren auf THE FALL 2 freuen?

(lacht): Um Himmels Willen, nein! So etwas mache ich nie wieder! Es war meine eine, große Wahnsinnstat im Leben. Als nächstes werde ich wieder einen richtigen Studiofilm drehen. Es ist ja nicht so, dass ich etwas gegen das konventionelle Hollywood hätte.