Für Links auf dieser Seite erhält kino.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder blauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
  1. Kino.de
  2. Filme
  3. The Cut
  4. News
  5. Venedig: "Große Gefühle und Leidenschaften"

Venedig: "Große Gefühle und Leidenschaften"

Ehemalige BEM-Accounts |

The Cut Poster

Aus rund 1600 Langfilmen aus aller Welt haben Alberto Barberaund sein Team nun 55 Titel für das offizielle Mostra-Programm ausgewählt, 54 davon laufen als Weltpremiere. Der Festivalchef ist stolz auf eine ausgewogene Programmierung, verspricht Überraschungen, jede Menge Emotionen und freut sich auf die Weltpremiere von Fatih AkinsThe Cut„.

Fatih Akins deutscher Beitrag "The Cut" über einen Überlebenden des türkischen Völkermordes an den Armeniern, der in der ganzen Welt seine totgeglaubten Zwillingstöchter sucht Bild: Pandora

Was zeichnet die Filme der diesjährigen Auswahl aus?

Das Element der Überraschung. Ich denke, dass Kritiker, Fachbesucher und Publikum genauso staunen werden wie wir bei unseren Sichtungen. Die Bandbreite der Filme ist sehr groß, es gibt große Gefühle und Leidenschaften. Es gefällt uns, dass sich viele Regisseure etwas getraut haben und ihre Filme auf sehr interessante neue Art realisiert haben. Ein Festival wie die Mostra kann nicht so viele Filme zeigen wie Toronto, also müssen wir besonders auf die richtige Balance bei der Programmierung achten. Damit das funktioniert, braucht man möglichst unterschiedliche Produktionen: Newcomer und etablierte Regisseure, Dokumentarfilme und experimentellere Arbeiten. Ich bin stolz, dass uns das dieses Jahr richtig gut gelungen ist und die 55 Filme in der offiziellen Auswahl diese Ba­lance sehr gut widerspiegeln. Das war mein Ziel.

Wie beurteilen Sie das aktuelle Filmschaffen in Deutschland?

Letztes Jahr schätzten wir uns glücklich, gleich zwei deutsche Spielfilme zu zeigen, einen im Wettbewerb und einen in der Orizzonti-Sektion. In diesem Jahr haben wir nur einen deutschen Film in den Wettbewerb eingeladen, dafür aber einen sehr wichtigen. Das bedeutet nicht, dass unser Interesse an diesem bedeutenden Filmland nachgelassen hat. Deutsche Filme lassen sich nicht so leicht ins Ausland exportieren, da geht es ihnen nicht anders wie dem italienischen oder spanischen Film. Doch es gibt immer sehr viele interessante deutsche Arthousefilme, die für Festivals und internationale Märkte relevant sein können. Ich bin sehr froh, dass wir in diesem Jahr einen deutschen Film präsentieren, auf den die Leute mit Spannung warten.

Sie sprechen von Fatih Akins Film „The Cut“. Der sollte ja ursprünglich mal in  laufen.

Ich kenne Fatih schon sehr lange. Wir haben uns im Februar in Berlin getroffen und über seinen neuen Film gesprochen. Ich habe ihn gebeten, ihn mir zu zeigen, auch wenn er ihn auch den Verantwortlichen in Cannes vorführen wollte. Es ist übrigens nicht ungewöhnlich, dass Filme im Vorfeld beiden Festivals gezeigt werden. Ich habe „The Cut“ nur eine Woche nach Thierry Frémaux gesehen. Als sich mein französischer Kollege noch Gedanken über den Film machte, besuchte Fatih mich in Turin, wo ich mein Büro habe, und zeigte mir sein neues Werk. Es war ein Samstag im April. Ich habe Fatih gesagt, dass ich „The Cut“ sehr gern in den Wettbewerb einladen würde, falls er nicht in Cannes läuft. Fatih rief mich daraufhin noch vom Flughafen in Frankfurt an, wo er auf seinen Anschlussflug nach Hamburg wartete. Er teilte mir mit, dass er sich dazu entschlossen habe, seinen Film in Cannes zurückzuziehen und ihn stattdessen bei uns in Venedig zu präsentieren. Ich war natürlich sehr glücklich über diese Nachricht. Doch es war ganz allein Fatihs Entscheidung, nicht Frémauxs Antwort abzuwarten, sondern stattdessen uns zuzusagen.

Also steht Venedig nicht im Krieg mit Cannes, Toronto oder Rom?Ich mag den Gedanken nicht, dass wir uns bekriegen. Wir wollen doch nicht unsere Egos bestätigen, sondern Filme, ihre Macher, die Filmbranche unterstützen. Das ist unsere Aufgabe, alles andere wäre einfach nur albern. Anstatt in Konkurrenz zu treten, sollten wir im Sinne des Kinos, das wir doch alle lieben, noch stärker zusammenarbeiten.

Gleichzeitig ist Venedig das einzige italienische Festival, das internationales Gewicht hat. Wie wollen Sie das ausbauen, und inwiefern setzt Sie das womöglich unter Druck bei Ihren Entscheidungen?

Die Bedeutung und das Prestige von Venedig gehen auf seine lange Geschichte und seine Identität zurück. Von Anfang an ging es in Venedig um die Filmkunst, darum war uns Qualität stets wichtiger als Quantität. Bei der Auswahl der Filme geht man darum natürlich ein Risiko ein. Wir wollen das Festival auf verschiedenen Ebenen verbessern. Zum Beispiel die Spielstätten modernisieren und verbessern. Wir haben mehr Kinosäle und Plätze geschaffen. Unser Sala Darsena verfügt nun über 1500 Plätze, das sind 100 mehr als bisher. Biennale-Präsident und ich bemühen uns auch darum, den Venedig-Aufenthalt für unsere Gäste kostengünstiger zu gestalten, etwa durch neue Partnerschaften. Wenn man über die Biennale ein Hotel bucht, profitiert man von günstigeren Preisen. Auf dem Lido ist es nun auch nicht teurer als in Cannes oder anderswo. Es kommen zahlreiche Journalisten aus der ganzen Welt zu uns, es lohnt sich also, einen Film in Venedig zu zeigen. Unser Ziel ist es, eine optimale Plattform für unsere Filme zu schaffen. Wir ziehen mit den Produzenten, Verleihern und World Sales, die uns ihren Film geben, an einem Strang. Unsere Rolle ist dabei, ein interessantes und wichtiges Schaufenster für Filme und Talente zu bieten.

Wie viele Journalisten erwarten Sie?

1854 italienische und rund 1200 internationale. Das schafft Aufmerksamkeit für die Filme und ihre Macher.

Koproduktionen sind auch in Venedig ein wichtiges Thema. Es gibt in diesem Jahr sogar ein eigenes Pitching für die Branche. Viele Leute sagen, dass wir in Europa noch stärker zusammenarbeiten müssen, um uns gegen die Übermacht aus Hollywood zu wappnen.

In den Sechziger- und Siebzigerjahren gab es übrigens auch schon sehr viele europäische Koproduktionen. Aktuell sind sie nicht so leicht auf die Beine zu stellen, tut man sich in den einzelnen Ländern doch mit der Filmfinanzierung zunehmend schwer. Allerdings brauchen wir europäische Koproduktionen, ganz besonders für Filme mit mittleren Budgets. Sie garantieren, dass ein Film auch in anderen Ländern vermarktet wird. In diesem Jahr findet auf der Mostra erstmals ein Koproduktionsmarkt statt, wo 16 europäische Projekte potenziellen Koproduzenten und Kofinanziers präsentiert werden. Koproduktionen werden künftig ein noch größeres Thema werden.

Jede Filmindustrie basiert auch auf einem lokalen Starsystem. Europäische Schauspieler wie Colin Firth, Diane Kruger, Penelope Cruz, Javier Bardem, nur um ein paar Namen herauszugreifen, arbeiten heute mehr in den USA als in der alten Welt.

Das Problem sind auch hier die Finanzen. Europäische Stars würden sicherlich häufiger in ihrer Heimat drehen, wenn sie höhere Gagen bekämen. Das ist aber nur möglich, wenn ein Film dank multinationaler Koproduzenten in möglichst vielen Ländern ausgewertet wird. Tatsächlich könnte man mit Hilfe von Koproduktionen ein neues europäisches Starsystem schaffen. Aktuell haben wir zwar viele Schauspielerinnen und Schauspieler, die in ihrem Heimatland sehr beliebt sind. Doch auf einem europäischen Level sind sie kaum bekannt. Je mehr Filme auf dem ganzen Kontinent gezeigt werden, desto exportfähiger werden auch die Stars. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, aber ich denke, wenn europäische Produzenten und Verleiher zusammenarbeiten, entstehen viele neue Möglichkeiten.

News und Stories