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Mit „The Black Dahlia“ feiert der Film Noir, besser gesagt das Neo-Noir, ein Hochamt. Die Feuilletons überschlagen sich darin, die Wiedergeburt des Genres auszurufen, dabei war es nie weg. Es hat sich nur gut versteckt.

Wiederkehr eines Genres oder Hochglanz mit stilistischen Anleihen: "The Black Dahlia" Bild: Warner

Hätte Nino Frank gewusst, welches Unheil er mit seinem nebenbei erschaffenen Terminus über die (Kritiker-)Welt bringen würde, er hätte sich wohl etwas anderes einfallen lassen und den Ausdruck „Film Noir“ nie verwendet. Unbestritten ist, dass der französische Filmkritiker diesen Begriff prägte. Und damit hat es sich auch schon mit den Klarheiten im Bezug auf den Film Noir.

Denn die Debatte, was nun Noir ist, welche Filme dazuzählen, wie und wer und überhaupt zieht sich bereits seit 60 Jahren hin und geht nun mit Brian De PalmasThe Black Dahlia“ in die nächste Runde. Mit Film Noir schloss Frank an sich eher zusammenhanglose, in Amerika entstandene Filme zu einem Subgenre zusammen, deren Basis Detektivgeschichten oder ähnliche hard-boild Fiction der 30er Jahre ist - die Hauptfigur ist ein desillusionierter Antiheld, die Handlung stößt meist eine Femme Fatale an und in sich zeichnet der Film ein düsteres Bild einer korrupten, amoralischen Welt.

Die schmutzigen Stiefkinder der Studios

Einer der Klassiker schlechthin: "Die Spur des Falken" Bild: Warner

Die Spur des Falken“ von John Huston, „Die Narbenhand“ von Frank Tuttle, „Tote schlafen fest von Howard Hawks und „Im Schatten des Zweifels“ von Alfred Hitchcock sind hier ebenso als stilbildend zu benennen wie Otto PremingersLaura„, Billy WildersFrau ohne Gewissen“ und „Gilda“ von Charles Vidor.

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Auffällig bei all diesen Projekten ist, dass sie meist von den Studios lediglich mit kleinem Budget ausgestattet wurden. Oftmals ließen darin arrivierte Regisseure ihren dunklen Obsessionen freien Lauf. Emigrierte Filmkünstler wie Wilder und Preminger verarbeiteten ihre Erfahrungen im von Nazi-Herrschaft und Krieg zerrissenen Europa in düsteren Visionen von einer dem Verfall geweihten Welt. Diese Filme stehen im krassen Gegensatz zu den überbordend fröhlichen Komödien und den optimistischen Western der Ära, die zu den großen Filmen der Studios gehören.

Noir oder nicht Noir

Noir mit Bogart, die zweite: "Tote schlafen fest" Bild: MFA

Gemeinhin gilt auch die Faustregel, dass ein Film Noir zwingend in Schwarzweiß gedreht sein muss. Nach dieser Lesart endet mit Orson Welles‘Touch of Evil“ aus dem Jahr 1958 die Serie des klassischen Film Noir - und es beginnt der Ärger mit der Definition.

Denn natürlich wurden thematisch ähnliche Filme auch nach 1958 gedreht, natürlich in Farbe und natürlich auch außerhalb der USA. Da Journalisten und Kritiker nun einmal gerne in Schubladen denken, entzündete sich an Filmen wie Jean-Pierre Melvilles Werken „Der Teufel mit der weißen Weste“ und „Der eiskalte Engel“ oder auch Jean-Luc GodardsAußer Atem“ schnell die Debatte, ob diese nun Noir sind oder nicht.

Neo-Noir made in France: "Der Eiskalte Engel" mit Alain Delon Bild: Kinowelt

Notlösung als Sündenfall

Im Kern dreht sich die Diskussion um eine einzige Frage: Ist Film Noir ein Genre, das 1958 endete, oder ist es eine Stilrichtung, die durch eine bestimmte Dramaturgie und eine eigene düstere Optik definiert wird. Da es dazu ebenso viele Meinungen gibt, wie sich Menschen für Film interessieren, behalf man sich mit einer Notlösung. Alles, was nach 1958 auch nur den Klassikern ähnlich war, wurde einfach zum Neo-Noir erhoben.

Darunter fallen so unterschiedliche Werke wie „Chinatown“ und „Taxi Driver„, „Blade Runner“ und „Pulp Fiction„, „Sieben“ und „Lost Highway„, die allesamt irgendwie in dieses Begriffskuddelmuddel passen. Außerdem lässt sich so manchem Kritiker bedenkenlos unterstellen, dass er einfach an dem Wort „noir“ Gefallen gefunden hatte. Denn was beispielsweise „Scarface„, der gerne zu dieser Reihe gezählt wird, in dieser Rubrik zu suchen hat, ist bis zum heutigen Tag ebenso unerklärlich wie nicht widerlegbar.

Verwaschener Begriff

Stilbildend für den sogenannten Tech-Noir, Science-Fiction-Filme mit Noir-Anklängen: "Blade Runner" Bild: Kinowelt

Die Büchse der Pandora jedenfalls war geöffnet: Jeder Film, in dem eine undurchsichtige Frau eine Rolle spielte oder zur Not auch nur der Held im Regen den Kragen des Trenchcoats hochstülpte, wurde blitzschnell als Noir klassifiziert. Was weiter nicht tragisch wäre, hätte es nicht immer wieder auch Filme wie „Tod eines Killers“ gegeben. Don Siegels Meisterwerk ist in Farbe, stammt aus dem Jahr 1964, hat aber ansonsten alles, um zur Klassiker-Reihe gezählt zu werden.

Damals schon wurde die Wiedergeburt des Film Noir ausgerufen, ebenso wie Jahre später mit „L.A. Confidential“ von Curtis Hanson oder „Femme Fatale„, erneut von De Palma. Genau so passiert es nun wieder mit seinem neuen Werk „The Black Dahlia“. Wiedergeburt, Wiederauferstehung, Rückkehr lauten die Schlagzeilen der Kollegen, die dabei zwei Dinge verkennen: Eine Wiederkehr des Noir als Genre kann es also nach klassischer Deutung nicht geben, und die Stilistik war ohnehin nie verschwunden, sie muss also kein Comeback feiern.

Klassisches Noir-Setting im modernen Gewande: "L.A. Confidential" Bild: Warner

Zahllose Widergänger

Memento“ und „Mulholland Drive„, „Collateral“ und „Sin City“ - sie alle und viele, viele mehr lehnen sich inhaltlich, optisch und in der Tonlage an den Film Noir an. „Brick“ etwa ist sogar eine aufs Highschool-Milieu angewandte Blaupause eines Noir-Klassikers. Sie alle markieren den Transgress, den Noir, das ehemalige schmutzige Kind der Studios, das mittlerweile den Mainstream und die Popkultur erfahren hat.

Heute also von der „Wiedergeburt des Noir“ zu reden ist nichts weiter als ein Etikettenschwindel, zugegebenermaßen bedingt durch die Verwässerung des Begriffs selbst. Da es aber letztendlich keine exakte Definition davon gibt, was nun Noir ist und was nicht, hilft nur eines: Ins Kino und die Videothek gehen und für sich selbst entscheiden!

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