Tatort: Ein ganz normaler Fall

Filmhandlung und Hintergrund

Ein "Tatort" plädiert für den unbefangenen Umgang mit dem Judentum und vergisst darüber den Krimi.

Als im jüdischen Gemeindezentrum ein Mann mit gebrochenem Genick gefunden wird, ist das alles andere als ein normaler Fall für die Münchener Kommissare: Der Tote heißt Berger und ist Jude. Er war Vater einer schwangeren jungen Frau, die sich vom Dach ihres Hauses gestürzt hat. Kurz vor seinem Tod hatte der Mann Streit mit einem Rabbi, den er wohl für den Erzeuger des Babys hielt. Verdächtig ist auch ein orthodoxer Jude, dessen Religiosität jede Arbeit verbietet. Bei Bergers Tochter musste er keine Miete zahlen. Ihr Vater hatte dafür kein Verständnis.

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Kritikerrezensionen

  • Tatort: Ein ganz normaler Fall: Ein "Tatort" plädiert für den unbefangenen Umgang mit dem Judentum und vergisst darüber den Krimi.

    Natürlich ist es alles andere als „ein ganz normaler Fall“, mit dem es die Münchner TV-Kommissare Leitmayr und Batic (Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec) zu tun haben, als im jüdischen Gemeinzentrum ein Mann mit gebrochenem Genick gefunden wird.

    Der Tote ist Jude, und prompt kommt es zu gewissen Verkrampftheiten. Daniel Wolf, selbst traditioneller Jude, beschreibt gemeinsam mit Koautor Rochus Hahn gerade anhand diverser Details sehr anschaulich, wie vor allem Leitmayr prompt seine Unbekümmertheit verliert; Batic ist da dank seiner kroatischen Wurzeln deutlich unbefangener. Schlüsselszene in Sachen politischer Korrektheit ist eine Audienz der beiden Polizisten beim Staatsanwalt, der von „schmalem Grat“ spricht und die Beamten zu entsprechender Sensibilität ermahnt. Die Szene ist vor allem deshalb wunderbar ausgedacht und inszeniert, weil Leitmayr auf geschickte Weise nahe legt, er habe selbst einen jüdischen Anteil. Aber auch die Macher waren äußerst umsichtig. Der einzige Scherz mit religiösen Motiven ist Leitmayrs Dankbarkeit für die jüdische „Weglaufsperre“, weil ein Verdächtiger seine Flucht nach einigen hundert Metern aus freien Stücken beendet: Es ist Sabbat, er hat sein Bewegungspotenzial ausgeschöpft.

    In seiner „Gebrauchsanweisung“ zum Film plädiert Wolf für Normalität zwischen Juden und Nichtjuden. „Wir wollen nicht millionenfach ermordet, aber auch nicht wie rohe Eier behandelt werden“: weil auch gutgemeinte „political correctness“ zu einer Ausgrenzung führe. Dabei belegt das Drehbuch, wie übertriebene Religiosität das Individuum daran hindert, das von Wolf geforderte normale Leben zu führen. Geradezu staunend führt Regisseur Torsten C. Fischer die Kommissare und damit auch die Zuschauer durch eine völlig fremde Welt, die mitten unter uns existiert.

    Kein Wunder, dass der Krimi auf der Strecke bleibt, schließlich muss ständig über Riten und Gebräuche informiert werden. Die interessanteste Figur des Films ist in dieser Hinsicht der ebenso würdevolle wie wortgewandte Rabbi Grünberg (André Jung), der beiläufig anhand eines rhetorischen Paradoxons die Nicht-Existenz Gottes beweist. Die theologischen Diskurse, die er mit den Kriminalisten führt, sind überaus interessant; wenn auch nicht unbedingt das, was man im Sonntagskrimi erwartet, zumal der Film ohnehin recht dialogbeladen ist.

    Immerhin spielt Grünberg auch für den Fall eine entscheidende Rolle. Das Mordopfer, Rafael Berger (Oliver Nägele), war Vater einer jungen Frau, die sich kürzlich vom Dach ihres Hauses gestürzt hat. Weil Grünberg sich ihrer angenommen hatte und sie schwanger war, hat Berger ihn wohl für den Erzeuger gehalten. Ungleich verdächtiger macht sich allerdings der orthodoxe Jude Fränkel (Alexander Beyer), der vor lauter Religionsausübung keine Zeit zum Arbeiten hat. Bei Bergers Tochter brauchte er mit seiner Familie keine Miete zahlen, aber ihr Vater sieht das anders.

    Eher bemüht wirkt eine parallel erzählte Ebene, auf der sich Batic wenig überzeugend wie ein trotziges Kind benimmt, weil offenbar nicht er, sondern Leitmayr gute Aussichten hat, zum Polizisten des Jahres gewählt zu werden. Ohne Frage ein ungewöhnlicher „Tatort“ mit berührender Geschichte, aber auch ein Film mit viel Botschaft, die darin gipfelt, dass Leitmayr am Ende umsetzt, was er schon zeitlebens vorhatte: endlich das Konzentrationslager in Dachau besichtigen. tpg.

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