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Fakten und Hintergründe zum Film "Tanztr?ume"

Fakten und Hintergründe zum Film "Tanztr?ume"
Poster

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Über den Film

Der Film beobachtet die Proben mit den Jugendlichen und begleitet sie bis zur Premiere im November 2008. Im Vordergrund steht das Hineinwachsen in einen künstlerischen Prozess, der sich wesentlich mit der eigenen Identität und dem Lebensgefühl von Jugendlichen in unserer Zeit auseinandersetzt.

Eine weitere Ebene ist die Reflektion der Probenarbeit durch Pina Bausch und die, den Probenprozess leitenden, Tänzerinnen Jo Ann Endicott und Benedicte Billiet. Anhand der Herausforderungen, die das Stück selbst bietet, erleben wir, wie sich das Selbstverständnis der Jugendlichen im Laufe des Prozesses entwickelt und sich schließlich in der Aufführung abbildet.

Der Film zeigt, wie Jugendliche mit Kunst - in diesem Falle: mit Bewegung und Tanz - umgehen, wie er ein Teil ihres Lebens wird.

„Kontakthof ist ein Ort, an dem man sich trifft, um Kontakt zu suchen. Sich zeigen, sich verwehren. Mit Ängsten. Mit Sehnsüchten. Enttäuschungen. Verzweiflungen. Erste Erfahrungen. Erste Versuche. Zärtlichkeiten und was daraus entstehen kann, war ein wichtiges Arbeitsthema. Damals, 1978. Ein anderes, zum Beispiel, war Zirkus. Etwas von sich selber zeigen, sich überwinden.“

Dieses Zitat ist von Pina Bausch. Sie hat es aufgeschrieben, als wir wissen wollten, was Kontakthof heute für sie bedeutet. Und sie sagte noch: Kontakthof heute ist derselbe, wie vor 30 Jahren.

Kommentar der Regisseurin Anne Linsel

„Kontakthof“, das Stück von Pina Bausch aus dem Jahr 1978, war immer eines meiner Lieblingsstücke, das ich mehr als ein Dutzend Mal gesehen habe. Als ich Mitte 2007 hörte, dass Pina Bausch diesen „Kontakthof“ mit Jugendlichen ab 14 Jahren einstudieren wollte, war ich sofort elektrisiert. Das ist Stoff für einen Film! Pina Bausch hatte das Stück im Februar 2000 als Experiment mit Laien, „mit Damen und Herren ab 65“ auf die Bühne gebracht: ein großer weltweiter Erfolg – bis heute. Und nun wollte sie den Versuch unternehmen, jugendliche Laien an „Kontakthof“ heranzuführen, ein Stück, in dem es um erste Berührungen, Suche nach Zärtlichkeit, Zweifel, Verletzungen, Einsamkeit, um das Verhältnis von Mann und Frau geht, wie sollte das mit pubertierenden Jugendlichen gehen?

Ich habe Pina Bausch mit Beginn ihrer Arbeit 1973 in Wuppertal kennen gelernt. Ich habe sie und ihr Tanztheater all die Jahre begleitet. Da ist Vertrauen gewachsen: Pina Bausch gab die Einwilligung zum Film. Wir wussten beide, dass die Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 17 Jahren besonders geschützt werden müssen. So ließ sie während der Probenmonate kein anderes Filmteam, keine Pressefotos oder Artikel zu. Kein öffentlicher Rummel sollte diese Arbeit stören. Die Dreharbeiten gehören zu den schönsten, die ich erlebt habe. Die Begeisterung und Intensität , mit der die Jugendlichen ohne Vorkenntnisse über ein Jahr lang sich das Stück angeeignet haben, war überwältigend. Gleich zu Beginn erzählte ein Junge: „Ich ging dahin (zu der ersten Probe) da fand ich das so super. Irgendwas ist da, wo Du denkst, da kannst Du nicht weggehen, da musstDu bleiben.“

Es gab viele bewegende Momente in der anfänglichen Scheu vor Berührungen. Doch nach und nach wuchs der Mut, Gefühle zuzulassen und zu zeigen. Da ist z.B. die Szene „Männer an Mädchen“ (Arbeitstitel): ein – in der Rolle – trauriges Mädchen soll getröstet werden. Zuerst von einem Jungen, der sie vorsichtig streichelt, ein anderer, der sie kurz berührt, bis dann jeder der 13 Jungen sie anfasst, überall, immer heftiger – aus Zartheit wird wilde Aggression. Da taten sich die Jungen schwer, zwischen Rolle und Realität zu unterscheiden, jeder „entschuldigte“ sich auf rührende Weise bei Kim, dem „traurigen“ Mädchen, „wir meinen das nicht so, wir wollen Dir nicht weh tun“ etc. Oder der langsame Prozess von Scham zu „Professionalität“, als es für ein Mädchen und einen Jungen darum ging, sich für eine keusche Liebesszene in großer Bühnendistanz bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Nicht nur in solchen Momenten zeigten die beiden Tänzerinnen und Probenleiterinnen, Jo Ann Endicott und Bénédicte Billiet, ihr großes pädagogisches Geschick und Einfühlungsvermögen.

Pina Bausch kam zunächst in Abständen und am Ende zu allen Proben. Am Tag der Premiere gab es mittags die letzte Besprechung mit ihr auf der Bühne. Pina Bausch bat mich und meinen Kameramann Rainer Hoffmann, nicht zu drehen. Im ersten Moment waren wir betroffen – aber dann verstanden wir sie. Sie hatte Recht. Diese Minuten gehörten ihr und den Jugendlichen allein. Sie dankte ihnen dafür, dass sie ihr Stück weiter in die Welt tragen. Sie hatte Tränen in den Augen. „Kontakthof“ 1978 mit dem Tanztheater Wuppertal, im Jahr 2000 mit „Damen und Herren ab 65“ , 2008 „mit Teenagern ab 14“ – ein Vermächtnis.