Fakten und Hintergründe zum Film "Taking Woodstock"

Kino.de Redaktion |

Taking Woodstock Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über die Produktion

Wer sich an Woodstock erinnert, heißt es, ist nicht dabei gewesen.

Nicht, dass damals alle Festivalbesucher unter Drogeneinfluss gestanden hätten, aber Woodstock hat als Synonym für ‚Love, Peace and Happiness’ vor allem die nachfolgenden Generationen geprägt. Und die Bilder dazu lieferte der 1971 mit dem Oscar prämierte Dokumentarfilm WOODSTOCK - 3 DAYS OF PEACE & MUSIC von Michael Wadleigh, bis heute einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme überhaupt. Der dreistündige Film dokumentiert Hippiebewegung und Musikgeschichte und besonders Jimi Hendrix’ verzerrt intonierte Gitarrenversion der US-Nationalhymne brannte sich in das Gedächtnis der Popkultur ein.

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Die Musik und ihre Künstler treten in Ang Lees TAKING WOODSTOCK aber ganz bewusst in den Hintergrund: „Es war nie geplant, eine Schauspielerin als Janis Joplin zu besetzen, die dann beim Gesang ihre Lippen synchron zum Originalsong bewegt“, erklärt Produzent James Schamus. Der Spielfilm erzählt vielmehr davon, wie alles begann. „Uns interessiert nur ein kleiner Ausschnitt der ganzen Geschichte“, so Schamus, der auch das Skript nach dem Buch „Taking Woodstock: A True Story Of A Riot, A Concert And A Life“ von Elliot Tiber und Tom Monte verfasst hat. „Wir erzählen von den unerwarteten Freuden in einem kleinen abgelegenen Ort und weshalb der Zufall geholfen hat, dass dieses unglaubliche Ereignis überhaupt stattfinden konnte.“

Einem Zufall ist es auch zu verdanken, dass Lee zum diesem Projekt gekommen ist. Im Oktober 2007 war er in San Francisco zu Gast bei einer Talkshow, um über seinen letzten Film GEFAHR UND BEGIERDE zu sprechen. Auch Elliot Tiber war in der Show und in einer Pause kamen die beiden ins Gespräch. „Einen Monat später las ich sein Buch und wusste: Das ist ein Filmstoff!“, erzählt Lee. Und Tiber schwärmt: „Lees Zusage war für mich der ultimative Trip.“ Lee sah in der Verfilmung von TAKING WOODSTOCK die Chance, an sein Drama DER EISSTURM anzuknüpfen, das von der Krise der bürgerlichen Gesellschaft im Jahre 1973 erzählt. „Der Film greift die Katerstimmung nach 1969 auf“, erläutert Lee, „während TAKING WOODSTOCK die wunderbare Nacht davor ist und die letzten Momente der Unschuld zeigt.“

Schamus war begeistert von der Idee, der heutigen Generation das Gefühl von Woodstock nahe zu bringen, und holte Celia D. Costas als Ausführende Produzentin dazu. Die zweifache Emmy-Gewinnerin („Warm Springs“, „Engel in Amerika“) fühlt sich dem Film besonders verbunden, da sie als Kind dieser Generation hautnah dabei war: „Wir befanden uns mitten im Vietnamkrieg, und trotzdem war es eine enorm positive Phase, in der wir spürten, dass wir gemeinsam etwas erreichen konnten. Das hat man so nicht mehr erlebt, und vielleicht ist es jetzt an der Zeit zu versuchen, das zu wiederholen.“ Schamus ergänzt: „Damals hat man darauf gehofft, Berge versetzen zu können. So stecken hinter der Komik im Film auch tiefe Gefühle und Gedanken darüber, was es bedeutet, sich selbst zu ändern.“

Produktion: Die Darsteller und Charakteren

Die chaotischen Ereignisse rund um das dreitägige Rockfestival werden für Elliot und seine störrischen, einst aus Russland geflüchteten jüdischen Eltern Sonia und Jake Teichberg bald zur emotionalen Offenbarung. „Inmitten dieses großartigen kulturellen Moments wird Elliot erstmals als der akzeptiert, der er ist“, sagt Schamus. „Seine homosexuelle Identität ist Teil der Story, sie definiert ihn als eigenständigen Mann – nicht nur als Sohn. Woodstock befreit und verändert alle drei, aber Elliots Leben wird am positivsten beeinflusst.“

Elliot wird gespielt von dem Komiker Demetri Martin, über den Costas schwärmt: „Er ist als Elliot so perfekt, wie es Dustin Hoffman für DIE REIFEPRÜFUNG war.“ Nach Nebenrollen im Kino und Fernsehen feiert der New Yorker gerade große Erfolge mit der ersten eigenen TV-Reihe „Important Things with Demetri Martin“, die in Amerika auf Comedy Central läuft. Es war allerdings die Teenager-Tochter von Schamus, die ihn auf dessen Talent hinwies, in dem sie ihm einen von Martins Sketchen auf YouTube zeigte. Was er sah, beschreibt Schamus als Mischung aus „unbändiger Intelligenz, einem aggressionslosen Stil und einer Verletzlichkeit, die für einen Stand-up-Comedian ungewöhnlich ist“. Nach Martins Vorsprechen und einigen Probeaufnahmen stand für Schamus und Lee fest, dass sie ihren Hauptdarsteller gefunden hatten. „Ich habe noch nie mit einem Komiker gearbeitet“, sagt Lee. „Aber alle werden ihn lieben in dieser Rolle. Er ist sehr nah am Charakter und auch wirklich komisch.“ Für Martin war die Arbeit mit Lee eine spannende Gelegenheit, einiges über die Schauspielerei zu lernen: „Bei meinem Stand-up-Programm versuche ich möglichst, ich selbst zu bleiben. Hier aber musste ich jemanden anderes verkörpern, die Worte und Story eines anderen Autors interpretieren.“ Zur Vorbereitung traf er sich mit dem echten Elliot, „um die Figur besser kennen zu lernen und Hintergründe zu erfahren. Er scheint von Schuldgefühlen und Pflichtbewusstsein seiner Eltern gegenüber getrieben, hat aber auch das unbändige Verlangen sich aus dieser Verbindung zu lösen.“

Für die Rollen der Eltern konnten die Filmemacher mit Imelda Staunton und Henry Goodman zwei renommierte britische Schauspieler gewinnen, die in London schon gemeinsam für das Musical „Guys and Dolls“ auf der Bühne gestanden haben. „Sie führen eine völlig freudlose Ehe“, sagt Martin, doch Goodman weiß auch: „Jede Person im Film wird auf ihre Weise einen Schritt zum besseren machen.“ Für Costas ist der langjährige Theaterdarsteller „wunderbar als Jake, wie er ihn, der erst so unglücklich ist, immer lebendiger werden und aufblühen lässt.“ Am Schluss, fügt Schamus hinzu, „gelingt ihm und seinem Sohn eine wahrhaftige Beziehung – und das nicht mal auf Kosten der Mutter.“ Deren mürrische, alles missbilligende Art sorgt für einige der komischsten Momente im Film. Aber Staunton spielt sie nicht als Karikatur: „Ich habe lange mit Ang diskutiert, wie ich Sonia spielen kann, ohne auf Lacher aus zu sein. Wie sie in Russland aufgewachsen ist, das hat sie geprägt und nie vergessen. Sie kommt von einem sehr finsteren Ort – aber von dort kommt natürlich auch die beste Komik.“ Hilfe brauchte sie allerdings von Kostümdesigner Josph G. Aulisi, um ihrer Figur äußerlich gerecht zu werden. Sonia war eine eher rundliche Frau, „und dafür bewegte ich mich viel zu schnell“, erzählt Staunton. So kreierte Aulisi ihr ein Körperpolster, das mit Vogelfutter ausgestopft war und über welches sie typische Haushaltsschürzen der 60er Jahre trug.

Eine Legende unter den Komikern ist mittlerweile Eugene Levy, den die meisten Zuschauer als den Vater aus AMERICAN PIE kennen werden. Hier spielt er den Milchfarmer Max Yasgur, der sein Grundstück für das Festival verpachtet hat. „Ich bin ein Fan von Eugene seit meiner Kindheit“, jubelt Martin. „Und in den Szenen mit ihm fühlte ich mich so glücklich, als säße ich in der ersten Reihe.“ Der Part des Max ist anders, anspruchsvoller und feinfühliger, als man es von Levys früheren Rollen gewohnt ist. „Ang wollte, dass ich so ähnlich wie möglich nach Max klinge und aussehe“, erzählt Levy, der alles studierte, was er über ihn bekommen konnte. „Ang beschrieb ihn mir als altmodischen Republikaner, so einer wie Abe Lincoln, als dessen Partei noch die Freiheit respektiert hatte. Woodstock war für Max in erster Linie ein Geschäft, aber ihm gefiel schließlich immer mehr, was daraus entstand. Er war im Jahr zuvor schwer krank gewesen und danach zu dem Schluss gekommen, dass es nichts Schlimmeres geben kann. Und so stand er unter den skeptischen Bewohnern und sagte: ,Es ist nichts falsch an diesen Kindern.‘“ Sein Gegenspieler damals war ein Typ namens Dan, über den Darsteller Jeffrey Dean Morgan sagt, er sei ein „Wortführer, der nur scheinbar glücklich verheiratet ist und wie viele der Bewohner nichts davon hält, dass Tausende Hippies über ihre kleine Stadt herfallen.“ Max trieb zwar den Preis hoch, als er hörte, wie viele Menschen tatsächlich zum Festival kommen sollten, aber er sicherte den Veranstaltern auch volle Unterstützung zu. „Er war ein Mann, der sein Wort hielt – und ein gerissener Geschäftsmann“, erläutert Levy. „Und auch Elliot und seine Eltern haben in kürzester Zeit viel Geld gemacht.“

Von einem satten Gewinn träumten auch die Organisatoren um den jungen Musikproduzenten Michael Lang – bis der unerwartete Massenansturm alle Planungen über den Haufen warf, das Festival in einem Gratis-Happening mündete und als finanzielles Desaster endete. „Es gab Regen und Hitze, Verkehrschaos und Hunger – alles außer einer Heuschreckenplage traf ein“, staunt Costas. „Und trotzdem wurde an einem einzigen Wochenende ein wunderschönes Vermächtnis geschaffen.“ Lang erschien schon in Wadleighs Dokumentation als denkwürdige Figur, und nicht anders beschreibt Tiber seine Begegnungen mit ihm. Schamus sieht in ihm jemanden, „der manchmal zuerst Geschäftsmann sein musste, aber nie zynisch schien. Es muss unglaublich anstrengend für ihn gewesen sein, die Aura des schönen Hippies aufrecht zu halten.“ Jonathan Groff, der in dieser Rolle sein Kinodebüt gibt, verkörpert Lang mit lederner Fransenweste und langen braunen Locken. Er will aber auch den Menschen zeigen, „der für die magische Qualität von Woodstock steht, während er mit Schrauben und Bolzen ein Konzert zimmern, Personal organisieren, sich um einfach alles kümmern musste“. Lang persönlich besuchte die Dreharbeiten, besprach sich mit den Filmleuten und Groff. „Ich habe seine Ausstrahlung gespürt“, erzählt der Schauspieler, der sich auch immer und immer wieder die Szenen in der Doku ansah. „Gleichzeitig habe ich mich von den Eindrücken auch zu befreien versucht, um meine eigene Version von ihm zu erschaffen.“ Kein Wunder also, dass Schamus ihn lobt, er mache „all diese Nuancen in Langs Charakter präzise sichtbar.“

Weitere Facetten der Woodstock-Ära zeigen sich in Billy, einem von Emile Hirsch gespielten Vietnamveteranen, der seit dem Einsatz unter posttraumatischem Stress leidet; sowie in dem Ex-Marine und Transvestiten Vilma, der sich bei den Vorbereitungen auf das Festival im El Monaco Motel um die Sicherheit kümmert. Dessen Auftauchen lässt Elliot erkennen, dass er endgültig sein Leben als schwuler Mann verwirklichen muss. „Vilma hat seinen Frieden gefunden“, erklärt Lee, „auch wenn er dafür kämpfen musste. Und somit ist er für Elliot ein Vorbild. Wir Menschen sind alle sehr kompliziert. Können Kriegserfahrung, Cross-Dressing und Güte in einer Person existieren? Natürlich, und es ist nicht Vilmas Problem. Wenn es ein Problem damit gibt, liegt es bei dir. Insofern war es für Liev Schreiber ein schauspielerischer Härtetest.“ Schreiber hat sich ausführlich informiert über die Transgender-Bewegung, „die 1969 sehr aktiv war. Vilma verkörpert viele Widersprüche, nicht nur in der Sexualität, auch im Charakter. Das war für mich der interessanteste Aspekt an der Rolle. Sie hat nie aufgehört, maskulin zu sein, und hat sich nie ganz ihrer femininen Seite hingegeben. Sie ist einfach so, schert sich nicht um die Meinung anderer, bleibt dabei großzügig und hilfsbereit.“ Schreiber hatte nie Bedenken, einen Mann in Frauenkleidern zu spielen. Jetzt aber, scherzt er, „mache ich mir Sorgen, ob ich in dem Kleid auch gut aussehe“. Darum kümmerte sich wieder Aulisi: „Stirnbänder halfen, Liev trotz seiner Größe und Muskeln eine weibliche Aura zu geben. Mit Ang bin ich Bildbänder durchgegangen über Männer, die sich in den späten 50er Jahren wie Frauen gekleidet hatten. In Zusammenarbeit mit Liev haben wir Vilmas Garderobe dann so aktualisiert, dass sie in die Sixties passte, und zudem etwas bequemer gemacht – das soll das Freiheitsgefühl reflektieren, das damals aufkam.“

Produktion: Die Kostüme

„Das Jahr 1969 revolutionierte auch die Mode“, erklärt Aulisi, „aber es dauerte, bis sich das Stadtbild dem Trend anpasste. Die Masse der Menschen sahen immer noch aus, wie aus einem Montgomery-Ward-Katalog der frühen 60er Jahre. Aus mehr als 50 Quellen besorgten wir so viele Originale, wie wir kriegen konnten.“ Dabei beeindruckte ihn auch Lees Genauigkeit. „Ich habe nie zuvor mit einem Regisseur gearbeitet, der so ausführlich und gut seine Hausaufgaben gemacht hat. Ang hat eine exakte Vision von dem, was er ausdrücken will. Er erinnert sich an jedes Foto, das man ihm gezeigt hat. Er kennt das Material so gut und setzt sich so intensiv damit auseinander, dass es für uns fast unmöglich wurde, an seinen Vorstellungen nicht ebenso hart zu arbeiten.“

Neben der Kleidung waren aber auch Sprache und Verhalten wichtig. Damit die Schauspieler die damalige Lebensweise authentisch wiedergeben konnten, wurde mit David Silver ein Historiker engagiert. Aus Artikeln, Aufzeichnungen, Zeittafeln und einem Lexikon mit „Hippie-Kauderwelsch“ stellte dieser eine umfassende Anleitung zusammen, die am Set als das „Hippie-Handbuch“ bezeichnet wurde. „Die ersten Hippies waren im 19. Jahrhundert deutsche Einwanderer, die sich im Norden von Kalifornien niederließen und in Kommunen einen landwirtschaftlichen Lebensstil pflegten“, sagt Silver. „Erst einige Dekaden später entstand aus ,hipster‘ und ,hip‘ der Begriff ,Hippie‘, was aus der Idee resultiert, dass diese Leute alle als cool galten. Das Wort vermittelt ein leichtes Gefühl und bedeutete nicht gleich, dass jemand radikal oder ein Aktivist war. Sie interessierten sich mehr für kleinere, interaktive Veränderungen zwischen und mit den Menschen.“

Bei den Recherchen erkannte Schamus allerdings, dass unser Bild von Woodstock in den 40 Jahren von einer etwas einseitigen Wahrnehmung bestimmt wurde. „Nicht alle Besucher von Woodstock waren Joints qualmende Hippies mit langen Haaren und Koteletten. Auch wenn dieser Eindruck letztlich am häufigsten reproduziert worden ist, unterschieden sich viele der jungen Leute damals kaum mehr als heute. Darum zeigen wir neben den Klischees, die jeder erwartet, auch die Wirklichkeit.“ Wie die Nachforschungen des Filmteams ergeben haben, trafen die Hippies, die wie Nomaden von Event zu Event pilgerten, zuerst auf dem Festival ein. Danach folgten die College-Kids, von denen einige ihre Haare auch länger trugen, bis schließlich der Großteil der Besucher kam: High School Schüler und „Normalos“ mit Kurzhaarschnitten und unauffälliger, angepasster Kleidung.

Trotzdem gestaltete sich das Casting des Publikums zuweilen schwierig. Es galt Statisten zu finden, die ihre Körper noch nicht komplett enthaart und im Fitnesscenter gestählt haben – denn das war damals kaum üblich. Doch Sophia M. Costas, die als Leiterin für die Auswahl zuständig war, hatte Glück: „Wir stießen auf etliche Leute, die noch heute in Kommunen nach jenen Regeln leben wie die jungen Leute in Woodstock. Und einige von ihnen sahen so authentisch aus, weil sie nach diesen Grundsätzen wirklich leben. Sie konnten sich ganz natürlich vor der Kamera bewegen. Darüber hinaus war es Ang zudem wichtig, das Festival als Treffpunkt für alle Menschen und Lebensphilosophien zu zeigen, die diese drei Tage in Frieden miteinander verbrachten. Deshalb sieht man im Film jeden vom Hare-Krishna-Jünger bis hin zum Hasidic-Juden.“ Und tatsächlich, erwähnt Schamus, „wurde in Woodstock nicht ein Fall von Gewalt gemeldet. Es haben alle einfach nur ausgelassen gefeiert.“

Produktion: Die Dreharbeiten

Gedreht wurde in den Counties Columbia und Rensselaer, im US-Bundesstaat New York. Sie liegen fast parallel zum Ulster County, zu dem Woodstock gehört. „Woodstock fand aber nicht, wie viele annehmen, in Woodstock statt“, so Lee. Lang hatte in Woodstock sein Aufnahmestudio, und für das ursprünglich im 50 Kilometer entfernten Wallkill geplante aber nicht genehmigte Konzert gründete er mit seinen Investoren die Firma Woodstock Ventures. „Und so kam es, dass das Festival als ‚Woodstock’ und nicht etwa als ,Bethel‘ oder ,White Lake‘, dem tatsächlichen Austragungsort des Konzerts, in die Musikgeschichte einging“, erklärt Lee. Verschiedene Szenen des Festivals wurden im Cherry Plain State Park und auf einem Gelände in Schodack inszeniert. Um das mehrere hundert Statisten umfassende Publikum im Griff zu haben, teilte Lee es in sieben „Stämme“. Dadurch, erklärt Script Supervisor Mary Cybulski, „wussten wir immer, wer was, wann und wo zu tun hatte“. Denn Lee achtete auch bei den Massenszenen auf jede Einzelheit. „Angs wachem Blick entgeht nichts“, ergänzt der zweite Regieassistent Tudor Jones. „Auch jemand, der 300 Meter von der Kamera entfernt stand, musste in der richtigen Haltung stehen, mit der richtigen Einstellung und dem richtigen Blick – Ang reagiert sehr empfindlich, wenn sich jemand emotional nicht total in die Szene einbringt.“ Als Lee in der Nähe keine passende Scheune fand, in der ein Auftritt der avantgardistischen Theatergruppe Earth Light Players spielen sollte, ließ er sogar eine aus New Hampshire komplett abmontieren und am Drehort aufbauen. Nach dem Dreh wurde das Gebäude dann wieder zurück transportiert.

Der größte logistische Aufwand wurde jedoch für die sogenannte S-Straßenszene betrieben. Darin fährt Elliot auf dem Rücksitz eines Polizeimotorrades vom El Monaco zum Festival. Die Maschine schlängelt sich durch eine gigantische Reihe aus stockenden Autos und noch mehr Fußgängern – eine Serpentine, die so weit reicht, wie das Auge sehen kann. Mit mehr als 100 Fahrzeugen wurde die Aufnahme an einem Tag abgeschlossen. „Es war definitiv die schwierigste Szene, aber es gab nicht ein Problem“, erzählt der erste Regieassistent Michael Hausman. Einige Bewohner von New Lebanon hatten sogar ihre Oldtimer wie den VW-Käfer oder mit Holz verkleidete Kombis zur Verfügung gestellt – und das dabei der eine oder andere Wagen auf der Strecke blieb, passte durchaus zur Szene. „Wir haben genau die Bilder bekommen, die wir wollten“, sagt Hausmann.

Weil das echte El Monaco Motel nicht mehr existiert, wurde dafür das geschlossene, aber noch gut erhaltene Valley Rest in New Lebanon benutzt. „Wie viele Motels in dieser Gegend war alles weiß gestrichen“, erwähnt Produktionsdesigner David Gropman. „Wir haben bloß etwas bunte Farbe hinzugefügt und uns an Fotos von Elliot Tiber orientiert.“ Schamus ist begeistert vom Ergebnis: „Gropman und sein Team haben Elliots Familiengeschichte exzellent studiert. Wenn man das Haus betritt, spürt man ganz genau, wie sie damals gewesen ist.“

Für die Koordination hatten Lee und sein Stab eine Kommandozentrale mit einer zehn Meter breiten Wand eingerichtet. Darauf kennzeichneten Post-It-Zettel in jeder erdenklichen Farbe den Drehplan und die Handlungsabläufe, wurde der emotionale und körperliche Zustand der Charaktere notiert sowie Anmerkungen zur Kontinuität. An der Tafel hingen auch die „Vignetten“, wie Lee und Silver es nannten: Informationen aus Tibers Buch, Wedleighs Dokumentation, anderen Filmen oder Fotos sowie vieles, was bei der Recherche zusammengetragen worden ist. „Wir haben wirklich alles recherchiert“, berichtet Celia Costas. „Was die Leute damals gehört und gelesen, welche Kunst sie betrachtet und was für Reklame sie im Fernsehen geschaut haben. Es war eine regelrecht multimediale Analyse. Denn es gab viel Wissenswertes über das Festival, dessen wir uns nicht bewusst waren.“

Eine andere Vignette erinnert an eine Szene in WOODSTOCK, in der ein Mann einer Frau ein Gänseblümchen auf das Gesicht malt. Kameramann Eric Gautier sollte diesen Moment noch einmal einfangen, weil dieser für Lee plastisch die Essenz jener Zeit und das Ethos von Woodstock widerspiegelt. Auch einige Darsteller mussten sich zusätzlich inspirieren lassen. Lee gab Groff zehn CDs mit den wichtigsten Songs und gut 20 DVDs mit Filmen aus oder über jene Periode, während Hirsch an die 30 DVDs erhielt mit Meisterwerken wie APOCALYPSE NOW, DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN oder PLATOON. „Sogar Richard Fleischers DIE PHANTASTISCHE REISE von 1966 schickte er mir, das hat mich echt überrascht“, erzählt Hirsch, der sich auch mit einem Irak-Veteran über dessen Kriegserlebnisse und die Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) austauschte.

„Die Arbeit an TAKING WOODSTOCK hat meine Leidenschaft für die Sixties geweckt“, bekennt Lee. „Und mit diesem tollen Team haben wir noch mal die Energie und den Geist von Woodstock verspürt. Es sprudelte nur so aus uns heraus!“

Hintergrund: The Road to Woodstock

1935 Eliyahu Teichberg, der seinen Namen später in Elliot Tiber ändert, wird in Brooklyn, New York als Sohn jüdischer Immigranten geboren.

1955 Jacob (Jake) und Sonia Teichberg, die Eltern von Elliot Tiber, kaufen das El Monaco Motel in White Lake, New York, und betreiben es zusammen mit ihrem Sohn.

Dezember 1960 Die „Pille“ kommt auf den Markt und revolutioniert als effektive Geburtenkontrolle das Sexleben.

1963 Betty Friedan veröffentlicht „Der Weiblichkeitswahn“ und begründet damit den modernen Feminismus.

28. August 1963 Während des Bürgerrechts-Marsches auf Washington hält Dr. Martin Luther King, Jr. vor 250.000 Menschen seine legendäre Rede „I Have A Dream“.

22. November 1963 US-Präsident John F. Kennedy wird in Dallas erschossen und Lyndon B. Johnson als sein Nachfolger vereidigt.

9. und 16. Februar 1964 Die Beatles spielen bei ihrem ersten Auftritt in Amerika fünf Songs in der Ed Sullivan Show.

2. Juli 1964 Das Bürgerrechtsgesetz zur Aufhebung der Rassentrennung wird verabschiedet.

2. August 1964 Im Golf von Tonkin kommt es zu kurzen Kampfhandlungen zwischen einem US-Zerstörer und Schnellbooten der Vietcong. Der Zwischenfall führt zur Verabschiedung der Tonkin-Resolution, durch die US-Truppen ohne Kriegserklärung nach Vietnam geschickt werden können.

21. Februar 1965 Malcolm X, Führer der Nation of Islam, stirbt bei einem Attentat

21. März 1965 Das erste Teach-In gegen den Vietnamkrieg wird abgehalten.

14. Januar 1967 30.000 Menschen kommen zum „Human Be-In“-Happening in den Golden Gate Park von San Francisco, wo Timothy Leary sein berühmtes Motto „Turn on, tune in, drop out“ spricht.

16. - 18. Juni 1967 Beim Monterey International Pop Festival in Kalifornien treten vor rund 200.000 Menschen viele Musiker auf, die zwei Jahre später auch in Woodstock spielen werden.

Sommer 1967 Mit dem Summer of Love in San Francisco erreicht die Hippie-Bewegung ihren Höhepunkt: Tausende Schüler und Studenten aus ganz Amerika strömen über Wochen vor allem in den Stadtteil Haight-Ashbury.

16. März 1968 Das Massaker von My Lai in Vietnam schockiert die Welt.

4. April 1968 Dr. Martin Luther King, Jr. erliegt einem tödlichen Anschlag.

6. Juni 1968 Robert F. Kennedy wird von einem Attentäter erschossen.

20. Januar 1969 Amtseinführung von Richard M. Nixon als 37. Präsident der USA.

20. Februar 1969 Nixon genehmigt die Bombardierung von Kambodscha.

11. März 1969 Levi’s startet den Verkauf der „Bell Bottom Blue Jeans“, die nur sehr knapp auf den Hüften sitzt, was auch Flowerpower-Style genannt wird.

19. März 1969 Die sogenannten „Chicago 7“ stehen vor Gericht. Die sieben Demonstranten sind wegen Verschwörung und Aufhetzung angeklagt, weil es im August 1968 auf dem Parteitag der Demokraten in Chicago zu gewalttätigen Protesten gekommen ist.

15. Mai 1969 Studenten der University of California in Berkeley kämpfen für Redefreiheit auf dem Campus und ihren Treffpunkt People’s Park; Gouverneur Ronald Reagan verhängt das Kriegsrecht, die Nationalgarde rückt an. Bei den Protesten wird ein Student erschossen.

23. Mai 1969 The Who veröffentlichen ihr Rock-Oper-Album „Tommy“.

22. Juni 1969 Judy Garland, eine Ikone in der Schwulenszene, stirbt.

27. – 28. Juni 1969 In Greenwich Village auf der Christopher Street brechen die „Stonewall Riots“ aus, als sich im Stonewall Inn homosexuelle Gäste bei einer Razzia gegen die Schikanen der Polizei zur Wehr setzen. Der Aufstand, an dem auch Elliot Tiber beteiligt ist, wird zum Zündfunken der Schwulenbewegung, woran jährlich der Christopher Street Day mit einer Parade erinnert.

14. Juli 1969 Michael Lang, der in Woodstock ein Musikstudio betreibt, und seine Partner Joel Rosenman und John Roberts dürfen ihr geplantes Musikfestival nicht im Ort Wallkill des Bundesstaates New York abhalten, weil die Bewohner dagegen sind.

15. Juli 1969 Elliot Tiber kontaktiert Michael Lang und bietet ihm als Ersatz in White Lake, das zu seinem Heimatort Bethel gehört, das Gelände des Farmers Max Yasgur an.

18. Juli 1969 Bei einem Unfall stürzt Senator Ted Kennedys Auto von der Chappaquiddick Bridge, seine Mitfahrerin Mary Jo Kopechne kommt dabei ums Leben.

18. Juli 1969 Die ersten Besucher des Woodstock-Festivals treffen in Bethel ein und zelten am Rande des Geländes.

20. Juli 1969 Der Amerikaner Neil Armstrong betritt als erster Mensch den Mond.

9. August 1969 Mitglieder von Charles Mansons Sekte ermorden in Kalifornien die schwangere Schauspielerin Sharon Tate und vier ihrer Freunde.

15. August 1969 Das „Woodstock Music & Arts Fair presents An Aquarian Exposition in White Lake, N.Y.; 3 Days of Peace & Music“ beginnt vor ca. 500.000 Menschen. Fast doppelt so viele haben sich auf den Weg gemacht, erreichen aber das ohnehin überfüllte Festivalgelände nicht, weil alle Zufahrtsstraßen verstopft sind. Kurz nach 17:00 Uhr eröffnet der Folkmusiker Richie Havens das Festival, weil die Band Sweetwater wegen der Staus erst Stunden später mit dem Hubschrauber eintrifft. Höhepunkt des Abends ist Joan Baez, die ihren Auftritt mit „We Shall Overcome“ beendet. Danach beginnt es heftig zu regnen. Die Lebensmittel für die unerwartete Publikumsmasse werden knapp.

16. August 1969 Der zweite Festivaltag beginnt gegen Mittag und dauert bis in die frühen Morgenstunden, weil das Konzert wegen Regens immer wieder unterbrochen werden muss. Nacheinander treten Canned Heat, die Incredible String Band, Grateful Dead, Creedence Clearwater Revival, Sly & The Family Stone, Janis Joplin und The Who auf. Als Jefferson Airplane den letzten Song spielen, geht bereits die Sonne auf. Eine in der nähe von Bethel angesiedelte Hippie-Kommune namens Hog Farm versorgt die Menschen gratis mit Essen. Die 600 mobilen Toiletten reichen nicht aus, die Notdurft wird überall am Rande der Wiese verrichtet. An einigen Stellen werden Warnschilder zum Schutz des Trinkwassers aufgestellt.

17. August 1969 Den letzten Festivaltag eröffnet Joe Cocker, danach folgen u.a. Ten Years After, The Band, Crosby, Stills & Nash und zuletzt Jimi Hendrix, der mit einer Version des „Star-Spangeld Banner“ auf der E-Gitarre Musikgeschichte schreibt. Als er die Zugabe „Hey Joe“ spielt, ist es bereits neun Uhr morgens. Die angekündigten Künstler Joni Mitchell, Jeff Beck Group, Iron Butterfly und The Moody Blues treten nicht auf.

26. September 1969 Die Beatles bringen mit „Abbey Road“ ihr letztes Album heraus.

15. November 1969 250.000 Menschen demonstrieren in Washington, D.C. friedlich gegen den Vietnamkrieg.

6. Dezember 1969 Beim Gratis-Konzert der Rolling Stones auf dem Altamont Speedway in Kalifornien sterben vier Menschen. Ein Opfer wird erstochen von einem Mitglied der Hell’s Angels, die als Sicherheitskräfte angeheuert worden sind.

März 1970 Michael Wadleighs dreistündiger Dokumentarfilm WOODSTOCK kommt in die US-Kinos, parallel erscheint der Soundtrack.

10. April 1971 WOODSTOCK gewinnt als bester Dokumentarfilm den Oscar, ist zudem für Schnitt und Ton nominiert.

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