Summertime Blues Poster

Fakten und Hintergründe zum Film "Summertime Blues"

Kino.de Redaktion  

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Produktionsnotizen

Am Anfang stand ein Fragezeichen: Wie findet eine junge, preisgekrönte Regisseurin die passende Geschichte für ihr Spielfilmdebüt? Die Münchnerin Marie Reich suchte nach ersten filmischen Erfolgen an der Hochschule für Film und Fernsehen nach einem reizvollen Folgeprojekt. „Mein Kurzfilm ‚Musik nur wenn sie laut ist’ (2005), den ich an der Hochschule gemacht habe, war recht erfolgreich und hat auch ein paar Preise gewonnen“, erläutert sie. „Danach stand die Frage im Raum: Was mache ich jetzt?“ Die Antwort kam in Form eines Romans, der ihr von ihrer Mutter, der Produzentin und Autorin Uschi Reich, ans Herz gelegt wurde. Der Titel: „Summertime Blues“ von Julia Clarke.

Mutter und Tochter waren gleichermaßen begeistert von der Geschichte um den 15jährigen Alex und seine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Familienkrise, Identitätsfindung und großer Liebe. „Das Buch wurde mir vom Verlag zugeschickt und ist in meinem Lektorat sehr gut lektoriert worden“, erinnert sich Uschi Reich. „Dann habe ich es selbst gelesen und es hat mir sehr gefallen – ich mochte die Lakonie, mit der es erzählt ist.“ Sie erkannte prompt das Potenzial des Romans. „Allerdings hat sie niemanden gefunden, mit dem sie es hätte machen wollen“, sagt Marie Reich. „Dann hat sie mir den Roman zum Lesen gegeben. Sie meinte, das passe ganz gut zusammen, weil ich altersmäßig noch relativ nahe an dem Stoff bin und die Geschichte sicher gut umsetzen könne. Ich war mir nicht sicher, ob ich schon in der Lage wäre, einen Langfilm zu inszenieren. Aber nach einigem Zaudern mit mir selbst habe ich mich entschieden, es zu tun.“

Der große Reiz der Vorlage gab für Marie Reich den entscheidenden Anstoß: „Die Verfilmung hat mich aus mehreren Gründen angesprochen“, erläutert sie. „Ich fand die Charaktere aus dem Roman toll, weil sie alle sehr authentisch sind. Man kann sich gleich ein klares Bild von den Figuren machen, egal ob es um die Jugendlichen oder die Erwachsenen geht. Zum anderen bin ich ein großer England-Fan – mir hat die Art gefallen, die schwierige Situation von Alex auch mit einem gewissen Humor zu betrachten, diese typisch englische Art, alles mit einem Augenzwinkern und nicht so ganz ernst zu nehmen. Und natürlich mochte ich es, dass die Geschichte in England spielt und mit England zu tun hat. Darum habe ich auch sehr darum gekämpft, dass der England-Teil im Drehbuch erhalten bleibt und das tut der Geschichte sehr gut.“

„Der Roman hat mich sehr beeindruckt, weil er auf sehr lockere Art mit einem ernsten Problem umgeht“, sagt ihre Mutter über die Buchvorlage: „Einem Jungen bricht die Familie weg, es wird ihm also der Boden unter den Füßen weggezogen – und zwar in einer Zeit, in der er genau diesen Boden braucht, um sich entwickeln zu können. Dieses Thema hat mich sehr gereizt. “

„Normalerweise sind Teenager-Filme aus Deutschland oder den USA Komödien um Sex und das erste Mal“, fährt sie fort. „In Skandinavien allerdings gehen die Teenager-Filme in eine ganz andere Richtung, weil dort auch eine sehr gute Literatur existiert. Auch in England ist das der Fall.“ Langsam entwickelt sich allerdings auch in Deutschland eine Popkultur, die das Gefühlsleben der Jugendlichen breiter gefächert auffangen will: „Isabel Abedi, die Buchautorin meines nächsten Films Hier kommt Lola!, hat jetzt angefangen, auch tolle Geschichten für Jugendliche zu schreiben: ,Whisper‘ und ,Isola‘“, sagt Uschi Reich. „Da arbeitet jemand für eine Altersgruppe, für die es sonst relativ wenig gibt – und nimmt sie dabei auch ernst.“

„Für Jugendliche gab es in den letzten Jahren aus Deutschland relativ wenig Filme“, ergänzt Marie Reich. „Teenager schauen sich in aller Regel Actionfilme oder romantische Komödien aus den USA an. SUMMERTIME BLUES ist auch für die Älteren interessant – auch weil sie selbst oder im Freundeskreis mit einer solchen Scheidungsgeschichte konfrontiert werden.“

Die Produzentin und Autorin Uschi Reich hatte zuletzt mit Die wilden Hühner und das Leben (2008) schon eine Geschichte über die Hürden beim Erwachsenwerden ins Kino gebracht. SUMMERTIME BLUES ist eine konsequente Weiterentwicklung ihrer Arbeit an Filmen für Kinder und Jugendliche: „Der Film unterscheidet sich natürlich insofern von den Wilden Hühnern, als er einen Jungen in den Mittelpunkt stellt. Ich habe die Rechte an diesem Roman schon vor zwei Jahren gekauft und seitdem überlegt, was ich daraus mache. Ich mochte eben diesen ironischen Grundton und dass man durch diese Ironie einen Blick auf das Innenleben dieses 15-jähigen Jungen bekommt.“

Schnell stellte sich heraus, dass dieses Thema auch einen frischen und unverbrauchten Zugang von Regisseurin und Drehbuchautorin erforderte. Für Uschi Reich eine logische Schlussfolgerung, das Projekt ihrer Tochter anzuvertrauen. Die Produzentin hatte bereits mit Marco Petrys Schule (2000) und Hendrik Hölzemanns Kammerflimmern (2004) hervorragende Erfahrungen mit Regie-Debütanten gemacht und wollte auch bei SUMMERTIME BLUES mit jungen Leuten zusammen arbeiten. Eine pragmatische Entscheidung, die einer ebenso simplen wie einleuchtenden Überzeugung entspringt: „Wenn ich keine Debüts produziere, wer soll’s dann machen?“, bringt es Uschi Reich auf den Punkt. „Ich sehe es als Aufgabe an, auch neuen, jungen Regisseuren eine Chance zu geben. Was sie dann aus dieser Chance machen, liegt bei ihnen selbst. Das ist mein Credo und betrifft auch andere Bereiche im Film: Ich habe auch Kameraleuten schon ihre erste Chance gegeben, Produktionsleitern, Autoren, Komponisten und so weiter. Und ich denke, dass es eine gute Kombination ist, wenn eine gewisse Erfahrung einen jungen Regisseur umgibt, ohne dass sie ihn dann irgendwie einschränkt. Diese kreative Kombination aus Jugend und Erfahrung ist für mich immer sehr angenehm.“

Es folgte die gut einjährige Arbeit am Drehbuch, die Uschi Reich zusammen mit den beiden jungen Autoren Friederike Köpf und Robin Getrost leistete. Sie lobt ihre Co-Autorin: „Friederike war hervorragend in der Lage, ihre Generation zu beschreiben.“

Marie Reich war als Regisseurin in die Drehbuchphase ebenfalls stark eingebunden. „Ich war allerdings nicht aktiv am Schreiben beteiligt, hatte aber schon Einfluss darauf“, sagt sie. „Die Hauptautorin Friederike Köpf, die gerade am Anfang sehr viel geschrieben hat, hat immer ihre Szenen geschickt, und dann haben wir darüber gesprochen. Als Regisseurin ist man eng in diesen Prozess eingebunden. Und bei den Drehbuchsitzungen mit meiner Mutter haben wir von ihrer großen Erfahrung profitiert.“ Die hat Uschi Reich als Produzentin und Autorin bei etlichen ihrer Filme immer wieder eingebracht. „Ich glaube, dass ich in dem Kinderbereich schon so viele Erfahrungen gemacht habe, dass ich auch eine ganz gute Autorin bin“, sagt sie. „Seit Das fliegende Klassenzimmer bin ich eigentlich immer Co-Autorin, den TV-Film „Der Froschkönig“ habe ich sogar fast allein geschrieben.“

„Wir haben mit Unterbrechungen ein Jahr an dem Drehbuch gearbeitet“, erläutert Uschi Reich weiter. „Das Konzept war relativ schnell da, die Ausarbeitung hat dann ihre Zeit in Anspruch genommen. Auch durch die Tatsache, dass mit Friederike Köpf und Robin Getrost zwei recht junge Nachwuchs-Autoren mit an Bord waren, mussten wir mehr Zeit einplanen. Robin ist ein sehr guter Dialog-Autor, der tolle Einfälle hat. Er hat selbst schon einen Roman und ein Drehbuch geschrieben.“

Während der Drehbuchentwicklung nutzte Marie Reich die Chance, sich durch einen Besuch bei der Autorin des Romans mental tiefer in den Stoff einzufinden: Als die Autoren noch mit dem Exposee des Drehbuchs beschäftigt waren, verbrachte sie Zeit in England: „Damals habe ich dort gearbeitet – und ich habe einfach bei Julia Clarke angerufen und gefragt, ob ich mal vorbei kommen könne“, erinnert sie sich. „Sie hat gleich ,Ja‘ gesagt. Sie lebt in Yorkshire, und ich bin für drei Tage hingefahren. Das war sehr schön, denn ich wurde gleich in die Familie integriert, wir sind in der Gegend herum gefahren, und sie hat mir alle Orte gezeigt, an denen sie ihre Geschichte angesiedelt hat und an denen das Buch spielt. Das war sehr hilfreich, weil ich so viel aus ihrer Sicht über die Geschichte erfahren habe und sie auch viel über die Hauptfigur Alex erzählt hat – was seine Beweggründe sind, was er nicht mag, was er braucht… Wir sind dabei durch die Landschaft gelaufen und sie hat einfach viel erzählt. Das war eine sehr schöne Zeit.“

„Nach meinem Besuch meinte sie, dass ihr Roman in guten Händen sei“, fährt Marie fort. „Im Lauf der Zeit haben wir sie per E-Mail immer mal wieder auf den Stand der Dinge gebracht, aber sie hat nicht mehr aktiv eingegriffen. Nur einmal haben wir sie kurz vor Ende der Drehbucharbeit noch um Rat gefragt, weil wir in einer bestimmten Sache nicht weiter wussten.“ Und ihre Mutter ergänzt: „Wir stehen immer noch in regem Kontakt zueinander, und sie hat mir auch schon ein paar ihrer neuen Texte geschickt.“

Bei der Arbeit am Skript war es durchaus von Vorteil, dass die Autoren – ähnlich wie bei Produktionen wie Die wilden Hühner (2005) und deren Fortsetzungen – auf eine Romanvorlage zurückgreifen konnten. „Die Charaktere sind dann schon vorhanden, und das ist bei charaktergetriebenen Filmen in aller Regel das Schwierigste“, sagt Uschi Reich. „Einen so vielschichtigen Charakter wie Alex zu entwickeln, ist die große kreative Leistung der Romanautorin. Darum ist die Entwicklung von starken Charakteren in einem Film auch so schwierig – und darum sind zum Beispiel die Filme wie die von Caroline Link oder Das Leben der Anderen (2005) von Henckel von Donnersmarck auch so erfolgreich, weil die beiden Regisseure und Autorin genau das beherrschen: sehr gute Charaktere zu entwickeln. Auch in SUMMERTIME BLUES spiegelt sich eine echte, ganz eigene Welt dieser Jugendlichen wider. Filmische Mittel wie die Musik etc. unterstützen dies dann nur. Insofern war uns die literarische Vorlage eine sehr große Hilfe.“

Allerdings bedeutete das nicht, dass die Arbeit am Drehbuch ein Zuckerschlecken war. „Der Roman selbst ist im Aufbau schon sehr filmisch geschrieben… und wir hatten es uns manchmal deutlich einfacher vorgestellt, das dann umzusetzen“, erinnert sich Marie Reich. „Es war aber nicht ganz einfach, gerade das Ende dann NOCH filmischer zu adaptieren. Damit hatten wir schon ein bisschen zu kämpfen. Geschichte und Figuren sind eben schon vorgegeben und man muss darauf achten, dass die dann auch in einem Film funktionieren. Gerade im letzten Drittel mussten wir für den Film noch einiges umstellen.“

Nachdem die Drehbuchphase beendet war, musste die nächste Hürde genommen werden: die Finanzierung. „Auch das hat einige Zeit in Anspruch genommen“, bemerkt Marie Reich. „Es ist eben nicht einfach, einen Erstlingsfilm zu finanzieren, wenn Co-Produzenten und Filmförderungsanstalten noch nicht auf filmische Referenzen eines Regisseurs zurückgreifen können. Alles in allem hat die Finanzierung nach der Drehbuchentwicklung noch mal gut ein Jahr in Anspruch genommen.“

Danach folgte ein umfangreiches Casting, das in ganz Deutschland stattfand. „Es ist sehr schwierig, die passenden Jugendlichen für einen solchen Film zu finden“, erläutert Marie Reich. „Wir haben über ein Jahr gecastet und uns unzählige Jugendliche angesehen. Gerade die Rolle von Alex ist so komplex – man muss so viele Facetten spielen und zeigen können. Und in dem entsprechenden Alter mit 15, 16 ist das nicht wirklich einfach… es gibt kaum Jungs, die das können. Wir haben sehr lange gesucht und waren am Ende glücklich, dass wir François gefunden haben. Er war schon früher im Gespräch, hatte aber keine Zeit – als wir den Drehtermin wegen der Finanzierung noch mal verschieben mussten, hat es dann doch geklappt. Insofern hatte die Verzögerung auch ihr Gutes.“

Für Uschi Reich war die Besetzung von François nicht zwangsläufig nahe liegend – auch wenn sie ihn als Schauspieler entdeckte hatte: „In Das fliegende Klassenzimmer (2002) spielt François ja seine erste Rolle, den jungen ‚Kreutzkamm’“, schmunzelt sie. „Trotzdem kamen wir relativ spät auf ihn, weil wir dachten, er sei zu alt für die Rolle. Ich hatte ihn eigentlich schon für einen anderen Film gecastet und erst dann überlegt, ob wir ihn nicht auch für SUMMERTIME BLUES besetzen können. Weil sich seine Eltern in der Zeit von Das fliegende Klassenzimmer scheiden ließen, wusste ich: Er kennt sich mit dem aus, was er spielen soll.“

„Es ist nicht einfach, in der Altersgruppe zwischen 15 und 17 jemanden zu finden, der auch seine Gefühle zeigen kann“, fährt sie fort. „Gerade bei Jungs ist das sehr schwierig. Mit der Ironie hatten alle, die wir gecastet haben, kein Problem, das fanden alle ganz toll… allerdings reichte das nicht aus: Die Jungs müssen auch einen Blick in ihr Inneres gestatten.“

Die Schauspielerinnen für die beiden Mädchen-Charaktere dagegen standen relativ schnell fest: „Sarah Beck war eine der ersten, die Marie gecastet hatte, und bei der ist es dann auch geblieben“, erinnert sich Uschi Reich. „Bei Zoe Moore haben wir ein bisschen länger gebraucht… die kannten wir aus Max Minsky und ich (2007) und sind immer davon ausgegangen, dass sie zu klein und zu jung für die Rolle ist. Aber in dem Alter werden die Jugendlichen glücklicherweise schnell größer und reifer. Es ist eine reine Freude, ihr zuzuschauen – Zoe ist ein großes Talent.“

Über ihre erwachsenen Darsteller gibt Uschi Reich zu Protokoll: „Karoline Eichhorn ist eine absolut großartige Schauspielerin, die ich sehr bewundere. Maja Schöne kannte ich schon aus Buddenbrooks (2008), da spielt sie die Geliebte von Thomas Buddenbrook. Dort fand ich sie schon beeindruckend. Alexander Beyer hat Marie schon früh kennen gelernt, und Christian Nickel hat hauptsächlich bei Peter Stein im Theater gespielt und war jemand, mit dem wir alle sehr gern arbeiten wollten, weil er auch auf der Leinwand gut bestehen kann. Gerade seine Rolle ist nicht die einfachste, aber er hat das ganz toll gemacht.“

Unter den wachsamen Augen ihrer Mutter begann Marie Reich schließlich in Bremen und Umgebung mit den Dreharbeiten. Dabei achtete Uschi Reich darauf – ebenso wie bei anderen Regiedebütanten – ihrer Tochter größtmögliche Freiheit zu gewähren. „Ich sitze nicht jeden Tag 12 Stunden am Drehort wie amerikanische Produzenten“, sagt sie. „Natürlich schaue ich mir jeden Tag die Muster an und gebe den Regisseuren Feedback. Das ist auch notwendig, denn gerade bei einem Film, der sich auch beim Publikum bewähren soll, muss sich jeder einbringen. Und wenn ich Anfängerfehler entdecke, finde, dass zu wenig aufgelöst ist oder zu wenige Einstellungen gedreht wurden, dann gebe ich das gleich weiter. Damit habe ich schon bei Schule gute Erfahrungen gemacht. So fühlen sich Debütanten auch besser aufgehoben und sich nicht komplett ins kalte Wasser geworfen.“

Auf die Frage, ob bei den Dreharbeiten zu SUMMERTIME BLUES denn nun Mutter oder Tochter die Hosen anhatten, antwortet Marie Reich lachend: „Ich natürlich!“ Und stellt gleich klar: „Nein, das war ein Scherz. Während der Arbeit haben wir genau so zusammen gearbeitet wie wir es getan hätten, wenn wir nicht verwandt wären. Meine Mutter hat sich aus den Dreharbeiten sehr heraus gehalten, aber als Produzentin gearbeitet wie an jedem anderen Film auch: Sie hat sich täglich die Muster angesehen und ihre Bemerkungen gemacht, wenn ihr etwas nicht gefallen oder besonders gut gefallen hat. Wenn es im Produktionsablauf Probleme gegeben hätte, hätte sie sich eingeschaltet – aber unser Dreh war sehr harmonisch, darum bestand in dieser Beziehung auch kein Bedarf. Sie konnte relativ entspannt sein und hat uns an ein oder zwei Tagen am Set besucht, aber das war wie bei jedem anderen Film auch.“

„Ich habe versucht, das operative Geschäft bei der Produktion meinem Kollegen Bernd Krause zu überlassen“, fährt Uschi Reich fort. „Was Drehorte, Schauspieler, Drehbuch oder Kamera anging, habe ich schon sehr viel mit Marie gesprochen, aber aus dem direkten Produktionsablauf habe ich mich ziemlich heraus gehalten.“ Allerdings hat SUMMERTIME BLUES auch den größten Raum bei den Gesprächen eingenommen, wenn sich Mutter und Tochter in privatem Rahmen begegneten. „Es liegt in der Natur des Films, dass man mit all seiner Zeit und Kraft dabei ist“, sagt Marie. „Und weil man keine Zeit hat, sich um irgendetwas anderes zu kümmern und das private soziale Leben so gut wie gar nicht stattfindet, hat man auch kaum ein anderes Gesprächsthema – dann spricht man zu 99 Prozent auch über den Film, wenn man sich privat trifft.“

Hilfreich bei der Zusammenarbeit war die Erfahrung, die Mutter und Tochter bei diversen Filmen bereits miteinander gemacht haben: „Marie hat für uns schon etliche Castings durchgeführt, unter anderem das Kinder-Casting für TKKG gemacht und auch das für mein kommendes Projekt Hier kommt Lola!“, bemerkt Uschi Reich. „Wir sind Zusammenarbeit also gewohnt. Die ist auch sehr angenehm, weil wir die gleiche Sprache sprechen und den gleichen Anspruch an unsere Arbeit haben.“ Auch ihre Tochter sieht die Zusammenarbeit bei SUMMERTIME BLUES aus einer sehr professionellen Perspektive: „Es geht um den Film, und jeder von uns versucht, sein Bestes zu geben. Dabei spielen persönliche Eitelkeiten oder Verwandtschaftsverhältnisse keine Rolle.“

Vier Wochen vor Drehbeginn zog die Produktion nach Bremen um, und bereits davor hatte Marie Reich schon in München die Gelegenheit, mit ihren Hauptdarstellern die wichtigsten Szenen zu proben. „Als dann schließlich alle nach Bremen zu Kostümproben usw. angereist kamen, habe ich dort noch mal – auch mit den Erwachsenen – die wichtigsten Szenen geprobt“, sagt sie. „Das waren nur zwei Tage, aber mit den Jugendlichen habe ich zusammen genommen rund eine Woche geprobt. Allerdings hatten sie auch deutlich mehr Szenen zu spielen. Wenn man über eine so lange Zeit zusammen ist, ist es wichtig, dass man sich kennen lernt, sich aufeinander einstellen kann, dass die Jugendlichen auch die Erwachsenen kennen lernen.“

Bremen hatte als Drehort für die Produzentin einen ganz besonderen Reiz: „Ich wollte gern in Norddeutschland drehen“, erklärt sie. „Bremen hat mich als Drehort schon immer auf gewisse Weise fasziniert, weil die Stadt nicht so groß und dennoch so besonders ist. Bremen hat eine sehr schöne Atmosphäre, unabhängig von dem Film, und das hat mir sehr gefallen: die Wasserwege, die Nähe zum Teufelsmoor, außerdem bin ich Fan von der Worpsweder Malerkolonie… insofern wusste ich, dass dort eine ganz besondere Stimmung herrscht, die man einfangen kann. Gleichzeitig hat Bremen eine gewisse atmosphärische Nähe zu England und dadurch konnten wir den größten Teil dort drehen.“

Wenn es nach dem erklärten England-Fan Marie Reich gegangen wäre, hätte sie SUMMERTIME BLUES komplett vor Ort im Süden Englands gedreht. Ihre Mutter dagegen fand die Umgebung von Bremen durchaus ausreichend: „Ich mag britischen Humor und die Rockmusik auch, aber ich hätte nicht unbedingt drüben drehen müssen“, sagt sie. „Bei den Originalmotiven aus England habe ich mir immer gedacht: ,Solche Landschaften gibt’s hier auch um die Ecke.‘ Die Motive, die wir hier um Bremen gedreht haben, waren das perfekte England… man merkt wirklich nicht, wo wir in England gedreht haben und wo nicht. In der Bremer Schweiz gibt es zwar keine englischen Gärten und keine Steilküsten, aber dafür diese typische sandige Erde, die tollen Rosen… da unterscheidet sich die Bremer Schweiz nicht vom Süden Englands.“

Dennoch reiste das Kernteam für ein paar Tage nach England und drehte vor Ort – dafür wurde im Drehbuch der Schauplatz von Yorkshire nach Kent verlegt. „Yorkshire liegt ja ziemlich im Norden Englands. Es wäre leider viel zu teuer gewesen, den ganzen Tross eines Filmteams bis hoch nach Yorkshire zu karren“, bedauert Marie Reich. „Aber wir haben in Kent, im Süden Englands, auch wunderbare Motive gefunden. Ich war sehr glücklich, dass wir dort gedreht haben.“

Die Dreharbeiten fanden an 33 Drehtagen im Sommer 2008 in Bremen und Umgebung statt. In der hügeligen Landschaft der Bremer Schweiz mit den vielen knorrigen Bäumen und saftigen Wiesen wurde unter anderem der Verschlag von Louie aufgebaut und die Szenen im Wald gedreht. „In England selbst haben wir dann nur ein paar Szenen an Schauplätzen gedreht, die es in Deutschland einfach nicht gibt: In einem typisch englischen Dorf oder einer typisch englischen Kleinstadt eben“, verrät Marie Reich. „Ich bin mit unserem Kameramann Egon Werdin in der Gegend umher gefahren, nachdem uns mein Freund diverse Motive empfohlen hatte. Wir waren ganz begeistert, dort drehen zu können. „Im Endeffekt hat das aber nur zwei, zweieinhalb Tage in Anspruch genommen. Der Rest fand in Bremen statt. Aber auch dort waren es alles Originalmotive, wir haben nichts im Studio gedreht.“

Auf die Frage, ob die Arbeit mit Jugendlichen einfacher sei als mit „gestandenen“ erwachsenen Schauspielern, antwortet Marie Reich: „Jugendliche können am besten mit direkten Reaktionen und Anweisungen umgehen. Erwachsene haben ein klareres Bild von ihrer Rolle, man verständigt sich dann vorher auf eine gleiche Vorstellung und profitiert vom schauspielerischen Können und der Erfahrung, über die die Jugendlichen so noch nicht verfügen“ fährt sie fort. „Man kommt mit Erwachsenen schneller zum Ziel, mit Jugendlichen muss man in der Vorbereitung intensiver arbeiten.“

Trotz eines stattlichen Tagespensums liefen die Dreharbeiten sehr harmonisch und ohne große Schwierigkeiten ab. „Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, wir hatten ein sehr relaxtes Set mit einer guten Atmosphäre, es gab keinerlei Dramen oder größere Probleme, es war einfach ein schöner Dreh“, resümiert Marie Reich.

Ein paar Herausforderungen mussten allerdings doch gemeistert werden. „Eine Szene, über die wir uns sehr viele Gedanken gemacht haben, war die Szene, die nachts im Regen in dem großen Baum spielt und in der Louie ihre Geschichte erzählt“, erinnert sich die Regisseurin. „Weil Jugendliche nicht so lange drehen dürfen und wir nicht drei oder vier Nächte mit künstlichem Licht arbeiten konnten, hatte unser Kameramann Egon Werdin die Idee, ,day for night‘ zu drehen. Das war zwar durch den künstlichen Regen und so weiter immer noch sehr aufwändig und riskant – wir hatten nur einen Take, weil wir hinterher nicht drei Stunden warten konnten, bis alles wieder trocken ist –, aber das Drehen tagsüber hat uns die Arbeit sehr erleichtert. Und es hat auch noch einen künstlerischen Effekt – es sieht anders aus als hätte man es wirklich nachts gedreht.“

Eine weitere Szene, die die junge Regisseurin und ihr Team vor ein Problem stellte, hatte mit vierbeinigen Darstellern zu tun: Mit Dachsen. „Schon in der Vorbereitung haben wir uns gefragt: Wo finden wir Dachse?“, erläutert Marie Reich. „Im Film ist das ist ein sehr wichtiger Moment für Alex, weil da in ihm ein Knoten platzt: Er beobachtet nachts Dachse – das ist für ihn etwas völlig Neues. Und wir mussten uns überlegen: Wo kriegen wir jetzt Dachse her? In England ist das ganz normal, da gibt es viele von diesen Tieren, aber in Deutschland habe ich noch nie einen Dachs gesehen.“

Auch die im Filmbereich tätigen Tiertrainer bestätigten, dass Dachse in Deutschland für Dreharbeiten einfach nicht existieren. Dazu kam die nicht unwesentliche Tatsache, dass die Tiere sehr wild und aggressiv sind, große Krallen haben und nachtaktiv sind. Aber Marie Reich legte Wert auf genau diese Tiere „Wir wollten nicht einfach kleine Füchse nehmen, weil Dachse durch das schwarze Fell mit den silbergrauen Streifen gerade in der Nacht im Mondlicht so toll aussehen“, sagt sie. „Dann kamen wir auf die Idee, Tierfilmer in ganz Deutschland anzurufen und deren Material anzuschauen. Aber auch da fanden wir nicht das, was wir gesucht haben. Nach einer langen, sehr langen Suche haben wir schließlich einen Wildpark mit einem Dachs-Gehege gefunden, der sich bereit erklärt hat, uns dort einen Tag lang drehen zu lassen. Also sind wir mit unserer Ausstatterin dort hingefahren, die hat das Gehege unserem Motiv entsprechend ausgestattet. Und dann hat sich ein Tierfilmer in das Gehege gestellt und hat die Dachse bei allen Aktivitäten gefilmt. Natürlich waren die Dachse sauer… aber am Ende sind die Aufnahmen sehr gut geworden.“

Diese Aufnahmen wurden später per Blue-Screen in den Film eingearbeitet. François Goeske und Zoe Moore saßen in der entsprechenden Szene vor einer blauen Wand im Wald und bekamen von ihrer Regisseurin Anweisungen, wie sich die Dachse in dem betreffenden Moment verhalten, um entsprechend reagieren zu können.

Neben kleinen digitalen Effekten wie verstärktem Regen oder einem Sternenhimmel nahm bei der Postproduction von SUMMERTIME BLUES die Musik besonders großen Raum ein. „Unser Soundtrack ist sehr bemerkenswert“, sagt Uschi Reich nicht ohne Stolz. „Die Musik stammt von dem englischen Komponisten Youki Yamamoto. Marie kannte ihn bereits, er orchestriert für Oliver Stone und John Williams und hat sein Studio in den Pinewood Studios in London. Er kannte Marie und hat mit einem besonders guten Mischtonmeister namens Matt Howe, einem Grammy-Gewinner, zusammen gearbeitet.“

Darüber hinaus steuerte der junge Münchner Komponist Jakob Anthoff, der schon für Die wilden Hühner Lieder für Uschi Reich geschrieben hatte und Absolvent der Paul-McCartney-Akademie in Liverpool ist, diverse Songs für SUMMERTIME BLUES bei: „Jakob hat Marie sieben Songs aus seiner Abschluss-CD der Akademie zur Verfügung gestellt“, fährt Uschi Reich fort. „Aus dieser Mischung ist ein sehr, sehr schöner, sehr besonderer Soundtrack entstanden. Es ist ein sehr überlegter Soundtrack, bei dem nicht einfach irgendwelche Songs untergelegt wurden. Auch was die Qualität der Aufnahme und der Mischung angeht, ist der Soundtrack sehr außergewöhnlich für einen deutschen Film. Und die Songs gehen in eine klassische Rock-Balladen-Richtung und erinnern ein bisschen an Once („Once“, 2006).“

Mutter und Tochter gleichermaßen fühlten sich durch die Arbeit an SUMMERTIME BLUES immer wieder in die eigene Jugend zurückversetzt. „Ich muss die einzelnen Szenen inszenieren, man geht das viele Male im Kopf durch und probt vorher mit den Darstellern“, sagt Marie Reich. „Dabei schöpft man aus den eigenen Erfahrungen und überlegt: ,Wie habe ich oder wie hätte ich damals reagiert?‘ Besonders wenn es um körperliche Annäherungen geht: ‚Wie schaffe ich es jetzt, meinen Arm um den anderen zu legen?’ Oder: ‚Wie sitzt man nebeneinander und rückt näher aneinander heran, so dass sich dann die Schultern berühren?’ Das war damals wahnsinnig aufregend, und daran erinnert man sich, daraus nimmt man ein paar Dinge mit.“

Diese mentale Reise zurück in die eigene Jugend mag auch ein Grund sein, warum Uschi Reich sich immer wieder Stoffen für Kinder und Jugendliche zuwendet. Sie schließt mit den Worten des großen Erich Kästner: „Der hat mal gesagt: Nur wer erwachsen ist und dennoch Kind bleibt, ist wirklich ein Mensch.“

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