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Fakten und Hintergründe zum Film "Still Life"

Fakten und Hintergründe zum Film "Still Life"
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Über den Film

Die Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen für STILL LIFE als bester Film im offiziellen Wettbewerb der 63. Mostra Internationale d'Arte Cinematografica in Venedig 2006 ist der bislang größte Triumph in der an Ehrungen reichen Regiekarriere von Jia Zhang-Ke. Sie bestätigt Jias herausragende Stellung als einer der talentiertesten und international renommiertesten Filmkünstler des jungen chinesischen Kinos.

Visuell berückt STILL LIFE durch die von Jia und seinem versierten Hongkonger Kameramann Lik-wai Yu kunstvoll kadrierte, malerische Bildgestaltung. Totalen von Industrie-Ruinen, von Natur- und Trümmerlandschaften wechseln mit stimmungsvollen Nahaufnahmen von Menschen beim Gespräch, bei der Arbeit oder in der Freizeit. STILL LIFE vermittelt einen lebendigen Eindruck vom Provinzalltag, sowie von südchinesischer Denk- und Handlungsart.

Mehrfach gezeigt werden beispielsweise die Spielleidenschaft der Leute oder der ständige Streit ums Geld. Die Darstellung ist im Großen und Ganzen naturalistisch, doch es gibt auch magische Kino-Momente mit surrealem Flair: UFO-artige Lichterscheinungen am Himmel; ein bizarr konstruiertes Gebäude, das eines Nachts wie ein außerirdisches Raumschiff mit Feuerschweif gen Himmel startet; oder ein Seiltänzer, der in schwindelerregender Höhe zwischen zwei Abrisshäusern balanciert.

„STILL LIFE wurde (unter anderem) in der Altstadt von Fengjie gedreht. An diesem Ort hat sich ein gewaltiger Wandel vollzogen, in Folge des Drei-Schluchten-Hydroprojekts: Wegen der Baumaßnahmen mussten zahllose Familien, die dort seit Generationen gelebt hatten, in andere Städte umgesiedelt werden“, erklärt Regisseur Jia. „Einmal betrat ich zufällig einen verlassenen Raum, und sah staubbedeckte Sachen auf dem Tisch. Die alten Möbel, das Schreibzeug auf dem Tisch, die Flaschen auf den Fensterbrettern und die Dekorationen an den Wänden wirkten wie ein Stillleben, vermittelten eine Stimmung von poetischer Melancholie. Das Stillleben repräsentierte eine Realität, die von uns übersehen wurde. Obwohl die Zeit tiefe Spuren hinterlassen hatte, blieb es still und bewahrte die Geheimnisse des Lebens.“

Der englische Filmtitel STILL LIFE, Stillleben, ist auch in stilistischer Hinsicht treffend für Jias Regiearbeit. Bei wichtigen Zusammenkünften der Hauptfiguren verharrt die Kamera in langen, statischen Einstellungen, die resultierenden Bilder wirken wie kunstvoll arrangierte Stillleben, wie Tableaus.

Der chinesische Originaltitel SANXIA HAOREN indessen ist bezeichnend für Jias soziales Engagement. Sanxia bedeutet drei Schluchten, Haoren bedeutet gute Menschen, übersetzen lässt sich der Originaltitel also mit „Die guten Menschen von den drei Schluchten“. „Ich schildere die Probleme der einfachen Leute in China“, sagt Jia Zhang-Ke. „Ich will ihnen eine Stimme verleihen, und auch weiterhin solche Filme machen.“ Jia entwickelt seine Geschichten aus dem Alltag seines Landes heraus. Er portraitierte bereits hoffnungslose Jugendliche in der von Peking vernachlässigten Provinz (UNKNOWN PLEASURES), eine Amateurtheatertruppe (PLATFORM) und Angestellte eines Vergnügungsparks (THE WORLD) in unspektakulären, aber eindrucksvollen Bildern, welche die Umwälzungen in der chinesischen Gesellschaft exemplarisch deutlich machen.

Als das STLL LIFE-Team in Fengjie eintraf, dachten die Einwohner zunächst, es handele sich um ein Fernsehteam, und sie wandten sich gleich mit ihren Schwierigkeiten oder Beschwerden an die Filmleute, bis Regisseur Jia ihnen klarmachte, dass es sich um eine Kinoproduktion handelte. Die Dreharbeiten vor Ort gestalteten sich nicht immer ganz einfach. Zwar war das Projekt von offizieller Seite in Peking genehmigt worden, doch das feuchtheiße Klima machte den Mitarbeitern zu schaffen, es bestand Gefahr, sich mit Malaria zu infizieren, und außerdem machten Verbrecherbanden die Gegend unsicher.

Vor dem Hintergrund der Umweltzerstörung durch den Drei-Schluchten-Staudamm schildert Jia Zhang- Ke mit seiner für ihn typischen antiklimaktischen Handlungsdramaturgie zwei Eheschicksale, die mit

dem umstrittenen Dammbauprojekt direkt nichts zu tun haben. Sie dienen dem Filmemacher dazu, ein Land im Umbruch zu zeigen, nicht nur hinsichtlich der Infrastruktur oder der zunehmenden Technisierung, sondern auch im privaten Bereich, wo traditionelle Sozialgefüge und Familienstrukturen immer weniger Bestand haben.

Ungeschönt stellt Jia Missstände dar. Offenkundig korrupte Provinzkader, die Hilfsgelder für Umsiedler veruntreuen. Verantwortungslose Manager, eine unfähige Verwaltung. Grosse Klassenunterschiede zwischen Funktionären und Arbeitern. Prostitution und Frauenhandel. Schlägerbanden, die gewalttätig Terror machen. Und am Ende berichtet ein Bergbauarbeiter von den lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen in den Kohlegruben der Provinz Shanxi, wo Jahr für Jahr Dutzende von Männern ihr Leben verlieren.

Angesichts der gesellschaftskritischen Motive in STILL LIFE mag es überraschen, dass der Film von der Zensurbehörde in Peking zur Vorführung freigegeben wurde, andere Werke waren schon wegen weniger expliziter Kritik verboten worden.

Regisseur Jia Zhang-Ke meint, dass die Beurteilung von Filmen durch die Zensurbehörde abhängig sei vom Status des Filmemachers. Dank seines internationalen Renommees sei es für ihn leichter, heikle Inhalte durch die Zensur zu bekommen. Im Falle von STILL LIFE sei dreierlei beanstandet worden: Der Filmtitel, weil der Name „Drei Schluchten“ eine kritische Konnotation habe; die riesigen Plakate von Marx, Lenin und Mao an einer Fabrikwand; und ein minderjähriger Junge, der beim Rauchen gezeigt wird, was nach Meinung des im Zensurausschuss für Jugend und Erziehung zuständigen Funktionärs ein schlechtes Vorbild für Kinder bieten würde. Regisseur Jia argumentierte dagegen, dass der Film ja nun einmal am Drei-Schluchten- Staudamm spiele, und dass er die Politiker-Portraits schon in der Fabrik hängend vorgefunden hätte.

Jia fragte, ob denn die kommunistischen Idole mittlerweile politisch verpönt seien, und wies im Falle des Jungen auf die hohen Kosten für einen Nachdreh hin. So durften die beanstandeten Stellen im Film bleiben.

STILL LIFE gibt einem westlichen Publikum erstmals einen Eindruck vom Leben in der südchinesischen Provinz – und vermittelt gleichzeitig eine gewisse Skepsis angesichts des ungezügelten Wirtschaftswachstums und der fortschrittsgläubigen Technokratie in China.

Hintergrund

DER YANGTZE UND DER DREI-SCHLUCHTEN-STAUDAMM

Der Yangtze ist mit fast 6.300 Kilometern Länge, nach dem Nil und dem Amazonas, der drittlängste Fluss der Welt, und der längste in Asien. Die Quelle an einem Gletscher in den Dangla Bergen liegt über 5.000 Meter hoch im zentralen Himalaya Gebirge, wo der Fluss von den dort ansässigen Tibetern Drichu genannt wird. Zunächst strömt der Yangtze nach Osten, und dann eine lange Strecke mit starkem Gefälle vorbei an schneebedeckten Gipfeln in südliche Richtung, parallel zum Mekong.

Bei Shigu in der Provinz Yunnan biegt er ab in die entgegengesetzte Richtung, fließt dann nach Osten durchs Rote Becken mit der Industriemetropole Chongqing und strömt weiter in östliche Richtung durch das Yangtze Stromgebiet bis zur Küste bei Shanghai, wo er ins Ostchinesische Meer mündet. Die Zeiten des Yangtze als unberechenbarer Schicksalsfluss, der Leben schenkte und nahm, sind weitgehend überwunden. Heute dominiert menschliche Technik den Strom.

Die Vorgeschichte des Drei-Schluchten-Staudamms geht zurück bis in die 1920er Jahre, als chinesische Nationalisten unter Leitung von Yat-sen Sun über den Staudammbau diskutierten. Mitte der 40er Jahre beauftragen die Chinesen amerikanische Wasserbauingenieure des US Bureau of Reclamation mit Dammplanungen für das regelmäßig von Überschwemmungskatastrophen heimgesuchte Flussgebiet. Wegen des Bürgerkrieges in China wurden die Pläne aber nicht realisiert.

1953 kam die Staudammplanung wieder in Gang, als der chinesische Diktator Mao befahl, geeignete Standorte für den Dammbau ausfindig zu machen. Das verheerende Hochwasser 1954, bei dem mindestens 33.000 Menschen ums Leben kamen, führte im folgenden Jahr zu einer detaillierten Planung mit Unterstützung sowjetischer Fachleute, die 1960 zurückberufen wurden, weil sich die Verstimmung im Verhältnis der beiden Staatschefs Mao und Chruschtschow zueinander verschärft hatte. 1963 kam es zum Abbruch der staatlichen Beziehungen zwischen den beiden Großmächten.

1966 bis 1969 führte die so genannte „Kulturrevolution“ zum kompletten Abbruch der Staudammplanung in China. Auch nach Maos Tod kam der Bau des Drei-Schluchten-Staudamms wegen technischer und finanzieller Probleme sowie regionaler Interessenkonflikte zunächst nicht zustande. Erst Chinas Premierminister Peng Li konnte die Errichtung des weltweit größten Staudamms 1992 durchsetzen - mit einer zwei Drittel Mehrheit im Nationalen Volkskongress, der üblicherweise einstimmig votiert. Wie umstritten das Projekt war (und noch immer ist), zeigt auch, dass Präsident Zemin Jiang nicht mit Li bei der offiziellen Zeremonie zum Start des Bauvorhabens auftrat.

Die Befürworter des Prestige-Projekts wollen folgendes erreichen: Durch Kontrolle des

Wasserdurchflusses soll die Gefahr von Hochwasserkatastrophen gebannt werden. Bereits seit mehr als 1000 Jahren und seit dem 15. Jahrhundert verstärkt wurden Deiche entlang des Yangtze und seiner Nebenflüsse errichtet. Trotzdem verzeichneten chinesische Historiker vom 2. bis zum 20. Jahrhundert weit über 1000 weitflächige Überschwemmungen in Folge der jährlichen Monsunregen, und 178 extreme Flutwellen (sechs davon in den 1990er Jahren) die nicht nur zu massiven Sachschäden führten, sondern massenweise Todesopfer forderten. In den Jahren 1931 und 1935 beispielsweise ertranken nach offiziellen Angaben jeweils weit über 140.000 Menschen in den Sturzfluten, wahrscheinlich starben wesentlich mehr.

Das weltweit größte Wasserkraftwerk erzeugt mit 26 Turbinen – und Generatorenanlagen und einer installierten Gesamtleistung von 18200 Megawatt soviel Strom wie 15 herkömmliche Kernkraftwerke. Der Stausee ist 600 Kilometer lang und reicht natürlich auch in die angrenzenden Nebenflüsse hinein. Damit soll die Schiffbarkeit erheblich verbessert und die wirtschaftliche Entwicklung in der Region gefördert werden. Außerdem erwartet man, dass die Kontinuität des Wasserabflusses auch zu einer Verbesserung der Schiffbarkeit unterhalb des Stausees führt; die Landwirtschaft würde vom geregelten Wasserzufluss für die Bewässerung profitieren.

Die jetzige Stauhöhe der Wassermassen am Damm beträgt 156,5 Meter. Für die Jahre 2008/2009 ist die Anhebung auf 175 Meter geplant. Danach soll der Höchststand in jedem Jahr vom Herbst bis zum Frühling hin langsam auf 145 Meter abgesenkt werden. Der Damm ist 185 Meter hoch und 2,3 Kilometer breit. Über eine noch zu errichtende Schleuse erreichen Schiffe das jeweils andere Flussniveau.

Chinesische und ausländische Gegner des Projekts argumentieren folgendermaßen: Die Überflutungskontrolle und eine vergleichbare Stromerzeugungskapazität hätte sich preiswerter mit mehreren kleineren Staudämmen erreichen lassen, ohne die Gefahr eines möglichen Superdammbruchs. Abgesehen von den gewaltigen Baukosten für den Drei-Schluchten-Staudamm sind auch die notwendigen demografischen Anstrengungen und die Umweltschäden enorm. Rund 500 Städte, Dörfer und Siedlungen verschwinden in den aufgestauten Fluten. 1,2 bis 1,9 Millionen Menschen, die Schätzungen schwanken, verlieren ihr Zuhause und müssen umgesiedelt werden, oft gegen ihren Willen, nicht zuletzt weil sie mit höheren Mietzahlungen rechnen müssen. Malerische Naturlandschaften gehen ebenfalls unter, zusammen mit zahllosen architektonischen Sehenswürdigkeiten und archäologischen Ausgrabungsstätten.

Mehr Industrie oberhalb des Damms, so wird befürchtet, führt zur Verschlechterung der Wasserqualität. In den aufgestauten Nebenflüssen ist das schon jetzt der Fall. Dadurch und in Verbindung mit dem größeren Schiffsverkehrsaufkommen wird die Flussfauna weiter dezimiert, auch unterhalb des Damms. Der Yangtze-Flussdelfin wurde im Dezember 2006 offiziell für ausgestorben erklärt, der einheimische Tümmler wird wohl bald ebenso verschwunden sein. Heute gibt es schätzungsweise nur noch 1400 dieser selten gewordenen Tiere, halb so viele wie noch vor zehn Jahren. Ebenfalls vom Aussterben bedroht sind der Chinesische Alligator, der Chinesische Paddelfisch und andere Wasserbewohner.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die bislang höchste und dauerhafteste Überschwemmung

des Yangtze Menschenwerk ist.