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"Der Berg ist Hauptdarsteller"

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Dichtes Schneegestöber. In der Spalte einer eisigen Felswand ist ein junger Bergsteiger offenkundig vor Erschöpfung zusammengebrochen. Er trägt altmodische Kleidung, einen strahlendblauen Anorak, schwere Lederbergstiefel. Der Mann rührt sich nicht – kommt alle Hilfe zu spät?

In "Nanga Parbat" stehen nicht die Schauspieler, sondern der gleichnamige Berg im Mittelpunkt Bild: Majestic (Fox)

Plötzlich eine vergnügte bayerische Stimme aus dem Off: „Fühlst Du Dich wohl so, Florian? Liegst Du bequem?“ Der Bergsteiger, es ist der Schauspieler Florian Stetter, gibt zustimmende Handzeichen. Stetter spielt Reinhold Messner in „Nanga Parbat„, der Verfilmung der schicksalhaften ersten Überschreitung des gleichnamigen Berges im Jahr 1970, bei der Reinhold Messner seinen Bruder Günther verlor. Die Stimme aus dem Lautsprecher gehört Joseph Vilsmaier, der „Nanga Parbat“ inszeniert und mit seiner Firma Perathon auch produziert.

Die acht Meter hohe und 22 Meter breite Felswand ist in einem Kühlhaus im Münchner Schlachthofviertel aufgebaut – gleich nebenan liegen fein säuberlich verpackte Rindfleischstücke. Obgleich es ein herrlicher Sommertag ist, herrschen frostige Temperaturen von minus 23 Grad. Ein gutes Duzend Männer in dicken Daunenjacken läuft geschäftig durch den Set. Einer wirft eine Windmaschine an, ein anderer bläst mit einer Fräse Schnee in Richtung des Schauspielers, ein feiner Schneesturm entsteht. Dann fällt die Klappe, und Kameramann Peter von Haller, der hoch oben auf dem Dolly-Kran thront, fährt langsam auf Stetter zu. Das alles sieht ziemlich beeindruckend aus.

Joseph Vilsmaiers "Nanga Parbat" erzählt auch davon, wie Reinhold Messner im Jahr 1970 seinen Bruder Günther verlor Bild: Schwenk Film

Die Krönung

Der Regisseur sitzt außerhalb der Halle im warmen Trailer und verfolgt das Geschehen über die Monitore. Joseph Vilsmaier hat sich einen Namen gemacht mit seinen schönen Naturaufnahmen, zuletzt beim „Brandner Kaspar„. Ist der Film über den Nanga Parbat nun die Krönung für ihn? „Es ist der König der Berge – also muss es ja die Krönung sein“, sagt Vilsmaier lächelnd. „In Sachen Bergdreh ist das Projekt schon das Extremste, was ich bislang gemacht habe.“

Zwei Mal reiste Vilsmaier mit einem kleinen Team nach Pakistan an den Originalschauplatz, wo der Achttausender auch vom Helikopter aus eingefangen wurde. Die Crew campierte stilecht im Basislager auf knapp 4000 Metern Höhe und startete von dort aus ihre Touren. „Wir waren mit dem Helikopter auf fast 7000 Metern Höhe und haben den Berg von jeder Seite eingefangen“, berichtet Vilsmaier. Gedreht wurde im Himalaya noch ohne die Schauspieler. „Wir brauchten dort hauptsächlich die Landschaften. Denn unser Hauptdarsteller ist schließlich der Berg“, so Vilsmaier, der jedoch ausdrücklich sein junges Messner-Duo Florian Stetter und Andreas Tobias sowie den ganzen Cast lobt, darunter Karl Markovics als Expeditionsleiter Herrligkoffer.

Newcomer Andreas Tobias spielt in dem Drama Günther Messner Bild: ARD/ORF

Aus dem Dorf vor die Kamera

An den Originalschauplätzen kamen Doubles und viele einheimische Komparsen vor der Kamera zum Einsatz. „Wir haben dort tolle Gesichter gefunden“, erzählt Vilsmaier. Einige der „Anschlusskomparsen“ werden nun sogar nach München eingeflogen. „Viele von ihnen verlassen ihr Dorf zum ersten Mal“, erzählt Herstellungsleiter Ralf Zimmermann, der einräumt, dass der Dreh in Pakistan schon eine Herausforderung gewesen sei, logistisch und auch wegen der unsicheren politischen Lage.

Als Helfer vor Ort war die Firma Nanga Parbat Adventure behilflich, die von Liver Khan geführt wird – sein Vater hatte einst von pakistanischer Seite aus bereits die Expedition der Messner-Brüder betreut. Anders als im Nachbarland Indien existiert in Pakistan keine funktionierende Filmindustrie, sodass eben eine Expeditionsfirma bei der Organisation der Dreharbeiten half. Bei den Helikopterflügen wurde auch das pakistanische Militär engagiert, das die Crew auch mal auf Höhen von bis zu 6500 Meter abgesetzt hat – denn kurz kann man es auch als ungeübter Bergsteiger offenbar in diesen sauerstoffarmen Gefilden aushalten.

Florian Stetter schlüpft für "Nanga Parbat" in Reinhold Messners Bergsteiger-Stiefel Bild: Thommy Schumann
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Gute Fee aus dem Nachbarland

„Im Grund haben wir eine Filmexpedition gemacht“, so Zimmermann, der berichtet, dass das Budget des Films von 6,9 Mio. Euro durch Privatinvestoren finanziert werde. „Was wir am Nanga Parbat nicht drehen konnten, wurde an den Ortler und den Großvenediger verlegt, die ja auch an die 4000 Meter hoch sind“, erläutert Vilsmaier. „Am Großvenediger haben wir fast dieselbe Formation gefunden, die auch auf Höhe des Basislagers am Nanga Parbat herrscht.“ Behilflich war hier der österreichische Extrembergsteiger und Locationscout Leo Baumgartner, der bereits in Pakistan dabei war und so wusste, nach was er in den Alpen suchen musste.

Die im Kühlhaus in München gedrehten Gipfelszenen runden das Bergdrama ab. Hier hat Produktionsdesigner Anton Gerg eine beeindruckende Wand von rund 200 Quadratmetern Fels geschaffen. „Die Untergrundkonstruktion besteht aus 30 Tonnen Stahl“, berichtet er. „Gebaut wird das Ganze aus Granit, Zement und Glasfaser, darüber kommen dann Silikonabgüsse von Granitfelsen.“ Die fertige Wand wurde schließlich mit echtem Schnee bedeckt. „Denn mit Schneekanonen hat es nicht geklappt, die haben zu viel Nebel produziert“, so Gerg.

Karl Markovics wird zum Expeditionsleiter der Messner-Brüder Bild: Florian Liedl

An Minusgrade gewöhnt

Improvisationstalent war gefragt, auch was den Einsatz des Equipments bei Temperaturen von minus 23 Grad betraf. Die Kamera musste vor der Kälte geschützt werden. Joseph Vilsmaier sieht die frostigen Temperaturen gelassen: „Als wird ‚Stalingrad‚ gedreht haben, in der Polarzone in Finnland, hat es jeden Tag minus 30 Grad gehabt. Da waren wir sechs Wochen am Stück im Eis.“

Für Vilsmaier ist jeder Film ein neues Abenteuer, auch wenn „Nanga Parbat“ vielleicht ein besonders großes ist. Reinhold Messner selbst hat ihm den Stoff angetragen. „Ich bin auf Joseph zugegangen, denn ich finde einige seiner Filme sehr gut“, so Messner. „Er hat ein großes Einfühlungsvermögen für die Menschen, die im Gebirge aufgewachsen sind. Ich war der Meinung, dass er der richtige Mann für diesen Film ist.“ Nun ist die Bergsteigerlegende auch als Berater am Set präsent. Die Chemie zwischen ihm und dem Regisseur scheint zu stimmen. „Ich bin heilfroh, dass Reinhold da ist“, sagt Vilsmaier.

Regisseur Joseph Vilsmaier arbeitete für ein realistisches Ergebnis Hand in Hand mit Reinhold Messner zusammen Bild: Concorde
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Kein Déja Vù

„Ich bin nun mal kein Extrembergsteiger, er dagegen weiß genau, wie sich die Leute bewegen müssen. Die Zusammenarbeit macht richtig Spaß. Ich lerne etwas vom Bergsteigen, und er ein bisschen was vom Filmemachen.“ Das bestätigt auch Messner: „Ich hatte zwar an vielen Dokumentarfilmen mitgewirkt, aber von Spielfilm keine Ahnung. Jetzt habe ich einen Lehrer gefunden, der bereit ist, mir alles zu erklären. Joseph ist ein handfester Handwerker, das gefällt mir. Er ist einfach raufgeflogen auf den Nanga Parbat und hat dort gedreht.“

Wie ist es nun für Reinhold Messner, der als erster Mensch alle 14 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff bezwang, die ganze Geschichte quasi noch einmal zu durchleben? „Ich mache diese Arbeit mit einer ganz großen Distanz zu der Sache. Es geht um einen Film, der auf einem Drehbuch basiert, das nicht von mir stammt und Bild für Bild umgesetzt wird. Möglich, dass der fertige Film am Ende Emotionen bei mir auslöst. Doch jetzt geht es um Details: Wie kalt war es da oben? Wie knackt ein Eisbruch? Wie geht ein Steigeisen in die Wand?“ Ist es Messner denn nicht ein Anliegen, mit dem Film einem breiten Publikum noch einmal die Wahrheit zu erzählen?

Die Ankunft an der Spitze ist in "Nanga Parbat" wie im Bergsteiger-Drama "Nordwand" gleichzeitig Sieg und Niederlage Bild: Majestic (Fox)

Alles für eine weiße Weste?

Jahrelang hatten Teilnehmer seiner Expedition ihm ja vorgeworfen, seinen Bruder am Gipfel im Stich gelassen zu haben. Der Bergsteiger winkt ab: „Ich kenne meine Geschichte und brauche keine Rechtfertigung. Ich bin kein Prediger. Im Film geht es um das, was zwischen dem Berg und den Menschen passiert ist. Um Hoffnungen, Verzweiflung und Ängste und das, was der Mensch durchstehen kann.“ Der Fund von Günthers Leiche vor vier Jahren habe Messners Geschichte ja hinreichend belegt. Doch die ganze Expedition sei nun einmal ein filmreifer Stoff.

Davon kann sich das Publikum überzeugen, wenn „Nanga Parbat“ in die Kinos kommt. Senator plant den Deutschlandstart Anfang Januar, Anatol Nitschke steuert mit der Firma deutschfilm die Vermarktung. „Für mich ist es eine sehr persönliche Sache, wieder mit Sepp arbeiten zu dürfen“, sagt Nitschke. „Es ist eine wahre Geschichte und ein großes emotionales Thema. Da ist Sepp Vilsmaier zu Hause. Das ist genau sein Metier.“

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