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Interview mit dem Regisseur

Wie bist du zu diesem Projekt gekommen?

Ich wurde einfach gefragt. Ursula Gruber, die Drehbuchautorin, hat mich angerufen und mir das Buch vorbei gebracht. Wir kannten uns flüchtig und anscheinend haben ihr meine Filme einigermaßen gefallen. Auf jeden Fall hat sie mir dann von ihrem Buch erzählt und dass sie es wahnsinnig gern hätte, dass ich die Regie übernehme. Ich hab’s dann gelesen und war begeistert.

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Was hat dich an dem Drehbuch besonders gereizt?

Für mich lag der Reiz in dieser Geschichte, dieses wilde, dieses andere Leben, das da nach Bayern kommt und die Regeln sprengt, zu beschreiben. Mich interessieren Situationen, in denen Menschen etwas Fremdes begegnet, auf das sie erstmal mit einer ganz natürlichen Abwehr reagieren. Und auch anders herum, welche Ängste entstehen, wenn man selbst neu irgendwo ist und auffällt. Mich reizt dieses Grundproblem, das jeder Integration zugrunde liegt.

Und dann mag ich es ja immer gern, wenn man eine Geschichte aus den Augen eines Kindes erzählt. Man kann so mit einer gewissen Naivität an den Stoff herangehen. Alle Kinder fangen irgendwann an, Regeln zu hinterfragen. „Stimmt das?“, „Ist das auch mein Weg?“ Und dann kommt oft erstmal die Gegenbewegung, dass das Kind sagt: „Alles ist Scheiße“, diese Gesetze und Regeln. Es gehört zum Erwachsenwerden, zu begreifen und zu erkennen, welches Gesetz und welche Regel gut ist und welche nicht. Dieser Konflikt hat mich gereizt.

Was ist für dich das zentrale Thema des Filmes?

Für mich sind es diese zwei Seelen in jeder Brust. Die eine, die sagt: „Müsste man nicht freier, liberaler, offener, wilder leben?“ Und die andere, die sagt: „Regeln sind gut für mich.“ In SOMMER IN ORANGE treffen diese zwei Seelen glorreich aufeinander, indem eine Berliner Kommune ins konservative Bayern der achtziger Jahre kommt.

Du arbeitest gern immer wieder mit bestimmten Leuten zusammen…

Das stimmt. Das hat für mich sehr viel mit Vertrauen zu tun. Mir ist eine gelöste und vor allem lebendige Atmosphäre am Set ungemein wichtig. Nur dann kann ich meine Vorstellung von einer Szene bzw. dem Film wirklich entwickeln. Es müssen schon Freunde sein, die meinen Stil des Inszenierens aushalten. Das ist meist sehr gestenreich und übertrieben, aber mit der Zeit kapiert man, wie ich’s meine. Es ist für mich ein ganz wichtiges Element des Filmemachens, wenn eine Vision gemeinsam ausgearbeitet werden kann und die Idee einer Szene in der gemeinsamen Arbeit entsteht.

Gibt es eine Message, die all deinen Filmen innewohnt?

Ich beschäftige mich eigentlich immer mit Stoffen, in denen einfach scheinende Probleme mit einer augenzwinkernden Menschlichkeit und Wärme gelöst werden. Ich könnte mich bei meinen Filmen natürlich auch für eine realistischere und manchmal auch härtere Sichtweise entscheiden, aber mir ist es wichtiger einen Wunsch oder eine Utopie in die Welt zu tragen. So ungefähr sehe ich z.B. Filme von Helmut Käutner, bei denen es immer um Wärme, Miteinander und Einfachheit geht, und in diesem scheinbar Einfachen aber eine menschliche Fallhöhe und Tiefe liegt, die uns alle beschäftigt. Noch siegt da immer der Wunsch, zu zeigen, wie es sein könnte, im positiven Sinne – ob sich das bei mir immer durchsetzen wird, weiß ich nicht.

Schauspielerin Daniela Holtz über den Film

Vier Wochen Kommune, und ich bin dabei! Sinke auf’s Sofa. Schwanke zwischen absoluter Begeisterung und echter Skepsis. Auch wenn es nur für einen Film ist…ich atme durch. Koffer packen. In orange sein. Einziehen, sich nicht heraus stehlen. Vier Wochen, sechs Erwachsene, zwei Kinder, alle fast immer zusammen. Und wir reden hier nicht von den Kuschel-WGs der 90er, von grasgetränkten Studentenpartys, wir reden hier von politischem Programm, Konsensentscheidung und von der freien Liebe. Bhagwan heißt das Überthema, der Guru unserer kleinen Interimskommune. Bhagwan! Schon mal gehört. War das nicht auch Osho, der mit den Rolls Royce, der mit den Sexgruppen und nackten Schlägereien…? Ich lese mich ein bisschen ein, Liebe wächst nur in Freiheit steht da…na ja. Reise innerlich in den Ashram nach Poona, alle sagen „Drop your Ego“, ja gut, aber wie macht man das? Morgens um sieben Dynamische Meditation am Berliner Landwehrkanal, die ist seeeehr anstrengend aber irgendwie irre und Fleisch esse ich jetzt auch nicht mehr. Bei Gemüse-Burgern bewege ich den Gedanken „Vom Denken zum Fühlen zum Sein zum Nichtsein“. Bhagwan hat was!

Das Drehbuch der Autorin Ursula Gruber trifft ein. Ich spiele Brigitte, eine pragmatische Schwäbin, die wohl sucht, was wir alle suchen und es offensichtlich in dieser anderen Form des Zusammenlebens findet, heute heißt das Wohngemeinschaft. Die gibt es inzwischen in jedem hintersten bayrischen Zipfel, aber das, was unsere Kommune in SOMMER IN ORANGE versucht, hat nichts mit finanziellem Pragmatismus oder Übergangsprovisorium in die reguläre Zweierbeziehung zu tun. Das, was wir vier Wochen spielen sollen, ist Überzeugung, ist Liebe, ist Weite, ist Befreiung, Entlarvung…meine Güte.

Die erste Probe ist verregnet. Bis zu dem 200 Jahre alten Bauernhof muss man fast schwimmen, der Regen der letzten Tage hat alles in Moor verwandelt. Im ersten Moment denke ich: Das wird ein düsteres Drama, wenn der Himmel uns nicht hold sein wird in den nächsten Wochen. Ich betrete die alte Bauernküche, die Ausstattung ist faszinierend. Kleine Osho-Bilder hängen an der Wand, eine handbemalte Libelle, „Glück ist Jetzt!“ steht auf dem alten VW Bus. Ein gelber Button klebt auf dem Schrank, darauf das Konterfei von Franz Josef Strauß, der Kopf knallhart durchgestrichen. „Heu raus und Spirit rein“, würde Siddharta, der WG-Grantler jetzt sagen und dabei heimlich ein Muster in den großen Küchentisch ritzen.

Erst jetzt fällt mir der beeindruckende Kombucha Pilz ins Auge. Amber Bongard, die unsere 12-jährige Hauptfigur Lili spielt, weiß schon gar nicht mehr, was das eigentlich ist. Ich versuche ihr das Modegetränk der 90er zu erklären, ihr fassungsloser und angeekelter Gesichtsausdruck ist angesichts des beeindruckend pelzigen Pilzes, der da in einer trüben Brühe schwimmt irgendwie zu verstehen. Ein paar Wochen später trinke ich das Gesöff in einer Szene, es riecht nach 80er Jahre, nach Schrot und Korn-Müsli, nach Latzhose, nach „Atomkraft – nein danke!“, nach…Inhalt. Dieses ganze auf-Augenhöhe-Ding ist doch so over…dachte ich. Achselhaare, ich meine, Achselhaare! Und jetzt…

Wir sitzen in der großen alten Bauernküche und kauen zum hundertsten Mal an diesem Tag Sprossen. Neben mir Brigitte Hobmeier, die Leela spielt, die Schöne und Weitgereiste, die ihre innere Freiheit im körperlichen Begehren sucht. Oli Korittke gibt Gopal, irgendwie der gute Geist der WG, im Ton rau und im Herzen golden wie der Berliner Friedensengel. Petra Schmidt-Schaller spielt Amrita, die Mama von Lili, die sich selbst sucht und am Ende ihre Kinder findet. Siddharta, der österreichische Grantler mit sensibler Seele ist Georg Friedrich, Chandra (eigentlich Wiebke Puls), die Nachtschönheit, das Mondgewächs, und Yogi, das große Kind, der Spielmacher, der Baum-Umarmer, eigentlich Daniel Zillmann. Und dann noch Chiem van Houweninge, hier Prakash, der spirituelle Weltenbummler.

Ich sehe sie an, wie sie da so alle am Tisch sitzen mit den wachen, verschlossenen, aufgeregten, gespannten Gesichtern…Rosi, unser Wahnsinns-Regisseur, hüpft und tanzt und jubelt und waldschratet sich durch unsere zart entstandene Gemeinsamkeit und plötzlich bin ich glücklich. Es erscheint mir als käme Licht durch die Ritzen, als würde Staub aufgewirbelt und echte Energy ist da. We drop the Ego. WE ARE…!

Alles ist orange und rosa, weit und weich. In unseren Kostümen schweben wir über die Wiese, erkunden unseren alten Bauernhof, die ganz freien Brüste wippen im Takt zu unseren Begeisterungsschreien. Wir rennen alte Holztreppen rauf und runter und am Ende fallen wir übereinander, kugeln uns, halten uns die Bäuche vor Lachen. Draußen wird entdeckt und erzählt, alles ist plapprig und aufgeregt und schön. Ich weiß nicht wann ich das letzte Mal so viele lachende Menschen auf einem Haufen gesehen habe.

Der erste Konflikt in der Gruppe! Tanzen im Regen. Die Hälfte ist dafür, das Bild nackt zu spielen, die andere auf keinen Fall. Bhagwan sagt, es geht darum, alle Konventionen und falschen Programmierungen fallen zu lassen und zum Kern vorzudringen. Hier im Regenbild liegt der Kern in der Scham, zutiefst menschlich und hinterher im Kino zu sehen. Die Regenmaschine geht an, wir schmeißen die Wärmedecken ins Gras und rennen ins Nass. Musik, wir tanzen, da passiert es: Kurz nachdem uns das Wasser die orangenen T-Shirts an die Haut geklebt hat, greift der erste im Eifer der Euphorie in den klebrigen Stoff und zieht sich das Ding über den Kopf. Wir tanzen, wir gucken. Der nächste zieht mit, es ist zu schön dort unten, im Regen, im Gras. Am Ende hüpfen alle oben ohne, halten sich an den Händen, umarmen sich im Tanz und meinen den Moment. In unserer Mitte der, der die Nacktheit am meisten scheute und nun nicht aufhören kann zu lachen über das, was ihm da so einfach passiert ist. „Heu raus, Spirit rein!“ Es hat angefangen!

Wow, so also sieht der Hof aus, wenn die Sonne durchbricht. Der Move geht in uns über. Lange Tage, die Gesichter immer strahlender, selbst an müden Stunden. Bilder, die sich in mein Hirn brennen. Einer massiert im Halbschatten einen Kollegen während, die anderen drehen. Der andere verbringt Stunden damit, kleine Mandala auf seinen Spielpulli zu sticken, die hinterher natürlich wieder ab müssen (Anschluss! Device!), eine Schönheit steht im Wind mit weitem Gewand, hinter ihr hebt blauer Himmel, göttlich. Ich liege mit meinem orangenen Rock und dem weiten T-Shirt auf einer Liege und sehe dem Treiben zu. Meine unrasierten Beinhaare werden von einer sanften ländlichen Prise ein wenig nach rechts geweht. Was ist passiert? Es fühlt sich ein bisschen an wie…Familie.

Wie eine Zwiebel blättern die Schutzschilde langsam dahin. Fast unmerklich werden Dinge preis gegeben, während wir im „On“ in minutenlangen Gruppenumarmungen verharren, ganze Tage in den alten Spielautos verbringen oder auf den morschen Baumstümpfen im Wald auf den „Take“ warten. Plötzlich macht alles Sinn. Wir fangen an ohne Masken zu sein. Die Kleidung ist egal, das Make-Up vergessen. Tränen fließen einfach, Erschütterungen werden aufgefangen. Jeder kommt mit allem was er ist und meistens ist einer da, der dazu passt. Der Verschlossene wird porös, der Witzige sensibel, die Schöne deftig, der Sanftmütige brutal, die Zurückhaltende expressiv. Kein Witz ist zu dumm, keiner kann sich verstecken. Und ich? Ich werde still, etwas, das ich sonst selten bin. In mir ist keine Angst mehr, denn ich bin plötzlich nicht nur einer sondern acht und das ist genau richtig so.

Die letzten Drehtage nahen. Der Heuboden der alten Tenne, auf der unser Matratzenlager aufgebaut war, wird geräumt, die Wiesen sind platt getreten von den vielen Komparsen, die dort gezeltet haben. Ich habe vergessen, dass wir einen Film machen. Als wir um die Wurst stritten oder uns nackt in die Betten warfen, als 350 Komparsen auf einem Dorfplatz mit uns schlägerten, wir am Lagerfeuer aus dem Nichts ein Lied zustande brachten, sind diese Momente irgendwann zu meiner Realität geworden. Mehr als ich wahrhaben will, mehr als ich mir hätte vorstellen können, haben sich die verrückten, verdrehten Mitspieler in mein Herz gebrannt. Zwei Elefanten stehen auf der Wiese, noch einmal bietet der Himmel alles an Sommer auf, was möglich ist. Ich entferne mich etwas von dem bunten Treiben, in mir Abschied. Gehe noch einmal die knarzende Stiege zum Heuboden hinauf, inzwischen vergessenes Terrain. Außer einem letzten Scheinwerfer keiner mehr da. Die Ausstattung hat alles leer geräumt, nur das große Osho-Bild haben sie vergessen. Es hängt an der Wand, ich trete nahe an den alten Mann mit dem weißen Bart heran. Sein Blick durchdringt mich, zieht mich in sich hinein. Ich blicke mich um. Außer mir ist niemand hier. Da höre ich es wispern. „Liebe ist einfach da. Liebe nimmt man nicht und gibt man nicht. Liebe ist einfach da.“ Und Rosi, unser Wahnsinns-Regisseur, hüpft durch meinen Kopf und sagt: „So a Fuim, des is a Lebenszeit. Wenn ma di nedda nutzen hom ma auf jeden Foll was folsch gmocht.“ Das Heu kommt wieder rein in die Tenne und den Spirit nehmen wir mit. Koa Frog.

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