Solo: A Star Wars Story Poster

Deshalb lohnt sich "Solo: A Star Wars Story" trotzdem

Johannes Spengler  

Vernichtende Kritiken und Fans, die zum Boykott von „Solo: A Star Wars Story“ aufrufen. Der Han-Solo-Film wird mit Sicherheit keinen Glanzstart hinlegen. Doch ist der Film wirklich so mies?

Ein Film ohne jede Relevanz, die Entzauberung eines Mythos, eine fiese Geldmaschine, die längst ihr Herz verloren hat. So lauten die ersten Reaktionen zu „Solo: A Star Wars Story“. Manche Kritikpunkte sind durchaus berechtigt, andere schießen über das Ziel hinaus. Die kurze Antwort auf die Frage, ob „Solo: A Star Wars Story“ ein mieser Film ist, lautet nein. Doch es ist etwas komplizierter.

Wer braucht schon ein Prequel?

Meine erste Reaktion nach der Vorstellung war ein Aufatmen. Ich bin „Star Wars“-Fan, seitdem mein großer Bruder mir zum ersten Mal vom Millennium Falken und dem Kesselflug erzählte. Damals hatte ich die Filme noch gar nicht gesehen und keine Ahnung, was er damit überhaupt meinte. Aber in meiner Vorstellung hallten die fantastischen Begriffe nach. Als ich dann das erste Mal „Star Wars“ sah, war ich nicht enttäuscht. Es war ein Fest. „Solo: A Star Wars Story“ muss eine ähnliche Aufgabe bewältigen. Wer das Franchise verfolgt, hat vielleicht selbst eine Vorstellung davon, was genau der Kesselflug ist und wie Han Solo den legendären Millenium Falken erhalten hat. Die Gefahr, dass der Film nicht einhält, was die Vorstellung verspricht, ist groß. Prequels sind nicht nur die lästigste Form der Franchise-Ökonomie. Sie können einen Mythos entzaubern und das Franchise komplett zerstören.

Wenn wir ehrlich sind, braucht es kein Han-Solo-Prequel. Hardcore-Fans kennen ohnehin alle Romane und Comics, die vom ersten Zusammentreffen zwischen Han und Chewbacca berichten. Für das restliche Publikum war Han Solo auch ohne diese Hintergrundinformationen eine stimmige Figur. Wenn man so argumentiert, muss man aber auch sagen, dass wir kein Obi-Wan-Prequel brauchen (in Arbeit), keinen Hintergrund zu den Todessternplänen brauchten („Rogue One: A Star Wars Story“), eigentlich nie wissen wollten, dass die Macht ein intergalaktischer Bazillus ist (Midi-Chlorianer), dass Darth Vader ein nerviges Kind war. Und tatsächlich braucht es all diese Informationen nicht, sie sind überflüssig.

Ähnlich überflüssig ist auch die Hintergrundgrundgeschichte von Han Solo. Wir erfahren, woher sein Nachname kommt, wie er Chewie kennenlernt, weshalb er ein gespaltenes Verhältnis zu Frauen hat und auch die schnittige Frontlücke im Millennium Falken wird erklärt. Darüber muss man nicht in Entzückung geraten. Immerhin kann man dem Film anrechnen, dass er gar nicht so tut, als wären diese Anekdoten eine große Offenbarung. Es kann in „Solo“ keine Offenbarung geben, es ist ein Prequel — das Ende, ja sogar die Entwicklung der Figur kann man als bekannt voraussetzen. Prequels sind Nicht-Erzählungen. Dummerweise ist der Film trotzdem ziemlich unterhaltsam.

Stimmt die Tonalität von „Solo: A Star Wars Story“?

Wer die Produktionsgeschichte von „Solo: A Star Wars Story“, dem zweiten „Anthology“-Film nach „Rogue One: A Star Wars Story“, verfolgt hat, weiß von der Last-Minute-Entscheidung, die Regisseure Phil Lord und Christopher Miller durch Ron Howard zu ersetzen, Millionenteure Nachdrehs inklusive. Dann wurde Hauptdarsteller Alden Ehrenreich noch einmal zum Schauspielunterricht verdonnert. Nachrichten, die an „Rogue One“ oder den missratenen Superheldenfilm „Justice League“ denken ließen, an „Ant-Man“ — Filme, die nicht viel geleistet haben bis auf den Mythos, irgendwo läge ein genialer Director’s Cut herum, der alles wiedergutmachen würde. In den meisten Fällen wird es diesen Director’s Cut nicht geben. Im Fall von „Solo: A Star Wars Story“ kann man ihn sich gleich sparen. Denn ein ähnliches Debakel wie „Justice League“ bleibt uns zum Glück erspart. Viele Köche verderben den Brei. Manchmal korrigieren sie aber die Fehler ihrer Vorgänger.

Ein hervorragender Regisseur ist Ron Howard sicherlich nicht. Seine größten Verdienste in jüngerer Vergangenheit sind die Dan Brown-Verfilmungen „Inferno“ und „Illuminati“. „Apollo 13“ und „A Beautiful Mind“ liegen schon weit zurück. Als Krisenmanager wurde Howard wohl ans Set von „Solo“ gebracht, um dem Film nicht in völligen Klamauk abdriften zu lassen. Seine Blockbuster sind funktionierende, handwerklich überzeugende Filme, die immerhin mit Stringenz punkten können. Vielleicht ist Howard für die düstere Farbgebung von „Solo“ verantwortlich. Der Film ist blau, grau, kalt und düster, bevor es dann in die grelle Wüste geht. Der Farbgebung ist es zu verdanken, dass es einen größeren Zusammenhang gibt, der Action, Gags und Westernstimmung miteinander verbindet.

Ob es Fans gibt, die sich schon einmal Han Solo und Chewbacca gemeinsam unter der Dusche vorgestellt haben? Vermutlich nicht. Eigentlich möchte man das nicht sehen. Trotzdem wird es im Film durchexerziert. Warum? Handelt es sich hierbei um Restszenen, die Phil Lord und Christopher Miller („22 Jump Street“) gedreht hatten, bevor sie geschasst wurden? Zwischen der Action gibt es immer wieder grenzwertige Gags, die die Tonalität des Filmes komplett verschieben. Stellenweise wirkt das, als würde Disney versuchen, das Marvel-Prinzip auch auf „Star Wars“ anzuwenden. Notwendig ist das nicht. Es widerspricht sogar dem Western-Anspruch des Filmes, denn die Witze sind größtenteils albern. Diese Szene zeigt, was aus „Solo“ hätte werden können, wenn Ron Howard nicht das Ruder herumgerissen hätte. So schafft der Film es trotz dummer Gags, eine stimmige Atmosphäre zu erschaffen. Das größte Problem ist nicht die schwankende Tonalität des Filmes, sondern seine Geschichte.

Lügen, betrügen, Pläne schmieden

Han Solo wächst als Waisenkind auf dem Planeten Corellia auf. Es gibt dort nichts, außer Qi’ra (Emilia Clarke) und den Wunsch, den Schrottplaneten zu verlassen und die Galaxie zu sehen. „Solo“ beginnt mit einem Kickstart und dem ersten Gaunerstück des Titelhelden. Solo will sich mit einer gestohlenen Ladung Hyperraum-Treibstoff Coaxium den Weg in die Freiheit schmieren. Doch Qi’ra wird von ihm getrennt. Solo schwört, zurückzukommen, um sie zu befreien. Dafür meldet er sich zuerst freiwillig zur imperialen Flugakademie.

Natürlich kommt es anders. Han, der von Alden Ehrenreich zwar stellenweise hölzern, aber immerhin arrogant genug gespielt wird, ist überzeugt, er sei der größte Pilot des Universums. Obwohl es Hinweise und Indizien gibt, dass er es (noch) nicht ist. Er wird von der Akademie geschmissen und landet im Dreck. Dort lernt er den Wookiee Chewbacca (Joonas Suotamo) kennen und schließt sich der Gaunertruppe von Beckett (Woody Harrelson) an, die für Bösewicht Dryden Vos (Paul Bettany) einen Zug ausrauben soll.

Der Rest der Geschichte ist vorhersehbar. Han begegnet Qi’ra wieder, die inzwischen an der Seite von Dryden Vos steht. Vertrauen kann er ihr nicht. Vertrauen kann man eigentlich keiner Figur. Jeder lügt, betrügt, schmiedet Pläne gegen die anderen und einzig Han, der noch zu naiv ist, scheint den Plot nicht zu durchschauen. Der Zuschauer aber weiß sehr wohl, wer gerade wen übers Ohr haut. „Solo: A Star Wars Story“ wurde als Spacewestern angekündigt. Ein Zugraub, hin und wieder wechselnde Allianzen sowie die ständige Spelunken-Atmosphäre mögen das Prädikat rechtfertigen. Rau, existenzialistisch, überraschend oder gar wendungsreich ist die Geschichte allerdings nicht. Dafür bleibt sie zu einfach gestrickt.

Was zu erwarten war: Ehrenreich ist kein Harrison Ford

Im Vorfeld ist viel über Alden Ehrenreich berichtet worden. Harrison Ford hat mit Han Solo eine Legende geschaffen, die selbst Nicht-„Star Wars“-Fans kennen. Ehrenreich gewinnt der Figur vor allem ihre arrogante Seite ab. Breitbeinig und schmierig lächelnd stapft er durch die Szenerie, kommt dabei aber nicht an die verschmitzte Lockerheit Fords heran. Allerdings spielt Ehrenreich auch einen unerfahrenen Gauner. Solo lernt zu diesem Zeitpunkt noch. Seine Bluffs gehen regelmäßig nach hinten los. Wie Ehrenreichs Lächeln dabei versteinert, passt dann wieder gut zu der Figur. Trotzdem bleibt der Hauptdarsteller blass im Gegensatz zu den Nebenfiguren, die den eigentlichen Reiz der Geschichte ausmachen. Wird Han Solo dadurch entmystifiziert? Eigentlich nicht. Ein blasser Hauptdarsteller macht noch lange keinen schlechten Film. Auch Chadwick Boseman war als „Black Panther“ eine Randfigur. Der Film wurde durch die sympathischen Nebenfiguren getragen.

Ein ähnliches Niveau wie „Black Panther“ erreicht „Solo“ an keiner Stelle. Dafür sind auch die Nebenfiguren nicht überraschend genug. Sympathisch sind sie trotzdem, allen voran Hans Partner Beckett und der gönnerhafte Lando Calrissian. Der Weltraumdandy Calrissian hat einen schönen Tick für Umhänge und mit dem rebellischen Roboter L3-37 (Phoebe Waller-Bridge) einen der besten Sidekicks. Donald Glover dabei zuzuschauen, wie er seine Memoiren diktiert, macht einige hölzerne Dialoge mit Ehrenreich wieder wett. Leider leistet sich „Solo“ auch in Bezug auf die Nebencharaktere einige Schnitzer: So wird Val (Thandie Newton), Becketts Geliebte, zu früh, zu unmotiviert geopfert. Sie hat ihrem Partner erst emotionale Tiefe verliehen.

8 versteckte „Star Wars“-Anspielungen, die ihr in anderen Filmen bestimmt übersehen habt

Ob es auch Howard zu verdanken ist, dass Han am Ende zuerst schießt? Die große Überraschung des Filmes kommt zum Schluss. George Lucas hatte die unselige Entscheidung getroffen, das Original „Krieg der Sterne“ in der digitalen Überarbeitung nachträglich zu entschärfen, indem er Han Solos Mord an Greedo in Notwehr abmilderte. Ausgerechnet Disney nimmt diese Entscheidung nun zurück und erweist sich damit als besserer Nachlassverwalter als George Lucas selbst. Das war Disney so nicht zuzutrauen: Han schießt zuerst! Dieser Moment fängt den Geist der Orginaltrilogie besser ein, als so manche Szene in „Das Erwachen der Macht“ oder „Die letzten Jedi“.

Deshalb ist „Solo: A Star Wars Story“ sehenswert:

Ein steifer Hauptdarsteller, plumpe Gags und eine Geschichte, die nicht überrascht — lohnt es sich überhaupt, für „Solo“ ins Kino zu gehen? Die Antwort ist: ja. Trotz aller Schwächen ist das Spin-off rasant inszeniert, kann mit verschmitzten Nebencharakteren überzeugen, und es geht ja auch nicht jeder Witz so daneben wie Han und Chewie unter der Dusche. Darüber hinaus ist es der erste „Star Wars“-Film seit Langem ohne Todestern, ohne Macht, ohne Weltraumschlachten, ohne Rebellion, kurz: Ohne die ganzen Altlasten, die das Franchise langsam erdrücken. „Solo“ ist bodenständig und das Drehbuch von Jonathan Kasdan und Lawrence Kasdan findet kurzweilige Anekdoten, um die wichtigsten Hintergrunddetails zu Han Solo zu erklären. An diesem Punkt innerhalb der „Star Wars“-Geschichte kann man (leider) mehr nicht erwarten.

Fazit: Ron Howards „Solo: A Star Wars Story“ steht auf wackeligen Füßen. Stellenweise entgleitet dem Film die Tonalität. Als erster „Star Wars“-Film seit Langem, der ohne Macht, ohne Todesstern und ohne Rebellion auskommt, ist „Solo“ trotzdem ein erfrischender Ausflug in die weit, weit entfernte Galaxis. Kurzweilig, anekdotenreich, rasant — ein Spacewestern ohne Ambitionen, aber mit hohem Unterhaltungswert.

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