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„The Girl With All The Gifts“ – die Kritik

Nicht alles Zombies sind hirntot. Die junge Melanie und ihre Kameraden sind alles andere als das – und doch nicht weniger tödlich. Kongenial Verfilmung des erfolgreichen Endzeit-Romans von Mike Carey.

Das war’s dann wohl mit der Zivilisation: Die Menschheit ist einmal mehr am Rand der Klippe angekommen. Kein Meteorit, kein Supervulkan, keine Nuklearschlag – ein winziger Pilz war es, der das Grand menschlicher Gehirne in eine Art Rührei verwandelt hat, das nur noch einen Gedanken zulässt: Fressen – am besten die wenigen noch nicht Infizierten. Für den gesicherten Fortbestand der Menschheit war das eher nicht so gut – selbst, wenn sich einige Vertreter unsere Spezies noch rechtzeitig hinter Mauern und Stacheldraht verschanzen konnten.

Vorwiegend Erwachsene. Militär, ein paar Forscher, dazu etliche Unsortierte. Auch einige Kinder haben hier ihr neues Zuhause gefunden. Kinder wie die bezaubernde Melanie. Freundlich, intelligent, wissbegierig – jedenfalls in den Momenten, in denen sie dir nicht das Fleisch von den Knochen nagen möchte. Denn auch Melanie und ihre kleinen Kameraden sind von dem fatalen Pilz infiziert. Allerdings schon seit ihrer Geburt. Und der Fakt, dass bei ihnen dennoch die höheren Gehirnfunktionen weitgehend intakt geblieben sind, macht sie zum begehrtesten Forschungsobjekt der Menschheit – und zu ihrer einzigen Hoffnung.

Was sein muss, muss sein

Speziell die Wissenschaftlerin Dr. Caldwell (Glenn Close) setzt große Hoffnungen in ihre mit unbarmherziger Konsequenz geführten Experimente an den „Dingen“. Denn das hier sind keine Kinder. Das sind bestenfalls biologische Kuriositäten. Maximal gefährliche noch dazu. Weshalb sie auch im Unterricht stets fixiert bleiben müssen – und ansonsten mit einem Beißschutz versehen werden.

Eine Sichtweise, der sich die junge Lehrerin Helen (Gemma Arterton) nicht anschließen kann. Für sie sind ihre Schüler kranke, bemitleidenswerte Wesen. Und als ihr ganz besonderer Schützling Melanie sie dann noch bei einer massiven Zombie-Attacke vor dem sicheren Tod rettet, ist Helen endgültig überzeugt: Das sind keine Monster – das sind Menschen.

Was ist echt, was Fälschung

Damit liegt sie allerdings auf Kollisionskurs mit einer Theorie von Dr. Caldwell: Die hält es nämlich für durchaus möglich, dass all die scheinbare Intelligenz, Empathie und Freundlichkeit – kurz: die ganze Persönlichkeit der kleinen Patienten – lediglich eine ausgefeilte Simulation des Pilzes ist. Eine Art Mimikry, um sicherzustellen, dass er letztlich auch diejenigen befallen kann, die mit reinen Gewaltattacken nicht zu erreichen sind…

Nicht, dass es bei „The Girl With All The Gifts“ an Schockmomenten oder entsprechend drastischen Bildern mangeln würde. Doch der Reiz der existentiellen Endzeit-Geschichte nach dem Roman von Mike Carey liegt woanders. Es sind die Zwischentöne, die den Film von Regisseur Colm McCarthy zu einer Genre-Perle machen. Die philosophischen Aspekte einer Welt im radikalen Wandel – und die ewige Zerrissenheit zwischen Emotionen und Notwendigkeiten, von der sich weder Menschen noch Zombies wirklich freisprechen können.

So ein herzallerliebster Zombie

Gemma Arterton und Glenn Close sind mimisch natürlich lohnende Hingucker in einem Genre, das nicht eben für schauspielerische Substanz steht. Doch als so charmante wie tödliche Melanie stiehlt ihnen Newcomerin Sennia Nanua problemlos die Show – und dem Publikum von der ersten Sekunde an das Herz. Selbst, wenn sie es vermutlich am liebsten fressen würde.

Auch ist die Abenddämmerung der Menschheit brillant eingefangen. Nicht nur, dass die Bilder und Einstellungen das dramatische Schicksal einer zerfallenden Welt höchst überzeugend transportieren. Durch den ganzen Film zieht sich eine so eigenwillige wie faszinierende Atmosphäre, konterkarieren Bilder der Ruhe immer wieder das verzweifelten Aufbäumen der Protagonisten – und damit letztlich das der ganzen Menschheit.

Horror mit Nachhall

Trotzdem: „The Girl With All The Gifts“ ist ein Zombie-Film – und kein stilles Weltuntergangs-Dama à la „Melancholia“. Wer mit blutverschmierten Mäulern, Kugelhagel und Entsetzensschreien nichts anfangen kann, ist hier falsch. Doch Freunde von „Horror With a Twist“ und nervenzerfetzender Spannung samt einem gewissen Anspruch haben hier ein echtes Highlight vor sich. Eines, das nicht nur durch sein provokantes Ende auch nach Verlassen des Kinosaals eine ganze Zeit nachwirkt – und nicht nur in Form von Albträumen, wie die meisten anderen Vertreter seiner Gattung.

Der Trailer zu „The Girl With All The Gifts“

 

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