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Statement vom Regisseur Andre Erkau

Vorab: Ich war jung und brauchte das Geld. Auch ich habe in einem Callcenter gearbeitet. Und zwar habe ich dort während der ersten zwei Jahre meines Regiestudiums als Outbound-Agent mein Geld verdient. Mein Job war es, Ferienhäuser in Disney-ähnlichen Freizeitparks via Telefon an junge Familien mit Kleinkindern zu vermieten.

„We need every fucking booking“ dozierte einmal während eines Köln Besuchs einer der obersten Chefs der Parkanlagen. Und so „bookte“ ich, was das Zeug hielt. Um eine Buchung zu generieren, schreckte ich zugegebenermaßen nicht davor zurück, die Grenzen der Fairness neu auszuloten. Die Verkaufsquote heiligte die Mittel.

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In meiner Hochphase schaffte ich es in einem Quartal, unter den Outbound-Agenten den höchsten Umsatz zu erzielen. Neben der üblichen Provision erhielt ich an diesem Tag (zwischen Tür und Angel) einen Restaurantgutschein für 2 Personen.

Das Callcenter war ausschließlich für die Ferienhäuser zuständig und ein fester Bestandteil der Parkanlagen. Es stand in direkter Konkurrenz zu einem externen Callcenter in Essen, das für mehrere Firmen arbeitete. Diese Konkurrenz war eine permanente Bedrohung für beide Seiten, da monatlich die Daten miteinander verglichen wurden. Nicht nur Umsätze wurden verglichen, sondern auch Pausenzeiten, Gesprächszeiten, die Anzahl der abgeschlossene Kunden pro Stunde etc. Da Computer und Telefonanlage miteinander vernetzt waren, wurde jede noch so kurze Pinkelpause elektronisch erfasst.

Einmal im Monat wurde man mit seinen Durchschnittswerten konfrontiert und erhielt einige Ratschläge, wie man seine Leistung verbessern könnte. In ähnlicher Regelmäßigkeit saß für etwa eine Stunde ein Coach neben uns, um unsere Verkaufsgespräche mitzuverfolgen. Im Anschluss besprachen wir die Telefonate, um die Gesprächstaktiken zu besprechen. Alle halbe Jahre wurden Agenten entlassen und neue eingestellt. Ich wollte nicht entlassen werden, da ich mein Studium selbst finanzieren musste.

Kurz: Ich kenne das Milieu. Dadurch fühle ich mich sehr sicher in der Beschreibung dieses Sujets.

Ich wusste es zu schätzen, dass ich ohne große Probleme diese Arbeit bekommen hatte in einer Zeit in der selbst Studentenjobs rar gesät waren. Ich mochte die flexiblen Arbeitszeiten, die es mir ermöglichten, auf meinen Stundenplan von der Kunsthochschule für Medien zu reagieren. Und ich fand es grandios, dass ich durch den Job mit Menschen im Großraumbüro zu tun bekam, die ich im „normalen“ Leben niemals so leicht hätte kennen lernen können. Schließlich arbeitete der arbeitslose Akademiker neben dem Fortuna Köln-Fan mit Hauptschulabschluss, die allein erziehende Mutter aus der Vorstadt neben dem Schauspielschüler etc.

Unterm Strich überwiegt für mich jedoch die Härte des Geschäfts als bleibender Eindruck. So kenne ich den permanenten Druck und die tägliche Angst, den Job zu verlieren. Ich erinnere mich an die Leere im Kopf, die man verspürt, wenn man eine Acht-Stunden-Schicht am Telefon verbracht hat. Ich kenne die Abscheu vor der eigenen Tätigkeit und die Strategien, die man entwickelt, damit klar zu kommen. Und ich weiß nun mehr denn je, dass die Dinge, die wir tun, auf unser Leben abfärben - mehr, als uns lieb ist.

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