Für Links auf dieser Seite erhält kino.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder blauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
  1. Kino.de
  2. Filme
  3. Sebastiane
  4. Fakten und Hintergründe zum Film "Sebastiane"

Fakten und Hintergründe zum Film "Sebastiane"

Fakten und Hintergründe zum Film "Sebastiane"
Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über die Produktion

SEBASTIANE wurde aus einer nicht ganz ernsthaften Idee heraus 1975 entworfen. Jarman hatte zuvor als Maler und Bühnenbildner auf sich aufmerksam gemacht. Nur einige Insider der Londoner Kunstszene wussten von seinen ambitionierten und höchst persönlichen Super-8-Filmen, die zu dieser Zeit entstanden. Mit seinem Freund James Whaley schrieb Jarman innerhalb kurzer Zeit ein Drehbuch über den christlichen Märtyrer, das sich auf wissenschaftliche Thesen von Guy Ford berief (der bei dem Film als Regieassistent fungierte). Relativ schnell war den dreien klar, dass sie den Film in lateinischer Sprache drehen wollten – moderne Slang-Ausdrücke aus dem Mund von römischen Hauptmännern und Soldaten wären unfreiwillig komisch gewesen. Jack Welch, ein befreundeter Latein-Lehrer, übersetzte daraufhin die Dialoge in schulbuchreifes Latein, wobei es einige umgangssprachliche und frivole Wortneuschöpfungen zu erfinden galt.

Das Drehbuch wurde mehrfach umgeschrieben – eigentlich diente es während der Dreharbeiten lediglich als narrative Orientierung, um jederzeit Raum für die Eigenarten der Drehorte (auf Sardinien), die besonderen Fähigkeiten der Schauspieler (Schattenboxen, Tanz, Flötenspiel etc.) zu gewährleisten. Natürlich war dieses Projekt nicht einfach zu finanzieren. Whaley investierte zwar genug privates Geld, damit man mit dem Drehen beginnen konnte; Aber erst der Einsatz seines Freundes Howard Malin ermöglichte es, genug finanzielle Unterstützung für die Fertigstellung und Postproduktion zu gewinnen. Malin war sofort klar, dass er sich damit nicht an die staatliche Filmfinanzierung wenden konnte – bei diesem Thema und angesichts der vorherrschenden bürokratischen Strukturen. Also wurden Privatleute für das Projekt begeistert – vor allem Sammler von Jarmans Gemälden, die dem unerfahrenen Regisseur vertrauten und gar nicht daran dachten, inhaltlich bei dem Projekt Einfluss zu nehmen.

Da der Einsatz für das Projekt also vollständig auf persönlichen Beziehungen und Sympathien beruhte, entstand ein außerordentlicher Teamgeist in der kreativen Arbeit – und so wurde SEBASTIANE , einer der ersten wirklich unabhängig produzierte britische Filme, zu einem Vorbild und Modell für ein alternatives und freigeistiges ‚Queer Cinema‘ bzw. ‚Independent Cinema‘ im Allgemeinen. Die Produktionssprache Latein ließ einen Cast aus Schauspielern mehrerer Nationalitäten zu – da die Ausgaben für Nachsynchronisation sowieso nicht im Budget enthalten waren (bis heute ist SEBASTIANE der einzige englische Film, der nur im nicht-englischen Original mit englischen Untertiteln existiert).

Das Ensemble bestand hauptsächlich aus professionellen Schauspielern, andere kamen auf eigenartigen Wegen dazu: Barney James, der den Severus spielt, war eigentlich Drummer in der Band von Rick Wakefield; Der Hauptdarsteller Leo Treviglio war ein italienischer Dichter und Kurzzeit Mitglied des Living Theater, als er Jarman in Rom bei der Arbeit zu einem Gargantua-Projekt traf. Auf den Drehort, einen Privatstrand auf Sardinien, wurden die Filmemacher durch Freunde aufmerksam gemacht. Das meiste entstand im kreativen Prozess sowieso vor Ort – angepasst an die vorgefundenen Umstände. Jarman gab zu: „Dieser Film wurde eher arrangiert als inszeniert!“, was für ihn aber nicht gegen das Ergebnis sprach. Gedreht wurde in zehn Tagen, mit einem kleinen Team, das hauptsächlich aus BB C-Mitarbeitern bestand (bei der auch der Co-Regisseur und Cutter Paul Humfress angestellt war).

Das Material wurde immer sofort nach London geschickt und erst nach der Rückkehr konnte man das Ergebnis begutachten. Natürlich gab es beim Drehen mehrere Zwischenfälle - vor allem die Special Effects bei der Szene des von Pfeilen durchbohrten Sebastian waren trotz der Hilfe eines Fachmannes aus der Cinecitta ein Problem, das einen kompletten Tag in Anspruch nahm und einen leicht verletzten Hauptdarsteller zur Folge hatte.

Mit dem Ergebnis des belichteten Materials ließen sich jedenfalls ohne besondere Schwierigkeiten genug Mittel für die Postproduktion auftreiben. Für die Musik konnte Brian Eno gewonnen werden – SEBASTIANE war sein erster Filmscore überhaupt. Die Unabhängigkeit der Finanzierung setzte sich auf dem Feld der Distribution fort. Malin gründete mit der Cinecycle in Zusammenarbeit mit dem etablierten Verleih Cinegate eine eigene Distributionsfirma, die den Film in drei englischen Städten starten konnte, nachdem SEBASTIANE auf dem Filmfestival in Locarno große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Dort gab es zunächst Angriffe von allen Seiten – in Italien liefen sowohl rechte als auch linke Institutionen gegen die eigenwillige Interpretation eines christlichen Mythos’ Sturm. Aus England gab es einige Nestbeschmutzungs-Vorwürfe und eine offensichtliche Überforderung in der Einordnung dieses außergewöhnlichen Werks – man wusste gar nicht, wo so was plötzlich herkam, da man die verkrusteten Strukturen der englischen Filmwirtschaft gewohnt war. Der Authentizitäts Fetisch der Briten angesichts einer historischen Darstellung war Jarman natürlich vertraut und seit langem ein Dorn im Auge.

Sein SEBASTIANE ist genau recherchiert (für die Details studierte er etruskische Originalquellen), aber zugleich auch bewusst offen gehalten für Verweise auf die aktuelle Zeit (daher hat seine Orgie zu Beginn des Films genauso viel mit den Ritualen im Palast des Diokletian zu tun wie mit den Partys im 1960s ‚Swinging London‘). Die Idee mit den lateinischen Dialogen ist da ebenfalls als einaugenzwinkerndes Spiel mit den selbsternannten Bewahrern historischer Genauigkeit zu verstehen: mehrere Lehrer und Pfarrer empfahlen den Film ihren Schützlingen aufgrund des hervorragenden Schullateins – und übersahen dabei seine ‚Homoerotisierung’ der christlichen Märtyrergeschichte. Derek Jarman experimentierte hier zum ersten Mal mit Neuinterpretationen und modernen Öffnungen historischer Stoffe – eine Methode, die er u.a. in CARAVAGGIO und EDWARD II . so meisterhaft weiterentwickelte.

Für Jarman ging es in SEBASTIANE vor allem um Homosexualität. „Es ist vielleicht der erste Film überhaupt, der Homosexualität als gesellschaftliches Faktum herausstellt, das überhaupt nicht hinterfragt wird – als Antwort auf all die anderen Filme, in denen Heterosexualität als Normalität vorausgesetzt wird und ihrer seits niemals hinterfragt wird. Das ist auch nicht – wie andere Filme vorher – ein Film für ein Ghetto Publikum – oder für ein heterosexuelles, für das schwule Beziehungen von außen als ‚etwas Besonderes‘, als soziales oder persönliches Problem dargestellt werden. In unserem Film geht es um eine Gruppe von Männern, isoliert von der restlichen Gesellschaft – das ist ein Labor vieler möglicher Arten von Beziehungen – die leider, wie es Sebastianes apollonischen Phantasien schon vorwegnehmen, seitdem bis heute aus der sozialen Welt verdrängt wurden und werden“, so Jarman in Interviews zum Filmstart.

Es ist die visuelle Originalität, die unverkrampfte Erotik, die Sicherheit im thematischen und künstlerischen Ansatz, verbunden mit der Selbstständigkeit und dem persönlichen Engagement in der Finanzierung dieses Projekts, die SEBASTIANE so kraftvoll und einzigartig im Kontext der englischen Filmgeschichte machen. Gerade auch im Wissen um Jarmans weiteren kompromisslosen Weg, seine Filmerfolge bis BLUE (1994), seinen bis heute lebendigen Spirit und seine filmgeschichtlichen Bedeutung u.a. für die Regisseure des ‚New Queer Cinema‘ und des amerikanischen Independent-Films im Allgemeinen ist aus SEBASTIANE mehr geworden als der große, etwas frivole Spaß, als der er vielleicht zunächst gemeint war…

Statements des Regisseurs Derek Jarman

„Sebastian bekam die Pfeile, die er verdiente. Kann man mit diesem lateinischen Heimlichtuer Mitleid haben? Der stigmatisierte Seb, der seine Wunden auf tausend Altären wie ein Anfänger zur Schau stellt. Die Dreharbeiten auf Sardinien – 30.000 Pfund in einem Aktenkoffer von einem Schiffsmagnaten – waren hart, lang und heiß. Einige am Set schrien: ‚Scheiß Ausbeutung!’ und gingen, weil ich angeblich einen Pornofilm drehte. Ich blieb an meinem Feuer sitzen, bis die sardischen Hirten mitten in der Nacht ihre Ziegen am Strand entlang trieben. Es waren dreihundert Ziegen, und alle hatten Glocken, die in der Sternennacht läuteten. Das waren keine Kirchenglocken; sie klangen wie plätscherndes Wasser, die Musik der Sphären. Piero, der jüngste der Hirten, hüllte mich in eine Decke und nahm mich auf den alten etruskischen Turm mit hinauf, der das Meer nach Westen hin beherrschte. Dort hielt er mich fest und küsste mich. Als wir nach Rom zurückkehrten, hatten alle Ziegenhirten auf Sardinien englische Liebhaber.“

(Derek Jarman, aus „Auf eigene Gefahr“, Wien 1996)