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„Radio Heimat“ – die Kritik

Alexander Jodl |

Radio Heimat Poster

Vier Halbwüchsige wollen endlich dem anderen Geschlecht näherkommen. Selbst in den lockeren 80ern keine leichte Sache – speziell wenn man in der Malocher-Stadt Bochum als Gymnasiast sein Leben fristet. Gelungene Fremdschäm-Komödie nach den autobiografischen Geschichten von Frank Goosen.

Pubertät in der Nahaufnahme hat ja immer etwas Peinliches. Speziell, wenn dabei die Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht eine tragende Rolle spielt. Dass dieser Kelch ja an niemandem vorüber geht, macht es irgendwie auch nicht besser. Wenn sich das Ganze dazu in den 80er-Jahren abspielt, potenziert sich das Peinlichkeits-Potential noch: Für diese Epoche hat sich Deutschland stilistisch ja immer schon tendenziell geschämt. Jedenfalls bis, vor gar nicht langer Zeit, die Meinungsmacher draufkamen, dass schräge Klamotten, Electro-Pop, Mut zum Spaß sowie Nena & Co. irgendwie auch saucool waren.

Im Pott allerdings eher nicht. Jedenfalls nicht in dem, den Kultautor Frank Goosen als Junge zu bewohnen das Vergnügen hatte. Der hat nämlich zur Komödie „Radio Heimat“ die literarischen Erinnerungen gestiftet, Regie-Newcomer Matthias Kutschmann das filmische Handwerk – und die Nachwuchs-Schauspieler David Hugo Schmitzf, Hauke Petersen, Jan Bülow und Maximilian Mundt das mimische Talent als Schul-Kumpels Frank, Spüli, Pommes und Mücke. Das Ergebnis ist angesichts seiner thematischen Ausgangsbasis für alle Beteiligten herrlich unpeinlich – und noch dazu wirklich witzig.

Natürlich ist die von tiefer pubertärer Verständnislosigkeit geprägte Cherchez la femme eine Goldmine für alle begeisterten Fremdschämer: Schließlich nimmt der engagierte Versuch des Trüppchens Jungmänner, die eigene Unberührtheit endlich hinter sich zu lassen, unvermeidliche Formen an: stundenlanges dumpfes Herumsitzen auf Partys etwa – die Geschlechter dabei strenger getrennt, als selbst Boko Haram lieb wäre.

Bei zufälligem Feindkontakt dazu meist komplettes Verstummen – alternativ: markige Sprüche gegenüber der Damenwelt zur denkbar ungünstigsten Zeit. Denn im Beschaffen von Alkohol haben es die vier längst zu wahrer Meisterschaft gebracht. Im Vertragen dummerweise weniger. Dazu die klassische Problemstellung, der Fehlfarben Anfang der 80er in „Paul ist tot“ ein akustisches Denkmal gesetzt hat: „Was ich haben will das krieg´ ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht...“

Was Frank haben will, ist seine Traumfrau Carola (Milena Tscharntke). Was er kriegen kann, ist ein gerüttelt Maß an guten Ratschlägen von seinem grenzdebil scheinenden Umfeld erwachsener Super-Checker –  den gesellschaftlichen Rohdiamanten des Kohlenpotts. Denn kommentiert wird das zeitlos beschämende Schauspiel der Mannwerdung von einer bunten Riege Bochumer Archetypen: Als Omma, Oppa, Vatter –  und was die Pott-Soziosphäre noch alles her gibt –  wurde ein Reigen beliebter Schauspieler in die Pflicht genommen, die einen Auftritt als Karikatur problemlos tragen können: Martin Semmelrogge, Ralf Richter, Willy Thomczyk, Peter Lohmeyer, Anja Kruse und etliche mehr.

In Folge dessen ist das alles hoffnungslos überdreht, meist ebenso albern – aber Goosen-typisch hübsch entlarvend beobachtet, resp. erinnert. Spaß macht die Zeitreise sowieso. Sogar ziemlich großen. Und gegen Ende hin wird’s dann auch noch ein wenig  emotional. Spätestens, wenn das Trüppchen die unvermeidliche Lektion gelernt, die quer durch alle Jahrzehnte gilt: Was du unbedingt willst, macht dich unglücklich? Probier mal, das zu wollen, was dich glücklich macht. Und glaub mir: Die selbstgepanschten Mixgetränke auf Billigfusel-Basis gehören nicht dazu…

Der Trailer zu „Radio Heimat“

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