Für Links auf dieser Seite erhält kino.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder blauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
  1. Kino.de
  2. Filme
  3. Porgy and Me
  4. Fakten und Hintergründe zum Film "Porgy & Me"

Fakten und Hintergründe zum Film "Porgy & Me"

Fakten und Hintergründe zum Film "Porgy & Me"

Das bringt der Serienherbst auf Disney+
Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Interview mit Susanna Boehm (Regie)

Wie ist die Idee zu PORGY & ME entstanden? Was hat Sie daran vor allem gereizt?

Ich bin über 7 Jahre hinweg immer wieder mit der Gruppe mitgereist, und mein intensivster Eindruck war die unglaublich positive und unerschütterliche Kraft, die die Sänger ausstrahlen – getragen durch einen Familiensinn, der mir persönlich völlig fremd war. Das war die Faszination. Der Reiz, einen Film darüber zu machen, entstand daraus, dass ich spürte, wie tief und perfekt Gershwin genau diese Werte in seinem Werk umgesetzt hat. Und dennoch ist bei den meisten Sängern ein tiefer Schmerz da, der Schmerz, dass man täglich auf der Bühne ein Klischee bedienen muss, mit dem man nicht assoziiert werden möchte. Das ist ein Widerspruch, aus dem die Oper und ihre Darsteller sich bis heute nicht befreien konnten. Gershwin hat eine Geschichte am Rande des Klischees erzählt, aber er hat auch etwas Unglaubliches gewagt. Er hat in mitten tiefster Rassentrennung ein Stück ausschließlich über Schwarze komponiert und es dann ausschließlich von Schwarzen aufführen lassen. Dabei hat er nicht in bestem Gershwin-Stil ein leicht verdauliches Jazz-Musical komponiert. Nein, er hat für sie die Königsdisziplin der Musik gewählt, die Oper. Er wollte, dass seine Stars brillieren können.

Alteouise sagt in dem Film: You have to work twice as hard in this world in order to make it when you are black! Meine Antwort darauf ist – und ich glaube, so hat Gershwin das gemeint: But when you sing this piece you will outshine everyone! Es war nicht mein Hauptanliegen für den Film, aber etwas, das mir auch wichtig ist: Herauszustellen, dass Porgy and Bess mit seinem Inhalt und mit seiner Musik, die von Jazz bis Oper changiert, ein einmaliges Werk ist. Trotzdem wird es auch von der Musikwelt gerne noch als Musical behandelt, deren Sänger nicht automatisch als große Opernsänger gelten. Doch die Orchestrierung hat eindeutig die Komplexität einer Oper – wenn man sie z.B. mit der West Side Story vergleicht, wird der Unterschied sofort deutlich. In diesem Sinne war ich hoch erfreut, als Nicolaus Harnoncourt, ein ausgewiesener Experte für alte Musik unter den Dirigenten, diesen Sommer Porgy and Bess in Graz aufgeführt und auf die Verwunderung eines Spiegel-Kritikers geantwortet hat: “Porgy and Bess ist Weltmusik, das müsste bei den Salzburger Festspielen aufgeführt werden!”

Wie hat das Ensemble des New York Harlem Theatre auf die Idee eines Films reagiert?

Grundsätzlich fanden sie die Idee gut, denn viele kannten mich ja schon seit Jahren und haben mir wohl vertraut. Aber es kam auch von einem neueren Mitglied der Company die Frage: Wer kann uns versichern, dass Du als Weiße den richtigen Film über uns machen wirst? Diese Frage ist fast unumgänglich, wahrscheinlich haben einige andere dasselbe gedacht. Offenbar habe ich die Frage gut beantwortet, denn die Company hat dann unisono unterschrieben. Aber mir wurde auch klar, dass mit der Frage ein Zeichen gesetzt war.

Es gab dann auch Grenzen, auch solche, die mit der Herkunft zu tun haben. Der Satz, den Alteouise – die mir sehr nahe steht – zu Anfang des Films sagt: „A white person can never totally understand what it means to be black…“ – dieser Satz war konkret an mich gerichtet, als Antwort auf eine Frage meinerseits als Mutter eines “schwarz/weißen” Kindes. Und sie hat mir gezeigt: Du kannst es versuchen, du kannst dich einfühlen, aber du steckst nicht in unserer Haut. Ich habe viel darüber nachgedacht und darüber gesprochen, und inzwischen muss ich sagen: Sie hat recht! Ansonsten hat das große Vertrauen, das da war, unheimlich geholfen. Man kann sich kaum vorstellen, unter was für einem Druck der Tourdreh für alle Beteiligten stattgefunden hat. Morgens drei bis vier Stunden Busfahrt, Einchecken im Hotel, dann: Hinsetzen, einleuchten, Kamera läuft, intensive persönliche Fragen beantworten, stopp, du musst los, noch eine Stunde Zeit bis zur Aufführung! Das war der übliche Dreh.

Haben Sie im Verhältnis zu den Protagonisten manchmal so etwas wie eine „Distanz der Filmemacherin“ gebraucht?

Das kann ich nicht beantworten. Ich denke, Porgy & Me ist kein Film, wo Distanz von Vorteil gewesen wäre. Es war gut, dass nicht nur ich allein Fragen gestellt habe. Julia Gechter, die anfangs meine Assistentin war, wurde beim Dreh automatisch zu meiner Co-Regisseurin. Sie hatte manchmal Fragen, an die ich nicht gedacht hätte, weil ich schon zu vertraut mit Mensch und Materie war. Das war sehr hilfreich. Beim Schnitt hat mich der Cutter sogar gelobt für den Abstand, mit dem ich an die Arbeit herangegangen bin, Lieblingsszenen herausgeschmissen und Terry Lee Cook, meinen Mann, nicht immer im besten Licht dargestellt habe. Es war übrigens nicht geplant, dass er eine so zentrale Rolle im Film einnehmen wird. Das hat sich erst beim Schnitt ergeben.

Wie wichtig waren Ihnen Musik und Inhalt der Oper „Porgy & Bess“ für die filmische Konzeption und Umsetzung?

Das war zentral, denn auch wenn die Geschichte der Oper Anfang der Zwanziger Jahre spielt, wird ja deutlich, wie eng Leben und Bühne miteinander verwoben sind. Und wie authentisch diese Geschichte übermittelt wird von den Sängern mit ihren eigenen dramatischen Lebensläufen. Das will der Film zeigen, indem die musikalischen Szenen die Emotionalität der persönlichen Erzählung oft nahtlos aufnehmen.

Wie „amerikanisch“ bzw. wie „universell“ sehen Sie „Porgy & Bess“?

Auf der einen Seite ist das Stück natürlich sehr amerikanisch, da es amerikanische Geschichte und amerikanische Kulturgeschichte ist. Aber was absolut universell ist, ist die Stärke dieser Menschen: Nicht aufgeben, weitermachen, Hoffnung haben, Lebensfreude behalten, Schwierigkeiten überwinden, an sich glauben … Und: versöhne dich mit deiner Vergangenheit, um nach vorne schauen zu können. Das sind Dinge, die jeder für sich daraus lernen kann. Es ist, wie Justin im Film so schön sagt: We are survivors and we go on! In diesem Sinn sehe ich auch den Sieg Barack Obamas: als Teil dieser unglaublichen Energie, mit der viele Schwarze ihr Leben bewältigen.

Es fällt auf, dass Sie eher weniger klassische Talking Heads verwenden, sondern oft auf Gesprächssituationen mit mehreren Teilnehmern, auf die Dynamik von Situationen setzen.

Das war absolut Teil des Konzepts. Die Protagonisten von Porgy & Me sind für mich immer auch Teil einer Gruppe, denn so leben sie. Die Chormitglieder teilen sich oft sogar noch ein Hotelzimmer! Dichter kann man heute in der westlichen Welt kaum mehr beisammen sein. Da kann ich nicht nur lauter Einzelgeschichten erzählen. Gerade in den spontanen Gesprächen zwischen den verschiedenen Protagonisten merkt man, dass es immer wieder um diese Themen geht: Musik, schwarze Identität, etc. Bei einigen der Gruppenshots war ich nicht einmal in Hörweite. Die Kamera war weit weg, nur der Tonmann stand mit seinem Mikrophon daneben und hat aufgenommen. Ich habe dann erst später gehört, was geredet wurde.

Haben Sie einen Widerspruch, eine Spannung zwischen dem starken Zusammenhalt des Ensembles und dem notwendigen Individualismus der einzelnen Künstler erlebt?

Man kann nicht mehrere Soprane und Tenöre in einen Raum setzen und hoffen, dass sie sich alle liebhaben. Aber bei diesem Ensemble ist das ganz und gar nicht das auffallende Merkmal, sondern auffällig ist das Gegenteil: Man stützt sich, freut sich füreinander, schminkt die Newcomerin, gibt ihr Tipps, betet, wenn jemand krank ist. Es wird so viel gelacht in dieser Truppe, auch übereinander! Es gibt auch große Unterschiede in den Anschauungen, bezüglich Religion, Politik, Musik, der Frage, ob schwarze Sänger anders klingen als weiße … Es wird ständig diskutiert.

Das ist alles sehr lebendig und menschlich, aber man akzeptiert sich und liebt sich. Es ist tatsächlich so, wie Marjorie gegen Ende des Films sagt: But with Porgy there is still this love, everybody is looking out for one another! And it is a reality. It carries off stage!