Ab 11. Mai trifft sich in Südfrankreich wieder die Crème de la Crème des Weltkinos zum Wettstreit um Palmzweige aus Edelmetall. Und der neue Jury-Präsident startet gleich mal mit einer Kampfansage an den Vorgänger.

Erneut ein bunter Vogel an der Côte d'Azur: Emir Kusturica Bild: Kurt Krieger

Mit Quentin Tarantino hatte Festival-Chef Thierry Fremaux 2004 einen ungewöhnlichen Jury-Vorsitzenden präsentiert: Ein Amerikaner stand dem wichtigsten europäischen Filmevent vor - noch dazu ein recht eigenwilliger, der nicht so recht ins Bild vom cineastischen Feingeist passen wollte, den einige gern auf der prestigeträchtigen Position gesehen hätten.

Mit Emir Kusturica beerbt nun der „Fellini vom Balkan“, wie der Regisseur gerne genannt wird, seinen US-Vorgänger. Bildstark sind die Filme des Serben, die ungebremste Vitalität seiner Heimat spiegelt sich in burlesken Gestalten, surrealen Situationen und genialem Slapstick. Zwei Goldene Palmen brachte Kusturica dieser Stil ein: 1985 für „Papa ist auf Dienstreise“ und 1995 für „Underground„, eine kontrovers diskutierte und meisterhaft inszenierte Tour de Force durch 50 Jahre jugoslawischer Geschichte. 1989 gewann er den Regiepreis für „Time of the Gypsies„.

Steinwurf aus dem Glashaus

Schon Emir Kusturicas erster Kommentar zur Ernennung war ein klarer Seitenhieb Richtung Tarantino: „Ich möchte dem Festival de Cannes, das schon zwei Mal meine Filme mit der Goldenen Palme gewürdigt hat, danken. Nun ist es an mir, die Werte des Festivals zu verteidigen: Ich habe mir als Präsident der Jury zum Ziel gesetzt, Ästhetik und Kunst in den Mittelpunkt zu rücken.“

Gerade diese Werte vermissten Kritiker beim Sieger, den Tarantinos Jury 2004 kürte: „Fahrenheit 9/11“ von Michael Moore. Zwar ging die Goldene Palme an einen wichtigen und mutigen Film, aber sicher nicht an den künstlerisch wertvollsten.

Dennoch wird Kusturicas Ernennung nicht von allen Kennern des Festivals an der Côte d’Azur begrüßt. Denn wie schon im Fall von „Underground“ mokierten sich einige über Misstöne in Kusturicas letztjährigem Cannes-Beitrag „Das Leben ist ein Wunder„. Ethnischer und sexueller Chauvinismus wurde dem Regisseur vorgeworfen. Die harsche Kritik an seiner Darstellung der serbischen Position im Balkan-Konflikt hatte Kusturica bereits 1995 so weit gebracht, dass er nie mehr Filme drehen wollte.

Drei Jahre später nahm er dann aber sogar einen Posten in New York als Dozent für Filmregie an. 2000 setzte er mit seiner Band „The No Smoking Orchestra“ den Schlussakkord des Festival de Cannes. Ob dieses Jahr Lobeshymnen auf seine Arbeit als Jury-Präsident gesungen werden, zeigt sich am 22. Mai, wenn bei den 58. Filmfestspielen von Cannes das letzte Mal der Vorhang fällt.

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