Filmhandlung und Hintergrund

Todd Solondz erzählt erneut von der Welt amerikanischer Vorstadt-Teenager und einem behinderten Mädchen, das unbedingt schwanger werden will.

Die zwölfjährige Aviva Victor möchte dringend Mutter werden. Davon verspricht sich der mit auffällig lieblosen Eltern gesegnete Teenager nämlich eine längerfristige emotionale Beziehung, sozusagen jemanden zum liebhaben, der immer für sie da ist. Als ihre wenig begeisterten Erzeuger das jugendliche Experiment mit einer Abtreibung zu unterbinden gedenken, nimmt Aviva endgültig Reißaus und geht auf eine abenteuerliche Reise.

Storytelling

Die 12-jährige, behinderte Aviva will unbedingt ein Kind bekommen. Als sie tatsächlich von einem älteren Jungen schwanger wird, zwingen ihre Eltern sie dazu, das Baby abzutreiben. Nichtsdestoweniger ist Aviva nach wie vor zum Mutterdasein entschlossen, reißt von Zuhause aus und versucht ihr Glück allein, koste es, was es wolle.

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Kritikerrezensionen

    1. Was ist die Identität einer Figur? Ihr Aussehen? Ihr Verhalten? Was sie erlebt hat? Was wir von ihr wissen? Todd Solondz untersucht in „Palindrome“ diese Fragen: Die Hauptfigur wird von zwei Frauen, vier Mädchen zwischen 13 und 14 Jahren, einem zwöfljährigen Jugen und einem sechsjährigen Mädchen gespielt. In jedem Kapitel des Films wird Aviva von jemand anderem dargestellt, und was zunächst verwirrend erscheint, entfaltet doch einen eigenen Zauber: Denn der Zuschauer gewöhnt sich an die Wandlung der Gestalt in dieser Geschichte von der Suche nach der Liebe.

      Menschen ändern sich nie, sagt im Film Mark, der als Pädophiler angeklagt ist. Sie meinen, sich zu verändern, aber sie bleiben immer gleich. So wie Wörter, die man vorwärts und rückwärts lesen kann, Palindrome wie die Namen Aviva oder Otto. Unter der Oberfläche bleibt alles gleich: Die Familie Victor, die Eltern von Aviva, die sie zur Abtreibung zwingen und diesen Schritt mit ihrer Liebe begründen, und die happy familiy der Sunshines, die vollkommen konträr zu den Victors steht, die aber dennoch aus Liebe zum Herrn Jesus einen Killer beauftragen, um den Abtreibungsarzt Dr. Fleischer zu töten: „Fleischer means butcher!“

      Aviva ist Einzelkind, überfüttert mit all der Liebe der Eltern; und dennoch fehlt ihr etwas, sie will Babys haben, viele Babys zum Liebhaben. Die Sunshines sind eine fröhliche Großfamilie, die sich zusammengefunden hat aus den Ausgestoßenen der Gesellschaft. Blinde, Epileptiker, geistig Behinderte sind vereint im Glauben an den Herrn in einem freundlichen Waltons-Heim – und unter der Oberfläche aus Liebe brodelt der Hass auf die Andersgläubigen, Anderslebenden, auf die Huren und Abreibungswilligen. Die Form ist anders, doch der Kern ist der Gleiche – Sunshine als das Palindrom zu Victor. Unter den Anstrengungen der Selbstverleugnung werden die eigenen Wünsche und die der anderen unterdrückt, unter dem Deckmantel der Liebe; einer Liebe, die stets eine Lücke in der Seele hinterlässt, weil sie nicht vollkommen ist; eine Lücke, die gefüllt werden will, oder verdrängt wird, in der eigenen Seele und in den Seelen der nachfolgenden Generation. Der Mangel pflanzt sich unerbittlich fort.

      Solondz arbeitet auch mit dem Zuschauer. Indem er den Film mit seinen klug ausgearbeiteten und vollendet geformten Figuren vorführt, indem er subtil und suggestiv Identifikation erzeugt, auch mit einer Figur, die von acht Schauspielern dargestellt wird – und indem er zugleich den Zuschauer auf Abstand hält, indem er in kleinen Momenten den Teil im Gehirn des Zuschauers anspricht, der um das Gemachte des Films weiß und sich nicht darin verliert. Emotionale Nähe und intellektuelle Distanz: Indem Solondz die Figuren dem Zuschauer nahe legt und sie zugleich in diesen Momenten als krass anders zeigt, als man sich Menschen vorstellen kann. In diesen Momenten wird Abtreibung zu Liebe, die Grenze zwischen medizinischen Untersuchungen und pornografischen Fotos verschwimmen, und aus den Figuren kommen ganz derbe Witze, ohne dass der Film es bemerkt; nur der Zuschauer (und vielleicht der Regisseur) lachen bitter auf: Mama Sunshine erzählt von einem indischen Mädchen, das aus ihrem Sonnenschein-Heim nach Hause wollte und fortgelaufen ist – dabei hatte es keine Beine und kam nicht einmal nach India, Tennessee.

      Fazit: Einfühlsamer Film über die Traurigkeit von Menschen, die keine Liebe erfahren; oder zu wenig; oder die falsche.
    2. Palindrome: Todd Solondz erzählt erneut von der Welt amerikanischer Vorstadt-Teenager und einem behinderten Mädchen, das unbedingt schwanger werden will.

      Auch wenn ihm das große Publikum bislang versagt blieb und vermutlich auch mit seinem neuesten und zugleich extremsten Film, der auf den Festivals von Venedig und Toronto für Kontroversen sorgte, weiterhin versagt bleiben wird, ist Todd Solondz einer der schillerndsten, spannendsten und konsequentesten Filmemacher Amerikas. Nachdem sich der Regisseur zuletzt in seinem in Deutschland nur als Videopremiere veröffentlichten „Storytelling“ mit gewohnt ätzendem Spott über das Kleinbürgertum und zugleich die mögliche Reaktion der Kritik, die ihn nach „Happiness“ der Misanthropie bezichtigt hatte, lustig gemacht hatte, richtet er seinen Fokus nun auf den nicht nur in den USA höchst brisanten Themenkomplex Schwangerschaft und Abtreibung. Und nimmt in seinem heiligen Zorn einmal mehr keine Gefangenen.

      Palindrome sind Wörter, die vorwärts und rückwärts geschrieben das Gleiche ergeben. So heißt seine Heldin Aviva, eine Zwölfjährige, die man getrost als schlimm bezeichnen darf: schlampig, grantig, maulfaul, renitent – und hinter der nach außen projizierten Fassade verzweifelt und unglücklich, wie alle Figuren in Solondz‘ filmischem Universum. In dem Begriff Palindrom findet sich auch der Schlüssel zur thematischen Umsetzung, denn für Solondz sind sowohl liberale als auch konservative Lebensansätze von vornherein zum Scheitern verurteilt – egal, von welcher Seite man es anpackt, am Ende kommt man zum gleichen Ergebnis.

      Sofort erkennt man „Palindrome“ als Todd-Solondz-Film: Die Kompositionen sind minimal; die Kamera bewegt sich nur, wenn es unbedingt nötig ist, die Einstellungen werden lange gehalten. Die Figuren sind ebenso bewegungslos. Oder besser: paralysiert von den Zwängen ihrer Existenz. Nachdem der Regisseur in der ersten Szene Dawn Wiener, seine tragische Hauptfigur aus „Willkommen im Tollhaus“, das Zeitliche segnen lässt, entpuppt sich Aviva als quintessenzielle Solondz-Heroine. So allgemeingültig ist sie, dass die Macher die Chuzpe besaßen, Aviva von sieben Darstellerinnen spielen zu lassen, die einander nicht im Ansatz ähneln: vom kleinen weißen Mädchen über eine übergewichtige schwarze Teenagerin bis Jennifer Jason Leigh reicht die Palette, ein Everygirl im ureigentlichen Wortsinne. Weil sie gegen den Widerstand der liebenden liberalen Eltern als einzigen Lebenstraum verfolgt, geschwängert zu werden und ein Kind groß zu ziehen, büchst sie von Zuhause aus, um eine Wanderschaft anzutreten, die an klassische Märchen angelehnt ist und Aviva die Bekanntschaft mit White-Trash-Truckern, einer erzreligiösen Sektengemeinde und schließlich radikalen Abtreibungsgegnern machen lässt.

      „Palindrome“ ist eine bitterböser schwarze Komödie, die verzweifelteste und wütendste des Filmemachers bisher, angefüllt mit höhnischem Humor und niederträchtiger Verachtung, die sich sowohl gegen die sozialen Umstände als auch die Figuren selbst richten, die unfähig sind, sich aus ihren Umklammerungen zu befreien. Gleichzeitig ist es ein Film, der sein Thema soweit auf die Spitze treibt, dass der Zuschauer sich nicht mit einfachen Lösungen aus der Verantwortung stehlen kann. Wobei Solondz mit seiner atemlosen Radikalität ein großes Publikum von vornherein ausschließt. Schade eigentlich. ts.

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