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Fakten und Hintergründe zum Film "Nichts als Gespenster"

Kino.de Redaktion |

Nichts als Gespenster Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Produktionsnotizen

„Verglichen mit den Filmen, die ich bisher produziert habe, war bei diesem Projekt so ziemlich alles anders“, erzählt Produzent Andreas Eicher. „Das fing schon mit der Drehbucharbeit an, die extrem schnell ging: Martin Gypkens hat bereits nach dem ersten Treatment eine völlig stimmige Drehbuchfassung abgeliefert, die man sofort hätte drehen können.“

Die zweite Abweichung gegenüber anderen Kinofilm-Projekten stellte die außergewöhnlich aufwändige Casting-Phase dar: Für die Besetzung der Hauptrollen nahmen sich Eicher und Gypkens fast anderthalb Jahre Zeit. „Beim Entscheidungsprozess haben wir uns nie davon leiten lassen, ob ein Schauspieler bekannt ist oder nicht, sondern wirklich nur davon, wer für die jeweilige Rolle am besten passt“, versichert Eicher. „Hinterher hatte ich das Gefühl, alle deutschen Darsteller um die 30 kennen gelernt zu haben“, ergänzt Gypkens. „Es war eine wunderbare Erfahrung zu sehen, dass jeder Schauspieler große Lust auf das Projekt hatte – und dass ich sämtliche Wunschkandidaten bekommen habe.“

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Doch der markanteste Unterschied im Vergleich zu anderen einheimischen Filmproduktionen war zweifellos die Verteilung der Dreharbeiten auf fünf verschiedene Länder: Gedreht wurde nicht, wie sonst üblich, rund 35 Tage am Stück, sondern über fünf Monate hinweg in fünf Blöcken mit jeweils sechs bis neun Drehtagen für die einzelnen Handlungsstränge – und mit wochenlangen Abständen dazwischen. Dabei war die zeitliche Abfolge der einzelnen Länder durch die Jahreszeiten und die Anforderungen des Filmteams praktisch vorgegeben, wie Eicher erläutert: „Wir brauchten auf Island Eis und Schnee; in der amerikanischen Wüste eine Temperatur, die man noch ertragen konnte; in Venedig möglichst Bella-Italia-Wetter, aber auch nicht zu heiß; in Deutschland Schmuddelwetter, doch am besten keinen Schnee, denn den hatten wir ja schon in Island; und auf Jamaika möglichst eine Wetterstimmung wie kurz vor einem Hurrikan, aber natürlich um Gottes Willen keinen echten Wirbelsturm!“ In Island wollte das Wetter allerdings zuerst nicht so recht mitspielen: „Anfangs hatten wir einfach überhaupt keinen Schnee“, berichtet Gypkens. „Erst am dritten Tag fing es an zu schneien. Ich musste sogar zwei Szenen, die ich an den ersten beiden Tagen gedreht hatte, wieder rausschneiden, weil sie nicht ins visuelle Konzept passten.“

In Venedig fand die Filmcrew hingegen das gewünschte Traumwetter vor. „Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in Venedig – und fand es großartig“, schwärmt Fritzi Haberlandt. „Das ist die schönste Stadt, die ich je gesehen habe. Insofern waren die Dreharbeiten dort für mich ein einziges Glück!“ Auch Jessica Schwarz zeigt sich begeistert über die Möglichkeit, durch NICHTS ALS GESPENSTER einen Ort zu entdecken, den sie bisher noch nicht kannte: „Reisen hat für mich immer etwas Jungfräuliches, Reines, Beruhigendes. Schon allein die Weite des Meeres und der Klang der Wellen verändern den Geist. Auf Jamaika kommt noch die hohe Luftfeuchtigkeit hinzu, der Geruch des Regenwaldes, gemischt mit Salzwasser, die intensiven Farben – all das verleiht einem eine gewisse Leichtigkeit. Diese Leichtigkeit haben auch die Jamaikaner: Sie waren unglaublich nett und offen und fürsorglich – und haben deshalb auch sehr viel dazu beigetragen, dass ich während dieser Dreharbeiten ein ganz anderer Mensch war.“

Ein Kernteam von knapp einem Dutzend Leuten reiste in alle Länder mit – und wurde vor Ort immer wieder mit neuen Mitarbeitern konfrontiert: „In jedem Land, in dem wir drehten, hatten wir eine Serviceproduktionsfirma, mit dem wir zum Teil schon sehr früh vor dem Dreh zusammen gearbeitet haben, weil wir das Projekt ja auch kalkulieren mussten“, legt Andreas Eicher dar. „Die meisten Serviceproducer kannten wir deshalb schon mindestens ein Jahr vor Beginn der Dreharbeiten.“

In den einzelnen Ländern mischte sich dann das deutsche Kernteam mit den einheimischen Crewmitgliedern: „Der Produktionsleiter vor Ort hat uns immer die jeweiligen neuen Mitarbeiter präsentiert“, erzählt Gypkens. „Unser Szenenbildner musste sich zum Beispiel in jedem Land auf einen anderen Art Director einstellen.“ Für Eicher war es besonders schön zu beobachten, wie gut diese Zusammenarbeit funktioniert hat: „Am Anfang habe ich gedacht, dass das alles viel schwieriger würde“, gesteht er. „Und ich bin sicher: Wenn man Angst gehabt hätte vor diesem Projekt, wäre es schief gegangen. Natürlich gab es ab und zu große logistische Probleme – das liegt in der Natur der Sache. Aber wir hatten großes Glück, denn nicht nur unsere eigene Crew war fantastisch, sondern auch die Serviceproduktions-Teams. Am erstaunlichsten fand ich, dass sich auch in der Kürze der Zeit in den einzelnen Ländern immer wieder richtige Familien gebildet haben: In jedem Land sind die Teams zu einer homogenen Crew verschmolzen. Da wurden über die Sprachgrenzen hinweg enge Bande geknüpft, und jedes Mal fiel der Abschied schwer.“

Auch die Schauspieler bestätigen, dass die jeweiligen Filmteams vor Ort in kürzester Zeit zueinander fanden. „Es hat sich wieder einmal gezeigt, dass das Kino eine universelle Leidenschaft ist“, konstatiert Jessica Schwarz. „Man reist um die halbe Welt, in meinem Fall nach Jamaika, und stellt fest: Egal, wo man hinfährt, überall gibt es Leute, die sich mit der gleichen Liebe in ein Filmprojekt stürzen wie man selbst. Das fand ich wunderbar zu beobachten.“ Martin Gypkens stellt fest, die Crew sei im Lauf der Reise sowohl beruflich als auch zwischenmenschlich immer mehr zusammengewachsen. „Sehr spannend war es für uns, die völlig unterschiedliche Mentalität der Teams vor Ort zu erleben. Dadurch hat man über das jeweilige Land eine Menge erfahren.“ August Diehl ergänzt: „Wir alle haben natürlich durch die amerikanischen Filme eine Menge Bilder im Kopf. Dennoch war es für uns eine ganz neue Erfahrung, einmal zu erleben, wie die Menschen sind, die dort wohnen.“

Vor allem die Atmosphäre in dem 300-Seelen-Nest Austin, Nevada hat ihn nachhaltig beeindruckt: „Dieser Ort war etwas ganz Besonderes. Schon allein die Tatsache, dass Judith Hermann dort noch so präsent war: Jeder in Austin wusste, dass sie auch mal da war und dort zu „Nichts als Gespenster“ inspiriert wurde. Und die Menschen waren alle so neugierig und offen wie Buddy, der Mann, den Ellen und Felix in der Geschichte in der Kneipe treffen. In den Filmszenen in der Kneipe sieht man im Hintergrund keine gecasteten Schauspieler – das sind alles Leute aus dem Ort. Und als wir nach den Dreharbeiten wieder wegfuhren, standen diese echten Cowboy-Kerle alle an der Straße und haben gewunken und geheult!“

Ungewöhnlich und neu war für August Diehl auch die Tatsache, dass er nur auf ein Fünftel des gesamten Films Einfluss nehmen konnte: „Man spielt selbst in einer kleinen Szene und weiß, dass sie letztlich nur im Zusammenklang mit den anderen funktioniert. Man hat sozusagen dauernd Schauspiel-Partner neben sich, die man nicht sieht und die man nie kennen lernt. Ich hatte ja das Drehbuch vorher gelesen und wusste, dass vor und nach meinen Szenen jeweils Szenen aus einem anderen Land stehen – und dass der Zuschauer dadurch wieder einen ganz neuen Eindruck von dem bekommt, was bei uns in Nevada passiert. Das fand ich sehr spannend.“

Erst Wochen nach seiner letzten Landung in Deutschland habe er begonnen, seine Reiseimpressionen zu verarbeiten, bemerkt Martin Gypkens: „Während der Dreharbeiten rauschte die Zeit nur so vorbei – es passierte so viel, und die Erlebnisse waren derart intensiv, dass man die Eindrücke kaum alle festhalten konnte. Am Ende hatte ich das Gefühl, als wäre ich mindestens anderthalb Jahre unterwegs gewesen.“ Der Zeitplan gönnte ihm aber auch kaum eine Pause: „Vom Dreh in Island bin ich beispielsweise direkt nach Los Angeles geflogen, um das USA-Casting zu machen. Drei Tage später war ich schon wieder in Deutschland, weil ich die hiesigen Dreharbeiten vorbereiten musste – und zwischendurch hatte ich noch Fotos mit Motiv-Vorschlägen aus Venedig auszuwerten.“

Auch Andreas Eicher bekräftigt, dass es kompliziert war, in ein bestimmtes Land einzutauchen und gleichzeitig mit Problemen aus vier anderen Ländern konfrontiert zu werden. Dennoch schwärmt er: „Von der Drehbuchphase über das Casting, die Vorbereitung und den Dreh bis hin zur Postproduktion hat man immer gespürt, dass dies ein ganz besonderer Film werden würde. Und dieses Bewusstsein gibt einem so viel, dass man alles, was das an Kraft, Zeit und Nerven kostet, jederzeit noch mal bereitstellen würde, um so etwas wieder machen zu können.“

Martin Gypkens würde die Erfahrung ebenfalls liebend gerne wiederholen: „Ich fand es extrem schön, mit meinem Team Orte zu bereisen, die ich noch nicht kannte, und dabei mit so vielen tollen Schauspielern zusammenzuarbeiten. Während der Dreharbeiten haben wir immer gewitzelt, dass wir unbedingt eine Fortsetzung von NICHTS ALS GESPENSTER drehen müssten. Manche fingen schon an, sich bestimmte Länder zu wünschen: ,Martin, schreib’ doch mal eine Geschichte, die in Japan spielt!‘ Aber im Grunde war natürlich jedem von uns klar: An fünf so spektakulären Drehorten zu arbeiten wie bei diesem Projekt ist einzigartig.“

Anmerkungen des Regisseurs Martin Gypkens

„Die Themen, die Judith Hermann in ihren Geschichten verarbeitet, habe ich als konsequente Fortführung meines Erstlingsfilms WIR empfunden. Das, was bei WIR die Partys waren, sind nun bei NICHTS ALS GESPENSTER die Reisen: eine Fluchtmöglichkeit vor sich selbst, vor unangenehmen Verpflichtungen, vor der langweiligen Realität. Nur sind die Figuren älter geworden, ruhiger; sie haben sich mit ihren Ängsten arrangiert, sie eher unter Kontrolle gebracht; aber auch ihre Träume sind bescheidener geworden, in den Hintergrund getreten. Was man zu Hause, im Freundeskreis, bei der Arbeit oder in der Beziehung nicht finden konnte, wird nun in der Ferne gesucht. Das Reisen steht für mich dabei immer für ein doppeltes Sinnbild: eines der Sehnsucht und der Sprachlosigkeit.“

Interview mit Regisseur Martin Gypkens

Wie kamen Sie als Regisseur auf die Idee, sich ausgerechnet an die nahezu unverfilmbaren Erzählungen von Judith Hermann heranzuwagen?

Ich hatte mir 2003 ihren zweiten Erzählungsband „Nichts als Gespenster“ gekauft, kurz nachdem er erschienen war. Und als ich die Island-Geschichte las, da fiel mir wieder die Karibik-Geschichte ein, meine Lieblingserzählung aus ihrem ersten Buch „Sommerhaus, später“, das ich vier Jahre zuvor gelesen hatte. Plötzlich hatte ich die Idee: Wie wäre es, wenn man diese beiden Geschichten parallel erzählen würde? In der Karibik ist es heiß und schwül, und in Island ist alles verschneit und kalt, aber die Emotionen und die Sehnsüchte der Figuren sind doch sehr ähnlich. Als ich weiter las und merkte, dass jede Erzählung in einem anderen Land spielt, reifte in mir nach und nach der Gedanke, mehrere Geschichten zu verknüpfen. Die Idee ließ mich nicht mehr los, ich

erzählte sie dem Produzenten Andreas Eicher, und wir erkundigten uns, ob die Filmrechte überhaupt noch zu haben waren. Es stellte sich heraus: Das zweite Buch war tatsächlich noch frei, während das erste Buch bereits optioniert war – außer der Karibik-Geschichte, die wir brauchten! Das war für mich ein Zeichen: Diese Erzählungen sollten offenbar mein nächstes Filmprojekt werden.

Was hat Sie an Judith Hermann gereizt?

Zum einen ihr Tonfall: Ihre Geschichten haben alle etwas Wehmütiges und Melancholisches, aber sie sind überhaupt nicht traurig oder depressiv – stattdessen steckt sehr viel Schönes in ihren Figuren. Zum anderen finde ich es toll, dass man bei ihr das Große im Kleinen entdecken kann: Ihre Erzählungen handeln auf den ersten Blick von recht alltäglichen Erlebnissen, doch sie sind darin trotzdem ganz groß. Ich schätze es sehr, dass Judith Hermann ihre Leser nicht mit konstruierten Katastrophen bombardiert, dass es bei ihr vielmehr um nuanciertes Beobachten von kleinen Begebenheiten geht – denn gerade diese Begebenheiten sind es, die unser Leben letztlich ausmachen.

Judith Hermann transportiert in ihren Erzählungen auch ein bestimmtes Lebensgefühl. Wie würden Sie das beschreiben?

Es ist das Lebensgefühl von Leuten, die beruflich schon ein bisschen was erreicht haben und vielleicht gerade ihre erste längere Beziehung führen – nun sind sie an einem Punkt angelangt, an dem sie sich umsehen und sich selbst noch mal in Frage stellen: Ist das jetzt wirklich das Leben, das ich führen möchte? Ist das der Partner, mit dem ich zusammenbleiben will? Es schleicht sich so ein diffuses Gefühl ein: Da fehlt vielleicht noch was. Es könnte noch etwas anderes geben. Die Figuren in Ihrem Film reisen fort, um dieses Fehlende zu finden… …und sehen dabei nicht, dass sie das in sich selbst finden müssen. Sie reisen irgendwo hin, sie sind auf der Suche nach irgendwas, aber sie wissen gar nicht so genau, was sie suchen. Die Sehnsucht ist es, die sie umtreibt. Vor allem die Sehnsucht nach Erschütterung: Was in der Karibik-Geschichte der herbeigesehnte Hurrikan ist, das ist in der Deutschland-Geschichte das Fremdgehen und in Venedig der aufdringliche Italiener. Die Figuren sind aber auch geprägt von einer Sehnsucht nach der Sehnsucht: Wenn man sich zum Beispiel in den Freund seiner besten Freundin verliebt, dann weiß man eigentlich genau, dass das nicht gerade die beste Konstellation ist, um seine Sehnsucht zu stillen. Aber vielleicht geht es den Figuren viel eher darum, ihre Sehnsucht weiter zu nähren.

Sie meinen, sie richten sich in diesem Lebensgefühl ein?

Ja, sie richten sich ein in ihrer Melancholie, in diesem „Es könnte doch ganz anders sein“ oder diesem „Was wäre, wenn?“ Nora und Christine spielen ja auf Jamaika ausdrücklich dieses Spiel namens „Sich-so-ein-Leben-vorstellen“ – aber eigentlich machen das fast alle Figuren: Wenn Jonina in Island am Fenster steht und Jonas bei der Schneeballschlacht zuschaut, dann stellt sie sich genauso ein anderes Leben vor wie Caro, wenn sie nach Senftenberg zu Raoul fährt. Sie alle malen sich aus, wie sie vielleicht glücklicher wären. Und die Männer in NICHTS ALS GESPENSTER dienen dabei oft nur als Projektionsflächen für die Wünsche der Frauen – sie können unmöglich alles erfüllen, was in sie hineinprojiziert wird. Kein Wunder, dass die Charaktere so oft aneinander vorbei reden… Genau. Sie sehnen sich nach Nähe, aber sie finden nicht die richtigen Worte dafür. Es gibt Figuren im Film, die fast gar nichts sagen, und andere, die unentwegt reden – und beides ist eine Art von Sprachlosigkeit. Denn die Mutter in der Venedig-Geschichte ist ja nicht weniger sprachlos als ihre Tochter; sie überspielt es nur anders, dass sie eigentlich nichts sagen kann. Es geht immer wieder darum, dass die Leute nicht wissen, wie sie das ausdrücken sollen, was sie gerne ausdrücken möchten. Irene zum Beispiel kann zu keiner Zeit ihre Bedürfnisse artikulieren – deswegen hat sie am Ende der Island-Geschichte diesen extrem emotionalen Ausbruch mit der Schnaps-Flasche, der für mich gleichgesetzt werden kann mit dem Geysir-Ausbruch am Anfang des Films.

Hat sich schnell herauskristallisiert, welche Erzählungen von Judith Hermann Sie für die Leinwand adaptieren wollten?

Ja. Zunächst natürlich die beiden Geschichten, die für mich die Initialzündung waren: die Island-Erzählung mit ihren eingefrorenen Gefühlen und die Karibik-Geschichte, in der die Menschen ähnlich wie bei Tschechow darauf warten, dass etwas von außen an sie herangetragen wird (in diesem Fall der Hurrikan), weil sie in sich selbst nichts finden können. Dann die Amerika-Geschichte, die Titelgeschichte, bei der mich vor allem der Roadmovie-Charakter gereizt hat und in der es tatsächlich auch im wörtlichen Sinn um Gespenster geht – anders als in den anderen Geschichten, in denen das gespenstische Durch-die-Gegend-reisen und Nicht-ankommen-können eher metaphorisch zu verstehen ist. Die Deutschland-Geschichte fand ich wichtig, weil sie so viel Zündstoff bietet – und weil interessanterweise ausgerechnet die Figur, die am wenigsten weit reist, nämlich Caro, am Ende die größte Entwicklung durchmacht: Als sie den Verrat endlich durchgezogen hat, fällt eine große Last von ihr ab, und sie kann völlig gelöst und entspannt auf der Bank sitzen. Eigentlich höchst erstaunlich, denn immerhin macht sie ja das moralisch Zwiespältigste im ganzen Film. Aber sie macht wenigstens etwas! Über eine Erzählung haben wir noch nicht gesprochen: die Geschichte, die in Venedig spielt… Diese Geschichte habe ich ausgewählt, weil sie eine wunderbare Ergänzung ist: Hier geht es nicht um Beziehungen zwischen Gleichaltrigen, sondern um eine Familiengeschichte, die aber auf interessante Weise widerspiegelt, was in den anderen Geschichten passiert. Zudem sind die engen, mit Touristen verstopften venezianischen Gassen ein schöner Kontrast zu der Weite der Landschaft in Island oder Nevada. Und schließlich lockern die Eltern mit ihren komödiantischen Elementen die Sache ein bisschen auf – ich fand, das brauchte der Film: eine Art Buffo-Paar als Gegengewicht zur melancholischen Veranlagung der übrigen Charaktere. Die Geisterjägerin in der Amerika-Geschichte ist auch so eine Figur, die Skurrilität und Komik ins Spiel bringt. Diese Balance war mir wichtig.

Worauf kam es Ihnen bei der Verknüpfung an?

Inhaltlich stehen die Erzählungen ja schon in einem sehr engen Zusammenhang. Mir ging es aber ähnlich wie Judith Hermann nicht um einen harten Plot, sondern eher um Atmosphäre, um einen bestimmten Bewusstseinszustand. Ich erzähle zwar fünf Handlungsstränge, doch mein Ziel war es, dass sich diese fünf Stränge zu einer einzigen Geschichte verbinden. Dass die fünf Reisen schließlich zu einer großen Reise verschmelzen. Und dass man eben nichtimmer wieder aus dem emotionalen Fluss herausgerissen wird, sondern dass es letztlich egal ist, wenn man von einem Land ins andere schneidet, weil die Energie und die Emotionen ins nächste Land weiter getragen werden. Wie sind Sie dabei im Schnittraum konkret vorgegangen? In der Anfangssequenz springe ich relativ schnell zwischen den Ländern hin und her, um dem Zuschauer klarzumachen, dass er hier zwar einiges geboten bekommt, aber dafür auch ein bisschen mitdenken muss. Dann gibt es wieder andere Szenen, denen ich sehr viel Raum gebe. Es war nicht leicht, diesen Rhythmus zu finden: dass es nicht zu langatmig, aber auch nicht zu chaotisch wird. Bei der Kombination der einzelnen Szenen haben wir vor allem versucht, emotionale Anknüpfungspunkte zu finden, um den Gesamtfluss zu unterstützen: Was in der einen Geschichte gerade passiert war, sollte sich in der nächsten Szene emotional fortsetzen. Wenn also zum Beispiel der Blick einer Figur gut dazu passte, wie sich zwei Figuren in einer anderen Geschichte anguckten, dann konnten wir gleich in deren Dialog hineinschneiden. Es gibt aber auch reine Bewegungsübergänge: Hier geht jemand aus dem Zimmer raus, dort kommt jemand zur Tür rein. Manchmal sind die Schnitte auch sehr frech, etwa wenn auf Jamaika eine Ziege geschlachtet und daraufhin auf Island eine Roulade zubereitet wird. Ich war immer wieder überrascht, wie gut diese Übergänge funktionieren.

War es da nicht schon beim Drehen schwierig, den Überblick zu behalten?

Das war die größte Herausforderung – zumal wir nicht wie sonst 35 Tage am Stück gedreht haben, sondern über fünf Monate verteilt in fünf Blöcken. Szenen, die später unmittelbar aneinander gefügt werden sollten, sind also im Abstand von mehreren Monaten entstanden. Besonders schwierig war die Sequenz, in der Nora „Sich-so-ein-Leben-vorstellen“ spielt: Während ihrer Geschichte fahren wir mit unserer Kamera einmal über sämtliche Figuren des Films hinweg. Diese lange Kamerafahrt haben wir mit fünf verschiedenen Dollys und fünf verschiedenen Teams in fünf verschiedenen Ländern gedreht, mit wochenlangen Abständen dazwischen – und in der Hoffnung, dass sich das am Ende zu einem einzigen ruhigen, gleichmäßigen Fluss verbindet.

Ist es Ihnen leicht gefallen, sich in so kurzer Zeit auf so viele unterschiedliche Schauspieler einzustellen?

Das hat viel mit Intuition zu tun: Es geht darum zu spüren, wie man am besten an den jeweiligen Darsteller herankommt, ob er eher ein Kopf-, Bauch- oder Herz-Schauspieler ist. Tatsächlich hatten wir extrem wenig Zeit: Die einzelnen Geschichten mussten jeweils in sechs bis neun Tagen abgedreht werden, und jeder Schauspieler musste seine Figur knapp und präzise skizzieren, mit ganz wenigen Pinselstrichen – und oft sogar nur mit minimalem Text. Fritzi Haberlandt zum Beispiel hatte kaum mehr zu sagen als „Ja, Mama“ und „Nein, Mama“, musste aber trotzdem permanent präsent sein und im stummen Spiel irrsinnig viele Nuancen zeigen. Da war von Anfang an klar, dass wir ganz herausragende Darsteller brauchten.

Und wie haben Sie die gefunden?

Wir haben ein aufwändiges Casting veranstaltet – fast anderthalb Jahre hat es gedauert, bis alle Hauptrollen besetzt waren. Hinterher hatte ich das Gefühl, alle deutschen Schauspieler um die 30 kennen gelernt zu haben! Es war eine wunderbare Erfahrung zu sehen, dass jeder große Lust auf das Projekt hatte und dass ich sämtliche Wunschkandidaten bekommen habe. Ich glaube, die Schauspieler haben gespürt, dass es sich um einen Darstellerfilm handelt: um einen Film, in dem es vor allem um Zwischenmenschliches geht und der ganz von Charakteren, Gesichtern, Emotionen lebt. Das Casting eines Ensembles ist allerdings kompliziert: Einerseits müssen die Rollen auf Unterscheidbarkeit besetzt werden; jede Figur braucht ihre eigene Präsenz; ihr Aussehen muss sich von den übrigen Charakteren abheben, damit man sie bei den schnellen Handlungssprüngen problemlos wieder erkennt. Andererseits müssen sie am Ende zu einem Gesamtbild zusammenwachsen, aus dem keiner ungewollt heraussticht: Jede Figur hat sozusagen ihre eigene Farbe, die sie ins Gesamtbild einbringt. Dafür war es nicht nur wichtig, hervorragende Darsteller zu finden, die sich gegeneinander behaupten können, sondern auch Schauspieler, die mich menschlich – mit ihrer Persönlichkeit – berührt haben und mit denen ich gerne zusammenarbeiten wollte. Denn wenn ich dann mit ihnen am anderen Ende der Welt sitze, will ich ja nicht auf Egomanen oder Profilneurotiker angewiesen sein, sondern auf Menschen, mit denen man am Wochenende auch mal ein Bier trinken mag.

Wie muss man sich diese Dreharbeiten in fünf Ländern überhaupt vorstellen? War das nicht sehr anstrengend?

O ja. Anstrengend und ungewöhnlich. Das war aber jedem von vornherein klar. Und trotzdem waren alle ganz heiß darauf, mitzumachen – weil sie wussten, dass das ein ganz besonderes Projekt war. Es gab ein Kernteam von einem knappen Dutzend Leuten, die fast in alle Länder mitgereist sind und überall wieder mit neuen Mitarbeitern konfrontiert wurden: Unser Szenenbildner musste sich zum Beispiel in jedem Land auf einen anderen Art Director einstellen. Der Produktionsleiter vor Ort hat uns immer die jeweiligen neuen Teammitglieder präsentiert. Das hätte natürlich jedes Mal böse in die Hose gehen können. Es war aber sehr spannend, weil die Mentalität der Teams so unglaublich verschieden war – und man dadurch über das jeweilige Land eine Menge erfahren hat.

Die Amerika-Geschichte bildet die Klammer, die die anderen Handlungsstränge zusammenhält: Ihr Film fängt damit an und hört auch damit auf. Dabei bleibt das Ende relativ offen…

Ja, ich wollte, dass der Film interpretierbar bleibt. Denn gerade das mag ich ja auch an Judith Hermann: dass sie ihre Erzählungen so in der Schwebe hält, dass sie nicht alles explizit ausspricht oder mit irgendwelchen Kindheitstraumata erklärt. Genauso schätze ich es im Kino sehr, wenn mir nicht alles vorgekaut und eine Message ins Hirn gehämmert wird, sondern wenn man mich als Zuschauer zum Mitarbeiten auffordert. Das finde ich spannend. Natürlich habe ich als Regisseur persönlich zu jeder Geschichte und jeder Figur in NICHTS ALS GESPENSTER eine klare Haltung. Aber es gibt eben nicht nur eine einzige gültige Lesart: Jeder Zuschauer bringt seine eigenen Erfahrungen mit ein; jeder füllt die Leerstellen auf eine andere Weise, und das ist völlig in Ordnung so. Ich finde, man sollte sein Publikum ernst nehmen. Man sollte ihm zutrauen, dass es so intelligent ist, Lücken zu füllen – und dass es darauf auch Lust hat!

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